Krieg der Narrative

⋄ Fakten werden durch Narrative in kausalen Beziehungen strukturiert.

⋄ Der Ukraine-Konflikt wird durch verschiedene Narrative gedeutet.

⋄ Eine Forscher*innengruppe aus Kiew hat über 800 Texte aus Veröffentlichungen durch akademische Journale und Think Tanks auf die Struktur ihrer Narrative untersucht.

⋄ Die Forscher*innen konnten sechs verschiedene Narrative identifizieren.

⋄ In Polen dominiert das antirussischste, in Griechendland das antiukrainischste Narrativ. In Deutschland wird Russland die Schul am Konflikt zugesprochen, aber eine Verhandlungslösung präferiert.

In diesen Tagen verschärft sich der Konflikt um die Volksrepubliken Lugansk und Donezk zusehends und bringt die Region erneut in die Gefahr einer größeren militärischen Auseinandersetzung. Für den Großteil der deutschen Medienlandschaft ist bereits jetzt klar, dass die Vorfälle, wie die wechselseitige Verletzung der Waffenruhe oder die Autoexplosion in Donezk, nur den erwünschten Vorwand für einen Einmarsch russischer Truppen in die Ostukraine darstellen. Woher wissen die Journalist*innen dies, wenn sie sich weder in den betroffenen Gebieten aufhalten, noch Kenntnisse über die Pläne Moskaus haben? Ganz einfach. Medien gehen mit Fakten um, wie jeder Mensch. Sie ordnen diese in eine Erzählung ein, welche die losen Fakten in einen glaubwürdigen Kontext setzt. Denn Fakten alleine genügen nie zur Erklärung eines Phämomens. Nehmen wir zum Beispiel zwei Fakten aus dem Ukrainekonflikt:

1. Durch den Euromaidan wurde der demokratisch gewählte Präsident zum Rücktritt gezwungen.

2. Bürger*innen der Krim halten ein Referendum ab, infolgedessen der Beitritt zur Russischen Föderation beschlossen wird.

Beide Fakten sind zweifellos wahr, sie können aber verschiedene Geschichten erzählen. Sie können gleichermaßen eine Geschichte erzählen, wie ein heldenhaftes Volk sich eines korrupten Despoten entledigte und dessen russische Garantiemacht in der Folge Angst schürte und völkerrechtswidrig die Krim annektierte. Sie können aber auch die Geschichte erzählen, wie durch Nationalisten verhetzte Westukrainer den gewählten Präsidenten wegputschten, um einen antirussischen Feldzug zu führen, dem sich die russische Minderheit nur mittels Gewalt widersetzen konnte. Die Geschichte in den deutschen Medien ist recht einhellig: Das ukrainische Volk will in die EU, nur einige korrupte Oligarchen und ein machthungriger Putin instrumentalisieren die ostukrainische Bevölkerung, um sich selbst zu bereichern und die eigene weltpolitische Größe zu gewinnen. Bestes Beispiel ist das kürzlich auf der Münchner Sicherheitskonferenz verkündete Diktum der Außenministerin Baerbock, dass es sich nicht um eine „Ukraine-Krise“, sondern um eine „Russland-Krise“ handele.

Ein junge Forschungsgruppe verschiedener Kiewer Institute untersuchte mit der Studie „Morphological Analysis of Narratives of the Russian Ukrainian Conflict in Western Academia and Think Tank Community“ in der Problems of Post-Communism, welche Narrative in verschiedenen europäischen Länden und den USA in der wissenschaftlichen bzw. wissenschaftsnahen Literatur vertreten werden. Ihre Systematik gibt einen interessanten Einblick in die Diversität der Debatte.

