Die neue kybernetische Proletarisierung

⋄ Es herrscht das Vorurteil, dass Digitalisierung und Automatisierung lebendige Arbeitskraft immer mehr überflüssig machen.

⋄ Simon Schaupp stellt in der aktuellen
Capital & Class jedoch klar, dass zwar alte Arbeitsplätze vernichtet werden, jedoch neue entwertete Arbeitsplätze entstehen.

⋄ Der Autor war für seine Studie an zahlreichen Interviews mit Betriebsräten beteiligt, hat aber auch selbst bei zwei Unternehmen gearbeitet.

⋄ Er stellt ein vierstufiges Schema für die Entwicklung neuer Produktionsweisen auf.

⋄ Der moderne Prozess der Kybernetischen Proletarisierung entfremde die Arbeiter*in zwar immer weiter von der Arbeitskraft, entwickle jedoch auch zunehmend das Klassenbewusstsein.

Digitalisierung, Smart Production on Demand, Industrie 4.0: leuchtende Begriffe, die unsere Zukunft retten sollen. Was Sozialstaat und Löhne für ein angenehmes Leben nicht mehr zu leisten im Stande sind, sollen nur Transistoren und Algorithmen schaffen. Dabei herrscht ein Vorurteil: Automatisierung und künstliche Intelligenz würden immer mehr die lebendige Arbeitskraft verdrängen. Diese Verdrängung wird dann mal utopisch als Wegfall lästiger notwendiger Arbeit gedeutet, welche nun leichter, weniger und dem Alltag angepasster gestaltet werden kann. Dystopisch wird als Folge dieses Prozesses Massenarbeitslosigkeit vorausgesehen.

Der Marxismus wiederum wird vor ein ernsthaftes Problem gestellt: Technisch gesehen sind Maschinen, Hard- und Software nur konstantes Kapital, welches keinen Mehrwert erzeugt. Wenn Maschinen aber immer mehr in der Lage werden, menschliche Arbeitskraft zu ersetzen, woher stammt dann noch die Profite der Kapitalisten und warum setzen diese dann immer stärker Maschinen ein? In einer Fallstudie zeigt Simon Schaupp, Lehrkraft der Universität von Basel und Ko-Vorsitzender des Zentrums für Emanzipatorische Technikforschung, dass den Tendenzen des Ausschlusses von Arbeitskraft ebenso Tendenzen der Reintegration von entwerteter Arbeitskraft gegenüberstehen. Veröffentlicht wurde er in der aktuellen Capital & Class.

Methodik: Interviews und persönlche Erfahrung

Der Autor untersuchte vier Firmen, die er mit den Codenamen Smart Electrics, Smart Delivery, Smart Solutions und Smart Shopping bezeichnete. Informationen über die letzten beiden konnte er durch die Teilnahme an mehrtägigen Treffen mit den Betriebsräten der jeweiligen Firmen erhalten. Insgesamt wurden 55 Interviews geführt, die Hälfte davon als Kontrollgruppe in nichtsmarten Industrien. Zwischen 2017 und 2019 arbeitete der Autor sowohl bei Smart Electrics als auch bei Smart Delivery. Hierdurch erhielt er Informationen aus erster Hand, als auch durch Gespräche mit Kolleg*innen. Seine empirischen Erkenntnisse strukturierte und reflektierte er vor dem Hintergrund der Marxschen Klassenanalyse.

Der allgemeine Charakter der Industrie 4.0

Schaupp stellt zunächst fest, dass sich viele Erwartungen in die Industrie 4.0 nicht erfüllt haben. Weder ist die Arbeit weniger geworden. Uber, Lyft oder Didi beschäftigen Millionenheere an formell unter das Kapital untergeordneten Scheinselbstständigen. Allein die Plattform care.com beschäftigt rund 14,6 Millionen Care-Arbeiter*innen. Zudem kommt eine große Anzahl an Click-Work-Jobs hinzu, wo künstliche Intelligenzen trainiert werden oder Social Media Plattformen überwacht werden. Weiterhin wurde die Arbeit durch „Computerkenntnisse“ nicht aufgewertet. Vielmehr ist die Schere zwischen dem Niedriglohnsektor und der qualifizierten Arbeit größer geworden. Programmierer*innen, die durchaus gut verdienen, schaffen Arbeitsplätze, die so einfach konstruiert sind, dass sie jede*r ausführen kann. In allen OECD-Staaten hat dies zu einer Polarisierung der Löhne seit 1980 geführt. So hält Schaupp fest: „Der langfristige Effekt der Digitalisierung ist die Job-Polarisierung“ (S.14).

