Das gute Leben im Falschen – Zur Aktualität Mariateguis

⋄ Jose Carlos Mariategui gilt als „erster Marxist Amerikas“ und kreativer Anwender marxistischer Klassenanalyse auf dem lateinamerikanischen Kontinent.

⋄ In seinem Konzept haben indigene Traditionen beim AUfbau des Sozialismus genauso Raum wie die Aneignung der Produktionsmittel durch das Proletariat.

⋄ In den
Latin American Perspectives wurde die Aktualität Mariateguis unter die Lupe genommen.

⋄ Es wurde gezeigt, dass sich die Klasseninteressen von Arbeiter*innen, Bauern und Indigenen weniger harmonisch decken, als von Mariategui prognostiziert.

⋄ Eine Aktualität der Gedanken Mariateguis findet sich im Konzept des guten Lebens – Sumak Kawsay -, dass in Ecuador und Bolivien bereits Einzug in die Verfassungen hielt.
Sumak Kawsay – Das gute Leben. Zwischen Wunsch und Realität

Schutz und Einheit mit der Natur, Verbundenheit mit der Gemeinschaft, Spiritualität, ein gutes Leben in Selbstbestimmung … dafür steht der Begriff des Sumak Kawsay der Andenvölker Südamerikas. Viele Linke und Sozialist*innen erblicken in diesem einen Weg zu einem kommunitarischen Sozialismus, der gleichzeitig der ökologischen Krise und dem globalen Imperialismus entgegengesetzt werden kann. Bereits vor hundert Jahren entwickelte der peruanische Marxist Jose Carlos Mariategui die Konzeption eines Sozialismus, der indigene Traditionen in sich aufnimmt.

Der Gründer der Peruanischen Kommunistischen Partei und „erste Marxist Amerikas“ stellte sich in die Tradition der Komintern, kritisierte ihre Strategie aber als eurozentristisch und schlug für Peru andere Wege vor. Mariategui sprach sich nach der Analyse der Klassenzusammensetzung Perus für einen Weg der dreifachen revolutionären Entwicklung aus. Den Andenvölkern sollte ihr Land zur Wiederbelebung solidarischer, indo-kommunistischer Kollektivwirtschaft zurückgegeben werden. Die eher weiße Landbevölkerung sollte als selbstverwaltete Kleinbauern das Land der Großgrundbesitzer erhalten. Und das urbane Proletariat sollte durch eine klassische sozialistische Umgestaltung kollektives Eigentum an den Produktivmitteln erhalten. Alle drei Stränge sozialistischer Vergesellschaftung sollten mit der Zeit zu einem gemeinsamen Kommunismus, der weiße und indigene Traditionen gleichermaßen in sich vereint, zusammenführen.

Die Latin American Perspectives haben die Theorie Mariateguis im Spiegel aktueller Entwicklungen auf dem lateinamerikanischen Kontinent interpretiert. Sie zeigen, dass sich Entwicklungen zwischen Linken und Indigenen weit konfliktreicher abgespielt haben, als es nach Mariategui zu erwarten wäre.

Das revolutionäre Subjekt Südamerikas

Félix Pablo Friggeri erörtert die Frage des revolutionären Subjekt bei Mariategui und seine zeitgenössische politische Übersetzung. Der orthodoxe Marxismus sieht im Proletariat die revolutionäre Klasse, da diese die am weitesten entfremdete Klasse in den voll entwickelten Produktivkräften sei. Mariategui hingegen steht für ein populares Bündnis aus Arbeiter*innen und Bauern unter Einschluss der indigenen Traditionen von Autonomie. Die Landfrage sei für Südamerika zentral und damit auch die Forderung, dass die Indigenen das Land unter eigener Kontrolle und nach eigenen Zielen bearbeiten können.

Das hat Konsequenzen. Auf der einen Seite stehen Sozialist*innen, die für einen „Großen lateinamerikanischen Sprung nach Vorne“ eintreten. In ihrem Interesse ist es, die Produktivität soweit zu entwickeln, dass Automatisierung und Mechanisierung den Arbeiter*innen technisch einen großen Teil der Arbeit abnehmen. Unter den Bedingungen des weltweiten Kapitalismus ist dieser Teil der Linken auch daran interessiert, dass eine einheimische Bourgeoisie in der Lage ist, die entsprechenden Investitionen in Produktionsmittel, Forschungsinstitutionen und Bildung der Arbeiter*innen zu stecken.

