Robinson Crusoe und die Quellen des Marxismus

⋄ Der weltbekannte Roman „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe erschien 1719 zur Zeit der Entstehung der kapitalistischen Gesellschaft.

⋄ Sowohl die politischen Ökonomen Englands, die französischen Aufklärer oder die deutschen Idealisten wie Hegel illustrierten ihre Philosophie an dieser Erzählung. Der Australier Michael Lazarus hat die Rezeptionsgeschichte in einem Aufsatz zusammengefasst

⋄ Adam Smith und Jean-Jacques Rousseau sahen in Crusoe den natürlichen Menschen, auf dessen Freiheit sich das Privateigentum gründet.

⋄ G.W.F. Hegel und Karl Marx hingegen kritisierten den bürgerlichen Individualismus und illustrierten am Beispiel Crusoes die Dialektik von Freiheit und Wert.

Fun Fact: Der Originaltitel des Buches lautet The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner: Who lived Eight and Twenty Years, all alone in an un-inhabited Island on the Coast of America, near the Mouth of the Great River of Oroonoque; Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but himself. With An Account how he was at last as strangely deliver’d by Pirates. Written by Himself.
Reif für Insel?

Es könnte der Anfang eines klassischen VWL-Lehrbuchs sein: „Stellen wir uns vor, wir sind Robinson Crusoe. Ausgesetzt auf einer einsamen Insel mit nichts anderem als ein paar Kisten Werkzeug und Lebensmitteln für sechs Monate.“ Das Lehrbuch wird dann erklären, dass man mit knappen Gütern haushalten muss, dass man diszipliniert die Arbeiten zu erledigen hat, welche die Not einem vorgibt und dass, wenn man einen Freitag trifft, man sich die Arbeit aufteilt: einer plant, der andere ackert. Dann setzt man neben Robinsons Insel noch weitere kleine Eiländer mit ihren eigenen kleinen Robinsons, lässt sie Handel treiben, Verträge schließen, ein Rechtssystem ausarbeiten und schwups … hat man die bürgerliche Gesellschaft.

Marx stellte im Kapital fest, dass die politische Ökonomie ihre Robinsonaden liebe. Michael Lazarus von der Monach University in Melbourne hat den Einfluss der klassischen Erzählung von Daniel Defoe auf Karl Marx und seine Quellen unter die Lupe genommen. Der Aufsatz „From shipwreck to commodity exchange: Robinson Crusoe, Hegel and Marx“ erschien vergangenen Juni in der Philosophy and Social Criticism.

Robinson Crusoe und die bürgerliche Ideologie

Der Roman „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe erschien 1719, was so ziemlich genau zwischen den Geburtsjahren von Jean-Jacques Rousseau (1712) und Adam Smith (1723) liegt. Er fällt damit zeitlich zusammen mit der letzten Phase der Einhegungen in Großbritannien, der Vernichtung der mittelalterlichen Strukturen auf der Insel, der Erfindung der ersten funktionsfähigen Dampfmaschinen (Newcomen-Maschine, 1712) und dem Anwachsen einst kleiner Provinzstädtchen wie Manchester. Kurzum, er fällt mit dem beginnenden Aufstieg der Bourgeoisie in England und etwas später in Frankreich zusammen.

Der Roman kann auf ideologischer Ebene als Geburtsstunde des modernen Individualismus betrachtet werden. Wo einst ein Ständerecht nach sozialen Gruppen urteilte, gab es nun ein Recht, dass alle Menschen gleichsam als Individuum behandelte. Robinson Crusoe, der einsam auf sich allein gestellte Inselbewohner, passte in dieses neue monadische Denken. Frei von sozialen Normierungen wird der Fokus auf die Psychologie Crusoes gelegt. Und die arbeitet in bester puritanischer Manier. Anstatt an seinem Schicksal zu verzweifeln, arbeitet Crusoe diszipliniert, plant über Wochen und Monate, akkumuliert die von eigener Hand geschaffenen Güter und lebt nach einer harten Anfangszeit bald in bescheidenem Wohlstand. Was hätte besser in die Ideologie des bürgerlichen Selbstbildes gepasst?

