Die „Wissenschaft der Logik“ und das „Kapital“ in der Sowjetunion

⋄ Manolis Dafermos ist Professor für Epistemologie der Psychologie an der Universität von Kreta.

⋄ Er fertigte für die aktuelle Capital & Class einen Überblick über die sowjetische Diskussion um die
Wissenschaft der Logik und das Kapital an.

⋄ Er zeigt auf, dass die Debatte zu vielen Zeiten plural, kontrovers und produktiv geführt wurde.

⋄ In jeder Theorie spiegeln sich Ökonomie und Klassenkämpfe der damaligen Zeit wider.

⋄ Dafermos hält die Besprechung der Dialektik gerade im Zeitalter fast unbegrenzter Informationen für bedeutend.

Im vorangegangenen Artikel wurden drei Kernpunkte der Hegelschen Entwicklung der Logik in ihrer Bedeutung für das Kapital diskutiert und zwar:

1. Das Problem des Anfangs

2. Das Problem, aus Wenig Viel zu machen

3. Das Problem der Systematik (in den Dialektischen Grundgesetzen)

Manolis Dafermos, Professor für die Epistemologie der Psychologie an der Universität von Kreta und Autor verschiedener Bücher über Dialektikgeschichte hat sich in der aktuellen Capital & Class der Diskussion um Dialektik in der Sowjetunion gewidmet. Herausgekommen ist ein toller Übersichtsartikel, der hier nachgezeichnet und kontextualisiert werden soll. Die drei im letzten Artikel besprochenen Elemente werden sich auch in dieser Diskussion widerspiegeln.

Von Lenin bis zum DiaMat Deborins

Die Beschäftigung russischer Kommunist*innen mit Hegel beginnt der Legende nach mit dem berühmten Ausspruch Lenins: „Man kann das ,Kapital‘ von Marx und insbesondere das I. Kapitel nicht vollständig begreifen, ohne die ganze Logik von Hegel durchstudiert und begriffen zu haben.“ (Lenin, Werke, Bd. 38, S.170). Entgegen einem simplem und starrem Dualismus versprach die Hegelsche Dialektik ein komplexes und dynamisches Denken in Widersprüchen. Ein Bedürfnis, welches Lenin in den Tagen des Verrats der europäischen Sozialdemokratie am Proletariat und dem Völkerschlachten des Ersten Weltkriegs verständlicherweise ereilte. Und auch in den wirren und umkämpften Zeiten des Bürgerkriegs und der Festigung der bolschewistischen Führung stellten sich Marxist*innen Fragen nach einer materialistischen Anwendung der Dialektik.

Der erste bekanntgewordene Vertreter ist Abram Deborin. Der Plechanov-Schüler gilt mit Stalin als einer der Begründer des so genannten DiaMat (kurz für: Dialektischer Materialismus), unter der man eine schematistische und simplifizierte Schuldialektik versteht, die sich im wesentlichen auf die drei Grundgesetze der Dialektik von Friedrich Engels stützt. Deborin argumentierte für eine universelle Anwendbarkeit der Dialektik, zum Beispiel auch auf die Naturwissenschaften. Deborins Werk scheint mehr Parteinahme als eine ausgearbeitete Theorie zu sein. Seine Exegese zu Dialektik und Naturwissenschaften erinnert sehr stark an die Lenins zu „Staat und Revolution“. Aber genau durch diese Parteinahme und den sich daraus ergebenden Konsequenzen stieß er eine breite Debatte über die Spannung zwischen Sein und Erkenntnis und ihre Vereinigung in der Dialektik an.

