Feminismus oder Feminismus?

⋄ In der Partei Die Linke., aber auch in der linken Bewegung, wird gerade #LinkeMeToo diskutiert.

⋄ Bisher beliefen sich Austritte, Rücktritte und Rücktrittsforderunge fast nur auf Frauen.

⋄ Der Dissens in der Linkspartei spiegelt eine Widersprüchlichkeit der feministischen Debatte wieder.

⋄ Myra Marx Ferree verglich 2012 in ihrem Buch Varieties of Feminism die deutsche mit der amerikanischen und englischen Frauenbewegung.

⋄ Sie zeigt auf, dass es einen symbolisch-autonomen und einen materiell-institutionellen Feminismus gibt. Diese Analysekategorien lassen sich auch auf den aktuellen Konflikt anwenden.

Die Debatte um #LinkeMeToo ist eine weibliche. Das klingt zunächst banal. Wenn man aber bedenkt, dass die mutmaßlichen Täter eigentlich gar nicht vorkommen, sondern Rücktritte und Rücktrittsforderungen fast ausschließlich Frauen betreffen, scheint dieser Umstand etwas eigentümlicher. Von Vorständen berufene Vertrauenspersonen sind vorrangig weiblich, werden von Aktivist*innen aber teilweise stellvertretend für die namenlosen Täter als deren angebliche Schutzpatroninnen vorgeführt. Da alle Beteiligten bekunden, feministisch zu sein und sexuelle Gewalt zu verurteilen, scheint es sich auch weniger um eine konkret inhaltliche Frage zu handeln. Es ist eine Frage der Definitionsmacht.

Vielleicht kann ein Buch aus dem Jahre 2012 ein wenig weiterhelfen, die Merkwürdigkeiten der Debatte zu verstehen. Die Soziologin Myra Marx Ferree legte mit Varieties of Feminism – German Gender Politics in Global Perspective eine vergleichende Studie über die Frauenbewegungen in Deutschland, den USA und Großbritannien vor. Es wurde 2017 mit dem Titel „Feminismen“ übersetzt und sogar in den heiligen Bestand der Bundeszentrale für politische Bildung aufgenommen, wo es für einen schmalen Schein zu erstehen ist.

Nicht nur, weil die Autorin einen Marx in Namen trägt und auf dem Buchcover eine große rote Fahne prangt, könnte Ferrees Ansatz dazu taugen, Verständnis für die aktuelle Debatte zu schaffen.

Ferrees Ansatz vergleichender Feminismusanalyse

Myra Marx Ferree ist – anders als die meisten in diesem Blog besprochenen Autor*innen – weder bekennende Marxistin, noch historische Materialistin. Sie verwendet jedoch sehr analoge Konzepte. Was Marxist*innen gemeinhin als historischen Materialismus bezeichnen, nennt Ferree Relationaler Realismus und beschreibt diesen als Abhängigkeit kognitiver Konstruktionen von der historischen sozialen Wirklichkeit. Dialektischen Materialismus interpretiert sie als unendlichen Kampf zwischen Wahrnehmung und Sein. Die Wahrnehmung habe immer eine Differenz zum Sein. Somit konstruiere der Mensch alternative Wirklichkeiten, die den Motor für eine utopische Entwicklung der Gesellschaft böten.

In diesem Konzept ist es folgerichtig, dass unterschiedliche politische Konstruktionen zu unterschiedlichen feministischen Kämpfen, aber auch zu unterschiedlichen feministischen Identitäten führen. Sie analysiert nun die Geschichte der Frauenbewegung in den USA, Großbritannien und Deutschland vor dem Hintergrund der unterschiedlichen politischen Traditionen, um deren Unterschiedlichkeit zu erklären.

