Cheng Enfu: Für eine internationale Diskussion des chinesischen Marxismus

⋄ Obwohl China den größten Apparat des akademischen Marxismus betreibt, bleiben chinesische Stimmen in der internationalen Debatte sehr leise.

⋄ Cheng Enfu möchte die Debatte über den sinisierten Marxismus internationalisieren.

⋄ Cheng ist Präsident des Institutes für Marxismus der Chiensischen Akademie der Sozialwissenschaften und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität für Finanzen und Wirtschaft in Shanghai
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⋄ Er beschäftigt sich mit den Themen Entwicklung des Sozialismus und ganzheitlicher Marxismus.

⋄ In der International Critical Thought legte er seine Gedanken zu aktuellen Fragen des Marxismus in China und der Welt dar.

Die chinesischen Stimmen in der internationalen marxistischen Diskussion sind sehr leise. Die lauteste unter ihnen ist sicherlich Cheng Enfu. Cheng ist Präsident des Institutes für Marxismus der Chiensischen Akademie der Sozialwissenschaften und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität für Finanzen und Wirtschaft in Shanghai. Wenngleich Cheng einen sinisierten Marxismus vertritt, versteht er diesen als Bestandteil einer internationalen Debatte. Dabei kritisiert er nicht nur eine westliche oder strömungspolitische Ignoranz gegenüber den chinesischen Ansichten, sondern ebenso seine Landsleute, die sich weigerten, auf Englisch zu publizieren und sich der Kritik der Weltgemeinschaft zu stellen. In der aktuellen International Criticial Thought legte er diesen Monat zehn Punkte seines Marxismuskonzeptes dar. Da sein Artikel „Ten Views of Marxism Originating from the Revolution and Development in China and the World“ die für chinesische Aufsätze charakteristische Informationsdichte enthält, sollen an dieser Stelle vier seiner Gedanken rezensiert werden.

Zur Person Cheng Enfu

Cheng Enfu wurde 1950 in Shanghai geboren. Größere Bekanntheit erlangte er durch seine Interventionen in die seit 1987 geführte Debatte innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas über die Entwicklungsstufen des Sozialismus. Strukturiert legte er 1991 seine Gedanken in der Monographie „Die Theorie der drei Phasen des Sozialismus“ dar, in welchem er den chinesischen Weg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einem allgemeineren historischen Rahmen einzuordnen versuchte. Danach begann sein steiler akademischer Aufstieg. Neben den in der Einleitung genannten Ämtern ist er nunmehr Präsident der World Association of Political Economy (WAPE), sowie der chinesischen Gesellschaft für ausländische Ökonomie. Er gehört zur so genannten Vierten Generation der chinesischen Ökonomen, welche nicht mehr – wie die dritte – rein wachstumsorientiert denken, sondern sich Gedanken um eine gerechte Verteilung des akkumulierten Reichtums machen. Er selbst rechnet sich der Strömung des innovativen Marxismus zu, welche durchaus bereit ist Modifikationen am Wertgesetz oder der Leninschen Imperialismusdefinition vorzunehmen. Unter diesen Gesichtspunkten sucht Cheng immer wieder die chinesische und internationale Öffentlichkeit. 2006 gab er das chinesischsprachige fünfbändige Werk „Die Geschichte des marxistischen ökonomischen Denkens“ heraus, ebenso 2015 „Die neuere Entwicklung des Marxismus im China der Gegenwart“. Auf Englisch publizierte er zahlreiche Artikel in verschiedensten Fachmagazinen, die sich mit dem Verhältnis zwischen der jüngeren Geschichte Chinas, marxistischer Philosophie und politischer Ökonomie befassten. 2013 erschien in den Marxistischen Blättern sein Artikel „Sieben Strömungen. Gesellschaftliche Überlegungen und ihre Entwicklung im China der Gegenwart mit einem Fokus auf den innovativen Marxismus“.

