Howard Zinn: Der Gründungsvater der Wokeness wird 100

⋄ Howard Zinn (+ 29. Januar 2010) wird am 24. August 100 Jahre alt.

⋄ Sein Buch
A People’s History of the United States, dass die Geschichte der USA aus Sicht der werktätigen Klassen erzählt, prägte die Neue Linke in den Vereinigten Staaten.

⋄ Howard Zinn stammte aus einer jüdischen Arbeiter*innenfamilie, nahm als Bomberpilot am Zweiten Weltkrieg teil und konnte nur dank eines Veteranenprogramms studieren.

⋄ Als Aktivist war er maßgeblich in der Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung aktiv.

⋄ Anlässlich seines hundertsten Geburtstag erscheint heute ein biographischer Abriss und am Donnerstag ein Diskussion des Verhältnisses von Zinn zum Marxismus.
Selbst Marge hat in der Simpsons-Episode „The 90’s Show“ Howard Zinn gelesen

Wokeness bedeutet wach sein im Sinne von Aufmerksamkeit und Engagement in Fragen rassistischer, sozialer oder sexualisierter Unterdrückung. Howard Zinn war das Paradebeispiel eines solchen Aktivisten im besseren Sinne: einer, der die Kämpfe gegen Krieg, Rassismus, Armut und Sexismus zusammen dachte und junge Menschen unterschiedlicher Herkunft vereinte. Nicht wenige „erwachten“ durch die Lektüre seiner Buches A People’s History of the United States, welches eine Generation lehrte, ihre Geschichte selbst, neu und von unten zu schreiben. Und so fehlt sein Werk in kaum einem Black Lives Matters-Reader und Occupy Wall Street-Camps benannten ihre Bibliotheken nach ihm. Howard Zinn wird am 24. August 2022 einhundert Jahre alt.

Der Gründungsvater der Wokeness selbst stammte aus einer armen jüdischen Arbeiter*innenfamilie und konnte nur studieren, weil er sich als Pilot freiwillig für den Kampf gegen Hitler meldete. Später lehrte er an einem College für junge, schwarze Frauen zu der Zeit, als die Bürgerrechtsbewegung in den USA entstand. Zu seinem hundertsten Geburtstag werden hier zwei Artikel veröffentlicht: einmal ein biographischer Abriss über Zinns Leben und zweitens ein Artikel über das Verhältnis von Zinn zum Marxismus. Stay Woke!

Zinns Herkunft und Jugend

Howard Zinn wuchs als zweites von sechs Kindern jüdischer Immigranten in Brooklyn auf. Seine Mutter stammte aus einem Schtetl Irkustks und nähte elf Stunden täglich Kinderjacken in Handarbeit zusammen. Sein Vater war ein Fabrikarbeiter, der aus der heutigen Westukraine stammte. Während der Weltwirtschaftskrise erlebte der kleine Howard, wie sich seine Eltern mit Gelegenheitsjobs wie Lastenträger oder Fensterputzer durchschlagen mussten.

Howard las früh und viel. Er fertigte einseitige Exzerpte jedes Buches an, dass er las. Seine Eltern unterstützten ihn, indem sie ihm eine Dickens-Gesamtausgabe oder eine Schreibmaschine schenkten. Für das knappe Familienbudget enorme Ausgaben. Unter den Werken sollen sich auch Schriften von Karl Marx befunden haben. Nach der High School arbeitete er jedoch zunächst drei Jahre als Hafenarbeiter, da ein akademischer Weg in seinen Verhältnissen nicht möglich war. Hier versuchte er, Basisgewerkschaften nach dem Vorbild der IWW aufzubauen, da die großen Unions weder schwarze Arbeiter*innen, noch Frauen im Allgemeinen aufnahmen.

