The Future Protests are unwritten

Die Proteste in Deutschland und Europa waren in den letzten Jahren politisch nicht mehr eindeutig in links und rechts zu trennen.

Daher stellt sich die Frage nach den zu Grunde liegenden Gesellschaftsvorstellungen, um das progressive Potential abschätzen zu können

⋄ Florian Hertel von der Universität in Hamburg und Nadine Schöneck von der Universität Niederrhein haben Daten aus dem International Social Survey Programme von 2009 der OECD Gesellschafts- und Konfliktvorstellungen aus 27 Ländern untersucht.

Deutschland wird als ähnlich konfliktbehaftet wahrgenommen, wie Frankreich oder die Vereinigten Staaten.

Die Konflikte werden sowohl im Narrativ „arm gegen reich“ als auch in einem diffusen „oben gegen unten“ interpretiert.
Ein großes Stück kleinbürgerliche Beliebigkeit und Selbstinszenierung. Aber faschistoid?

Die herrschende Klasse befürchtet, dass ihr ein heißer Herbst bevorsteht. Die hohe Inflation und die Explosion der Energiekosten, bei gleichzeitiger Weigerung, Übergewinne zu besteuern, könnte die gesellschaftliche Stimmung in einem durch die Covid-Maßnahmen bereits polarisiertem Klima derart aufheizen, dass selbst im verschlafenen Deutschland vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen gewarnt wird. Man erinnert sich an die Gelbwestenbewegung in Frankreich, aber vielleicht auch an die Protestbewegungen in Griechenland, Spanien nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 oder an die Tahrir-Bewegung. Doch gerade die Linke fremdelt noch ein wenig mit dem kommenden Aufstand. Läuft man am Ende mit „Querdenkern“ und AfD-Anhänger*innen zusammen auf der Straße? Mit Klimawandel-Leugnern und Faschisten? Oder sollte man die Leute nicht abschreiben, sondern den Herbst nutzen, um die Menschen wieder für ein linkes Narrativ ins Boot zu holen?

Für die strategische Ausrichtung ist es wichtig zu wissen, welche Auffassung von Gesellschaft und gesellschaftlichen Konflikten die Mehrheit der Menschen besitzt. Die beiden deutschen Forscher*innen Florian Hertel von der Universität in Hamburg und Nadine Schöneck von der Universität Niederrhein haben Daten aus dem International Social Survey Programme von 2009 der OECD genommen, um auf Einstellungsmuster zur Gesellschaftsformation und Konfliktwahrnehmungen zu schließen. Die Studie wurde bereits 2019 veröffentlicht und aktuell nochmals in der Acta Sociologica publiziert. Auch wenn die Daten und der Originalartikel etwas älter sind. Es geht um sehr tiefsitzende und damit beständige Muster, die sich gut mit den Entwicklungen der letzten 10 Jahre vergleichen lassen.

Methodik

Hertel und Schöneck grenzen zunächst die Konfliktmuster auf vertikale Konflikte ein, also die zwischen oben und unten und nicht etwa zwischen verschiedenen Ethnien, Religionen, etc.. Dann haben sie die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Differenzierung nach subjektiven Einschätzungen untersucht und mit relativen, objektiven Werten wie dem Gini-Kooefizienten oder dem Medianeinkommen verglichen.

Urheber: Hertel, Florian; Schöneck, Schöneck, Nadine; Quelle: siehe „Literatur“; Lizenz: CC-BY-NC 4.0

Für die Differenzierung haben sie ein 5-stufiges Modell entwickelt. Typ A (im Folgenden Klassengesellschaft genannt) zeigt eine Gesellschaft mit einer breiten Basis einer ärmeren Bevölkerung und eine breiten Spitze reicher Menschen, während sich die Mittelschicht nochmals segmentiert. Typ B und C zeigen Variationen einen typischen Pyramidengesellschaft, Typ D eine gefühlte Mittelstandsgesellschaft und Typ E eine Wohlstandsgesellschaft mit nur wenigen armen Menschen. Marxist*innen würden am ehesten zu Typ A neigen, da der breite Balken das Proletariat und die restlichen Kleinbürgertum und Bourgeoisie zeigen, auch wenn diese Begriffe natürlich eigentlich qualitativer und nicht quantitativer Natur sind. Typ D wird wohl die von rechten Kräften bevorzugte Darstellung sein, die ihren relativen Wohlstand sowohl von oben als auch von unten gefährdet sieht.

Aus den Rohdaten konnte weiterhin abgelesen werden, ob soziale Konflikte als Konflikte zwischen „arm und reich“, „Arbeiter*innen und Mittelklasse“, „Management und Arbeiter*innen“ oder „den Leuten ganz unten und ganz oben in der Gesellschaft“ wahrgenommen werden. Die Intensität wurde auf einer Skala von 0 bis 10 eingeschätzt. Insgesamt lagen 10.643 Daten aus 27 Ländern vor.