Der Roman naturalisiert das Verhalten menschlicher Individuen im Kapitalismus. Crusoe, der außerhalb jeder Sozialität steht, hält sich aus „natürlichen“ Erwägungen heraus an Fleiß, Disziplin und Ordnung. Robinson wird in kurzer Zeit zum Gestalter seiner Umwelt und immer weniger abhängig von den Zufälligkeiten der Natur. Er errichtet ein „Königreich“, behält selbstredend seine Religion bei und er fängt sich einen Sklaven, den er vorbildlich, aber doch aus der Überlegenheit des Kulturmenschen heraus behandelt. Die gesamte Geschichte ist dabei so temporal gleichförmig geschrieben, wie eine Stechuhr in Fabrik. All diese Attribute machten den Roman zu einem der Lieblingswerke der englischen Liberalen.

Crusoe und die englische politische Ökonomie

Adam Smith betrachtete, wie auch John Locke, Robinson Crusoe unter dem Aspekt des Eigentums. Das englische Bürgertum kämpfte zu jener Zeit gegen die Vorherrschaft des Adels. Moralisch fochten sie mit dem Argument, dass der Adel arbeitslos und somit illegitim reich geworden wäre. Robinson Crusoe stellt hier das Gegenbeispiel dar: einen Menschen, der all sein Eigentum – von einigen Produktionsmitteln und etwas Grundkapital an Nahrungsmitteln, die er aus dem Schiff retten konnte, abgesehen – selbst durch Arbeit schuf. Dies legitimiere ihn als Eigentümer der geschaffenen Güter, der den Schutz seines Eigentums beanspruchen dürfe. Es legitimiere ihn dann sogar als den Herrscher über ein eigenes Königreich, welches neben der bearbeiteten auch die unbearbeitete Natur umfasst. Diese Legitimationstheorie durch Arbeit hielt natürlich nur so kurz an, bis die frühen Sozialisten merkten, dass die Bourgeoisie keinesfalls arbeite, sondern das Proletariat.

Robinson Crusoe und die französischen Materialisten

Die Idee des atomisierten Menschen, der sich von Natur aus genau an die Regeln der kapitalistischen Gesellschaft halte, wurde ebenso in der französischen Frühaufklärung philosophisch aufgearbeitet. Um die Herrschaft der Bourgeoisie gegen den Adel durchzusetzen, musste der homo economicus ideologisch auf die Natur des Menschen zurückgeführt werden. Und der Schiffbruch Robinson Crusoes stellte für sie genau diese Rückversetzung in den Naturzustand dar. Sie sahen davon ab, dass Crusoe natürlich selbst einer gesellschaftlichen Tradition entstammte, die er auf die Insel mit nahm. Exemplarisch handelt Crusoe auf der Insel, wie Rousseau es in seinem zweiten Diskurs über die Ungleicheit beschreibt:

„Der Erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen „Dies gehört mir“ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft.“

Anders als die Menschen in der modernen Zivilisation, die durch Arbeitsteilung geistig wie körperlich verkümmert seien, repräsentiert Crusoe für Rousseau den zivilisierten natürlichen Menschen, der alle Arbeiten selbst zu verrichten im Stande ist und noch nicht durch die Gesellschaft verzogen wurde. Die Entwicklung Crusoes ist der von Emile, einem Jungen, der in einer fiktiven Erzählung nur durch einen idealisierten Lehrer erzogen wurde, sehr ähnlich. Crusoe wird jedoch durch die Natur erzogen. Ein sozialer Vertrag, den Robinson Crusoe erstellen würde, wäre demnach der dem Naturzustand ähnlichste und könne daher als vorbildhaft angesehen werden: Selbstdisziplin, Fleiß, Eigentum, Königreich.