Der an Mariategui angelehnte Ansatz geht davon aus, dass eine Arbeit, die als kollektive und traditionell verwurzelte Arbeit wie in den indigenen Teilen der Bevölkerung verrichtet wird, ihren Zwangscharakter im Sozialismus bereits früh verliert. Für ihn ist die Befreiung von entfremdeter Arbeit keine technische, sondern eine soziale Frage. Arbeit, die nicht mehr entfremdet ist, wird erstes Lebensbedürfnis und daher ist es politisch zweitrangig, ihre in Minuten und Stunden gemessene Dauer zu verkürzen.

Politisch übersetzen könnte man diese unterschiedlichen Ansätze in die Frage, ob Rohstoffe lieber weiterhin ausgebeutet werden sollten, um mit den Erlösen die Modernisierung (wodurch eine Effizienzsteigerung ebenfalls von ökologischem Vorteil wäre) der Industrie voranzutreiben oder ob prinzipiell schonender mit dem Land umgegangen werden solle und der fehlende Anstieg materiellen Wohlstandes durch die Erneuerung der sozialen Beziehungen kompensiert werden solle. Die starken indigenen Bewegungen in Südamerika zeigen, dass es durchaus einen politischen zu zweiterem gibt. Dies wäre ein Szenario, in dem „die indigene Welt ein fundamentaler Protagonist auf dem Weg zum Sozialismus“ (S.57) werden könne.

Friggeri erzählt noch nach Analyse der jüngeren politischen Vergangenheit Südamerikas ein Narrativ, warum das Konzept Mariateguis wieder stärkeren Einfluss in der Politik hat. Die traditionelle Arbeiter*innenorganisation Südamerikas gruppierte sich stark um Gewerkschaften. Durch Krisen, Überproduktion und Abhängigkeit zum Weltmarkt wurde aber urbane Arbeitslosigkeit ein immer größeres Problem. Die Arbeitslosen wurden von den Gewerkschaften nicht mehr effektiv vertreten und durch die Abhängigkeit vom Weltmarkt verloren die Gewerkschaften selbst an Kraft. Daher suchten die linken Bewegungen durch Einsicht in die Realität nach neuen sozialen Fronten, um linke Positionen zu artikulieren. Solche neuen Fronten konnten zwischen Arbeiter*innen, Bauern und Indigenen geschlossen werden, die vom selben Akkumulationsregime unterdrückt wurden und in sozialen Bewegungen eine gemeinsame Gegenkultur schufen.

Sumak Kawsay – Das Recht auf gutes Leben

Ein Begriff, der stark mit der Tradition der Andenvölker verbunden wird, ist der des Sumak Kawsay, dem Recht auf ein gutes Leben. Mit diesem beschäftigen sich die Autor*innen Adriane Vieira Ferrarini und César Miguel Salinas Ramos.
In einem weiten Sinne wird damit die Verbundenheit mit dem Land und mit der Natur, die Arbeit und das Leben in der Gemeinschaft und die Akzeptanz der Diversität eines Plurinationalismus verstanden. Mariategui sah die Dorfgemeinschaft der Ayllu und die kollektive Arbeit in der Minga als peruanische Formen des Sumak Kawsay an. Verfassungsrechtlich schlägt sich das Sumak Kawsay darin nieder, dass die Natur als Rechtssubjekt betrachtet wird, Ressourcen allen und nicht wenigen gehören, es das Recht auf Gesundheit und eine gesunde Umwelt gibt oder die Beteiligung der Bürger*innen und Völker garantiert wird.

Ferrarini und Ramos sehen im aktuellen südamerikanischen Diskurs um Sumak Kawsay wie Mariategui diverse Anknüpfungspunkte für den Marxismus: Die Infragestellung des mathematischen Paradigmas durch die Moderne, das nur im Wachstum das Positive sieht. Die Bedeutung solidarischer Praxis. Die Bedeutung von Eigenverantwortlichkeit und Autonomie von Völkern, aber auch einzelnen Arbeiter*innen in der Produktion. Spirituelle Komponenten einer Einheit von Mensch und Natur.