Empirische Befunde

Ausmaß und Art der sozialen Konflikte

Urheber: Hertel, Florian; Schöneck, Schöneck, Nadine; Quelle: siehe „Literatur“; Lizenz: CC-BY-NC 4.0

Würde man das gezeigte Diagramm nach Ähnlichkeit clustern, ließe sich Deutschland in eine Art drittes Tier (=Gruppe) einordnen. Während Ungarn und Südkorea eine signifikante erste Gruppe bilden, die von einer zweiten aus Türkei, Portugal und Italien gefolgt wird, lässt sich Deutschland mit Frankreich, Chile und den USA vergleichen. Das ist vielleicht überraschend, da insbesondere 2009 Deutschland anders als zum Beispiel Spanien als eines der Gewinnerländer aus der Krise kam.

Länderübergreifend wird der Konflikt zwischen Mittelklassen und Arbeiter*innenklasse als gering erachtet. In Staaten, die sich seit dem Zeitpunkt der Umfrage eher nach rechts entwickelt haben, Ungarn, die Türkei, Italien, Schweden, die USA, wurde die diffuse Konfliktbeschreibung zwischen „oben und unten“ vergleichsweise wichtig (aber auch der zwischen Arbeiter*innen- und Mittelklasse) bewertet, während in den eher nach links gerutschten Ländern, wie Spanien, Frankreich (streitbar), Chile, Polen oder Slowenien eher eine Mischung aus „arm gegen reich“ und „Management gegen Arbeiter*innen“ vertreten. Frankreich ist mit einer besonders hohen Betonung des klassischen Klassenkonfliktes eher eine Ausnahme.

Die Einschätzung der Gesellschaftsformation

Urheber: Hertel, Florian; Schöneck, Schöneck, Nadine; Quelle: siehe „Literatur“; Lizenz: CC-BY-NC 4.0

Es ist deutlich zu erkennen, dass Länder mit einer geringen Einschätzung des Protestpotentials ihre Gesellschaft als klassische Mittelstandsgesellschaften einschätzen. Es sind zum größten Teil die reicheren Länder Nord- und Westeuropas. Einzig die Ungarn sehen ihre Gesellschaft mehrheitlich als typische Klassengesellschaft an. Überhaupt zeigen Länder mit eher rechten Protestbewegungen einen Trend zur Klassengesellschaftsmodell. Von bürgerlichen Eliten wird dies in der Regel als Elitenfeindlichkeit bezeichnet, woran sich dann Modelle von Verschwörungstheorien anschließen. Ansonsten herrschen klassische liberale Vorstellungen einer Pyramidengesellschaft vor. Deutschland verhält sich sehr ähnlich zu den Vereinigten Staaten. Die Forscher*innen zeigten, dass die Annahme einer Mittelstandsgesellschaft vermehrt mit den Konfliktmustern „oben gegen unten“ oder „arm gegen reich“ einherging, während die anderen Konfliktmuster in Pyramiden- und Klassengesellschaften dominierten.

Weitere Analysen

Die Einschätzung des Konfliktpotentials hing nicht von der sozialen Stellung der befragten Personen ab. Weiterhin wurde gezeigt, dass die Konfliktwahrnehmung mit der wirklichen Verteilung des Reichtums nicht im Einklang stünde.

Urheber: Hertel, Florian; Schöneck, Schöneck, Nadine; Quelle: siehe „Literatur“; Lizenz: CC-BY-NC 4.0

Die Wahrnehmung, wie groß der Anteil der mittleren Einkommen ist und der tatsächliche Anteil, variierten stark. In den Ländern mit großen Protestbewegungen oder hohem eingeschätztem Protestpotential ging sie besonders weit auseinander. Allerdings muss man hier vorsichtig sein, da zur Definition der Mittelstandsgesellschaft das Medianeinkommen genutzt wurde. Hier kann ein hoher Anteil mittlerer Einkommen genauso gut eine Gesellschaft vom Typ A oder D stützen. In Ländern, in denen das Bruttoinalndsprodukt sank, wurden außer in Estland, soziale Konflikte sehr stark wahrgenommen.

