Die Armut der Schule

⋄ Auf Anfrage Martin Luther Kings untersuchten die US-amerikanischen Ökonomen Samuel Bowles und Herbert Gintis zwischen 1968 und 1976 den Zusammenhang zwischen Armut und Schule.

⋄ Ihr Buch Schooling in Capitalist America wurde zu einem Klassiker der kritischen Soziologie.

Sie zeigten, dass Schule dazu dient, Kinder zu Lohnarbeiter*innen zu disziplinieren und die ideologischen Prinzipien des Kapitalismus zu vermitteln.

⋄ Das Buch wurde für seinen angeblichen Funktionalismus, ökonomischen Determinismus, die Klassenfixierung und das marxistische Basis-Überbau-Schema kritisiert.

⋄ Der chinesische Bildungswissenschaftler Jianguo Zhang von der Universität Xinyang entkräftete in einem aktuellen Artikel in der
Educational Theory diese Kritik.
Humanistische Bildung? Nicht in der kapitalistischen Schule

Anfang des Jahres 1968 traf Martin Luther King einen jungen Ökonomen namens Samuel Bowles. Dieser stammte aus einer ärmeren Arbeiter*innenfamilie, aber er schaffte es dennoch, eine renommierte Universität zu besuchen und eine Anstellung zu finden. Da Bowles nicht nur als Fachmann, sondern auch als Linker galt, konfrontierte King ihn mit einigen Fragen in Vorbereitung auf die Poor People’s Campaign. Besonders interessierte den Menschenrechtsaktivisten, wie Armut, Wirtschaft und Bildung zusammenhingen. Der auf Grund seines rasanten Aufstiegs mit einem ordentlichen Ego ausgerüstete Bowles musste schnell seine Grenzen feststellen. Weder hatte er davon viel in seinen Vorlesungen gehört, noch gab es entsprechende Grundlagenliteratur. Bowles musste King mit den Antworten vertrösten. Er konnte sie ihm nicht mehr persönlich liefern. Nur wenige Wochen nach dem Gespräch wurde King ermordet. Die Poor People’s Campaign verlief mit mäßigem Erfolg. Doch Bowles blieb am Thema dran. Er spannte seinen Freund und Kollegen Herbert Gintis mit in die Forschungen ein. Die beiden sichteten Material und wo es fehlte, führten sie eigene Studien durch. Acht Jahre später erschien ihr Werk Schooling in Capitalis America. Obwohl der Zenit der linken Bewegung in den USA lange überschritten war, entwickelte sich das Buch schnell zum marxistischen Standardwerk zu Fragen der Pädagogik und des Schulsystems. Es wurde so populär, dass sich auch zahlreiche Kritiker – insbesondere aus dem liberalen Spektrum – einfanden, die das Werk hart aburteilten.

Seit den 2000ern genießt das Buch eine Renaissance. Es wurde neu herausgegeben. Lesekreise mit Bowles selbst fanden statt. Die Thesen wurden im Spiegel aktueller Forschungsergebnisse neu diskutiert. Diesmal blieb der Wahrnehmungskreis jedoch nicht auf die Vereinigten Staaten beschränkt, sondern weitete sich bis nach China. In der aktuellen Educational Theory reflektierte der Bildungswissenschaftler Jianguo Zhang von der Universität Xinyang das Werk und seine Kritik. Er ging auch auf die Vereinbarkeit der Thesen mit der chinesischen Bildungslandschaft ein. Ein Stück internationaler marxistischer Diskurs.

Schooling in Capitalist America

Samuel Bowles und Herbert Gintis zäumen das amerikanische Bildungssystem von hinten auf, vom Ziel. Heraus kommen sollen Arbeiter*innen (und ein paar wenige Kapitalist*innen mit gesonderter Bildung). Denn Menschen kommen nicht als solche zur Welt, sie müssen erst noch dazu gemacht werden. Dieser Arbeiter*innen müssen in dem Maße diszipliniert und befähigt sein, dass sie dem Profitinteresse des Kapitals Rechnung tragen können. Kurz gesagt, sie müssen ausgebeutet werden können. Sie benötigen technische und soziale Kompetenzen oder müssen mindestens gut genug lesen und rechnen können, um Anweisungen zu verstehen und Steuern zahlen zu können. Am besten kommen ungelernte und gelernte Arbeitskräfte in genau den Proportionen in den Betrieben an, die auf der jeweiligen Produktionsstufe benötigt werden. Diese Funktion lässt sich der kapitalistische Staat dann auch mal mehr, mal weniger kosten. Doch dabei bleibt es nicht.

