Imperialismustheorien

⋄ Die Imperialismustheorie ist in der letzten Woche in die Krise geraten.

⋄ Dies liegt an einem Zuwenig und nicht an einem Zuviel an Imperialismustheorie in der Linken.

⋄ Imperialismustheorie ist nicht gleich Imperialismustheorie.

⋄ Berch Berberoglu fasste in der aktuellen
International Critical Thought die gängigsten Imperialismustheorien zusammen.

⋄ Ja nach Theorie eröffnen sich unterschiedliche Interpretationen des gegenwärtigen Konflikts.

Die Situation für die deutsche Friedensbewegung war unangenehm, wie unvertraut. Dieses Mal erfolgte ein kriegerischer Angriff nicht durch einen NATO-Staat – die USA, Großbritannien, die Türkei oder Deutschland – sondern durch Russland. Ein Teil der Linken rieb sich verwundert die Augen und schloss kurz, dass dies beweise, dass die Imperialismustheorie endgültig entsorgt gehöre, was mancherorts direkt mit dem Bekenntnis zu NATO und Aufrüstung verbunden war. Dabei ist es nicht das Zuviel, sondern das Zuwenig an Imperialismustheorie, was die Linke gerade in Erklärungsnot drängt. Marxistische Imperialismustheorie war nie eine moralistische Verurteilung eines westlichen Militarismus, sondern leitete sich aus den Bewegungsgesetzen des Kapitals ab. Und die gelten auch in Russland.

Imperialismustheorie ist auch nicht Imperialismustheorie. Berch Berberoglu von der Universität in Nevada fasste in der aktuellen International Critical Thought sowohl bürgerlichen als auch marxistischen Imperialismustheorien zusammen. Berberoglu setzt sich bereits seit drei Jahrzehnten mit Fragen der Globalisierung und des Imperialismus auseinander. Grundlegend versteht er dabei unter Imperialismus ganz allgemein den Prozess globaler ökonomischer, politischer und militärischer Vorherrschaft einer kollektiven Körperschaft. Aus dieser allgemeinen Definition arbeitet er die verschiedenen Interpretationen und Erklärungsmuster des Imperialismus heraus.

Die konservative Interpretation: Imperialismus = erfolgloser Imperialismus

Einer der ersten modernen Erklärungsversuche für den Imperialismus stammte vom englischen Ökonomen John Hobson, dessen Grundgedanken in der Studie Imperialism: A Study von 1905 festgehalten sind. Hobson mit Hilfe umfangreichen statistischen Materials, dass der britische Imperialismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts sich längst überdehnt hätte und die Kosten für den gewaltigen Militärapparat zur Kontrolle der Kolonien längst den Nutzen überschritten hätten. Er werde dennoch auf Grund der Sonderinteressen einiger Kapitalfraktionen am Leben erhalten, insbesondere der Kapitalisten, welche von den Staatsaufträgen profitierten und vom Finanz- und Handelskapital, welches in den Kolonien engagiert sei. Die Lösung sah er in der Beschneidung politischer Privilegien der profitierenden Klassen, notfalls durch einen Steuerboykott der Bürger.

Hobson leitete den Imperialismus also nicht als Notwendigkeit aus dem Kapitalismus her, sondern als eine egoistische Politik einiger weniger auf Kosten der Allgemeinheit. Seine Kritik am Imperialismus ist nicht der Imperialismus selbst, sondern dass er sich nicht rentiere.

Rosa Luxemburg: Imperialismus auf Grund von Überakkumulation

Rosa Luxemburg hingegen leitete den Imperialismus aus den inneren Widersprüchen des Kapitals selbst her. In ihrer wohl wichtigsten theoretischen Schrift Die Akkumulation des Kapitals von 1913 wies sie zunächst nach, dass der Kapitalismus auf Grund der Ausbeutung der Arbeiter*innenklasse nie die notwendige Nachfrage erzeugen könne, um das akkumulierte Kapital rentabel anzulegen. Da die Arbeiter*innen nicht genug Lohn erhielten und die Kapitalist*innen den Mehrwert nicht alleine verzehren könnten, bliebe immer ein Rest, welcher nicht abgesetzt werden könne. Daher befände sich das Kapital immer auf der Suche nach neuen Märkten, sei es durch innere oder äußere Landnahme. Da der innere Widerspruch des Kapitals nie aufhöre, ende auch die Notwendigkeit der Expansion des Kapitals nicht. Wenn die Welt dann einmal unter den kapitalistischen Mächten aufgeteilt sei, käme es notwendig zum Kampf unter den Großmächten oder zu einer umfassenden Überakkumulationskrise. Und wie das Kapital „von Kopf bis Zeh, aus allen Poren blut– und schmutztriefend“ zur Welt käme, so lebe es auch und so verlasse es diese Welt auch wieder.