Allerdings zeigen die Beispiele der Verfassungswirklichkeiten in Bolivien und Ecuador des Sumak Kawsay, dass die objektive Realität sich weit schwieriger gestaltet. Der Nationalstaat, der in Anspruch nimmt, das gute Leben umzusetzen, ist ein abstraktes Verhältnis zwischen einer Großzahl an Menschen. Die indigene Tradition bezieht sich jedoch im Wesentlichen auf Dorfgemeinschaften, Sippen und kleinere Völkerschaften. Es ist bereits ein Widerspruch in sich, dass der Staat als Machtverhältnis erst die Autonomie der indigenen Gemeinschaften garantiert. Dazu treten die einzelnen Rechte in Widerspruch. In Bolivien gibt es ein in der Verfassung festgeschriebenes Primat des Staates, Rohstoffe zum Nutzen der Bevölkerung auszubeuten. Dieses deckt sich mit Sumak Kawsay, das die Verwendung der Ressourcen zum Nutzen aller und nicht weniger vorsieht. Nun sind jedoch einzelne indigene Stämme von der Ressourcenausbeutung betroffen. Ihr Wasser wird verschmutzt. Wälder werden gerodet. Sie müssen womöglich ihr Land verlassen. Der Nutzen für alle und die Autonomie der einzelnen steht in feindlichem Verhältnis und lässt Konflikte eskalieren. Doch es ist gerade das Proletariat der Städte, welches auf Staatsleistungen, wie Schule, Krankenhäuser und soziale Sicherung, sowie Primärgüterverarbeitung angewiesen sind. Ihr gutes Leben wird vom guten Leben der Indigenen eingeschränkt. Das Recht des Proletariats kann nicht so einfach zurückgewiesen werden, zumal nicht durch linke Regierungen.

Konflikte in Ecuador

Mariategui sah im Nebeneinander und der Vereinigung der indigenen Autonomiebewegung, der bäuerlichen Landbewegung und der proletarischen kommunistischen Bewegung ein harmonisches Bündnis für einen integralen südamerikanischen Sozialismus. Mauricio Jaramillo Jassir zeigt in seinem Beitrag am Beispiels Ecuadors jedoch auch, dass dieses Bündnis in der Tat fragil sein konnte.
Nachdem Zusammenbruch der Sowjetunion, die für viele Bewegungen in Lateinamerika Verbündeter im antiimperialistischen Kampf war, erlitten auch die großen marxistischen Parteien in Ecuador – die Demokratische Volksbewegung, die Marxistisch-Leninistische Partei und die Kommunistische Partei – erhebliche Verluste. Gleichzeitig fanden 1990 die größten indigenen Aufstände seit Jahrzehnten statt und die indigene Autonomiebewegung Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador erstarkte. Und tatsächlich war es der indigene Befreiungsdiskurs, der große Teile der enttäuschten Anhänger*innen wieder in eine gemeinsame Linke (Movimiento de Unidad Plurinacional Pachakutik–Nuevo País) integrierte. Allerdings konnte die Plattform zwar stark, aber nie mehrheitsfähig werden. Während die Kommunist*innen für die Übernahme der staatlichen Institutionen plädierten, ging es den indigenen Teilen um den Aufbau einer Gegengesellschaft zum bürgerlichen Staat. Die Verfassung von 1998, die auf der einen Seite den Indigenen viele Rechte zugestand, auf der anderen jedoch den Status Quo der bürgerlichen Gesellschaft verfestigte, spiegelt die innere Widersprüchlichkeit der Bewegung wieder.

Eine zweites Beispiel dafür war die Präsidentschaft des linksorientierten Raffael Correa. Seine „Bürgerrevolution“ schrieb zwar auf der einen Seite Sumak Kawsay in der Verfassung und der Regierungspraxis fest. Allerdings wurden gerade unter diesem Konzept auch Maßnahmen, wie die Gewährleistung des Rechts auf Wasser für alle – durch die Zentralregierung durchgeführt. Große Teile der indigenen Bewegung wollten über die Wasserressourcen selbst bestimmen und es kam zu größeren Konflikten mit der Correa-Administration.

