Rezension: „Die Wiederkehr der Klassen“

Die Klasse ist zurück. Zumindest in der deutschsprachigen soziologischen Diskurs und in den öfffentlich-rechtlichen Medien. Doch wie gut ist der Begriff 50 Jahre nach seinem Verschwinden aus dem akademischen Mainstream gealtert? Besitzt er noch die alte Schärfe im politischen Kampf oder hat der Zahn der Zeit ihn abgestumpft? Mit „Die Wiederkehr der Klassen – Theorien, Analysen, Kontroversen“ haben junge wissenschaftliche Autor*innen um Jakob Graf, Kim Lucht und John Lütten einen Sammelband im Campus-Verlag herausgegeben, welcher dank Förderung der Rosa-Luxemburg-Stiftung unter auch kostenlos erhältlich ist. Er klopft den aktuellen Stand der Debatte ab.

Was das Buch will?

„Die Wiederkehr der Klassen“ kann man als einen zusammenfassenden Beitrag zur neuen Klassendiskussion ansehen. Nachdem die deutsche Bourgeoisie im Laufe der 90er Jahre einseitig den Klassenkompromiss aufkündigte, um das deutsche Exportmodell zu retten, erfuhr auch der Klassenbegriff in der soziologischen Forschung und in linken Diskursen eine Neugeburt. Gleichzeitig machten die selben Mechanismen – Deregulierung des Arbeitsmarktes, Erosion des Normalarbeitsverhältnisses, Zunahme des tertiären Sektors und der Scheinselbstständigkeit – es der Soziologie schwerer, die wiederentdeckten Klassen politisch wie ökonomisch zu verorten. Hinzu kamen aktive linke Diskurse um Race und Gender, die in die neue Klassendiskussion integriert werden wollten. Und als ob dieses Themengeflecht nicht kompliziert genug wäre, so ist es die theoretische Fundierung erst recht: orthodoxe wie heterodoxe Marxist*innen, Postmarxist*innen, Poststrukturalist*innen, Kommununitarist*innen, Feminist*innen, kritische Theoretiker*innen, bürgerliche Intellektuelle uvm. überschneiden, ergänzen und widersprechen sich in unterschiedlichsten Punkten. Kurzum: die Debatte ist recht wild und das Buch versucht ein wenig ordnende Hand an diese zu legen.

Woher das Buch kommt?

Der Band ist das Ergebnis des Projektes Klassenanalyse Jena aus dem Frühjahr 2018, bei welchem Studierende und (Nachwuchs-)Wissenschaftler*innen sich im Arbeitsbereich Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie der Friedrich-Schiller-Universität zusammenfanden, um sich den bisherigen Theoriebeständen zu widmen. Bekanntester Kopf dieses Projektes ist Klaus Dörre, dessen Einfluss auf die einzelnen Artikel des Buches den Marxens übersteigt. Klaus Dörre ist im wesentlichen für drei theoretische Konzepte bekannt:

1. Die Theorie der „kapitalistischen Landnahme“: Anlehnend an die Akkumulationstheorie Rosa Luxemburgs kommodifiziert der Kapitalismus immer neue Gebiete (Commons, Natur, …), um die Produktion entgegen den eigenen Krisentendenzen immer weiter auszuweiten. Eine knappe Kritik des dieser Theorie sehr nahe stehenden Ansatzes wurde hier skizziert.

2. Die Theorie der „demobilisierten Klassengesellschaft“: Die Klassengesellschaft sei zwar objektiv noch vorhanden, jedoch demobilisiert in dem Sinne, dass eine bewusster Klassenkampf nicht mehr geführt werde.

3. Die Theorie der „Wettbewerbsklassen“: Das „demobilisierte“ Klassenbewusstsein weicht nicht dem Vakuum, sondern wird durch ein Alltagsbewusstsein ersetzt, welches sich in individualistischer Konkurrenz zu allen Teilen der Gesellschaft sieht. (Eine Zusammenfassung der Thesen Dörres findet sich frei zugänglich unter https://www.rosalux.de/publikation/id/41059/demobilisierte-klassengesellschaft-und-potenziale-verbindender-klassenpolitik)

Durch diese Prämissen strukturiert das Buch stillschweigend seinen Gegenstand, übernimmt jedoch alle Mängel und Verkürzungen dieser Konzepte. Auf einen homogenen Klassenbegriff wurde bewusst verzichtet, wie auch auf eine verbindliche Form der Darstellung.

Was das Buch gut macht?