Die deutsche Frauenbewegung

Für Deutschland gelten hiernach einige Grundcharakteristika: Erstens hänge die Finanzierung sozialer Bewegungen viel stärker von staatlichen Mitteln ab als in anderen Ländern (wo sie mehr auf Spenden der Aktivist*innen und des Kapitals angewiesen sind). Zweitens greife der deutsche Staat seit jeher sehr stark in die ökonomische und soziale Reproduktion der werktätigen Klassen ein. Drittens habe die deutsche feministische Bewegung in ihrer Geschichte verschiedenste Konstruktionen von Bürgerrechten (KR, WR, DR, BRD, DDR,) durchlebt, während das grundlegende gesellschaftliche System der USA oder Großbritannien sich in den letzten 150 Jahren nicht änderte. Und viertens behalte sich der deutsche Staat mehr Eingriffe in die individuelle Autonomie vor als die angelsächsischen.

In ihren Anfängen sei die deutsche Frauenbewegung sehr stark vom Klassenkonflikt einer klerikalen, Landbesitzerklasse gegen eine sozialistisch organisierte Arbeiterklasse geprägt gewesen, innerhalb dessen die Bourgeoisie verschiedene Koalitionen einging. Die Sozialdemokratie kämpfte im Wesentlichen für einen männlichen Lohn, welcher die Familie ernähren konnte und für Schutzgesetze für Frauen. Durchgesetzt werden sollte dies durch den „Vater Staat“. Es waren dann die Kommunist*innen, die unter dem Druck der Prekarität ihrer Mitglieder und die bürgerlichen Frauenvereine, die auf Grund der relativen Sorgenfreiheit ihrer Mitglieder gleiche Rechte forderten. So stand die KPD dem eher liberalen Bund deutscher Frauenvereine in der Abtreibungsfrage (Abschaffung des Paragraphen 218) näher als der SPD.

In der „natürlichen Aufgabenverteilung“ von Mann und Frau waren sich SPD und CDU dann auch nach dem Zweiten Weltkrieg einig. Erst die Radikalisierung der Student*innen in der 68er Bewegung stellte die klassische Rollenverteilung in Frage. Begonnen mit dem symbolträchtigen Tomatenwurf auf Rudi Dutschke, organisierte sich die Frauenbewegung zunehmend autonom von der sozialistischen. Durch Wohngemeinschaften und alternative Lebensentwürfe wurde das Zugriffsrecht des Staates auf die Familienplanung in Frage gestellt.

Die sozialstaatliche Tradition Deutschlands erwies sich am Ende jedoch robuster als die Graswurzelorganisierung. Die Selbstvertretung münzte der Staat in Frauenbeauftragte um. Kämpfe gegen das Abtreibungsverbot und die Vergewaltigung in der Ehe wurden parlamentarisch eingehegt. Frauenhäuser wurden auf öffentliche Finanzierungsgrundlagen gestellt, die Familienfrage durch das Elterngeld pluraler gestaltet. Die Forderung nach der Hälfte der Macht schlug sich in quotierten Listen nieder.

Jede einzelne Maßnahme an sich bedeutete zwar eine materielle Verbesserung, war jedoch immer wieder mit einem Machtverlust der eigentlichen Aktivist*innen und der Frauen als Gruppe verbunden.

Der Sonderweg DDR

In der DDR gestaltete sich der Weg der Frauenbewegung in dreifacher Hinsicht anders als in der BRD. Erstens konnte diese nur im Rahmen zentral gelenkter Organisationen stattfinden. Zweitens brachte die SED die KPD-Tradition gleicher Rechte für Frauen in die DDR ein. Und drittens wurde das Arbeitskräftepotential der Frauen benötigt, wodurch Frauen immerhin auf dem Arbeitsmarkt recht schnell gleiche Anerkennung genossen. Es war ein fortwährender Bestandteil der Staatspropaganda, dass die Emanzipation der Frau in der DDR weiter voran geschritten sei als in der BRD. Allerdings war offene Kritik an der Unzulänglichkeit der Gleichberechtigung – Gewalt gegen Frauen, Ungleichverteilung der Hausarbeit, Mangel von Frauen in Führungspositionen – nicht frei möglich.

Was nach Ferree Kaiserreich und Weimarer Republik, DDR und BRD, sowie das Dritte Reich und das Nachwendedeutschland vereinte, seine ein starker Einfluss des Staates auf die Familienpolitik gewesen. Mit der Wende sei den Feminist*innen der DDR bewusst geworden, dass weniger die formalen Gesetze, als eher die Ellenbogengesellschaft der neuen Marktwirtschaft sich als Rückschritt für die Frauensache erwiesen.