Die Methode: Morphologische Analyse

Das Team um Nadiia Koval analysierte hierfür ca. 800 Texte aus akademischen Veröffentlichungen bzw. aus Veröffentlichungen von Think Tanks. Als zu untersuchende Länder wurden die USA als geopolitische Weltmacht ausgewählt, sowie Großbritannien, Frankreich und Deutschland als mitteleuropäische Mächte. Italien und Griechenland standen stellvertretend für den europäischen Süden, Polen für den Osten. Jedes Land ist durch etwas mehr oder weniger als einhundert Texte repräsentiert. Untersucht wurden die Jahre 2014 bis 2019. All die Texte wurde auf die ihnen zu Grunde liegenden Narrative abgeklopft.

Die Forscher*innen führten dabei eine morphologische Analyse durch, bei der Narrative erst identifiziert und dann strukturiert werden. Als Narrative wurden „Deutungsrahmen [verstanden], welche es Menschen ermöglichen, unzusammenhängend auftretende Phänomene in eine Kausalkette zu transformieren“ (S.2). Die Narrative wurde hierarchisch in Kernkonzepte, verwandte und periphere Konzepte abgestuft. Die einzelnen Konzepte wurden am Rande auf ihre Glaubwürdigkeit oder ihre Konsistenz hin untersucht, sondern in erster Linie auf ihr Vorkommen.

Die Narrative: von Count Zero zu Game of Thrones

Insgesamt identifizierten die Autor*innen sechs verschiedene Narrative.

Narrativ 1: „Verbrechen und Bestrafung“ sieht allein Russland für den Bruch des Völkerrechts verantwortlich. Dem Land müsse mit aller Härte, mindestens mit scharfen Sanktionen, begegnet werden.

Narrativ 2: „Die Zähmung des Widerspenstigen“ sieht ebenso die alleinige Schuld bei Russland, plädiert aber für eine Verhandlungslösung. Hierbei wird die militärische Stärke, sowie die internationale Bedeutung Russlands in Rechnung gestellt und härtere Maßnahmen aus praktikablen Gründen verworfen.

Narrativ 3: Unter der Überschrift „Biege das Böse“ wird ein Narrativ verstanden, welches die Schuld für den Konflikt gleichermaßen in der Ukraine und in Russland sieht. Vor dem Hintergrund historischer, identitätspolitischer, politischer und psychologischer Aspekte werden die Maßnahmen Russlands als berechenbare und provozierte Antwort auf die Entwicklungen in der Ukraine verstanden. Der Bruch des Völkerrechts von russischer Seite aus wird aber nicht bestritten und eine Verhandlungslösung angestrebt.

Narrativ 4: Angelehnt an Game of Thrones sieht das Narrativ „Ein Lied von Ost und West“ die Schuld bei der ukrainischen Regierung. Der Konflikt wird als interner Konflikt zweier kulturell sehr verschiedener Regionen gekennzeichnet, der aus der recht zufälligen Entstehungsgeschichte des ukrainischen Nationalstaats resultiert. Analogien zum Jugoslawienkonflikt dominieren vor globalpolitischen Erklärungsmustern. Zur Lösung des Konflikts müsse mit dem Ziel weitgehender Autonomie der separatistischen Gebiete verhandelt werden.

Narrativ 5: „Der blutige Meridian“ ist genau das gegenteilige Narrativ. Dieses sieht den Ukrainekonflikt als Stellvertreterkonflikt einer brüchig gewordenen internationalen Sicherheitsstruktur. Die Ukraine ist Objekt und kein Subjekt des Konflikts und die Zukunft der Ukraine solle bei Verhandlungen internationalen Aspekten nachgeordnet werden.

Narrativ 6: Das Narrativ „Count Zero“ ist ein objektivistisches. Es klammert Schuldfragen und Lösungsversuche aus und verlagert sich ganz auf eine möglichst objektive Beschreibung der Wirkungen des Konflikts.

einige interessante Aspekte

Für deutsche Leser*innen ist zunächst einmal die Verbreitung der Narrative hierzulande interessant. In Deutschland herrscht das Narrativ 2 vor, welches Russland die alleinige Schuld am Konflikt gibt, aber auf eine Verhandlungslösung angesichts der geopolitischen Bedeutung Russlands setzt. Eine Minderheit sieht den Konflikt auch als Stellvertreterkonflikt an. Britische und französische Institute bewerten dabei sehr ähnlich den deutschen.

