100 Jahre Proletariat in China – eine Jubiläumsschrift

Anlässlich des 100. Geburtstages der Kommunistischen Partei Chinas haben Ivan Franceschini und Christian Sorace einen Sammelband Proletarian China – A Century of Chinese Labour im Verso-Verlag herausgebracht. In diesem beleuchten etwa 70 Artikel die Geschichte des chinesischen Proletariats als Klasse. Das Buch verbindet dabei die große Geschichte Chinas mit den kleinen Geschichten der Arbeiter*innen. Eine Rezension.

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The Future Protests are unwritten

Die herrschende Klasse befürchtet, dass ihr ein heißer Herbst bevorsteht. Die hohe Inflation und die Explosion der Energiekosten, bei gleichzeitiger Weigerung, Übergewinne zu besteuern, könnte die gesellschaftliche Stimmung in einem durch die Covid-Maßnahmen bereits polarisiertem Klima derart aufheizen, dass selbst im verschlafenen Deutschland vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen gewarnt wird. Doch gerade die Linke fremdelt noch ein wenig mit dem kommenden Aufstand. Läuft man am Ende mit „Querdenkern“ und AfD-Anhänger*innen zusammen auf der Straße? Die beiden deutschen Forscher*innen Florian Hertel von der Universität in Hamburg und Nadine Schöneck von der Universität Niederrhein haben Daten aus dem International Social Survey Programme von 2009 der OECD genommen, um auf Einstellungsmuster zur Gesellschaftsformation und Konfliktwahrnehmungen zu schließen.

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Die Armut der Schule

1976 erschien „Schooling in Capitalist America“ von Samuel Bowles und Herbert Gintis. Obwohl der Zenit der linken Bewegung in den USA bereits überschritten war, entwickelte sich das Buch schnell zum marxistischen Standardwerk zu Fragen der Pädagogik und des Schulsystems. Es wurde so populär, dass sich auch zahlreiche Kritiker – insbesondere aus dem liberalen Spektrum – einfanden, die das Werk hart aburteilten. In der aktuellen Educational Theory reflektierte der Bildungswissenschaftler Jianguo Zhang von der Universität Xinyang das Werk und seine Kritik. Er ging auch auf die Vereinbarkeit der Thesen mit der chinesischen Bildungslandschaft ein.

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Schuften im Boss-Mode

Je weniger man das Gefühl hat, vom Chef rumkommandiert zu werden, desto größer die Jobqualität; so lautet eine einfache Rechnung. Aber stimmt der Zusammenhang überhaupt? Oder nutzen Unternehmen hier nur einen Trick, um Aufgaben, die früher durch gut bezahltes, qualifiziertes Führungspersonal erledigt wurden, auf die einfachen Angestellten abzuwälzen?
Yoko Asuyama von der Waseda-Universität in Japan hat den Zusammenhang vergleichend für 20 Länder untersucht. Für Marxist*innen ist die Frage dahingehend interessant, dass bürgerliche Kritiker*innen behaupten, die Marxsche Entfremdung könne allein auf Industriearbeiter*innen im Taylorismus zutreffen, die keine Autonomie über ihre konkreten Aufgaben besäßen. Mit der modernen Gesellschaft und die Abflachung von Hierarchien hingegen, würden die Arbeiter*innen auch weniger entfremdet.

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Modelling Marx

Karl Marx und Friedrich Engels haben für sich in Anspruch genommen, die Bewegungsgesetze der Gesellschaft und im Kapital der kapitalistischen Gesellschaft entdeckt zu haben. Allerdings verwehren sie sich experimenteller Überprüfung. Eine Möglichkeit gibt es jedoch: Computersimulationen. Die US-amerikanischen Wissenschaftler Jonathan F. Cogliano, Roberto Veneziani und Naoki Yoshihara haben die bisherige Literatur gesichtet und in einem bisher einmaligen Dossier zusammengefasst. Philosophen haben die Welt bisher nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu berechnen.

