Debatte: Hudson und Mason über den Klassenkampf zwischen Finanz- und Industriebourgeoisie

In der Dezemberausgabe der Review of Radical Political Economics wurde eine These des bekannten linken Ökonomen Michael Hudson diskutiert, die kurz zusammengefasst lautet: Die Klasse der Grundeigentümer, welche historisch durch die Bourgeoisie besiegt wurde, hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg als Rentiersklasse neu formiert und letzten Endes sogar den Sieg über die Industriebourgeoisie davongetragen. Der neue Kalte Krieg zwischen der Finanz- und der Industriebourgeoisie sei entscheidend für das Verständnis aktueller Klassenkämpfe und für die politische Stoßrichtung sozialistischer Bewegungen. Dieser These widerspricht J.W. Mason in einem Folgeartikel.

Michael Hudson gilt als einer der schärfsten Kritiker des Finanzmarktkapitalismus. In der Euro-Krise sprach er sich für einen Schuldenschnitt und gegen die Bankenrettung aus. Er trat bereits mit Sahra Wagenknecht auf (https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/sahra-wagenknecht-und-michael-hudson-im-gespraech-nicht-der-euro-wird-gerettet-sondern-eine-ideologie-11837817-p3.html) und publizierte unter anderem in der FAZ und der jungen Welt. J.W. Mason ist Professor für Ökonomie aus Massachusetts und publizierte unter anderem in Jacobin oder Rethinking Marxism. Eine Vortragsversion des Beitrags von Michael Hudson ist im Übrigen als stark veränderte Version, welche die generelle Argumentationslinie beibehält, unter https://www.youtube.com/watch?v=CZeoga_K65c&t=703s frei zugänglich.

Der Kalte Krieg des 21. Jahrhunderts: Rentiers- gegen Industriebourgeosie

Michael Hudson stellt in seinem Leitaufsatz fest, dass ein Großteil der privaten Haushalte und Industrie an Verpflichtungen gegenüber dem Finanz-, Versicherungungs- und Immobilienmarkt (der so genannte FIRE-Sektor) gebunden seien. Die Klasse der Finanzkapitalisten spiele heute die Rolle, welche zu Marx´Zeiten die Grundeigentümerklasse gespielt habe, da sie wie diese einen Teil des Profits verkonsumiere. Entgegen der Marxschen Annahme, dass sich die Industriebourgeoisie als herrschende Klasse gegen die Rentiersklasse historisch durchgesetzt habe, sieht Hudson den Wiederaufstieg dieser Klasse im Gewand der Finanzbourgeoisie. Dies führe dazu, dass sowohl das Marxsche Wertgesetz als auch die Marxschen Reproduktionsschemata veraltet seien, da diese den Kapitalabfluss an die Finanzbourgeoisie nicht berücksichtigten. Ökonomischer Fortschritt werde kaum noch erzielt, da der Mehrwert nicht mehr für Investitionen in die Betriebe, sondern für Finanzspekulation verwendet werde. Damit habe die Bourgeoisie, die einst einen politischen Kampf um die Befreiung von der Grundrente führte, diesen verloren. Einen wesentlichen Faktor für diesen Aufstieg sieht Hudson in der Steuerpolitik, die zwar Löhne und Kapital berücksichtige, jedoch nicht den als Grundrente verstandenen FIRE-Sektor. Zudem habe die Privatisierung öffentlicher Monopole (Post, Bahn, …) diese zu privaten Monopolen – bereits Marx verstand die Rentiersklasse als Monopolisten des Bodens – gemacht, die wiederum eine Grundrente abwerfen würden. Da der FIRE-Sektor im Gegensatz zum Industriekapitalismus keine Werte schaffe, müsse eine auf diesem aufbauende Ökonomie konstant Wert von außerhalb ihres eigenen Systems aufnehmen. Daher sei er zugleich imperialistisch – Hudson verwendet selbst gern den Ausdruck „Superimperialismus“ und kosmopolitisch. Die Industriebourgeosie hingegen müsse im Staat ihren Verbündeten für eine Reregulation der Wirtschaft erkennen und sei daher national gebunden. Das Interesse um die Regulation der Wirtschaft teile die Bourgeoisie mit dem Proletariat, was die Tür für neue Bündnisse öffne.