Robinson Crusoe und Hegel

Hegel bezog sich einerseits positiv auf Rousseaus Beiträge zur menschlichen Freiheit und Autonomie. Er kritisierte ihn jedoch hinsichtlich seines Atomismus. Freiheit war für Hegel kein Begriff der außerhalb der Sozialität stand, sondern Freiheit entstehe erst durch die wechselseitige Anerkennung von Individuen als Freie. Das Individuum ist bei Hegel schon immer sozial. Es habe nicht nur soziale Beziehungen, es sei die Summe aller sozialen Beziehungen, die es eingehe. Für Hegel kann das Selbstbewusstsein als freier Mensch nur durch die Anerkennung durch andere vermittelt werden. Am bekanntesten ist hier wohl seine Parabel von Herr und Knecht: Der Herr kann sich nur selbst als Herr erkennen, wenn er auch durch den Knecht als Herr anerkannt wird. Diese Anerkennung erfolgt durch die Selbsterkennung des Knechts als Knecht. Die Freiheit des Herren resultiert als soziale Beziehung aus der Unfreiheit des Knechtes. Hegel geht bei diesem Beispiel explizit auf das Verhältnis von Robinson Crusoe und Freitag ein. Crusoes Königreich wird erst real, weil sich Freitag seiner Herrschaft unterwirft. Seine Religion wird erst real, als auch Freitag den Protestantismus annimmt. Und Crusoes Freiheit wird erst real, als er die Freiheit besitzt, einen Sklaven zu Arbeit zu befehligen. Eine der Pointen der Geschichte ist, dass Crusoe mit den Aufgaben, die er an Freitag überträgt, auch immer abhängiger von diesem wird. Crusoes Freiheit ist abhängig von der Unfreiheit Freitags und hebt sich somit selbst auf. Wer abhängig ist, kann nicht frei sein.

Robinson Crusoe bei Marx

Nach Lazarus spiegelt sich dieses Herr-Knecht-Verhältnis bei Marx in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten im Verhältnis zwischen Wert und Arbeit wieder. Wert ist vergegenständlichte menschliche Arbeit. Er ist allerdings nur insofern Wert, wie es sich gegen neue lebendige Arbeit austauscht (zum Beispiel als Lohn gegen Lohnarbeit). Der Wert, der eigentlich als Gegenstand objektiviert vor einem liegt, verliert seine Eigenschaft, Wert zu haben, wenn er sich nicht gegen lebendige Arbeit austauschen kann. Somit zeigt sich, dass der als scheinbar objektive Wert nur eine soziale Beziehung widerspiegelt. Ausgerechnet das atomisierte Privateigentum ist gar nicht so privat, wie es scheint, sondern reflektiert nur die gesellschaftlichen Beziehungen, von denen es abhängt.

Von diesem Standpunkt aus kritisiert Marx überwiegend die „Robinsonaden“ utopischer Sozialisten und bürgerlicher Ökonomen. So stelle sich Proudhon eine Urgemeinschaft privater Produzenten vor, aus denen heraus er seine politischen Vorstellungen heraus entwickle. Marx kritisiert, dass wie bei Robinson ein großer Berg Ideologie in den Prämissen versteckt werde. In ähnlicher Weise kritisiert er Rousseau. Dieser habe eine Gesellschaft als Summe privater Interessen aufgefasst, ohne zu problematisieren, dass kein Interesse jemals privat bleibe. Was wirklich privat ist, – z.B. die Frage, ob ich abends lieber Stranger Things oder den Tatort schaue – ist gar kein Gegenstand eines Sozialkontrakts. Der Sozialkontrakt tritt erst in Kraft, wenn private Interessen miteinander in Gegensatz geraten.