Jassir sieht zusammenfassend die durch die CONIAE repräsentiert indigene Bewegung und den linken Progressivismus der PAIS als getrennte politische Akteure und nicht als natürliche Allianz wie Mariategui. Er stellt heraus, dass das Konzept indigener Autonomie von Staat und Parteien und linker Kampf um Staat und Parteien in Ecuador einander schwächten. Während es der Linken an Zustimmung durch die Indigenen fehlte, um innerhalb des Staates weitergehende sozialistische Umgestaltung vornehmen zu können, fehlte es der Linken an Verwurzelung in den indigenen Communities, um deren Interessen tatsächlich transformativ auf die Staatsstrukturen zu übersetzen. Das muss nicht heißen, dass beide prinzipiell nicht vereinbar wären, doch müsste man den unterschiedenen Klassencharakter von Proletariat und Indigenen und die dialektische, nicht harmonische Entwicklung, der Klassenbeziehungen ernst nehmen.

Zusammenfassung

Hinter der Utopie Mariateguis von der Einheit der Arbeiter*innen, Bauern und Indigenen verbergen sich Klassenkonflikte zwischen den drei Parteien, die in der historischen Entwicklung zu Konflikten und zur Schwächung der Linken führten. Die Verbundenheit der Indigenen mit dem Land und der Natur und dadurch die Begrenzung der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen begrenzt auch die Produktivkraftentwicklung, welche die Grundlage für die Befreiung des urbanen Proletariats ist. Der Staat als zentrale Machtinstanz, die sozialistische und kommunistische Parteien zu erobern versuchen, befindet sich im prinzipiellen Widerspruch mit dem Autonomieanspruch der Andenvölker. Moderne Gesellschaftsstrukturen lassen sich nicht so einfach zurückdrängen. Arbeiter*innen in den Städten wollen selten wieder Bauern werden oder Einschnitte für die Umsetzung des indigenen Sumak Kawsay in Kauf nehmen. Die spirituelle Einheit mit Natur ist nicht mehr ihre gelebte Praxis. Hat Mariategui dies nicht gesehen?

Er könnte es gesehen haben und gerade deshalb dem Mythos der sozialen Revolution eine so zentrale Stelle in seinem Werk eingeräumt haben. Der Mythos, der Glaube und die Erwartung einer Zukunft, in der die solidarische gemeinschaftliche Arbeit nicht mehr zu Widersprüchen einzelner Lebensformen führt; dieser Glaube war es, dem Mariategui die Kraft zuschrieb, Revolutionäre zu entflammen und das einfache Volk für Entbehrungen zu gewinnen, wenn sie dem Ziel des Sozialismus dienen. Heroismus, Theologie, Voluntarismus und subjektiver Faktor in der Theorie Mariaeguis sind somit keine persönlichen Launen oder Ergebnis seiner katholischen Erziehung. Diese Momente erwachsen aus der Widersprüchlichkeit zwischen den unterdrückten Klassen. Sie sind Mariateguis Vorschlag zur Behebung von Problemen, keine analytisches Ergebnis. Sie sind geforderte Praxis, keine Theorie. Zugleich sind sie Indikator für die historische Situation, in der die unterdrückten Klassen ihre Gemeinsamkeiten über die Gegensätze stellen, um gemeinsam gegen den Unterdrücker zu kämpfen. Dieser Kampf wird weder vollständig indigenen Kommunitarismus, noch in der bloßen Eroberung der Staatsmacht aufgehen. Die solidarische Tradition der Andenvölker könnte hierbei einen integralen Beitrag auf dem südamerikanischen Weg zur Überwindung des Staates durch seine Eroberung leisten.

Literatur:

Ferrarini, A. & Ramos, C. (2022): Mariátegui’s Thought and the Solidarity Economy. In: Latin American Perspectives. Jahrgang 49. Ausgabe 4. S.110-125.

Friggeri, F. (2022): Mariátegui and the Search for the Latin American Proletariat. In: Latin American Perspectives. Jahrgang 49. Ausgabe 4. S.45-61.

Jassir, M. (2022): Silent Indigenous Revolution in Ecuador and Mariátegui’s Thought. In: Latin American Perspectives. Jahrgang 49. Ausgabe 4. S.78-93.


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