Exkurs: Karl Marx und die trinitarische Formel

Die herrschende Klasse der Feudalherren des Mittelalters wurde durch die bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts von der Kapitalistenklasse abgelöst. Viele dieser Feudalherren lebten jedoch weiter vom Pachtzins des von ihnen besessenen Bodens. Viele Ökonomen des 19. Jahrhunderts fragten sich, wie der Pachtzins in die kapitalistische Produktionsweise einzuordnen sei und sich dieser ideologisch legitimieren ließe. So sahen viele Ökonomen den Boden, die Arbeit und das Kapital als eigenständige Produktionsfaktoren an, denen die Einkommensquellen Rente, Lohn und Zins gegenüberstünden. Und auch heute noch beginnen fast alle gängigen Lehrbücher der Volkswirtschaftslehre beginnen zumeist mit den Produktionsfaktoren.

Karl Marx fragte jedoch ganz grundsätzlich, wie beispielsweise Boden, noch ohne die darauf verrichtete Arbeit oder das darin investierte Kapital einzuberechnen, ein eigenständiger Produktionsfaktor sein könne. Die Ansicht über Verhältnis von Kapital, Arbeit und Grundrente nennt Karl Marx im dritten Band des Kapitals die so genannte „trinitarische Formel“ zusammen. Der Name ist eine Anspielung auf die Dreieinigkeit von Vater, Sohn und heiligem Geist. Er argumentierte: Der Kapitalismus ist eine gesellschaftliche Formation die auf der Trennung der Produzent*innen von den Mitteln der Produktion beruht. Die Produzent*innen müssen bei den Besitzern ihre Arbeitskraft verkaufen, um die Lebensmittel für die eigene Reproduktion zu erhalten. Die Differenz behält sich der Kapitalist als Mehrwert ein. Jedoch muss der Kapitalist etwas von diesem Mehrwert an die Eigentümer des Bodens als Rente abdrücken, falls ihm der Boden als Produktionsmittel nicht gehöre. Die Rente stellt somit einen Abzug des Unternehmerprofits dar. Eine Rente kann prinzipiell auf alles erhoben werden, was beschränkt und monopolisierbar ist, sich also nicht ohne weiteres durch die Kapitalisten selbst herstellen oder kaufen lässt.

Marx sagt, dass der Wert im kapitalistischen Produktionsprozess geschaffen werde und sich nur durch die unterschiedliche Klassenlage unterschiedlich angeeignet werde: in Form des Lohns durch die Arbeiter*in, in Form des Mehrwerts durch den Kapitalisten und in Form der Rente durch den Bodeneigentümer. Dass alle drei Formen der Aneignung jedoch als unterschiedliche Einkommensquellen erscheinen, bezeichnet Marx als eine fetischisierte Form der Wahrnehmung der bürgerlichen Gesellschaft. Ohne den kapitalistischen Produktionsprozess kann der Grundrentner auch keine Rente vom Profit abzweigen. Der Fetischismus rührt daher, dass durch die Vermittlung über die Waren die Produktionsverhältnisse als natürliche erscheinen und nicht als ein gesellschaftlicher Zusammenhang. Nur so lassen sich die verschiedenen Einkommensarten auch gedanklich trennen und was könnte natürlicher sein, als der Boden.