Da Kapitalismus nicht nur ein technischer Prozess, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis sei, welches beständig Ungleichheit produziere, trägt die Schule die ideologische Funktion, diese Ungleichheit zu rechtfertigen. Dies tut sie in zweierlei Hinsicht: Erstens über den Lehrplan, der den Kindern die Notwendigkeit von arm und reich in Geschichte, Politik und Ethik/Religion vermittelt. In einer Gesellschaft, in der vor dem Recht alle gleich sind, dient formale Bildung dazu,Vermögensunterschiede zu rechtfertigen. Und zweitens über die Organisation selbst, die erfolgreiche und weniger erfolgreiche Kinder auf besseren oder schlechteren Schulen schafft. Schule vermittelt bereits vor dem Eintritt in Büro oder Fabrik das soziale Verhältnis von Autorität und Untergebenen, sodass die jungen Arbeiter*innen nicht erst noch diszipliniert werden müssen. Nach dem marxistischen Korrespondenzprinzip ist also Schule eines kleines Abbild der kapitalistischen Produktionsverhältnisse.

Schule ist aber auch beständig krisenhaft. Die kapitalistische Produktionsweise revolutioniert sich fortlaufend. Die Kompetenzen, welche die Bourgeoisie heute noch braucht und in den Schulen vermitteln lässt, werden in zwölf Jahren vielleicht nicht mehr gebraucht. Schule hinkt damit der gesellschaftlichen Entwicklung immer hinterher. Die Schule als Lernfabrik ist nur so lange funktional, wie sie spätere Fabrikarbeiter*innen ausbildet. Braucht das Kapital Millionen von Ich-AGs, ändert sich auch die Schule nach gewisser Zeit. Der Zeitverzug schafft beständige Spannung und Unzufriedenheit. Die Beschwerden darüber, dass Schule nicht die benötigten Voraussetzungen vermittle, sind so alt wie die Schule selbst.

Diese Thesen können untermauert werden. Mit Hilfe zahlreicher empirischer Befunde zeigen Bowles und Gintis, dass der IQ kaum Einfluss auf den Erfolg im Arbeitsleben kaum korrelieren, aber dafür Herkunft und Vermögen. Sie zeigen, dass Eltern das pädagogische Konzept bevorzugen, dass sie selbst auf Arbeit vorgelebt bekommen. Die bereits in den 70er Jahren einsetzende Tendenz, dass immer mehr Mittelschichts-Arbeitsplätze einen Hochschulabschluss voraussetzen, der auf Kredit finanziert werden muss, erregte bei den Autoren bereits Aufmerksamkeit. Sie stellten empirisch heraus, dass die öffentliche Förderung der Studierenden in der Zeit aufhörte, in der auch immer mehr Proletarier eine Universität besuchten bzw. mussten.

Als proletarische Reformvorschläge erachten die Autoren einen allgemeinen und kostenlosen Hochschul Zugang, sowie gezielte Programme zu festgestellten Ungleichheiten. Zudem regen sie zur Gründung freier und alternativer Schulen an, welche Bewusstsein für die Klassenspaltung der Gesellschaft schaffen könnten.

Die Kritik an Schooling

Die breite Auseinandersetzung mit Bowles‘ und Gintis‘ Schooling in Capitalist America brachte den beiden Autoren auch viel Kritik ein. Die wichtigsten Punkte waren:

  • Funktionalismus
  • Unterschätzung der Rolle des Überbaus
  • Ignoranz gegenüber anderen Faktoren als Klasse
  • Schwäche der Strategien zur Überwindung sozialer Ungleichheit

Zhang stellte in seinem Dossier diese vier Kritikpunkte näher vor und versuchte sich an einer Entkräftigung der Argumente.

Funktionalismus

Zunächst wurde Schooling ein einseitiger Funktionalismus vorgeworfen worden. Auch wenn Zhang feststellt, dass nur wenige Kritiker*innen ihre Definition von Funktionalismus expliziert haben, lässt sich eine grobe Skizze erstellen, was sie meinen könnten. Er sei die Erklärung eines Sachverhalts aus seiner Funktion für das Gesamtsystem heraus. Kritiker*innen sagen, dass auch, wenn dieser Ansatz hin und wieder zielführend sei, er häufig zur Verwechslung kausaler und funktionaler Zusammenhänge führe. Die Frage: „Was ist Bildung?“ sei nicht die selbe, wie „Was ist Bildung für das System?“ Vielmehr könne es auch weitestgehend autonome Systeme innerhalb eines Gesamtsystems geben, die nicht in dessen Zwecke integriert seien.