Lenin: Das höchste Stadium des Kapitalismus

Für Lenin wiederum ist Imperialismus keine besondere politische Situation, die sich durch Krieg, Besetzungen oder verschärfte politische Spannung äußere, sondern eine komplette Entwicklungsstufe des Kapitalismus selbst. Diese Stufe sei durch fünf Merkmale gekennzeichnet:

1. Die wesentlichen Wirtschaftssektoren seien durch Monopole bestimmt.

2. Finanz- und Industriekapital seien nicht mehr zu trennen.

3. Die Bedeutung des Warenexports für die Volkswirtschaft sei dominant.

4. Die Welt werde unter den internationalen Monopolen aufgeteilt.

5. Die Aufteilung der Welt unter den Mächten sei im Wesentlichen beendet.

Unter diesen Bedingungen bedeute Imperialismus die immer neue Aufteilung der Einflusssphären der internationalen Monopole auf Grund der zwischen ihnen herrschenden Widersprüche. Besonders wichtig sei der Zugang zu Rohstoffen. Kapitalist*innen, die keine durch ihre Nation geschützten Ansprüche auf Rohstoffe hätten und diese auf dem Weltmarkt erwerben müssten, wären ihren Konkurrenten bei Sanktionen oder Boykotten ausgeliefert. Gegenüber dem Kolonialismus grenzte er den Imperialismus dadurch ab, dass es nicht um Waren-, sondern um Kapitalexport ginge.

Die liberale Interpretation: Der militärisch-industrielle Komplex

Als Vertreter einer zeitgenössischen liberalen Interpretation zitiert Berberoglu aus dem Werk The Rise and Fall of Great Powers von Paul Kennedy, welches 1987 erschien. Kennedy ist Vertreter einer überhistorischen Analyse, die den Imperialismus als Merkmal aller Großreiche und nicht des Kapitalismus identifiziert. Er sieht in der Geschichte das Gesetz wirken, dass der Aufstieg und Niedergang der Großmächte immer mit deren Militär verbunden sei. In einer ersten Phase würde das Militär als Katalysator der gesellschaftlichen Entwicklung dienen, da Märkte erobert und die technische Entwicklung beschleunigt würden. In der Folge käme es jedoch zu einer Überreizung der militärischen Kapazitäten, welche die Ressourcen der gesamten Gesellschaft verschlängen. Der folgende Niedergang der Wirtschaft beschneide wiederum die Finanzierung der Armee und führe so zu einer Abwärtsspirale. Prinzipiell gäbe es keinen Ausweg, sondern es sei die Frage essentiell, ob der Rückzug geordnet oder in einer Aufeinanderfolge von Zerfallskriegen angetreten werde.

Das große Problem von Kennedys Analyse ist, dass er die Vereinigten Staaten, die UdSSR und das Osmanische Reich ganz unabhängig von ihrer inneren und äußeren Verfasstheit vergleicht und eine gemeinsame Regel zu finden versucht. Dabei musste eine genauere Erklärung der Zerfallsmechanismen zwangsläufig leiden.

Welt-System-Analyse: Game of Zones

Die Welt-System-Theorie ist alleine deshalb ein fruchtbarer Ansatz der Imperialismusanalyse, da sie die Trennung sozialer Phänomene von ihrer globalen Einordnung prinzipiell ablehnt. Immanuel Wallersteins The Rise and Future Demise of the World Capitalist System wird hier von Berberoglu exemplarisch angeführt. Alle Länder seien durch kapitalistische Austauschrelationen miteinander verbunden, wobei es drei unterschiedliche Arten von Nationen gäbe. Die kapitalistischen Zentren, deren Eliten den Fortgang der Geschichte im Wesentlichen bestimmten. Die kapitalistische Peripherie, welche auf diese Prozesse mehr oder weniger nur reagieren könnte. Und die Semiperipherie, welche sich zu den Zentren hin orientiere und einen Abstieg in die Peripherie vermeiden möchte. Durch Prozesse der Überausbeutung und des ungleichen Tauschs lebten die Zentren ökonomisch auf Kosten der Peripherie. Während die kapitalistischen Zentren sich auf einem hohen soziokulturellen Level bewegten und besonders in der technologisch fortschrittlichen Endfertigung wirtschafteten, würden in der Peripherie vor allen Dinge Rohstoffe erzeugt. Vor dieser Folie sei Imperialismus die Ausdehnung des Weltmarktes auf alle Weltregionen. Die entstehenden Konflikte seien nicht mehr die zwischen Großmächten, sondern zwischen den kapitalistischen Zentren und der Reaktion von Peripherie und Semiperipherie. Es bildeten sich stets Gruppen heraus, welche die Ausbeutung durch die Zentren zu bekämpfen suchten, ob mit modernistischer (z.B. der Sozialismus des 21. Jahrhunderts) oder antimodernistischer (z.B. der Dschihadismus) Ideologie. Das mechanistische Denken der Weltsystemanalyse macht diese – bei vielen sinnvollen Annahmen – leider blind für Prozesse des Klassenkampfes innerhalb der einzelnen Länder.