Diskussion

Hertel und Schöneck verdeutlichen in ihrer Zusammenfassung, worum es ihnen geht. Aus den beiden Tatsachen, dass der Anteil mittlerer Einkommen strukturell unterschätzt wird und das Konfliktpotential zunimmt, je weniger eine Mittelstandsgesellschaft als solche wahrgenommen wird, schließen sie, dass die Politik nicht nur auf gerechte Verteilung achten müsse, sondern diese auch aktiv kommunizieren müsse. Dies ist natürlich eine hochgradig konformistische Lesart der Ergebnisse. Sie lässt außer Acht, dass die Konfliktwahrnehmung in den Daten auch mit steigender Ungleichheit der Gesellschaft und geringerer sozioökonomischer Entwicklung zunahm. Da zur Grundlage der Definition das Medianeinkommen genutzt wurde, definieren sich die Autor*innen auch eventuell Mittelstandsgesellschaften zu Recht wo vielleicht keine sind. Nehmen wir an, die meisten untersuchten Gesellschaften folgen der momentan klassischen Verteilung von 100 Arbeiter*innen pro 10 Kleinbürger*innen pro 1 Kapitalisten. Dann kann die Bourgeoisie noch so reich sein und auch das Kleinbürgertum noch so wohlhabend, das Medianeinkommen repräsentiert dann nur einen etwas überdurchschnittlichen Arbeiter*innenlohn. Wenn die Autor*innen dann als Mittelstandsgesellschaften solche definieren, in denen mindestens 30% der Menschen zwischen 75% und 125% des Medianeinkommens verdienen, dann kann dies auch nur heißen, dass ein Großteil gleich arm ist, aber dennoch einer sehr reichen „Elite“ gegenübersteht. Leider haben die Autor*innen hier nicht noch Median- und Durchschnittseinkommen verglichen. Weiterhin erscheinen die Gesellschaftsmodelle zu wenig differenziert. Typ A kann genauso gut eine marxistische Klassengesellschaft darstellen, wie die Vorstellung einer verschworenen und diffusen Elite. In den Daten repräsentiert ein Modell damit zwei grundlegend verschiedene Weltbilder.

Kann man aus den Daten nun Rückschlüsse darauf ziehen, ob Proteste eher von Rechten oder von Linken gestützt werden? Die Antwort ist zwiespältig und man muss den Interpretationsrahmen der Daten schon sehr stark ausschöpfen. Erstens wird in Deutschland der Konflikt „arm gegen reich“ absolut am vierthäufigsten wahrgenommen, anteilig so gar am häufigsten. Dies wäre eine eher linke Beschreibung der Gesellschaft. Beim eher nach unten tretenden Narrativ „Mittelklasse gegen Arbeiter*innenklasse“ steht Deutschland anteilig eher auf den hinteren Rängen. Das sind zwei positive Indikatoren, dass sich die Proteste als soziale Proteste gegen die herrschende Klasse entwickeln können. Negativ anzusehen ist, dass die Konfliktwahrnehmung am Arbeitsplatz „Manager gegen Arbeiter*innen“ eher schwach ausgeprägt ist. Dies könnte man mit dem deutschen Exportmodell erklären, dass durch Extraprofite in der Lage ist, den Klassenkompromiss zu finanzieren. Und es ist kritisch, dass das diffuse „oben gegen unten“-Narrativ stark ausgeprägt ist. In Ländern mit eher rechten Protestbewegungen war die ebenfalls der Fall. Diffusität bedeutet allerdings noch nicht, dass es ein an sich per se rechts Narrativ ist, sondern das es eben recht frei besetzt werden kann. Es darf Zuversicht machen, dass das linke Narrativ „reich gegen arm“ ausgeprägt ist und vielleicht diese Diffusität füllen kann.

Zusammenfassung

Die Studienergebnisse zeigen, dass es in Deutschland ein großes Protestpotential gibt und dass sich die zu Grunde liegenden Gesellschaftsbilder nicht so leicht in links und rechts kategorisieren lassen, sondern stark national differenziert betrachtet werden müssen und anlassgebunden sind. Eine eindeutige oder auch nur annähernde, tiefliegende Rechtstendenz lässt sich nicht erkennen. Nur eine gewisse Diffusität. Wenn sich die Linke, Kommunist*innen, Marxist*innen und Sozialist*innen abkapseln, und diese Unbestimmtheit nicht durch konkrete politische Forderungen und kapitalismuskritische Narrative füllen, besteht allerdings wirklich die Gefahr, dass dies die Rechte übernimmt. Sollten die Menschen im Herbst tatsächlich massenhaft auf die Straße gehen, dann sollten Berührungsängste lieber abgebaut werden. Das geben die Daten her. Natürlich wird die herrschende Klasse jeden Strohhalm ergreifen, um diese zu spalten, wie es bei der Gelbwestenbewegung der Fall war. Allerdings ist diese Klasse der Feind, nicht Arbeiter*innen, die ihre Interessen verteidigen.

Literatur

Hertel, F. & Schöneck, N. (2019, 2022): Conflict perceptions across 27 OECD countries: The roles of socioeconomic inequality and collective stratification beliefs. In: Acta Sociologica. Jahrgang: 65. Ausgabe 3. S.231-249.

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