Politisiert hat Zinn im Wesentlichen der Zweite Weltkrieg. Sein moralischer Ansatz war pazifistisch, antifaschistisch und „ideologiefeindlich“. Während er anders als viele seiner kommunistischen Freunde den Angriff der Sowjetunion auf Finnland oder den Ribbentrop-Molotow-Pakt ablehnte, plädierte er für den Kriegseintritt der USA. Er meldete sich freiwillig bei der Army und wurde als Bomberpilot an der französischen Westfront eingesetzt. Die Einsätze brachten ihn dazu, seine Vorstellungen eines gerechten Krieges zu verwerfen. Besonders die militärisch unnötige Bombardierung von Royan, ein Probeeinsatz für die Verwendung von Napalm zwei Wochen vor Kriegsende, blieb zeitlebens ein prägendes Ereignis. Er recherchierte zur amerikanischen Politik während des Zweiten Weltkrieges und kam zu dem Schluss, dass es den USA hauptsächlich nicht um den Schutz der Juden oder die Beseitigung des Faschismus gegangen sei, sondern um geopolitische Interessen.

Als Kriegsveteran hatte Zinn die Möglichkeit auf ein Studienstipendium, welches jedoch so gering war, dass er nebenbei in einem Lagerhaus arbeiten musste, weshalb er sechs Jahre für seinen Bachelor benötigte. Er wurde politisch aktiv und wurde schnell vom FBI wegen unamerikanischer Umtriebe überwacht, die ihn auf Grund von Falschinformationen für einen Kommunisten hielten.

Zinn als Akademiker und Aktivist

Nach seiner Promotion an der Columbia University erhielt er 1956 das Angebot, Dekan der gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät des Spelman Colleges in Atlanta zu werden, einer rein schwarzen Institution, die mehrheitlich von jungen Frauen besucht wurde. Mit dem Verbot der Segregation kamen auch weiße Studenten an das College, die sich kein „besseres“ leisten konnten. Dieses Engagement fiel zeitlich mit dem Beginn der Bürgerrechtsbewegung zusammen, sodass Zinn die Kämpfe und Ansichten der Black Community aus erster Hand kennenlernte. Oft trafen sich studentische Zirkel und Gruppen in Zinns Wohnung, um gewaltfreie, konspirative Aktionen planen. Zinn knüpfte immer mehr Kontakte in die Bürgerrechtsbewegung und wurde Teilzeitaktivist. Der Vietnamkrieg, Repression der Universitäten gegen radikale Studierende, soziale Kämpfe; überall war Zinn involviert, organisierte Plattformen, leistete Vernetzungsarbeit und reiste nach Washington oder New York, hauptsächlich in Angelegenheiten des SNCC – des Students Non-violent Coordinationg Comitees. 1963 wurde er nach Konflikten mit der konservativ-christlichen Universitätsleitung entlassen.

1964 wechselte er an die Boston University, an dem wie an anderen Colleges in Massachussetts viele linke bis marxistische Akademiker lehrten. Doch auch hier eckte Zinn mit der konservativen Universitätsleitung an. Zum Beispiel wurde Zinn 1974 von einer Pariser Universität eingeladen, Vorlesungen zu marxistischer und anarchistischer Theorie zu halten. Im Austausch sollte Herbert Marcuse Zinns Kurse ersetzen. Der Dekan der Boston University lehnte ab und ließ sich die Chance entgehen, einen weltbekannten Philosophen an eine zweitrangige Uni zu holen, nur um Zinn eines auszuwischen Dieser verlagerte seinen Schwerpunkt von der Bürgerrechtsbewegung in die Antikriegsbewegung oder versuchte besser gesagt, beide zu vereinen. Illustriert werden kann dies an Sätzen, die ein junger schwarzer Aktivist bei einer Autofahrt zu Zinn sagte:

„Weißt du was? Ich habe gestern im Fernsehen einen von diesen Guerillakämpfern des Vietcong gesehen. Er war zerlumpt, wütend, dunkelhäutig und arm. Ich schwöre dir. Er sah aus wie einer von uns!“

zit. nach Duberman 2012, S. 107.

Er reiste auf Diskussionstouren nach Japan und verfasste das einflussreiche Buch Vietnam. The Logic of Withdrawal, in dem er die Johnson-Administration der Lüge überführte, die Aggression sei allein von Nordvietnam ausgegangen. Noch während des Krieges reiste er mehrmals mit anderen Vertreter*innen der Friedensbewegung nach Hanoi, gut überwacht von den US-Geheimdiensten. Seine Popularität wuchs, immer öfter wurde er zu Demonstrationen oder Vorlesungen eingeladen und seine persönlichen Kontakte in die Linke verfestigten sich. Er versteckte mehrmals den durch die Veröffentlichung der Pentagon-Papers – den Beleg für systematischen Betrug der Regierung im Rahmen des Vietnamkriegs – ins Visier des FBI geratenen Dan Ellsberg.