Cheng war dreimal für den Nationalen Volkskongress Chinas abgeordnet und begleitete durch viele Eingaben und Empfehlungen insbesondere die Erstellung der Wirtschaftspläne und den Ausbau des Rentensystems. Seine Vorschläge zielten dabei meist auf eine Verringerung der Unterschiede zwischen Arbeiter*innen, Bäuer*innen und Funktionär*innen in der Höhe der Löhne und Renten. Sein wirtschaftliches Leitbild war das Bruttowohlfahrtsprodukt, welches die ökonomische Leistungsfähigkeit eines Landes nicht nur an den kapitalistischen Parametern des BIP messen sollte, sondern zahlreiche soziale Faktoren mit berücksichtigte.

Ein Ganzheitliches System des Marxismus

Seinen Aufsatz in der ICT beginnt Cheng mit Überlegungen zur Definition und Ganzheitlichkeit des Marxismus. Den Marxismus als ein ganzheitliches System zu verstehen, ist in dem Sinne erst einmal nichts ungewöhnliches. Sozialistische Wissenschaftler*innen in aller Welt untersuchen, wie sich Ökonomie und Imperialismus bis in die kleinsten Erscheinungen des Alltagslebens und die Psyche fressen. Vor dem Hintergrund des konkreten Aufbaus des Sozialismus in China hingegen wird die Fragestellung wesentlich schwieriger. China selbst ist Player im imperialistischen Wettbewerb, die Unternehmer gehören der KP an und die gesellschaftliche Organisation ist weit entfernt von den Marxschen Preisungen der proletarischen Selbstorganisation einer Pariser Kommune. Kann unter diesen Voraussetzungen eine politische Klasse in China überhaupt noch als Bestandteil marxistischen Denkens aufgefasst werden oder arbeiten sie gegen „Das Kapital“? Oder gibt es einen Marxismus der intellektuellen und einen der politischen Klasse?

Cheng lehnt eine solche Vorstellung ab. Für ihn bedeutet ein ganzheitlicher Marxismus einen Körper an wissenschaftlichen Erkenntnissen, der Perspektiven des ideologischen Kampfes und des erkenntnistheoretischen Leitlinien, wie der Volkswohlfahrt und des Wertefundaments miteinander vereint. Dieser Körper sei ganzheitlich. Akademiker*innen und Politiker besäßen nur unterschiedliche Methoden zur Erschließung dieses Körpers und zur Umsetzung eigener Zielstellungen. Wie ein Biologe sich mehr für das Verhalten und der andere sich mehr für die Anatomie eines Elefanten interessieren mag und zum Studium unterschiedlicher Methoden bedarf, so bleibt der zu untersuchende Gegenstand doch der Elefant. Daher erscheine es manchnmal so, dass politische Führung und akademischer Marxismus sich mit unterschiedlichen Dingen auseinandersetzten, obwohl sie sich dialektisch ergänzten.

Cheng Enfu und die chinesische Debatte

Cheng Enfu kann man zur neomaoistischen Strömung des politischen Spektrums der Volskrepublik zählen. Als Antwort auf neoliberale Ökonomen zeigte er innerhalb seiner Studien zur chinesischen Ökonomie, dass bereits unter Mao wirtschaftliche Erfolge erzielt werden konnten, auf denen die Periode der Kapitalöffnung später aufbauen konnte. Zwischen 1949 und 1978 seien chemische und die Schwerindustrie in eine Lage versetzt worden, welche die Öffnung Chinas in den folgenden Perioden erst möglich gemacht hätte. Diese Phase beschreibt er als das „erste Wunder“. Ohne die unter Mao gelegten Grundlagen wäre es nicht möglich gewesen, trotz des Zusammenbruchs der Sowjetunion, diversen Blockaden durch imperialistische Staaten und einen starken Bevölkerungsanstieg das Bruttosozialprodukt um jährlich durchschnittlich 6% zu steigern. Entgegen einem in der Partei bekannten Credo, wonach Mao China widerstandsfähig, Deng Xiaoping es reich und Xi Jinping stark gemacht habe, legt Cheng wert darauf, dass das Land bereits unter Mao stärker und reicher geworden sei.