Das einzige Land, in welchem ausschließlich harte Maßnahmen gegen Russland gefordert werden, ist Polen. In Polen tritt kein anderes Narrativ als das erste auf und Russland werden imperialistische Politik, Großmachtskomplexe und revisionistische Absichten unterstellt. Kein anderes Land nimmt zudem den Konflikt so einseitig wahr, wie Polen. Dies erklärt sich nicht zuletzt aus der politischen und geographischen Nähe zwischen Polen und der Ukraine.

Think Tanks in den Vereinigten Staaten verbreiten jeweils die drei ersten Narrative, die Russland eine Verletzung des Völkerrechts in unterschiedlichem Ausprägungsgrad vorwerfen. Die Haltungen, ob verhandelt oder bestraft werden sollte, halten sich die Waage und eine Minderheit hält die russische Politik sogar für nachvollziehbar.

Die russlandfreundlichsten Narrative herrschen in Griechenland und in Italien vor. Vor allem in Griechenland ist die Erzählung, dass es sich in der Ukraine um einen durch die Regierung provozierten Bürgerkrieg handele, dominant. In Italien sind die Auffassungen im Vergleich zu allen untersuchten Ländern am breitesten gestreut, wobei das Stellvertreterkriegkonzept das mehrheitlich vorfindbare ist. Für den griechischen Fall ist dabei nicht zu vergessen, dass Griechenland gerade zu der Zeit von der Austeritätspolitik der EU erpresst wurde, als die blauen Flaggen mit den zwölf Sternen auf den Demonstrationen in Kiew wehten.

In tendenziell linken Veröffentlichungen und bei aktivistischen Autor*innen dominiert das Narrativ 4 des internen Bürgerkriegs. Dies ist nicht verwunderlich, dass sich linke Autor*innen vorrangig mit gesellschaftlichen Dynamiken auseinandersetzen und von der teilweise profaschistischen Unterstützung des Euromaidans abgeschreckt wurden.

Herausgearbeitet wurde auch, durch welche Wörter die einzelnen Narrative geframed werden. Während „Ukraine-Krise“ oder „Ukraine-Konflikt“ von allen Narrativen verwendet werden, deuten die Begriffe „Hybrider Krieg“, sowie russische „Annexion“, „Okkupation“ oder „Aggression“ auf Narrativ 1 hin. Spricht ein Text allerdings von einem „Bürgerkrieg“, vom „Konflikt in der Ukraine“ oder vom „Krieg im Donbass“, so kann er Narrativ 4 zugeordnet werden.

Die Autor*innen bewerten das Narrativ 2, und damit das in Deutschland verbreitetste, als das inkonsistenteste. Auf der einen Seite werde unterstellt, dass Russland zwar ein unberechenbarer Aggressor sei, auf der anderen Seite wird jedoch Verhandlungsbereitschaft unterstellt. Russland achte zwar das Völkerrecht nicht, aber auf Basis des Völkerrechts solle verhandelt werden. Aufgelöst wird dieser Widerspruch dadurch, dass Russland angeblich durch seine aggressive Außenpolitik Verhandlungen erzwingen wolle, zu denen die NATO aus eigenem Antrieb nicht bereit gewesen wäre.

Zusammenfassung: Ersetzen Narrative objektive Wahrheit?