zeitgenössischer Marxismus: Die Wahrheit ist immer konkret

Als Vertreter eines zeitgenössischen Marxismus diskutierte Berberoglu zuletzt Albert Szymanski und sei Werk The Logic of Capital von 1981, sowie James Petras. Dieser geht erstmal von der basalen Erkenntnis aus, dass die Gründe des Imperialismus in der Profitmaximierung nationaler und internationaler Konzerne zu suchen sei. Zweitens sei die Rolle des Imperialismus für den fundamentalen Klassenwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit herauszuarbeiten. Beide Autoren versuchen sich auf Grundlage dieser beiden Axiome an etwas, was man in Deutschland als Staatsableitung bezeichnen würde, nur im Kontext der Militarisierung und des Imperialismus. Das kritische Moment hierbei sei es, die konkreten Bedingungen der Kapitalakkumulation und der Klassenzusammensetzung zu untersuchen, um die Auswirkungen auf staatliches Handeln ableiten zu können. Der Motor hinter dem aktuellen Imperialismus sei der Zugang zu billiger Arbeitskraft, die sich in den kapitalistischen Zentren als Folge erfolgreicher Klassenkämpfe zu stark verteuert habe. Der Zugang zu dieser billigen Arbeitskraft könne einen Klassenkompromiss finanzieren, welcher das kapitalistische System vor dem Zusammensturz bewahre. Natürlich gäbe es noch zahlreiche andere marxistische Autor*innen wie Trachte, Foster, Hudson oder Parenti zu nennen. Der Mehrwert dieser zeitgenössischen marxistischen Interpretation liegt nicht in den konkreten Ergebnissen, sondern auf Grundlage grundlegender Bewegungsgesetze des Kapitals und der Klassen die Frage des Imperialismus erneut konkret zu stellen, anstatt in einen Mechanismus zu verfallen.

Zusammenfassung

Diskutieren wir zuletzt, was die einzelnen Imperialismustheorien für eine Deutung der aktuellen Konflikte leisten könnten.

Die konservative Fassung des Imperialismus scheint die aktuell am häufigsten vertretene zu sein. Der russische Imperialismus wird nicht deshalb kritisiert, weil er anders sei als der westliche, sondern weil er sich in seiner Erfolglosigkeit, international Strahlkraft zu entwickeln und Nationen an sich zu binden, nun verzweifelter militärischer Mittel bedient. Dies wird häufig mit der liberalen Interpretation vermischt, die den Krieg als einen weiteren Zerfallsprozess des Sowjetimperiums zu erkennen glaubt, dessen unaufhaltsamer Niedergang von Putin nicht eingesehen werde.

Vor dem Hintergrund der Welt-System-Theorie kann der Konflikt als Versuch Russlands interpretiert werden, nicht in die Semiperipherie oder Peripherie abzurutschen, welche auf Grund der Überausbeutung und den ungleichen Tausch durch die Zentren weiter verelenden würde. Da Russland jedoch nicht wirtschaftlich stark genug ist, um diesen Fall zu verhindern, muss es militärisch handeln.

Interpretiert man die Ukrainekrise im Sinne Lenins und Luxemburgs – man könnte es eine klassisch marxistische Lesart nennen – dann stellt sich das Bild bereits ein wenig anders dar. Demnach wäre die Ukraine der Schauplatz eines Aufeinandertreffens verschiedener imperialistischer Mächte, welche durch die Verschmelzung des Industriekapitals mit dem Finanzkapital, Monpolisierung der Märkte und die Notwendigkeit, ihre Überakkumulationskrisen zu externalisieren, geprägt wären. Die Unterstützung des Putsches vom Maidan sei vom Westen mit den gleichen Motiven betrieben worden, wie die militärische Intervention Russlands. Russlands besonderes Verbrechen wäre der erste Schuss, auf allgemeiner Ebene kämpfe jedoch Unrecht gegen Unrecht (bzw. Recht gegen Recht).

Die Interpretation eines zetigenössischen Marxismus mahnt uns, die Klassenverhältnisse und Akkumulationsbedingungen der Konfliktparteien – Russlands, der Ukraine, der EU und der USA – konkret zu untersuchen und daraus abzuleiten, wie der Konflikt entstehen konnte. Diese Methode ist die langwierigste und umstrittenste, aber bereits jetzt begeben sich viele Marxist*innen auf den Weg, diese Analyse zu tätigen. Zu fragen bleibt, ob dieser Lernprozess nicht zu langsam verläuft.

Literatur

Berch Berberoglu (2022): Capitalism and Imperialism in the Twentieth and
Early Twenty-First Century: A Critical Analysis of Conventional and Marxist Theories of Imperialism,
International Critical Thought, DOI: 10.1080/21598282.2022.2035794

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