Im Kapital stellt Marx die „Robinsonaden“ der utopischen Sozialisten und bürgerlichen Ökonomen der Gemeinschaft freier Produzenten entgegen. Robinson habe die zum Überleben notwendigen Arbeiten mit der Stoppuhr eingeteilt, sodass er planen konnte, für welche Arbeiten er Zeit hat, welche als wichtige gemacht werden müssen, welche nicht mehr zu bewältigen sind und wie viel Zeit er zur Reproduktion haben müsse. Wichtig ist, auch wenn Robinson seine Arbeitszeit mit der Uhr misst, da er sie nicht vergleichen und tauschen kann, bleibt die Arbeit konkret und ist nicht abstrakt. Eine sozialistische Gesellschaft müsse genauso mit der Stoppuhr die anfallenden Arbeiten messen und verteilen, jedoch gemeinschaftlich und nicht privat wie bei Robinson. Eine sozialistische Gesellschaft kann keine der vielen kleinen privaten Robinsons sein, die erst im Nachhinein ihre Privatarbeiten gesellschaftlich aufeinander beziehen. Vielmehr werde eine sozialistische Gesellschaft

„mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre vielen individuellen Arbeitskräfte selbstbewußt als eine gesellschaftliche Arbeitskraft verausgaben. Alle Bestimmungen von Robinsons Arbeit wiederholen sich hier, nur gesellschaftlich statt individuell. Alle Produkte Robinsons waren sein ausschließlich persönliches Produkt und daher unmittelbar Gebrauchsgegenstände für ihn. Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich.“

(MEW 23, S.92f.)

Zwei Momente Robinsons finden sich zusätzlich bei Marx wieder. Erstens kann die Geschichte Robinsons als kleine Blaupause für die ursprüngliche Akkumulation betrachtet werden. Ausgestattet mit Produktionsmitteln wird zuerst mit eigener Arbeit so viel Reichtum geschaffen, bis Robinson andere für sich arbeiten lassen kann. Und zweitens ist Robinson ein kleines Beispiel dafür, dass menschliche Arbeitskraft mit den entsprechenden Produktionsmitteln in der Lage ist, mehr Güter zu produzieren als zur eigenen Reproduktion notwendig sind. Im Hinblick auf die Bildung von Klassengesellschaften ist die Knechtung Freitags so zu erklären, „daß Freitag mehr Lebensmittel durch seine Arbeit erzeugt, als Robinson ihm geben muß, damit er arbeitsfähig bleibe.“ (MEW 20, S.148) Die Klassengesellschaft basiere auf diesem Unterschied in der Aneignung des Mehrwerts bzw. der Mehrarbeit (und nicht, wie Eugen Dührung behaupte, auf einem natürlichen Wunsch der Menschen nach Knechtung).

Zusammenfassung

Für die bürgerliche Ökonomie und Philosophie ist Robinson Crusoe der Ausdruck von Individualität, Autonomie und Freiheit schlechthin. Für Hegel und Marx sind diese Begriffe gesellschaftlich und dialektisch durchdrungen. Bereits der Ausdruck „Verein freier Menschen“ schließt eine solche Dialektik ein. Damit die Menschen frei sein können, müssen sie als frei anerkannt werden. Dies benötigt eine Gesellschaft und zwar eine solche, in der Individuen ihre eigene Freiheit nicht durch Anerkennung der Freiheit anderer negieren müssen. Im Kapitalismus ist das ständig der Fall. Damit der Kapitalist frei sein Kapital verwalten kann, muss die Arbeiter*in auf ihre Konsumfreiheit verzichten. Damit der Staat frei Gesetze erlassen kann, muss das bürgerliche Subjekt mit jedem Gesetz ein Stück Freiheit abgeben.

Daher setzt ein „Verein freier Menschen“ Produktionsverhältnisse voraus, welche die gegenseitige Negierung der Freiheit aufheben. Diese sieht Marx im gemeinschaftlichen Eigentum an Produktionsmitteln und der gemeinsamen Planung der notwendigen Arbeiten. Sozialistische Gesellschaft ist nicht viele kleine Robinsons, sondern der kollektive Robinson.

Literatur:

Lazarus, M. (2022): From shipwreck to commodity exchange: Robinson Crusoe, Hegel and Marx. In: Philosophy and Social Criticism 2022, Jahrgang 0. Ausgabe 0. S. 1–27.

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