A People’s History

1969 veröffentlichte Zinn einen vielgelesenen Essay, indem er die Abkehr der Wissenschaften von ihrer scheinbaren Neutralität forderte. Forscher*innen dürften angesichts der Menschheitsprobleme nicht im Elfenbeinturm leben. Zum Beispiel sollten Ökonomen lieber Konzepte für eine gerechtere Verteilung des Reichtums erarbeiten, als sich in der Dienst der Profitmaximierung der Nationalbank zu stellen. Diese Gedanken arbeitete er in The Politics of History aus. Historiker*innen müssten zeigen, dass Geschichte nicht nur eine Geschichte der großen Männer, sondern auch eine Geschichte der werktätigen Klassen sei und dass sozialer Wandel möglich war, ist und sein wird.

Ende der 70er Jahr begann Zinn dann mit der Arbeit an seinem Opus Magnum, dem 800-Seiten dicken alternativen Geschichtwerk A Peoples History of the United States (dt. Eine Geschichte des amerikanischen Volkes). Anstatt der kühnen Entdeckungsfahrten des Kolumbus erzählte Zinn von der Vertreibung und Entrechtung der Ureinwohner; statt von Lincolns angeblicher Philantropie von den gemeinsamen Streiks der schwarzen und weißen Arbeiter*innen; Zinns Zwanziger waren nicht wegen Jazz und Alkohol Roaring, sondern wegen Streiks und Aufständen in der Großen Depression. Das erklärte Ziel Zinns war es, das Klassenbewusstsein der amerikanischen Arbeiter*innen zu heben, indem sie als Träger historischer Entwicklungen zur Geltung kamen. In seiner Ursprungsfassung fokussierte sich das Buch stark auf die Kategorien Race und Klasse. In späteren Überarbeitungen ergänzte er um die feministischen und queeren Bewegungen.

Nach eher durchwachsenem Anfangserfolg wurde A People’s History von den in den späten 60ern an den Universitäten sozialisierten jungen Lehrkräften euphorisch aufgenommen und fand schnell seinen Weg in die Curricula und Bibliotheken. Einen nicht unentscheidenden Einfluss auf den Erfolg des Buches hatte der 1998 erschienene Film Good Will Hunting, in dem Robin Williams Matt Damon (ein zeitweiliger Nachbar der Zinns) das Buch mit den Worten

„You wanna read a real history book? Read Howard Zinn’s People’s History of the United States. That book’ll knock you on your ass.”

Good Will Hunting

empfahl. Über zwei Millionen Mal verkaufte sich das Buch; die Anzahl der Leser*innen sollte weit höher liegen.

A People’s History wurde zu einem zentralen Werk der Neuen Linken in den Vereinigten Staaten. Es bildeten sich nicht nur Lese-, sondern auch Arbeitskreise, welche die Geschichte des amerikanischen Volkes um Episode und Episode ergänzten. Zum Beispiel um die Geschichte der Kämpfe behinderter Menschen. Oral und Local History-Projekte nach Vorbild des Buches schossen in allen Teilen der USA aus dem Boden. Er britische Trotzkist Chris Harman baute das Konzept gleich zu einer A People’s History of the World (dt. Wer baute das siebentorige Theben?, Laika Verlag) aus. Tatsächlich plante Rupert Murdochs FOX eine Miniserie A People’s History, bevor der konservativen Sendeleitung wohl bewusst wurde, um was es in dem Buch ging und sie von der Unternehmung abließ. Ein ähnliches Projekt von HBO wurde ebenfalls nicht beendet, dennoch folgten mehrere an das Buch angelehnte Produktionen. Neben seinen akademischen und politischen Schriften, verfasste Zinn auch einige Theaterstücke, wie Emma über die Anarchistin Emma Goldman oder in Marx in Soho.