Marxistischer Ansatz des Autoren

Um seine empirischen Erkenntnisse klassentheoretisch einzuordnen, bezieht sich Schaupp im wesentlichen auf eine nur wenig rezipierte Stelle der Theorien über den Mehrwert:

„Es sind zwei Tendenzen, die sich beständig durchkreuzen; möglichst wenig Arbeit anwenden, um dieselbe oder größre Quantität Waren, um dasselbe oder größre net produce, surplus value, net revenue zu produzieren; zweitens möglichst große Anzahl Arbeiter (obgleich möglichst wenig im
Verhältnis zum Quantum der von ihnen produzierten Waren) anwenden, weil mit der Masse der angewandten Arbeit – auf einer gegebnen Stufe der Produktivkraft – die Masse der surplus value und des surplus produce wächst. Die eine Tendenz schmeißt die Arbeiter aufs Pflaster und macht population redundant1, die andre absorbiert sie wieder und erweitert die wages-slavery2 absolut, so daß der Arbeiter stets schwankt in seinem Los und doch nie davon loskommt. Daher der Arbeiter die Entwicklung der Produktivkräfte seiner eignen Arbeit als ihm feindlich, und mit Recht, betrachtet; anderseits der Kapitalist ihn als ein beständig aus der Produktion zu entfernendes Element behandelt.“ (Marx, Theorien über den Mehrwert 26.2, S.575f.)

Karl Marx entfaltet hier eine Dialektik von Vernichtung und Reintegration von Arbeit. Die moderne Maschinerie vernichtet alte Arbeitsplätze, schafft aber neue Industrien, welche diese auffangen. Diese Reintegration der Arbeiter*innen erfolgt jedoch in einem entwerteten Zustand. Die Spinnmaschinen der Industrialisierung, die Marx hier wohl vor Augen gehabt hat, hat die Heimspinner*innen überflüssig gemacht, nur um neue Arbeitsplätze zur Reinigung, Wartung und Betreuung der Maschinen in den Fabriken zu schaffen. Die neue Arbeit verlangte weniger Ausbildung und Geschick. Die Arbeiter*innen konnten leichter ersetzt werden. Die Löhne fielen.

Ähnlich verhält es sich bei der Industrie 4.0. Alte Arbeitsplätze, die jahrelange Ausbildung voraussetzten, fallen nicht weg, sondern werden so gestaltet, dass sie „vom einfachen Menschen auf der Straße“ ausgeführt werden können. Die Industrie 4.0 widerlegt Marx so nicht, sondern erfüllt auf erweiterter Stufenleiter, was Marx bereits vor 150 Jahren analysierte.

Die vier Aspekte des Transformationsprozesses

Für den modernen Prozess der Entwicklung einer neuen Technologie und ihr Zusammenspiel mit lebendiger Arbeit hat Schaupp ein vierstufiges Modell entwickelt:

1. Ausschluss lebendiger Arbeit: Durch Automatisierung und Digitalisierung werden alte Arbeitsplätze überflüssig gemacht. Dieses Verfahren erhöht so lange den relativen Profit eines Unternehmens, wie die neue Produktionsweise sich noch nicht allgemein durchgesetzt hat, die Waren also so bezahlt werden, als wären sie Produkt lebendiger Arbeit.

2. Reintegration lebendiger Arbeit: Die neue Produktionsweise schafft neue Arbeitsplätze, die gegenüber den alten jedoch entwertet sind. Durch die niedrigeren Löhne kann der Profit dauerhaft gesteigert werden, auch wenn die Konkurrenz technisch bereits aufgeholt hat.