Aber warum war die Dialektik Deborins so starr, obwohl es sich um einen klugen Kopf handelte? Wir müssen seine Theorie in der Zeit sehen. In der jungen Sowjetunion lebten zunächst die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft fort. Diese sind die materielle Grundlage für das sich in Widersprüchen bewegende Denken, ob Hegels oder Marxens. Ausgedrückt werden sie zum Beispiel in antagonistischen Klassen. Die Bolschewiki und insbesondere Stalin machten es sich zur Aufgabe, diese Widersprüche gewaltsam durch die Macht der Partei, zu entscheiden. Und genauso entscheidet die Dialektik Deborins fast gewaltsam Widersprüche, anstatt sie ihrer Selbstbewegung zu überlassen. Ein solches Denken musste außerhalb der Sowjetunion und in späteren stärker von kapitalistischen Elementen geprägten sowjetischen Epochen aus der Zeit gefallen wirken. Seine Dialektik spiegelt jedoch immerhin die politische Macht der proletarischen Partei philosophisch wider.

Ein weiterer Vertreter des DiaMat sei Kuschin gewesen. Dieser schrieb 1929 ein Buch über die dialektische Methode im Kapital, in welcher er konsequent die triadische Methode von These, Antithese und Synthese herauszuarbeiten versuchte. Kuschins Buch sei, so Dafermos, ein gutes Beispiel für die Fruchtlosigkeit der scholastischen Anwendung der Dialektik.

Von Rubin bis zum Ende der Stalin-Ära

Kuschins Buch enthielt ein Vorwort von Isaak Rubin. Rubin war ein menschewistischer Politikökonom, dessen Kommentare zur marxistischen Werttheorie als idealistisch kritisiert wurden und der auf Grund seiner Verbindungen zu Rjazanov zunächst aus der wissenschaftlichen Kommunikation ausgeschlossen und später verbannt wurde. Ähnlich wie Hegel in der Wissenschaft zeichnete er nach, wie sich die komplexen Formen des Kapitalismus aus den simplen Formen entwickeln. Durch seine sehr spezifische Formanalyse gilt er als einer der Begründer der späteren Wertformanalyse. Obwohl Marx offensichtlich formal bei der Ware anfängt, erklärt Rubin, dass er dies nicht tue. Schließlich sei die Ware, mit der Marx beginnt nicht eine zufällige, die sich wiederum zufällig gegen eine andere tausche, sondern im Tauschwert sei bereits beinhaltet, dass sich die abstrakte Ware in gegebenen Proportionen gegen alle anderen Waren tauschen lassen müsse. Damit sei aber ihre Eigenschaft, Produkt von Arbeit zu sein, bereits in sie hineingelegt. Daher müsse die Arbeit als das immanente Maß des Werts der Anfang sein. Rubin diskutiert also das Problem des Anfangs. Rubin stellt dar, wie sich alle Kategorien immer wieder auf den Anfang rückbeziehen und nach jeder Entfaltung deutlicher im Anfang erkennbar sind.

Man kann mit Hinblick auf Hegel Rubins Argumentation nur schwer widersprechen. Was war nun der Grund, warum seine Theorien zu seiner Verbannung führten? Deborin, Kuschin und Rubin forschten alle zusammen in der Zeit der Neuen Ökonomischen Politik. Diese sorgte nach der Ablösung des Kriegskommunismus zwar für eine verbesserte Versorgungslage in den Städten, aber auch für neue soziale Ungleichheiten, für Wucher und neue Kapitalakkumulation. Die Bolschewiki standen vor der Entscheidung, ob sie mit der NEP oder ohne die NEP den Sozialismus weiter entwickeln wollen. Und in diese politisch hochbrisante Frage stößt die Debatte um Dialektik. Für Deborin war die Dialektik zwar ein universales, aber kein totales Konzept. Die dialektischen Grundgesetze waren für ihn eine „Reihe von aufeinanderfolgenden unabhängigen, allgemeingültigen Eigenschaften“ (Dafermos 2022, S.80). Die dialektische Entfaltung des Kapitalismus und seiner Widersprüche endeten erst mit der bewussten Planung. Für Rubin hingegen war die kapitalistische Entwicklung hingegen in jeder Elementarzelle des Kapitalismus schon entwickelt, inklusive der Widersprüche (vgl. S.732ff.). Es wäre also denkbar, dass sich die Widersprüche unter Führung der Kommunistischen Partei auch in einer kapitalistischen Wirtschaftsform bis zur Selbstaufhebung entfalteten. Somit wären Sozialismus und NEP keine Widersprüche. Mit dem Sieg Stalins setzte sich auch die gewaltsame Ablösung der NEP durch. Die dieser Politik nahestehenden Intellektuellen setzten sich im offiziellen Kanon durch, die fernstehenden wurden traktiert.