Dem hält Zhang entgegen, dass diese Kritik zwar prinzipiell gemacht werden könne, aber eben nicht auf das Bildungssystem im Kapitalismus zuträfe. Alle Teilsysteme seien der Notwendigkeit der Profitmacherei unterworfen. Selbst die Steuern, die das Bildungssystem finanzieren hängen vom wirtschaftlichen Erfolg ab. Ohne Profit keine Schule. Das kapitalistische System sei in dieser Hinsicht totalitär. Bowles und Gintis belegen mit empirischen Daten die Verflechtung von Wirtschaft und Bildungssystem, sowie auf die Kausalität zwischen Bildungsabschlüssen und Berufsmöglichkeiten.

Unterschätzung der Rolle des Überbaus

Der Vorwurf an Bowles und Gintis, die Rolle des Überbaus nicht angemessen berücksichtigt zu haben, könnte man auch als ökonomischen Determinismus beschreiben. Alle Entwicklungen im Schulsystem würden auf ökonomische Prozesse zurückgeführt.

Zhang entgegnet, dass die Autoren sehr wohl ein dialektisch-prozessierendes Modell der Gesellschaft besäßen. Die ökonomische Basis bilde nur die Anfangsvoraussetzung. Auf dieser bilde sich der gesellschaftliche Überbau aus, der die Schule mit einschließt. Schule besitzt in sofern eine relative Eigenständigkeit, als dass die Übersetzung der ökonomischen Anforderungen an das Proletariat immer erst verspätet in das Bildungssystem einfließt und damit zur einer Disproportion zwischen Arbeitsmarktbedarf und -angebot führt. Da die Bourgeosie jedoch nur mit dem Proletariat arbeiten kann, welches sie vorfindet, muss es die eigenen Produktionsstrukturen anpassen. Es findet als eine Rückkopplung vom Überbau zur Basis statt, die neue ökonomische Voraussetzungen schafft. Der Prozess verläuft somit dialektisch.

Manche Kritiker haben diese Kritik auch so verstanden, dass die Rolle der individuellen Anschauungen hinter kollektive Kräfte zurücktrete. Diese verpassen vollkommen den eigentlichen Punkt der Autoren:

“[w]orkers are neither machines nor commodities but, rather, active human beings who participate in production with the aim of satisfying their personal and social need“ – „Arbeiter*innen sind weder Maschinen noch Waren, sondern bewusste menschliche Wesen, die in die Produktion eintreten um ihre persönlichen und ökonomischen Ziele zu verwirklichen.“

S.10

Gerade weil Arbeiter*innen nicht als Arbeiter*innen zur Welt kommen, weil sie sich ein bewusstes Bild von der Welt machen und eigentlich kein Rädchen in der kapitalistischen Maschinerie sind, braucht es eine Institution wie Schule oder Universität, um das hinreichende Maß an Brauchbarkeit, Vergleichbarkeit und Konformität zu schaffen. Der subjektive Faktor wird also nicht vernachlässigt, er ist der Anfangspunkt der Argumentation.

Ignoranz gegenüber anderen Faktoren als Klasse

Bowles und Gintis wurde ebenfalls vorgeworfen, den Faktor Klasse auf Kosten anderer Faktoren, wie Race, Gender, Ethnie, Religion, sowie anderen kulturellen, sozialen und politischen Einflüssen überzubetonen. Zhang hält dem entgegen, dass die Untersuchung zwischen Bildung und Armut Ziel und Zweck des Buches war. Man könne den Autoren nicht vorwerfen, etwas nicht getan zu haben, was sie nicht tun wollten. Vielmehr müsse man beim wissenschaftlichen Arbeiten meist von anderen Faktoren abstrahieren, um einen Faktor detailliert erklären zu können. Eine*r Physiker*in würde ja auch nicht vorgeworfen, die Gravitation gegenüber der Reibung überzubetonen, wenn das Weg-Zeit-Gesetz für den Freien Fall erarbeitet wird.

Dennoch ist das Buch gespickt mit Querverweisen auf die Rolle von Gender, Race oder Urbanität bei der Formung der Institutionen. Es bleiben zwar Fragmente und Seitengleise, aber ihre Bedeutung wird zumindest angedeutet.

Schwäche der Strategien zur Überwindung sozialer Ungleichheit

Die Kritik, dass die Strategien zur Überwindung sozialer Ungleichheit große Lücken, Inkonsistenzen und Schwächen aufweist, wird seit dem Erscheinen des Buches von Bowles und Gintis selbst anerkannt. Die beiden Autoren sind sich seit fast 50 Jahren bewusst, dass sie maximal Skizzen, in welche Richtung es gehen könnte, vorgelegt zu haben. Wer das Buch liest, wird ohnehin leicht schließen, dass nur der revolutionäre Bruch mit dem Kapitalismus auch die Schule tiefgehend reformieren kann. So tiefgehend, dass sie ihren Charakter als Schule verliert. Die Autoren suchten einen Mittelweg aus wissenschaftlich begründetem Utopieverbot und der Befriedigung des Verlangens, kleine Schlaglichter auf die Zukunft zu werfen.