3. Intensivierung der Herrschaft über die neue Produktionsweise: Technik wird nun immer mehr dazu verwandt, die neuen Arbeitsplätze stärker zu kontrollieren und effektiver zu managen. Hier geht es sozusagen um den Feinschliff, um die letzten Prozente des Mehrwerts herauszukitzeln.

4. Kampf um die politische Organisation der Arbeitskraft: Durch die gestiegene Ausbeutung der Arbeitskraft finden Prozesse der Gegenwehr statt. Es kommt zur Entwicklung eines neuen Klassenbewusstseins bzw. kann es dazu kommen. Die Bourgeoisie versucht, Mittel und Wege zu finden, dieses Klassenbewusstsein zu unterbinden oder zu bekämpfen.

Dieses vierstufige Modell belegt und illustriert Schaupp nun mit vielen Beispielen aus der Praxis.

Empirische Ergebnisse

Ausschluss lebendiger Arbeit: datenbasierende Automatisierung

Während der Arbeitsplatzverlust durch Automatisierung die Debatten bestimmt, spielte dieser Prozess in den Firmen der Studie eine eher untergeordnete Rolle. Dies könnte entweder darauf hindeuten, dass die Prozess bereits weitestgehend abgeschlossen wurde oder dass sich niedrigqualifizierte Arbeit unter Anleitung smarter Technik mehr rentiert als Vollautomatisierung. In den untersuchten Betrieben wurde die Automatisierung nur insoweit vorgenommen, dass eine AI Daten der Arbeiter*innen getrackt hat, um sie Robotern in Gegenwart oder Zukunft zugänglich zu machen. Uber beispielsweise sammelt Daten, um sie später einmal autonomen Fahrzeugen zur Verfügung zu stellen.

Reintegration lebendiger Arbeit: entwertete Flexibilität

Zunächst stellt Schaupp dar, wie die Firmen die Arbeitsplätze entwerteten. Die Firma Smart Electrics beispielsweise zeigte über Bildschirme mit Bildern und Texten an, wie der nächste Montageschritt auszusehen hat. Neue Arbeiter*innen mussten nicht einmal persönlich eingelernt werden, sondern wurden in einer Videokonferenz über die wesentlichen Vorgaben unterrichtet. Interessant ist hierbei die Doppelfunktion, welche Maschinen für die Absorption menschlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten einnehmen. Auf der einen Seite ist in ihnen bereits Wissen vergegenständlicht, welches die Arbeiter*in nicht mehr braucht, auf der anderen Seite gewinnt sie neue Erkenntnisse über den Arbeitsprozess, indem sie diesen überwacht und auswertet.

Eine besondere Rolle bei der Reintegration entwerteter Arbeitskraft spielen Menschen mit vermindertem Rechtsstatus. So führten in einigen Betrieben bis zu 70% der neuen niedrigqualifizierten Arbeiten Migrant*innen oder Geflüchtete aus, auch wenn diese eigentlich überqualifiziert waren. Es gab sogar Busshuttles zwischen Unterkünften und Betrieben. Doch selbst unter diesen prekären Bedingungen reichten Löhne teilweise nicht zum Leben.

Intensivierung der Herrschaft über die neue Produktionsweise: Kybernetik

Die Programme und Geräte, welche den Arbeiter*innen zur Verfügung gestellt wurden, bestimmten auch deren Arbeitsrhythmus. Detektierte ein Gerät keine Tätigkeit, wurde der Arbeiter*in eine neue zugewiesen. Rutschte ein*e Arbeiter*in unter die Arbeitsnorm, ertönte ein akustisches Signal. Jeder Schritt kann verfolgt werden, jede Toilettenpause wird aufgezeichnet und verrechnet. Mittlerweile entlassen Programme Arbeiter*innen, deren Arbeitsleistung zu niedrig sind, autonom. Andere Apps teilen Arbeiter*innen zu Hause mit, wenn gerade ein Auftrag eingetroffen ist und ihre Arbeit flexibel gebraucht wird. Lebendige Arbeit wird on demand verfügbar. Der besonders perfide Effekt dieser Konditionierung ist, dass Arbeiter*innen selbstständig nach „Zeitverschwendung“ suchen und diese eliminieren, selbst wenn sie gerade nicht kontrolliert werden. Dies steigert das Stresslevel enorm und führt zu erhöhter Gesundheitsbelastung, was durch den Kapitalisten auf Grund der Entwertung leichter durch neues Personal zu kompensieren ist.