Gegen die Volksfront aus Bourgeoisie und Proletariat

J.W. Mason hält zunächst entgegen, dass man die Finanz- und die Industriebourgeosie nicht trennen könne. Häufig arbeiteten die Abteilungen an der Optimierung des Industrieprofits, indem sie sich im FIRE-Sektor betätigten. Als Beispiel führt Mason das Unternehmen August Belmonts an, welcher die erste New Yorker U-Bahn baute. Dieser schuf sowohl einen Wert im Sinne der Einheit von Tausch- und Gebrauchswert, indem er die Metro baute, spekulierte jedoch auch mit den neu erschlossenen Grundstücken, da man sich von der Verkehrsanbindung eine Preissteigerung erhoffte. Als zweites bestreitet Mason, dass das Industriekapital die fortschrittliche Funktion erfüllt, die ihr Hudson zuschreibt. So behalte sie den Mehrwert ein, wodurch die Arbeiter*innen relativ verelendeten und die produzierten Waren ohnehin nicht in vollem Umfang konsumieren könnten, was auch ohne den FIRE-Sektor zu einer Überakkumulation und Krisen führe. Historisch gesehen stärke sich drittens nicht die Macht der Finanzbourgeoisie, sondern die Macht oszilliere stets zwischen den beiden Kapitalfraktionen. Bereits in den Dreißigern habe schließlich Keynes die gleichen Beobachtungen gemacht wie Hudson heute. Viertens hinke der Vergleich mit der feudalen Rentiersklasse, von der Marx geschrieben habe, zu sehr. Die Feudalherren hätten außerhalb des Produktionsprozesses gestanden, während die ihnen untertänigen Bauern tatsächlich ihre Produktionsmittel besessen hätten. Die Klassenlage sei davon heute völlig verschieden. Fünftens argumentiert Mason mit der Forbes-Liste der reichsten Amerikaner*innen, an deren Spitze noch eindeutig Industrieunternehmer*innen stünden, die sich im direkten Klassenkampf mit dem Proletariat befänden. Und letztens lehnt Mason die politische Implikation ab, die auf eine Volksfront von Industriebourgeoisie und Proletariat gegen die Finanzbourgeoisie hinauslaufe. So fordert fordert Hudson die Stärkung der Bildung als vierter Kraft der Produktion, während Mason erwidert, dass es nicht das politische Interesse des Proletariats sein könne, die eigene Produktivität zu steigern, damit der Industriekapitalist gegen den Finanzmarkt im Wettbewerb bestehen könne.

Fazit: Die falsche Antwort auf die richtige Frage

So schlagend die Kritik an der These vom Rentierskapitalismus sein mag; die Frage, welche Hudson aufwirft, ist eine sehr bedeutsame (die sich bereits Lenin fortwährend stellte): Welche Spaltungslinien innerhalb der herrschenden Klasse bieten die Möglichkeit strategischer Geländegewinne für die Arbeiter*innenbewegung? Lassen sich temporäre Bündnisse schließen, welche die herrschende Klasse schwächen? Hudson beantwortet die Frage, und das deckt Mason gut auf, ungenügend: die hinkende Metapher zum Feudalismus; eine Trennung von Rentiers- und Kapitalistenklasse, die sich in der Praxis nicht findet; politische Implikationen, welche sich historisch nicht bewährt haben. Auch wenn Hudson seine These klassenanalytisch und marxistisch verbrämt, zeigt Mason auf, dass in letzter Konsequenz eine Bündnis von Kapital und Arbeit auf eine stärkere Ausbeutung des Proletariats hinausliefe. Als die Hitlerfaschisten in Deutschland zur Einheit von Kapital und Arbeit gegen das jüdische Finanzkapital aufriefen, lief dies auch auf Abschaffung der Arbeiter*innenrechte und die totale Verwendung der Arbeitskraft im Kriege hinaus.

Der entscheidende Fehler Hudsons ist, dass er, obwohl er diverse Referenzen zum dritten Kapitalband streut, der trinitarischen Formel in ihrer fetischisierten auf den Leim geht. Der Kapitalismus ist ein gesamtgesellschaftliches Verhältnis, in welchem sich die „Quellen des Reichtums“ nicht trennen lassen, sondern in der Kapital, Lohn und Rente nur unterschiedliche Aneignungsformen des kapitalistischen Verwertungsprozesses sind. Der Profit des Industrieunternehmens, der sich den bürgerlichen Ökonom*innen nur als Preisdifferenz zwischen Einkaufspreisen und Verkaufspreisen darstellt verschleiert bereits in der Produktion die Bedeutung der lebendigen Arbeit und wird auf dem Finanzmarkt nur auf die Spitze getrieben, was nicht daran ändert, dass ohne lebendige Arbeit des Proletariats weder Rente noch Profit erzielt werden. Die Rente kann nicht für sich bestehen, sie ist immer an das Kapital gebunden. Natürlich kann man auf die Wertsteigerung einer Immobilie spekulieren, aber letzten Endes muss sie durch ein Unternehmen gekauft werden, welches Waren produziert oder die Rente fließt als Lohnbestandteil ab. Rentiers und Kapitalisten bleiben beide als Besitzer der Produktionsmittel, sei es in Form von Fabriken, des Bodens oder des Kreditgelds, die Antagonisten der Klassen ohne Produktionsmittel, des Proletariats.

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