Reflexionen und Diskussion

Zhang überlegt, warum das Buch gleichzeitig zu einem Klassiker der Soziologie wurde, jedoch auch heftige und breite Kritik erfuhr. Sicher wecke das marxistische Framework Vorbehalte. Die Kritik selbst unterteilt Zhang in zwei prinzipielle Kategorien: Die erste frage nach der inneren Logik eines Werks. Wurden die Methoden sinnvoll eingesetzt, wurde alles bisherige Wissen genutzt und stützen die empirischen Ergebnisse die im Buch aufgestellten Thesen? Eine solche Kritik sei nie konsistent formuliert worden. Die zweite Art von Kritik sei die, ob die Forschungsfrage überhaupt richtig gestellt sei. Hier stellt Zhang fest, dass Bowles und Gintis mehrfach während und nach der Erscheinung des Buches grundlegend Rechenschaft über ihren marxistischen Basis-Überbau-Ansatz abgelegt hätten, was sich in den Kritiken jedoch nicht wiederfände.

Für China stellt Zhang eine weitestgehende Vernachlässigung des Buches fest. Obwohl es bereits 1989 in Taiwan, sowie 1990 in der Volksrepublik übersetzt worden sei, sei es seitdem nur etwa 300 mal zitiert worden. Zhang bedauert diesen Umstand in einem sozialistischen Land. In der Bildungstheorie würden entweder die Klassiker Marx, Engels und Lenin, oder die Aussagen früherer Parteiführer zu Fragen der Bildung aufgegriffen. Beides diene dazu, die aktuelle Schulpolitik zu legitimieren und nicht zu hinterfragen. Marxismus werde politisch-ideologisch und nicht methodisch verwendet, weswegen westliche Werke, die Marxismus anwenden, beständig ignoriert würden. Allerdings sieht Zhang auch einen gegenläufigen Trend. Mit der ökonomischen Öffnung Chinas sei die Klassenbildung und der Klassenkampf so evident geworden, dass die Begriffe zunehmend auch akademisch wieder zur Beschreibung der chinesischen Gesellschaft genutzt würden. Die Bedeutung der Klassenanalyse wachse und Schooling sei ein klassenanalytisches Werk. Er erinnert daran, dass auch im Westen Klassenanalyse unter umgekehrten Vorzeichen lange Zeit ein Schattendasein führte. Zhang hofft, dass in einer zunehmend globalisierten Welt, in der rein kapitalistische und rein sozialistische Staaten anachronistisch wären, der Austausch marxistischer Kritik an Bildung und Schule fruchtbarer werden könne.

Zusammenfassung

Im Vergleich zu anderen staatlichen Institutionen genießt die Schule in der Linken noch einen vergleichsweise guten Ruf. Ihr haftet der Hauch von Jede*r kann es schaffen, allgemeine Bildungsinhalte und Ort zur Vermittlung sozialer Kompetenzen an. Samuel Bowles und Herbert Gintis entkleiden mit marxistischer Argumentation diese Fehlvorstellungen. Schule selektiert nicht nur, sie richtet Kinder so zu Recht, dass sie für den Arbeitsmarkt konsumerabel sind. Allgemeinbildung bedeutet Zustimmung zum Klassenkompromiss und Einsicht, in der besten aller möglichen Gesellschaften zu leben. Soziale Kompetenzen erschöpfen sich sehr schnell in Konkurrenzdenken und Autoritätshörigkeit. Die Form der Schule mag sich ändern. Sie ändert sich aber in erster Linie nach dem Bedarf der Bourgeoisie. Schule ist kein Gegenmodell zur Klassengesellschaft. Die Existenz der Schule belegt das Bestehen der Klassengesellschaft, ob in den USA, in Deutschland oder in China. Jianguo Zhang nimmt hier kein Blatt vor dem Mund. Schule ist dazu da, Menschen ausbeutbar zu machen. Und das ist auch das einzig gute an ihr. Ausbeutung ist schlecht. Aber was ist im Kapitalismus für das Proletariat noch schlechter: Nicht ausgebeutet werden zu können.

Literatur

Bowles, S. & Gintis, H. (1976, 2011): Schooling in Capitalist America. Educational Reform and the Contradictions of Economic Life. Chicago: Haymarket Books.

Zhang, J. (2022): RETHINKING SCHOOLING IN CAPITALIST AMERICA FROM A MARXIAN PERSPECTIVE. In: Educational Theory. Jahrgang 72, Ausgabe 2. S.175-193.

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