Kampf um die politische Organisation der Arbeitskraft: Technopolitik von unten

Entgegen landläufiger Annahmen, dass die zunehmende Entfremdung und Differenzierung Klassenbewusstsein und Kampfkraft der Arbeiter*innen massiv schwächen, konnte Schaupp drei Arten von Widerstandsformen identifzieren. Erstens wurden die Geräte zweckentfremdet, umgangen oder abgelehnt, sowie Algorithmen manipuliert. Zweitens entwickelte sich ein kritisches Bewusstsein über den Arbeitsprozess. Und drittens wurden entgegen heftiger Widerstände politische Organisationsversuche in Form von Gewerkschaften, Basisinitiativen und Betriebsräten beschritten. 2018 verlor die britische Industrie 42% mehr Arbeitszeit als im Durchschnitt durch Streiks in smarten Industrien. Im Juni 2018 machte ein Streik der DiDi-Fahrer*innen in China 20% der gesamten Streiktätigkeit des Landes aus. Verblendungsmechanismen, wie ein kollegiales Verhältnis zum Chef, entfernt die Smart Industry ganz von selbst und die Arbeiter*innen erleben ihre Entmenschlichung im Arbeitsprozess sehr unmittelbar.

Die Selbstorganisation der Arbeiter*innen spielt eine immer größere Rolle, je weiter die Digitalisierung vorangeschritten ist, traditionelle Gewerkschaften eine immer geringere. Das bedeutet nicht, dass Gewerkschaften die Arbeiter*innen bei Bedarf nicht unterstützen oder die Thematik garnicht auf der Tagesordnung hätten, aber die Strukturen haben sich noch nicht angepasst.

Zusammenfassung

Das, was Simon Schaupp unter dem Begriff Kybernetische Proletarisierung zusammenfasst, beschränkt sich nicht auf einzelne Schichten der Arbeiter*innenklasse oder bestimmte Branchen. Die Kybernetische Proletarisierung beschreibt vielmehr einen Prozess, der aus den vier Bestandteilen Ausschluss lebendiger Arbeit, Reintegration entwerteter Arbeit, Intensivierung der Arbeit und Klassenkampf auf neuer Ebene auszeichnet. Dieser Prozess kann prinzipiell in jedem Wirtschaftssegment besteht. Die Studie von Schaupp zeigt, dass auch die digitalisierte und automatisierte Industrie 4.0 nicht ohne lebendige Arbeitskraft auskommt. Die mit der Industrie 4.0 verbundenen Prozesse dienen letztendlich dazu, nicht die Arbeitskraft an sich zu ersetzen, sondern die einzelne Arbeitskraft ersetzbar zu machen. Was zuerst der mechanische Webstuhl und später das Fließband waren, ist heute ein Gerät mit Monitor, was der Arbeiter*in jeden einzelnen Handgriff diktiert.

Schaupp zeigt dankenswerter Weise auch auf, dass smarte Industrien die Arbeiter*innen nicht nur vereinzeln, sondern ihnen die Unmenschlichkeit des kapitalistischen Produktionsprozesses vor Augen führen. Es wird eine der entscheidenden Fragen der Zukunft werden, ob es gelingt, dieses wachsende spontane Klassenbewusstsein weiter zu entwickeln. Oder wie der Autor selbst beispielhaft anführt, die Gemeinsamkeiten zwischen dem Programmierer im Silicon Valley, dem Uber-Fahrer in Berlin und dem Sklaven in den afrikanischen Cobaltminen aufzuzeigen und in politische Kampfkraft zu übersetzen.

Literatur:

Marx, K. (1967): Theorien über den Mehrwert. 2. Teil. MEW 26.2. Berlin (Ost): Dietz.

Schaupp, S. (2022): Cybernetic proletarianization: Spirals of devaluation and conflict in digitalized
production. In: Capital & Class. 46(1). S.11–31.

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