Wie der Imperialismus Wechselkurs hält

⋄ Ein bedeutendes Ventil imperialistischer Herrschaft ist die Wechselkurspolitik.

⋄ Marx konnte kein geschlossenes Konzept einer Wechselkurstheorie mehr aufstellen.

⋄ Manuel Martinez und Pietro Borsari haben eine Theorie der Abhängigkeit der kapitalistischen Peripherie von den Zentren unter Einbeziehung der Wechselkurse aufgestellt.

⋄ Sie untersuchten weiter die Bedeutung für das Proletariat und stützten ihre Analyse auf empirische Daten aus Brasilien und Kolumbien.

⋄ Insbesondere die Differenz zwischen Anlagen in US-Dollar und den Auslagen in einheimischer Währung führt zu negativen Folgen für die abhängigen Länder.

Hätte Karl Marx seinen Sechs-Bücher-Plan umsetzen können und einen Band über den Weltmarkt geschrieben, die Analyse der Wechselkurse hätte einen gewichtigen Teil ausgemacht. Im dritten Band jedenfalls reichte es nur für drei knappe Kapitelchen, bei welchen es sich im Wesentlichen um Konspekte mit kurzen eigenen Einschätzungen hinsichtlich der Leihgeschäfte handelt. Die Bedeutung der Wechselkurse für eine in den Weltmarkt eingebundene Wirtschaft wird nicht diskutiert und konnte für das imperialistische Zeitalter vielleicht auch noch nicht vroweggenommen werden. Es sollte jedoch Einigkeit herrschen, dass der Preis der Geldware in der globalen Ökonomie heute eine gewichtige Rolle spielt.

Manuel Martinez und Pietro Borsari haben in der New Political Economy einen analytischen Rahmen für die Abhängigkeit der Wechselkurse peripherer Staaten von den Ökonomien der kapitalistischen Zentren entwickelt und dies mit Daten aus Brasilien und Kolumbien gestützt. Sie zeigen auf, wie der Imperialismus Krisenphänomene in den imperialistischen Kernländern auslagern kann, ohne dass die untergeordneten Ökonomien dauerhaft profitieren und welche Rolle hier die Wechselkurse spielen.

Krisenzyklus, kapitalistische Peripherie und Wechselkurse

Um auf die Bedeutung der Wechselkurse eingehen zu können, haben die Autoren zunächst einen kleinen Analyserahmen des globalen Krisenzyklus entwickelt. Auf Grund der Überakkumulation in den kapitalistischen Zentren kommt es dort zuerst zu einem Überschuss an Kapital. Die Krise in den Zentren beginnt. Findet das Kapital auf den einheimischen Märkten keine Rendite mehr, sucht es sich Investitionsmöglichkeiten in der kapitalistischen Peripherie. Kapital wird in größerem Maße exportiert, als es im imperialistischen Stadium des Kapitalismus ohnehin der Fall ist.

Mit diesem Kapital als Anlage werden in der Peripherie Produktionsmittel und Arbeitskräfte als Auslagen gekauft und die Waren möglichst im Ausland verkauft. Ein starke Währung in der Peripherie erhöht hierbei die Profite des ausländischen Kapitals. Endet die Krise in den Zentren, bevorzugt das Kapital das sicherere Investitionsumfeld in den Heimatländern und zieht sich wieder aus der Peripherie zurück. Nun würde das durch das ausländische Kapital erreichte Wirtschaftswachstum in der Peripherie mit dem Rückzug des Kapitals sofort wieder vernichtet. Da die Anlage jedoch in der Regel in Dollar erfolgt, während die Auslagen in der einheimischen Währung getätigt werden, gibt es die Möglichkeit, die Währung abzuwerten. Dies führt dazu, dass weniger ausländisches Kapital in Dollar benötigt wird, um die Auslagen zu decken und verbessert das Investitionsumfeld. Durch die Abwertung der Währung sinkt natürlich die Fähigkeit der peripheren Volkswirtschaften, sich technologisch zu entwickeln und zu den zentralen Ökonomien aufzuholen. Außerdem steigt die Auslandsverschuldung mit der Währungsabwertung an. Auf einem höheren Niveau ist dann das Gefälle zwischen Peripherie und Zentrum wiederhergestellt.

Ganz prinzipiell kann man festhalten, dass die wirtschaftliche Entwicklung in der Peripherie von der Wirtschaft der Zentren bestimmt wird. In der Peripherie kommt es zu keiner eigenständigen Akkumulation, sondern sie ist immer nur der externe Raum, in den das Kapital fliehen kann. Langfristige Planung wird so unmöglich und die periphere Ökonomie verbleibt in beständiger Abhängigkeit von den zyklischen Krisen der Zentren.

Die Bedeutung der Wechselkurse für das Proletariat

Martinez und Bosari haben nun fünf „Kanäle“ identifiziert, über welche die Bewegung des ausländischen Kapitals und die davon abhängenden Wechselkurse das Proletariat der weniger entwickelten Länder betreffen.

1. Das ausländische Kapital führt über die Mechanismen des ungleichen Tauschs (näheres siehe hier) auch während der Boom-Phasen bereits dazu, dass das Proletariat Surplusprofite für das ausländische Kapital erwirtschafte.

2. Um die Wechselkurse im Falle eines Kapitalrückzugs stabil halten zu können, seien viele Länder dazu übergegangen, Geldreserven in Dollar anzulegen. Dieses steht aber nicht mehr für staatliche Ausgaben zur Entlastung des Proletariats zu Verfügung.

3. Im Falle einer Währungsabwertung, um die globale Wettbewerbsfähigkeit aufrecht zu erhalten, sinken die Reallöhne der Arbeiter*innen, da sich sämtliche Importe verteuern.