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Neue Studien zur chinesischen Imperialismusfrage (II): grüner Imperialismus?

Wie wirkt sich die chinesische Globalisierung auf eines der wichtigsten Menschheitsprobleme der Gegenwart aus: die Zerstörung der Natur? Vor zwanzig Jahren hieß es noch: Wenn jeder Chinese einen Kühlschrank haben wolle, ginge der Planet flöten. Die zunehmende Konsumkraft in der Volksrepublik ist mittlerweile Realität. Dazu findet ein Großteil der weltweiten Produktion im Reich der Mitte statt. Im aktuellen Journal of Economic Surveys haben zwei chinesische Forschungsgruppen sich die Verflechtung von Jahresplan, Weltmarkt und Ökologie näher angeschaut. Sie jeweils analysierten sehr präzise auf Firmenebene und trugen somit die Werte von 12.000 Unternehmen zusammen. Das Resultat ist ebenso komplex ohne einfache Antworten.

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Zum Geburtstag Alexander Buzgalins

Einer der bekanntesten Köpfe der linken russischen Opposition ist Alexander Buzgalin. Der marxistische Ökonomieprofessor ist ein Brennglas russischer Widersprüche. Er gründete und führt oppositionelle Medien, berät aber gleichzeitig die Staatsduma. Die reaktionären Tendenzen in Russland nimmt er wahr, allerdings mit der Gelassenheit eines Menschen, der Schlimmeres erlebt hat. Er darf im Staatsfernsehen Putin politisch auseinandernehmen, um ihn in westlichen Medien gegen die scheinheiligen Angriffe der dortigen Führung zu verteidigen. Heute wird Alexander Buzgalin 68 Jahre alt. Gelegenheit für eine kurze biographische Einführung

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Neue Studien zur chinesischen Imperialismusfrage (I)

Die Frage, ob China imperialistisch und womöglich den USA hier ebenbürtig ist, besitzt angesichts der angespannten Weltlage besondere Brisanz. Daher lohnt es sich, der Frage ernsthaft nachzugehen. Im aktuellen Journal of Economic Surveys wurden verschiedene Studien zur Wirtschaft Chinas vorgestellt. In den folgenden beiden Beiträgen soll einmal an der Politik der Neuen Seidenstraße (Belt-and-Road) und andererseits an der Umweltpolitik erörtert werden, ob China als imperialistisch bezeichnet werden kann und was dieser Imperialismus eigentlich für die peripheren und anderen semi-peripheren Staaten bedeutet.

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Robinson Crusoe und die Quellen des Marxismus

Es könnte der Anfang eines klassischen VWL-Lehrbuchs sein: „Stellen wir uns vor, wir sind Robinson Crusoe. Ausgesetzt auf einer einsamen Insel mit nichts anderem als ein paar Kisten Werkzeug und Lebensmitteln für sechs Monate.“ Das Lehrbuch wird dann erklären, dass man mit knappen Gütern haushalten muss, dass man diszipliniert die Arbeiten zu erledigen hat, welche die Not einem vorgibt und dass, wenn man einen Freitag trifft, man sich die Arbeit aufteilt: einer plant, der andere ackert. Dann setzt man neben Robinsons Insel noch weitere kleine Eiländer mit ihren eigenen kleinen Robinsons, lässt sie Handel treiben, Verträge schließen, ein Rechtssystem ausarbeiten und schwups … hat man die bürgerliche Gesellschaft.
Marx stellte im Kapital fest, dass die politische Ökonomie ihre Robinsonaden liebe. Michael Lazarus von der Monach University in Melbourne hat den Einfluss der klassischen Erzählung von Daniel Defoe auf Karl Marx und seine Quellen unter die Lupe genommen. Der Aufsatz „From shipwreck to commodity exchange: Robinson Crusoe, Hegel and Marx“ erschien vergangenen Juni in der Philosophy and Social Criticism.

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