Der beste Artikel ist „Der ökologische Gesellschaftskonflikt als Klassenfrage: Konvergenzen, Divergenzen und Wechselwirkungen von Natur- und Klassenverhältnissen“ von Hans Rackwitz. Rackwitz gelingt es zunächst, das dem Aufsatz zu Grunde liegende Problem doppelt zu fassen. Hierfür greift er die populäre Behauptung auf, dass sich die Arbeiter*innenbewegung kompromisslos für den Erhalt bisheriger Industriearbeitsplätze einsetze und daraus eine Anti-Ökologie folge. Dieses Problem übersetzt Rackwitz in einem zweiten Schritt in ein Problem der Kritik der politischen Ökonomie. Auf Grundlage des Doppelcharakters der Ware führt er aus, dass die kapitalistische Produktionsweise zur Profitmaximierung blind gegenüber dem stofflichen Inhalt ihrer Produktion werden müsse, was „ökologische Störungen [erzeuge], die zwar bearbeitet und stets verschoben werden können, sich letztlich aber auf insgesamt ausweiten und mittlerweile auf planetarische Ebene kulminieren.“ (S.94) Spontanes Klassenbewusstsein und ökologisches Bewusstsein konvergieren in der Tatsache, dass der kapitalistische Reichtum gleichermaßen zerstörerisch gegenüber seinen Quellen ist: der lebendigen Natur und der lebendigen Arbeitskraft. Beides divergiert jedoch ebenso durch die Trennung der Arbeiter*in von den Mitteln der Produktion, was diese*n von allen Grundlagen ihrer Reproduktion entfremde, auch der Natur.

Ausgehend von dieser abstrakten Doppelfassung des Problems, beschreibt er die konkreten Ausprägungen: die klassenspezifisch ungleiche Verteilung von Gefährdung und Konsumchancen, sowie sozial-ökologische Transformationskonflikte. Er kritisiert hierbei verkürzende Darstellungen der imperialen Lebensweise oder des Nord-Süd-Widerspruchs, indem er darauf hinweist, dass es nicht das Proletariat ist, welches die Kontrollmacht über die Krisenbewältigungsmechanismen hat und welche durch Surplusausbeutung der (semi)peripheren Natur und Menschen den heimischen Klassenkonflikt zu befrieden suchen. Mit empirischen Studien kann er weiterhin untermauern, dass Arbeiter*innen selbst dann ein Bewusstsein für die ökologische Problematik an den Tag legen, wenn sie vom Dilemma Jobs oder Umwelt selbst betroffen sein.

Als verbindende „ökosoziale Klassenpolitik“ schlägt Rackwitz eine „sozial-ökologische Gebrauchswertorientierung“ vor. Jobs sollten sich nicht mehr an ihrer Profitabilität orientieren, sondern an ihrer gesellschaftlichen Sinnstiftung, über die wiederum die Arbeiter*innenschaft zu befinden habe. Er fasst zusammen:

Ökosozialistische Klassenpolitik bedeutet jedoch, die ökologische Frage nicht nur als etwas zu behandeln, das auch soziale Verteilungswirkungen hat, sondern sie selbst als soziale Frage der Organisation der Ökonomie zu thematisieren. Perspektivisch orientiert sie daher auf eine Vergesellschaftung von Eigentum unter ökologische Gesichtspunkten – auf einen zeitgemäßen ökologischen Sozialismus.“ (S.119)

Hans Rackwitz

Was das Buch sonst noch macht?

Die anderen Artikel stehen und fallen jeweils mit der Schärfe und Fassung ihrer Problemstellung. Gelingt es den Artikeln, die Debatte auf ein abgrenzbares Problem zu beziehen, sind sie eine sehr gewinnbringende Lektüre. Gelingt dies nicht, machen sie den Eindruck selbstreferentieller Abrisse einer akademisierten Diskussion. Lucht et al. stellen beispielsweise in groben Zügen die Überschneidung der feministischen Theorie und Praxis mit der Arbeitswelt dar. Ihnen gelingt es jedoch nicht, die klassenanalytische Fragestellung des Feminismus zu entwickeln. Die Debatte erscheint als Selbstzweck, anstatt dass die darunterliegenden Widersprüche entwickelt würden. Und immer, wenn es spannend wird und tatsächlich klassenanalytische Fragen angeschnitten würden (zum Beispiel bei der Frage, wer den Hausarbeitslohn bezahlen würde? Staat, Arbeitgeber oder Arbeitnehmer), bricht der Beitrag ab. Klasse und Geschlecht bleiben somit zwei lose und unspezifisch miteinander verbundene Aspekte, deren gemeinsame Verwurzelung in einem historisch-spezifischen Kapitalismus nicht aufgedeckt wird. Ähnliches lässt sich vom Artikel von Janina Puder und Genevieve Schreiber zu Klasse und Rassismus sagen, der zudem negativ durch große Leerstellen der bisherigen Debatte und eine dem Thema unangemessene Fokussierung auf die deutsche Literatur auffällt.