4. Wird eine Währung abgewertet, steigt automatisch die in Dollar ausgedrückte Auslandsschuld. Um die Schulden decken zu können, bleibt entweder der Gang zum Internationalen Währungsfond, der für Kredite in der Regel ein Austeritätsprogramm verordnet … oder gleich eine freiwillige Austeritätspolitik. Sozialausgaben sinken, die Reproduktion der Arbeiter*innen verteuert sich, wird privatisiert oder teilweise garnicht mehr geleistet. (Die Ökonomien der kapitalistischen Zentren drücken ihre Auslandsschulden lieber in der eigenen Währung aus, um diesen Mechanismus zu verhindern)

5. Kann die Währungsabwertung die Konkurrenzfähigkeit eines Landes nicht aufrechterhalten, drohen Deindustrailisierung und Arbeitslosigkeit. Das Proletariat wird somit seinen Mitteln zur Reproduktion vollends beraubt.

Fallstudie: Brasilien und Kolumbien

Die beiden Autoren wollten nun die vorgestellten Thesen an Hand empirischer Daten aus Kolumbien und Brasilien überprüfen. Südamerikanische Ökonomien erachteten sie deshalb als relevant, da sie stärker von ausländischem Kapital beeinflusst sind, als beispielsweise afrikanische. Sie untersuchten den Zeitraum zwischen 2000 und 2020. In der Mitte dieser Zeitspanne liegt die amerikanische Wirtschaftskrise 2008, die zu Kapitalflucht während der Krise und der Wiederkehr nach der Krise geführt haben müsste. Die wichtigsten Daten seien kurz tabellarisch vorangestellt:

Zunächst zeigten sie, dass nach der Krise in den USA Investitionen (Kolumbien: von 2 auf 38 Mrd. $, Brasilien: von 20 auf 200 Mrd. $) und Profite (jeweils von fast 0% auf 9%) rasant anstiegen. Im beobachteten Zeitraum stiegen die Währungsreserven in US-Dollar in Brasilien um das Zehnfache und in Kolumbien um das Fünffache. Der in der Theorie behauptete Zusammenhang zwischen Reallohnhöhe und Wechselkurs konnte als indirekte Proportionalität innerhalb eines an sich steigenden Reallohns aufgezeigt werden.

Die nach der Theorie prognostizierten Austeritätsmaßnahmen setzten nach Abzug des ausländischen Kapitals in den 2010er-Jahren tatsächlich ein. In Brasilien wurden viele Arbeiter*innenrechte abgeschafft, die Arbeitszeit dereguliert und die Gewerkschaften geschwächt. Gleichzeitig legte eine Rentenreform deutlich höhere Hürden für den Erhalt einer Rente. In Kolumbien wurde das Outsourcing stark vereinfacht und das Rentensystem teilprivatisiert.

Einzig die Deindustrialisierung konnte nicht als abhängig vom Investitionszyklus nachgewiesen werden. Dazu war der allgemeine Prozess der Deindustrialisierung, der bereits seit Anfang der 90er konstant voranschreitet viel zu dominant.

Zusammenfassung

Martinez und Borsari zeigen ein theoretisch durch Fachliteratur gestütztes Szenario der Abhängigkeit peripherer Ökonomien von denen der kapitalistischen Zentren und der Rolle der Wechselkurse auf. Ihnen gelingt es zudem, dieses theoretische Modell durch empirische Daten zu stützen und die Bedeutung für die Arbeiter*innenklasse herauszustellen.

Für die Analyse des Imperialismus sind vielleicht zwei Erkenntnisse hervorstechend.

1. Im dargestellten Zyklus beginnt die ökonomische Krise in den Zentren. Kapital wird auf Grund fehlender Anlagemöglichkeiten profitträchtig, wenn auch risikobehaftet, exportiert. Da sich nach Ende der Krise das Kapital jedoch ebenso wieder aus der Peripherie zurückzieht, führt dieser Kapitalexport nicht zu einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung. Entweder haben die peripheren Länder bereits vorher soviel ausländische Währung als Reserven angelegt, dass ohnehin kein sozialer Ausbau in Frage kam oder die Wechselkurspolitik, welche notwendig ist, um die schlimmsten Folgen des Kapitalabzugs aufzufangen, fraß diesen wieder auf. In diesem Modell bleiben abhängige Länder immer abhängig. Und gerade die Anlage von ausländischer Reservewährung kann bei politischen Konflikten „gefährlich“ werden, wie das aktuelle Einfrieren der russischen Dollar-Reserven durch die USA zeigt.

2. Insbesondere der vierte Kanal zeigt eines der ökonomischen Ziele des Imperialismus auf: Schulden in eigener Währung aufnehmen zu können. So gelingt es den imperialistischen Ökonomien, ihre eigene Währung abwerten zu können, ohne die Auslandsschuld automatisch ansteigen zu lassen. Dazu braucht ein jedes Land natürlich einen „Gürtel“ an Staaten, die sich darauf einlassen oder einlassen müssen, weil sie sich nicht in eigener Währung verschulden können. Wenn dieser nicht durch ökonomische Anziehungskraft gewonnen werden kann, etwa weil der Schuldtitel auf Grund einer geringen Wahrscheinlichkeit der Abwertung attraktiv genug ist, muss dieser politisch oder militärisch erreicht werden.

Natürlich sind die beiden Autoren nicht die ersten, welche eine marxistische Analyse der Wechselkurse hervorgebracht haben, die vorliegende besticht jedoch durch Stringenz, Aktualität und empirische Untermauerung.

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