Die Studie beschreibt, was man jenseits des gesellschaftspessimistischen Untertons das postfaktische Zeitalter nennen könnte. Die große Zeit des unschuldigen, jungfräulichen Fakts ist vorbei. Fakten müssen interpretiert werden und die Bedeutung der Interpretationen übersteigt die der Fakten. Man kann sicher davon ausgehen, dass die Fakten, welche den untersuchten akademischen Texten zu Grunde lagen, auf wissenschatlicher Basis ermittelt und verarbeitet wurden. Dennoch weichen die Narrative, also die Anordnung der Kausalbeziehungen zwischen den Fakten, äußerst stark voneinander ab. Das Narrativ korreliert nicht mit dem Anspruch auf Wahrheit oder mit der Wissenschaftsnähe, sondern mit dem politischen Umfeld. In Polen zeigt sich eine antirussische Haltung, welche schon gut zwei Jahrhunderte alt ist und sich immer wieder an politischen Fragen entzündet. In Griechenland führten die negativen Erfahrungen mit der EU zu einer russlandnahen Positionierung. Während sich die USA auch eine ernste Auseinandersetzung mit Russland wirtschaftlich leisten können, wenn sie nicht sogar davon profitieren, setzen Frankreich und Deutschland eher auf Verhandlungen, auch wenn es das unschlüssigste Narrativ ist.

Ist es aus marxistischer Sicht nun ein Gegenargument gegen objektives Wissen, wenn man feststellt, dass Fakten nur innerhalb von kausalen Kontexten Sinn ergeben und diese Narrative verschieden sind? Trägt der Empiriokritizismus und Konstruktivismus den Sieg über den Materialismus davon? Einige Argumente sprechen dagegen.

Zunächst einmal zeigt die Korrelation zwischen gesellschaftspolitischer Position eines Landes und dem dominanten Narrativ bereits eine kausale Beziehung, welche die Entstehung der Narrative historisch-materialistisch erklären kann. Dies führt zweitens zur generellen Selbstwidersprüchlichkeit kapitalistischer Gesellschaften. Für Lenin war Wahrheit ebenfalls relativ, aber nicht im Sinne einer Beliebigkeit, sondern in Relation zum Klassenstandpunkt. Wie für den Kapitalisten sein Recht auf Nutzung der Arbeitskraft und für die/den Proletarier*in ihr/sein Recht auf bestmöglichen Erhalt der Arbeitskraft gleichermaßen wahr sind, so sind sie doch objektiv widersprüchlich. Marxist*innen erkennen hier an, dass Narrative gleich wahr sein können, wenn sie von prinzipiell kontradiktorischen Standpunkten aus erfolgen und die Konkurrenz der Nationalstaaten, sei es die zwischen den USA, der EU, der Ukraine und Russland ist notwendig widersprüchlich. Sich zu einem Narrativ zu bekennen, bedeutet für Marxist*innen nicht, den Wahrheitsgehalt anderer Narrative prinzipiell zu leugnen, sondern das Narrativ zu ermitteln, welches dem Klassenstandpunkt des Proletariats am nächsten steht. Drittens erkennen Marxist*innen ein Prinzip der Totalität an, welches geopolitische Konkurrenz und innenpolitische Stabilität nicht als getrennte Phänomene wahrnimmt, sondern als gegenseitig verschränkte. Nationen, die in der Lage sind, durch ihre imperialistische Stellung auf dem Weltmarkt Extraprofite zu erzielen, können auch innenpolitisch leichter den Klassenkompromiss finanzieren. Die dialektische Totalität aus Geopolitik, politischer Ökonomie, sowie kulturellen, historischen und nationalen Gesichtspunkten ist für Marxist*innen unbedingt zu berücksichtigen. Ein Studie wie die vorliegende hilft hierbei, die einander entgegengesetzten Standpunkte innerhalb der bürgerlichen Debatte zu identifzieren, sich hinsichtlich des Klassenstandpunkts zu positionieren und im besten Fall die Debatte durch dialektischen und historischen Materialismus zu transzendieren.

Literatur:

Nadiia Koval, Volodymyr Kulyk, Mykola Riabchuk, Kateryna Zarembo &
Marianna Fakhurdinova (2022): Morphological Analysis of Narratives of the Russian-Ukrainian
Conflict in Western Academia and Think-Tank Community, Problems of Post-Communism, DOI:
10.1080/10758216.2021.2009348

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