Die Art seiner Argumentation deutet darauf hin, wie in China der politische Diskurs stattfindet. Mao, Deng Xiaoping und Xi Jinping stehen stellvertretend für drei politische Ausrichtungen, Mao für einen kollektivistischen und egalitären Sozialismus, Deng Xiaoping für einen weitgehenden Liberalismus und Xi Jinping für einen staatszentrierten Imperialismus. Dass Cheng so stark auf Mao abzielt, verortet ihn in der ersten Strömung und macht ihn gleichzeitig zu einem Kritiker der anderen beiden, auch wenn diese Kritik nur implizit geübt wird. Machen wir uns aber bewusst, dass jede der drei Strömungen mit enormen Folgen für die politische Stellung Chinas in der Welt und das Alltagsleben der Menschen verbunden ist – eine imperialistische Machtpolitik wird schnell auf den Widerstand des Westens treffen und die internationalen Kapitalströme beeinflussen, von denen China wirtschaftlich profitiert – dann wird begreiflich, dass hinter den milden Tönen einje sehr tiefgreifende Debatte stattfindet. Diese mag sogar unter den intellektuellen Eliten kontroverser sein als im Westen. Man muss nur die Sprach und die Argumentationsmuster zu interpretieren wissen.

Die drei Entwicklungsstufen des Sozialismus

Cheng machte deutlich, dass er den kollektivistischen, egalitären Sozialismus unter Mao weit organischer in den späteren Epochen der chinesischen Entwicklung verankert sieht, als andere. Doch wie stellt er sich nun genau die Entwicklung des Sozialismus in China und allgemein vor? Für Cheng sind entscheidende Faktoren für die Entwicklung des Sozialismus die Produktivität, der Grad der Modernisierung, der Lebensstandard, die Eigentumsverhältnisse an Produktionsmitteln und die einer Ökonomie zugrunde liegenden sozialen Beziehungen. Auf Grundlage dieser Parameter entwickelte er ein Drei-Stufen-Modell mit verschiedenen politischen Implikationen für jede Stufe:

1. Die erste Phase: Es herrscht eine Mischform an Eigentumsverhältnissen vor und die Distribution erfolgt vorrangig marktförmig. Die bestehende Marktwirtschaft wird jedoch durch Wirtschaftspläne gesteuert. Die resultierenden Widersprüche müssen durch die regierende kommunistische Partei gewaltsam entschieden werden.

2. Die mittlere Phase: Öffentliches Eigentum in verschiedenen Formen dominiert die Wirtschaft. Die Distribution erfolgt vorrangig über geleistete Arbeit. Die Wirtschaft wird durch den Staat geplant, wobei sich die Widersprüche auf Grund des dominierenden Gemeineigentums reduzieren.

3. Die fortgeschrittene Phase: Das Eigentum ist vollkommen in öffentlicher Hand und die Wirtschaft wird komplett „durch das Volk“ geplant (wobei der Staat nicht mehr der Hauptakteur der Planung ist). Das trennende Charakteristikum zum Kommunismus ist die Distribution der Waren über die Arbeit. Im Kommunismus erfolge die Distribution nach Bedürfnissen. Der Staat hat sich auf Grund des Fehlens grundlegender Widersprüche abgeschafft.

In dem zugrunde liegenden Artikel geht Cheng leider nicht auf die Umschlagpunkte zwischen den einzelnen Phasen ein, aber zwei Aspekte springen ins Auge. Erstens, dass sich China nach dieser Stufentheorie in die erste Phase des Sozialismus einordnen lässt. Und zweitens fällt auf, dass eine solche Theorie offenbar recht breiten Anklang in der CPC gefunden hat. Beides deutet daraufhin, dass China, trotz aller Kritik, den Weg zum Sozialismus keineswegs aufgegeben hat.