Die amerikanische und britische Frauenbewegung

Grundsätzlich erkennt Ferree folgende Merkmale der angelsächsischen Frauenbewegungen: Sie seien seit jeher sehr breit gefächert gewesen: von radikalen Feministinnen bis hin zu religiösen reaktionären Vereinen. Zweitens sei die radikale Frauenbewegung in den USA eigentlich eine sozialdemokratisch orientierte, die in Deutschland bereits Mainstream gewesen sei. Drittens gäbe es in der US-Frauenbewegung zwar sehr amerikanisch-spezifische Diskurse, die aber global rezipiert würden. Und letztens sei die US-Frauenbewegung schon sehr früh mit der intersektionalen Dimension der Race konfrontiert worden, während die deutsche Frauenbewegung sich eher aus einer Klassendynamik heraus entwickelte.

Der feministische Kampf in den USA sei immer von dem um die Rechtswirklichkeit des verfassungsmäßigen Versprechens auf gleiche Rechte für alle geprägt gewesen. Der Staat wurde nicht um explizite Handlungen gebeten, sondern er sollte auf Vorverurteilungen, Diskriminierungen und impliziten Ausschluss verzichten. Die Selbstbestimmung habe immer den ideologischen Vorrang vor materiellen Forderungen gehabt. Da die Forderungen viel stärkeren symbolischen Charakter trugen, etwa die nach Repräsentation, waren sie vom Staat nicht so leicht zu vereinnahmen. Gleiche Rechte bedeutete für den US-Feminismus beispielsweise auch, in der Armee für das Vaterland dienen zu dürfen. Da der Staat die soziale Arbeit nicht in dem Maße institutionalisiere und professionalisierte wie in Deutschland, waren die Frauenprojekte zwar prekärer, aber autonomer.

Letztendlich sei es der Neoliberalismus gewesen, der die deutsche an die amerikanische Frauenbewegung aneinander angenähert hätte. Der Abbau des Sozialstaates in Deutschland bot die Grundlage für ein neues liberales Framing von Equal Rights, Self-Determination und Representation, wie sie in den USA schon lange zu den feministischen Kernthemen zählte. Dies erkläre beispielsweise den großen Impact von Judith Butlers Gender Trouble in Deutschland.

#LinkeMeToo vor diesem Framework

Nach Myra Marx Ferree lässt sich der Feminismus historisch als als in sich widersrpüchliche Doppelgestalt interpretieren: Eine Frauenbewegung, die materiell prekär, aber organisatorisch autonom war, wie in den angelsächsischen Staaten. Und eine materiell abgesicherte, aber institutionell eingehegte, wie in Deutschland. Das Entscheidende an diesem Framing ist, dass in den patriarchalen kapitalistischen Gesellschaften immer nur eines zu haben ist. Entweder stammen Ressourcen aus den begrenzten Mitteln des Proletariats, worunter langfristig deren Reproduktion leidet oder sie stammen aus den Töpfen des ideellen Gesamtkapitalisten, der Interesse an der Aufrechterhaltung des Patriarchats hat.

Genderthematiken sind seit mindestens 15 Jahren in der amerikanischen Popkultur verwurzelt, aus denen viele jüngere linke Feminist*innen ihre Vorbilder schöpften. Somit ist die angelsächsische Interpretation des Feminismus des Primats der Autonomie in der Jugend weit verbreitet. Dass sich diese Autonomie auf den Bereich der sexuellen Selbstbestimmung erstreckt, ist nur logisch; die Definition der Grenzen und dessen, wer Opfer und wer Täter ist, mit eingeschlossen. Diese Autonomie wehrt sich dann sehr stark gegen institutionelle Regulation. Die Befürchtung eines Autonomieverlustes durch die patriarchale Ausnutzung der jeder Institution inhärenten Schwächen ist in Anbetracht der Geschichte der deutschen Frauenbewegung kaum von der Hand zu weisen.