Die post-stalinistische Diskussion: Ilyenkov und Zinovyev

Im Laufe der 1960er Jahre entspann sich an der philosophischen Fakultät der Lomonossow-Universität einer neuer Streit mit zwei Polen. Auf der einen Seite stand Evald Ilyenkov und auf der anderen Alexander Zinovyev. Letzter widmete sich dem Kapital mit einer formal-logischen Untersuchung. Widersprüche wurden als formale Widersprüche aufgefasst und nicht als in den Dingen selbst angelegt. Eine logische Formalisierbarkeit wäre die Voraussetzung für eine mathematische Formalisierbarkeit. Das aufkommende Datenzeitalter wirft seine Schatten voraus. Ilyenkov hingegen versuchte in seinem Buch „Dialektische Logik“ nachzuweisen, dass die Widersprüche der realen Welt entspringen und sich somit der einfachen Formalisierung verschließen. Er kritisierte die Konzepte von abstrakt und konkret, wenn diese als unterschiedene Ebenen wahrgenommen würden. Etwas sehr Abstraktes könne sehr konkret sinnlich wahrgenommen werden und umgekehrt. Wenn sie diese Ebenen aber nicht mehr trennen ließen, sondern sich jeweilig durchdringen, wird auch eine Formalisierung scheitern. An sich verteidigte Ilyenkov jedoch das Denken vom Abstrakten zum Konkreten.

Auch hier ist die Debatte nicht ganz unwichtig. Hier ist das Problem berührt, wie aus Weniger Mehr wird. Die Denkrichtung vom Konkreten zum Abstrakten, die man Positivismus oder Empirismus nennen kann, stellt sich Wissensgenerierung so vor: Kleine Elementarzellen werden logisch so verknüpft, dass sie einen eigenständigen Algorithmus bilden können, der neues Wissen erzeugt. Diese kleinen Elementarzellen lassen sich empirisch feststellen und man kann dieses Denken deshalb als Positivismus bezeichnen, weil in ihr eines nicht funktioniert: eine Systemkritik. Das auf den empirischen Elementarzellen erzeugte System reproduziert sich auf höherer Stufenleiter nur selbst. Der Klassiker: Ein Computer berechnet, was man ihm befiehlt, aber er kann den Befehl selbst nicht kritisieren. Beim Gang vom Abstrakten zum Konkreten zeigt sich, wie die Totalität eines Systems sich aus immanenten Widersprüchen der Elementarformen erzeugen muss, die sich immer wieder selbst revolutionieren und mit Inhalt füllen. Diese Widersprüche können an Kipppunkten zu neuen Qualitäten führen, anders als das positivistische System. Dieser Streit reflektiert die innere Widersprüchlichkeit der damaligen Sowjetunion, am globalen positivistischen Wissenschafts- und Wirtschaftssystem teilhaben zu wollen und doch durch die sozialistischen Elemente der Gesellschaft von dieser unterschieden zu sein.

Dafermos Geheimtip: Victor Vaziulin

Einen eher unbekannten Philosophen bespricht Dafermos noch sehr ausführlich. Victor Vaziulin hält den Gang von Abstrakten vom Konkreten für richtig, da die Welt dem Menschen bereits in voller Entfaltung vorliege. Allerdings erfolge dieser Gang auf der Ebene der Wahrnehmung vom Konkreten zum Abstrakten. Beide Prozesse müssten in ihrer dialektischen Einheit betrachtet werden. Angewandt auf das Kapital würde dies bedeuten, dass die Ware als abstrakteste Elementarform die kapitalistische Gesellschaftsform reproduziert. Die Ware allerdings kann nicht angeschaut werden, sondern nur eine konkrete Ware. Konkrete Waren reprodzuieren damit einen konkreten Kapitalismus. So entstehen mehrere dialektische Denkhelixen, die sowohl aufzeigen, wie die abstrakte Ware den abstrakten Kapitalismus und die konkrete Ware den konkreten Kapitalismus reproduziere. Das Bild von der Helix verweist hier ebenfalls ein wenig auf die damals aktuelle Naturwissenschaft. 1952 wurde das Foto 51 aufgenommen, welches nachwies, dass die DNA in Form einer Doppelhelix gespeichert ist.