Mit dem Erfolg erhob auch die Reaktion ihr Haupt. Die moderaten Kritiker*innen monierten die fehlende Neutralität Zinns, seine zeitweilige Polemik und manchmal verflachte Gut-Böse-Dualismen. Härtere Gegner*innen beschuldigten ihn der Lüge und der Erziehung der Jugend zu einer unpatriotischen Generation. Immer mehr rechte Lobbyorganisationen machten gegen den führenden Kopf von „10.000 Marxisten an amerikanischen Hochschulen“ mobil.

Der Lebensabend Zinn´s

Die ständigen Konflikte mit der Universitätsleitung und die Notwendigkeit der ständigen Rechtfertigung eines politisch aktiven Dozenten zermürbten den alternden Zinn zunehmend. Er war der schlechtestbezahlte Professor in Massachussatts, aber als ihm ein pensionierter Kollege erzählte, dass man ein volles Jahresgehalt als Eintritt in den Ruhestand bekäme, sagte Zinn, dass Silber [Dekan der Boston University] sicher zwei Gehälter zahlen würde, um ihn loszuwerden. Zinn: „Es waren die schnellsten Verhandlungen, die es je gab.“ 1988 trat er in den Ruhestand.

Zinn blieb politischer Aktivist und arbeitete vorrangig Essayist. Er wandte sich gegen die Weltordnungskriege der an die alleinige Führungsposition aufgestiegenen USA, insbesondere die Irakkriege. Oder um es kurz zu sagen: Die Welt nach 1990 hielt viel Arbeit für einen pazifistischen Aktivisten bereit. In einer erstarkenden Friedensbewegung wurde Zinn einer von vielen, hielt aber bis ins hohe Alter Reden auf Kongressen und Demonstrationen.

Nach 2008 verschlechterte sich Zinns Gesundheitszustand zusehends. Bei einem Urlaub in Santa Monica erlitt Zinn eine Herzattacke, an der er am 29. Januar 2010 verstarb.

Zusammenfassung

Howard Zinn hat eine Generation junger Aktivist*innen in den Vereinigten Staaten maßgeblich geprägt. Seine Biographie sagte einer Scheinneutralität der Wissenschaften in einer Welt den Kampf an, in der Forscher*innen angesichts nuklearer Bomben, Armut, Hungers und politischer Unterdrückung nicht neutral bleiben konnten. Sein Hauptwerk A People’s History mag zwar parteiisch sein, zeigte aber gerade in dieser die Parteilichkeit der Historiographie der herrschenden Klassen auf. Die Leser*innen fragten sich: Warum haben wir von den Volksbewegungen und Streiks vorher nie etwas in den Geschichtsbüchern gelesen? Es motivierte tausende junge Werktätige und Akademiker*innen, selbst zu forschen und eine neue Geschichte von unten zu schreiben. Auch ohne der marxistischen Theorie verhaftet zu sein, förderte er das Klassenbewusstsein breiter Schichten der USA. Der Hass der konservativen und rechten Presse in den USA kann ihm mit Recht als Auszeichnung dienen.

Schließen wir die Klammer zum Thema Wokeness. Zinns Biographie zeigt auch, dass Zinn zwar ein Kämpfer war, aber ein privilegierter. Er verbrachte sein Leben an der Seite der kämpfenden Schwarzen, Frauen und Menschen der Dritten Welt. Alle riskierten Karriere, Freiheit oder Leben, während Zinn zwar überwacht wurde, aber auf Grund seiner Position nie wirklich Angst um Leben oder Existenz haben musste. Er balancierte mit doppeltem Boden und Sicherheitsnetz. Er war nie existenziell bedroht. Wenn er gekündigt würde, hatte er so viele Feuer im Ofen, dass er überall wieder hätte unterkommen können. Kein irrer Redneck hat ihn ermordet. Das FBI ließ mehr oder weniger einfach locker, als er die Zusammenarbeit verweigerte. Zinn war immer optimistisch, freundlich und hilfsbereit; er konnte aber immer aussteigen, wenn er wollte und hatte nie den Druck, politisch erfolgreich sein zu müssen um zu überleben. Das unterscheidet ihn von vielen seiner Mitstreiter*innen, von Black Panthern oder den vietnamesischen Kommunist*innen.

Literatur:

Duberman, M. (2012): Howard Zinn. A Life on the Left. New York: The New Press.

Zinn, H. (1980/ 2015): A People’s History of the United States. 1492 – Present. New York: HarperCollins.

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