Der Artikel zum „Klassenbegriff in der Kritischen Theorie“ von Helen Akin und Jorin vom Bruch schafft es immerhin, ein wissenschaftstheoretisches Problem zu formulieren: Wie lässt sich das Phänomen der Klasse soziologisch überhaupt bearbeiten, wenn Klassenkonflikte zwar objektiv vorhanden sind, aber subjektiv nicht wahrgenommen werden? Der Artikel beschränkt die Bearbeitungsansätze leider auf die Versuche der Kritischen Theorie, die unzureichend geblieben sind. Auch John Lütten gelingt es, die neue Prekarität mit einer klassenanalytischen Problemstellung anzugreifen: Könnte sich, wenn schon die Informaliserungsprozesse das konkrete Erlebnis von Klasse zerstören, nicht auf der dem marxistischen Klassenbegriff angemessenen Abstraktionsebene ein neues Bewusstsein entwickeln? Zur Untersuchung dieser Fragestellung werden dann verschiedene Vorschläge zur Operationalisierung gemacht und einige bisherige Erkenntnisse zusammengefasst.

Jakob Graf und Janina Puder stellen die Frage, ob sich durch das global quantitative Wachstum des Proletariats auch ein Weltproletariat als politischer Akteur herausbildet. Der Aufsatz ist stark durch die Weltsystemtheorie Immanuel Wallersteins geprägt. Im Fazit kommt der Artikel dazu, dass es neben einer proletarisierten und einer kleinbäuerlichen Klasse, eine Klasse der fluiden Subalternen gäbe, die sich auf Grund ihrer Heterogenität am schwersten fassen ließe. Leider fällt dieser Artikel hinter den internationalen Diskussionsstand zurück, der die Verzahnung der nationalen Klassen in den Wertschöpfungsketten tiefgehender diskutiert als dargestellt.

Was bleibt?

Die „Wiederkehr der Klassen“ trägt letztendlich alle Vor- und Nachteile eines Sammelbandes. Der große Vorteil ist, dass es ein solches Buch überhaupt gibt und dass es eine gewisse Breite der Diskussion abbildet. Der große Nachteil ist der fehlende Klassenbegriff und die fehlende Kohärenz. Anstatt die Problemkomplexe Klasse, Gender, Race, Umwelt, Prekarität und „Dritte Welt“ in ihrer gemeinsamen Wurzel zu fassen – dem kapitalistischen Produktionsprozess – und daraus zu entfalten, wählen die meisten Artikel den intersektionalen Ansatz, der sich Einzelschicksale einfach überlagern lässt. Blöd, wenn man arm ist; richtig blöd, wenn man dazu auch eine Frau oder schwarz ist. Der Witz der modernen Gesellschaften ist es jedoch, Benachteiligungen, Diskriminierungen oder Abwertungen nicht kulturell oder juristisch zu stiften, sondern durch den verschiedenen Zugang zu Produktionsmitteln. Das Bürgertum bekämpft aktiv ideologisch Rassismus, Sexismus und Sozialchauvinismus, während es diese Diskriminierungsformen auf Ebene der Produktion, der die Distribution nachgeordnet ist, selbst erzeugt. Den Witz des Klassenbegriffs, Ungleichheit und Unfreiheit des Proletariats (oder der Frauen, oder der Migrant*innen) aus den bürgerlichen Werten Gleichheit und Freiheit herzuleiten, verfehlen die Artikel zu häufig und behandeln Diskriminierung mehr als Verstöße gegen die eigentlichen Ideale, die nicht sein müssten.

Das Buch funktioniert somit als soziologisches; als marxistisches jedoch nur teilweise. Es steckt mehr Dörre als Marx drin und die Zugeständnisse, die Dörre seinerseits an den Zeitgeist machen musste, potenzieren sich. Im Großen und Ganzen ist „Die Wiederkehr der Klassen“ jedoch lesenswert und in der Kategorie der zeitgenössischen akademischen Literatur zum Klassenbegriff sicher weit vorn anzusiedeln.

Literatur:

Graf, Jakob [Hrsg.]; Lucht, Kim [Hrsg.]; Lütten, John [Hrsg.] (2022): Die Wiederkehr der Klassen. Theorien, Analysen, Kontroversen. Frankfurt, New York: Campus.

EDIT: In einer ersten Version wurde Hans Rackwitz falsch zitiert. Statt von „ökosozialistische Klassenpolitik“ war von „ökosoziale Klassenpolitik“ die Rede. Der Fehler stammt vom Autoren der Rezension und wurde geändert.

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