Zunehmende Bildungsungleichheit auf Kuba?

⋄ Auf Kuba wurde in Folge der liberalen Reformen der Wettbewerb der Ideen durch den Wettbewerb der Ökonomien abgelöst.

⋄ Rosa Garcia-Chediak und Danay Quintana Nedelcu untersuchten die Wirkung der Reformen durch statistische Quellen und Medienberichte.

⋄ Die Ausgaben für das höhere Bildungssystem wurden drastisch reduziert, Aufnahmeprüfungen verschärft und Zulassungsbeschränkungen erhöht.

⋄ Die Autor*innen befürchten eine Vertiefung neuer und alter sozialer Ungleichheit auf der Insel.

Trotz aller materiellen Probleme, mit denen Kuba vor und nach dem Zerfall der Sowjetunion zu kämpfen hatte, war das Bildungssystem stets ein Aushängeschild des sozialistischen Aufbaus: der Sieg über den Analphabetismus, Kostenfreiheit des Studiums, Forschung auf vergleichbar hohem Niveau oder die Entwicklung eigener Impfstoffe gegen Covid sind nur einige Beispiele.

Doch diese Errungenschaften seien bedroht, schreiben Rosa Garcia-Chediak und Danay Quintana Nedelcu in den Latin American Perspectives. Sie untersuchten die Wirkungen Reformen im öffentlichen Sektor zwischen 2008 und 2016/17 und kommen zu kritischen Schlüssen.

Vom Wettbewerb der Ideen zum Wettbewerb der Ökonomien

Die Autor*innen unterteilen die kubanische Politik der letzten beiden Jahrzehnte in zwei Phasen: Der Wettstreit der Ideen, der die späte Fidel-Castro-Ära kennzeichnete und den Wettbewerb der Ökonomien, welche mit dem Machtantritt Raul Castros begann. Der Wettbewerb der Ideen sollte den Massen einen Zugang zu höherer Bildung verschaffen, wofür die öffentlichen Ausgaben in diesem Sektor massiv erhöht wurden. Die Ziele dieser Politik waren keine ökonomischen, sondern politische. Die Bevölkerung sollte durch eine hohe Allgemeinbildung ein höheres Bewusstsein für die politischen Zusammenhänge erlangen und so für den sozialistischen Aufbau gewonnen werden.

Im Wettbewerb der Ökonomien wurden die Ausgaben für das Bildungssystem gesenkt, Zulassungsbeschränkungen für höhere Bildungseinrichtungen erhöht, die Bildung mehr auf ihre ökonomische Verwertbarkeit ausgerichtet, wobei man dennoch allen jungen Kubaner*innen einen Zugang zu höherer Bildung garantieren wollte. Die Zäsur zwischen beiden Phasen verlaufe den Autor*innen zu Folge 2008, als durch liberale Reformen versucht wurde, Kuba aus der sozioökonomischen Krise zu manövrieren. Der Wettbewerb der Ideen hatte zwar dazu geführt, dass ein großer Anteil der Bevölkerung in den Genuss höherer Bildung kam. Gleichsam rentierte sich die staatliche Investition nicht, da der Staat zu wenig in benötigte Sektoren steuerte. Die Folge war, dass trotz der Zunahme der Gesamtzahl an Fachkräften, in vielen Bereichen Fachkräftemangel herrschte. Als pragmatischen Kurs beschloss die Kommunistische Partei daher eine stärkere Ausbildung in benötigten Berufsgruppen und stärkere Reglementierung in den weniger benötigten. Auch erhoffte man sich, komplizierte Dienstleistungen im Ausland verkaufen zu können, um die Devisenversorgung zu verbessern.

Die Auswirkungen der Reformen

Garcia-Chediak und Nedelcu untersuchten nun im Rahmen einer Fallstudie die Auswirkungen der Reformen auf das höhere Bildungssystem, wobei sie offizielle statistische Angaben und Medienberichte nutzten. Aus den im Aufsatz gemachten Angaben seien die Zahlen für die Jahre 2008, 2011 und 2017 herausgegriffen, um die Entwicklung zu verdeutlichen.

Angaben (in Klammern ist der naheste verfügbare Wert angegeben)200820112017
Ausgaben für Bildung in Mio. Pesos8.6208.8178.279
Ausgaben für höhere Bildung in Mio. Pesos3.1922.359850
Anteil der Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt in %5,0 (2009)3,40,9
Einschreibungen an weiterführenden Schulen432.486 (2009/10)300.031 (2011/12)<150.000 (2017/18)
Einschreibungen an pädagogischen Schulen4.806 (2009/10)20.909 (2011/12)40.000 (2017/18)
Pro-Kopf-Ausgaben in US-Dollar205 (2009)236 (2015: 411)121
Anzahl an Stipendien76.630 (2008/09)67.143 (2010/11)60.764 (2016/17)
Förderquote in %16 (2008/09)19 (2010/11)28 (2016/17)