Marxistisches Lernen und innovativer Marxismus

Kommen wir zu einem letzten Problem. Cheng bezeichnet sich selbst als innovativen Marxisten. Bei manch einem hinterlässt das Wort „innovativ“ einen bitteren Nachgeschmack, weil es häufig als Deckmäntelchen für Beliebigkeit benutzt wird. Nach welchen Regeln und innerhalb welcher Grenzen definiert Cheng nun seine Innovationen, ohne den Marxismus grundlegend zu verwässern? Chengs Ansatz umfasst „marxistisches Lernen als Körper und westliches Lernen zum Nutzen, chinesisches Lernen als Wurzel, die Weltlage als Spiegel, nationale Verhältnisse als Grundlage und umfassende Innovation“ (S.13/ 2009, S.6). Diese Definition ist zunächst äußerst metaphorisch und bedarf genauerer Untersuchung. Der Körper bezeichnet in der philosophischen Tradition Chinas das Intrinsische und Fundamentale. Der marxistische Körper zeichnet sich durch die ökonomische Theorie, den historischen Materialismus und materialistische Dialektik aus, sowie die gesamte marxistische Tradition in China und außerhalb. Mit der Phrase „Westliches Denken zum Nutzen“ kennzeichnet Cheng, dass es in der bürgerlichen Wissenschaft viele Erkenntnisfortschritte gegeben hat, die außerhalb des marxistischen Körpers stehen, die aber hinreichend wahr sind, um genutzt werden zu können. Da es jedoch nur zum Nutzen und nicht als der Körper verstanden werden muss, passiert dies in kritischer Distanz und mit notwendiger Reflexion. Auch hier schließt Cheng an Aussprüche Maos an. „Chinesisches Denken als Wurzel“ meint, dass die Tradition Chinas, ob modern oder vormodern, in den Sitten und im Denken der Menschen verwurzelt ist. Diese Wurzel darf nicht ausgerissen werden, da man sonst die Menschen und einige Wahrheiten verliere, die dem westlichen Denken punktuell überlegen seien, zumindest im politölonomischen Kontext Chinas. Die „nationalen Verhältnisse als Grundlage“ referiert auf eine materialistische Analyse der ökonomischen, kulturellen und historischen Bedingungen eines Landes, während der „Spiegel der Weltlage“ wiederum abstrakter zu verstehen ist. Die Spiegelmetapher deutet an, dass die Weltlage etwas Äußeres ist, was man von einem separaten Standpunkt betrachten kann. Ein Spiegel gibt zudem die Wirklichkeit seitenverkehrt wieder, hilft aber dabei, den eigenen Standpunkt zu bestimmen. Ein solcher Spiegel kann beispielsweise aufzeigen, welche gesellschaftlichen Systeme sich überwiegend aggressiv verhalten und welche eher friedliebend sind.

Zusammenfassung

Dass der chinesische Marxismus so leise ist, wird im Westen häufig als Abwesenheit interpretiert. Dabei genießt er schlicht, dass er die freie Wahl hat zwischen einem lange erkämpften Selbstbewusstsein, sich nicht gegenüber dem westlichen oder sowjetischen rechtfertigen zu müssen und der internationalen Anerkennung des chinesischen Weges zum Sozialismus. Cheng Enfu ist ein Marxist, der fest daran glaubt, dass sich China noch auf dem Weg zum Sozialismus befindet. Dass solche Personen Teil der intellektuellen und politischen Debatte Chinas sind, macht Mut und verdeutlicht, dass es durchaus eine kontroverse Debatte in der CPC gibt. Viele seiner Theorien scheinen wenig originell, etwa der Aufweichung des Wertgesetzes, einem Bruttowohlfahrtsprodukt oder einer Stufentheorie des Sozialismus. Aber nur wenige Marxist*innen haben weltweit den Einfluss, praktische Implikationen der Theorie umzusetzen wie Cheng. Das Charakteristische Chengs als Person besteht also nicht vorrangig in der Originalität seiner Theorie, sondern in der einzigartigen Mischung eines chinesischen Neomaoisten, der einen sinisierten Marxismus als Teil einer globalen Debatte begreift. Es bleibt zu hoffen, dass viele Chines*innen seinem Beispiel folgen und ihre Kritik der politischen Ökonomie auch auf Englisch veröffentlichen. Nur so wird die weltweite kommunistische Bewegung qualifizierter entscheiden können, was vom chinesischen Marxismus gelernt werden kann und was (zumindestens für andere Teile der Welt) verworfen werden muss.

Literatur

Enfu Cheng (2022): Ten Views of Marxism Originating from the Revolution and Development in China and the World, International Critical Thought, DOI: 10.1080/21598282.2022.2025525

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