Der andere, in diesem Framing deutsche, Flügel des Feminismus hat gleichfalls berechtigte Sorgen. Er befürchtet, dass die Überbetonung der Autonomie und der Verlust von Institution, materielle Forderungen der Frauenbewegung untergraben könnte. Eine Partei wie DIE LINKE. ist eingebettet in juristisch und demokratisch verbindliche Strukturen, die für die staatliche Parteien- und Stiftungsfinanzierung unumgänglich sind. Auf diese Mittel zu verzichten, hieße Ressourcen aus der Hand zu geben. Die Erfolge der autonomen Frauenbewegung in Deutschland halten sich ehrlicherweise auch in Grenzen. Rein symbolische Anerkennung weiblicher Definitionsmacht, wie etwa durch die amerikanische Popkultur oder durch schnelle Rücktritte, könnte von substanziellen Änderungen der materiellen Basis ablenken.

Beide Positionen sind gleich wahr. In diesem Konflikt wird es demnach auch keine für alle befriedigende Lösung geben. Gerade durch die versprochene Schaffung von Strukturen, die von #LinkeMeToo-Aktivist*innen gefordert wurden, droht eine Einhegung weiblicher Definitionsmacht mittels berechnender Prozesse. Wen muss ich kennen, damit mein Verhalten nicht thematisiert wird? Wie kann ich ein Sexist sein, wenn ich brav meine Workshops zu toxischer Männlichkeit mit 1 bestanden habe? Und die Profession der professionellen Hilfe, welche angemahnt wird, wurde letztendlich durch den patriarchalen Staat geschaffen. Es hilft auch nicht, darauf hinzuweisen, dass erst ein Ende des Kapitalismus ein Ende des Gender Trouble ermögliche. Denn um den Kapitalismus abzuschaffen, braucht es eine Organisation. Für eine Organisation braucht es die Frauen.

Zusammenfassung

Dieser Artikel sagt nicht, dass die Spaltungslinien real so verlaufen, wie dargestellt. Er nutzt lediglich das von Myra Marx Ferree aufgestellte theoretische Konzept, um ein materialistisches Interpretationsangebot für die Widersprüchlichkeiten der feministischen Praxis in linken Organisationen und Parteien zu machen.

Natürlich ist Ferrees Buch auch mit Vorsicht zu genießen. Sie geht beispielsweise davon aus, dass sich eine liberale Gesellschaft automatisch hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit entwickeln würde. Dabei sind die Gründe für Sexismus nur aus der kapitalistischen Gesellschaftsform heraus erklärbar. Zudem gewichtet sie sehr stark die feministischen Debatten akademischer Mittelklassenzirkel, während sie proletarische feministische Ansätze marginalisiert.

Jedoch ergibt es durch aus Sinn, die Brüche, welche durch die Globalisierung des Feminismus in Gebieten unterschiedlicher Tradition, im Spiegel der materiellen Grundlagen zu analysieren.

Literatur

Ferree, M. (2012): Varieties of Feminism. German Gender Politics in Global Perspective. Standford: Stanford University Press. auf deutsch: Ferree, M. (2017): Feminismen. Die deutsche Frauenbewegung in globaler Perspektive. Frankfurt: Campus.

Eine kleine Klarstellung:

Der Artikel behandelt nicht den Inhalt des Diskurses von #LinkeMeToo. Über die konkreten Fälle werden keine Mutmaßungen angestellt und ihnen wird ihre eigenständige Bedeutung nicht aberkannt. Thema des Artikels ist das Verhalten der Partei- und Bewegungsöffentlichkeit, welche über die konkreten Fälle ebenso nur beschränkte Kenntnis trägt.

Der Artikel ist in einer überwiegend binären Form geschrieben. Dies ergibt sich aus dem Inhalt des zugrunde liegenden Buches, welches zwar LGBTQI/FLINTA-Themen kurz aufgreift, aber nicht wesentlich in der Argumentation verwendet. Durch die Sprache soll nicht ausgedrückt werden, dass patriarchale Strukturen nicht auch LGBTQI/FLINTA-Personen betreffen.

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