Zunächst fällt der prinzipiell hohe Prozent an Ausgaben für das Bildungssystem auf. 2009 wurden 12,9% des Bruttoinlandsproduktes für die Bildung aufgewendet, 5,0% davon für die höhere Bildung. Beides sind internationale Rekordwerte. Zum Vergleich beträgt in Deutschland der Anteil der gesamten Bildungsausgaben mit 4,7% knapp etwas mehr als ein Drittel. Die Zahlen zeigen auch, dass die Reformen nicht das gesamte Bildungssystem betrafen, für welches die Ausgaben konstant blieben. Jedoch wurde das Budget für weiterführende Schulen und akademische Bildung auf knapp 27% gekürzt! Zeitgleich führte die durch die Reformen verschärften Aufnahmeprüfungen und Zulassungsquoten zu einem starken Rückgang von über 450.000 Einschreibungen in den Jahren 2009/10 auf geschätzt weniger als 150.000. Nur spezielle Ausbildungsrichtungen, wie die Lehrerausbildung, verzeichneten einen Anstieg der Zahl der Studierenden um das fast Zehnfache.

Die sinkende Anzahl an Student*innen führte paradoxerweise zunächst dazu, dass die Pro-Kopf-Ausgaben im höheren Bildungssektor drastisch anstiegen. Erst mit den weiteren Reformen 2017/18 wurde das Budget wieder angepasst. Da sich die Anzahl der Stipendien nicht im gleichen Maße verringerte wie die Anzahl der Einschreibungen, stieg der Anteil an geförderten Student*innen sogar von 16 auf 28%.

Zunahme der Ungleichheit

Während die Autor*innen den allgemein hohen Standard des Bildungssystems und den Verzicht auf gravierende Einschnitte im allgemeinen Bildungsetat begrüßen, müssen sie jedoch auf kritisch festhalten: Jede neue Schranke für den Zugang zu höherer Bildung reproduziert und verschärft neue oder alte soziale Ungleichheiten. So haben Frauen und People of Color noch aus der Zeit vor 1959 entstammende Nachteile im Bildungssystem, während die Kinder neureicher Familien und urbaner Milieus Vorteile genössen. Während Zahl und Höhe der Stipendien stagnierten, stiegen die Mieten und Verpflegungskosten und bedeuteten für die Familien einen zusätzlichen finanziellen Aufwand, den sich ärmere Schichten nicht leisten könnten. Zudem erforderten die strengeren Zulassungsprüfungen zusätzliche private Nachhilfe, die reichen Schichten einfacher zugänglich ist. Da die Einkommensverteilung auf Kuba jedoch nicht öffentlich zugänglich ist, stehen abschließende Erkenntnisse noch aus. Daher, so resümieren die Autor*innen, sei einer der wichtigsten Indikatoren für den Erfolg der Revolution, die soziale Gleichheit, durch die Reformen stark gefährdet.

Zusammenfassung

Die Fallstudie ist eine Erinnerung und eine Warnung. Sie erinnert zum einen daran, dass der Aufbau des Sozialismus zwangsläufig widersprüchlich verläuft. Auf der einen Seite wollte der Wettbewerb der Ideen allen Kubaner*innen Zugang zu hoher Bildung der eigenen Wahl lassen. Bildung sollte Selbstzweck sein. Auf der anderen Seite war die kubanische Wirtschaft noch nicht in der Lage, ohne direkte Steuerung die Fachkräfteausbildung so zu organisieren, dass sie auch zu einem höheren materiellen Lebensstandard auf der Insel führte. Und dieser wiederum ist Grundlage für die weitere Verbesserung des Bildungssystems. An dieser Stelle sind die Reformen vielleicht nicht zu begrüßen, aber im aktuellen Stadium des sozialistischen Aufbaus notwendig.

Die Autor*innen warnen jedoch davor, durch zu starke Beschränkungen die soziale Ungleichheit zu vertiefen und damit eines der wichtigsten Ziele der Revolution dem Pragmatismus zu opfern. Wer die Errungenschaften der Revolution durch martkliberale Reformen retten möchte, wird sie verlieren. Der egalitäre Charakter des kubanischen Bildungssystems war eine politische Aufgabe, die im Widerspruch zur kapitalistischen Ökonomik steht und somit nicht durch diese gelöst werden kann.

Garcia-Chediak und Nedelcu geben uns nur einen Fingerzeig auf die aktuelle Problematik im Bildungssystem Kubas. Valide empirische Studien stehen noch aus. Die Sympathie mit der Revolution und die Sorge um ihre Zukunft klingen in der Studie mit jeder Zeile mit, genauso, wie die Hoffnung, dass die Bewusstwerdung der Probleme der erste Schritt zur Lösung ist.

García-Chediak, R., & Quintana Nedelcu, D. (2021): The Hazards to Higher Education of Reformist Pragmatism in Cuba: Proposals for an Agenda. In: Latin American Perspectives. (noch unveröffentlicht als Online First)

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