Das Ende der Sowjetunion

Ab den 70er Jahren ebbte die Debatte um die dialektische Methode des Kapitals zunehmend ab. Die einzelnen Akteure wandten sich anderen Themen zu oder spezialisierten sich. 1971 fassten Rozental, Ilyenkov und viele andere namhafte beteiligte die bisherige Debatte im Sammelband „Eine Geschichte der Marxistischen Dialektik“ zusammen. In diesem vorzeitigen Resümee schwingt so etwas wie ein vorausschauendes Resümee der gesamten Sowjetunion mit, als ob ihr Niedergang bereits damals spürbar gewesen war. Mit der Perestroika setzten sich positivistische Dialektiker wie Yakovlev durch, für die die Selbstbewegung des Kapitals der einzige „effiziente“ Ausdruck einer Dialektik sein konnte.

Dafermos zieht ein Fazit mit Blick auf die Informationsgesellschaft. Er stellt die Debatte um eine Systematisierung und Entfaltung der Marxschen Dialektik im Kapital in den Kontext der modernen Informationsgesellschaft. Gerade heute bestünde die Notwendigkeit, die unendlichen Informationen konzeptionell zu ordnen, um nicht den Überblick zu verlieren. Und hierfür bilde die Diskussion um die Dialektik in der „Wissenschaft der Logik“ und im „Kapital“ eine bedeutende Rolle.

Zusammenfassung

Manolis Dafermos gelingt ein bündiger und aufschlussreicher Überblick über einen wenig rezipierten Strang der sowjetischen Theoriegeschichte. Er zeigt auf, wie plural, kontrovers und kontextgebunden die Diskussion in der meisten Zeit der Sowjetunion verlief. Dialektik als reine Rechtfertigungsideologie macht nur einen geringen Teil dieser Geschichte aus. Die Bibliographie ist ein Fundus für Interessierte, die Werke selbst zu studieren und man wird einige Schätze bergen.

Natürlich kann ein kurzer Abriss die Diskussion nicht vollständig abbilden. Einige Theorien werden holzschnittartig dargestellt und man versteht ihren Witz nicht. Aber das ist dem geringen Raum geschuldet. Ein wenig enttäuscht, dass der DiaMat in Anschluss an Deborin zu negativ gezeichnet wird und nicht in Bezug zur politischen Ökonomie und den Ansprüchen des Klassenkampfs zur damaligen Zeit gesehen wird. Hier hätte Dafermos gleich angewandt dialektisch-materialistisch arbeiten können.

Literatur

Dafermos, M. (2022): Rethinking the relationship between Marx’s Capital and Hegel’s Science of Logic: The tradition of creative Soviet Marxism. In: Capital & Class. Vol. 46(1). S. 77–93.

Lenin, W. I. (1964): Werke. Band 38. Berlin (Ost): Dietz.

Rubin, I. (1929/2018): The Dialectical Development of Categories in Marx’s Economic
System. In: Day, R. (Hrsg.) & Gaido, D. (Hrsg.): Responses to Marx’s Capital From Rudolf Hilferding to Isaak Illich Rubin. Leiden, Boston: Brill.

Bemerkung:

Da Dafermos sehr viel feststehendes Faktenwissen benutzt, ist der gesamte Artikel im Indikativ geschrieben. Da ich jedoch an vielen Stellen das Bedürfnis hatte, die Informationen seines Artikels zu kommentieren, was ich normalerweise deutlich mache, indem ich den Indikativ verwende und die Autor*innenmeinung im Konjunktiv wiedergebe, habe ich meinen Kommentar durch Kursivschreibung getrennt.

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