How to Blow Up a Pipeline

2020 bringt ein schwedischer Autor ein Buch mit dem Titel „How to Blow Up a Pipeline“ heraus. Am 10. September 2022 wird erstmals der gleichnamige Film gezeigt. Nur zwei Wochen später kommt es tatsächlich zu Anschlägen auf die Pipelines Nord Stream 1 und 2. Kann das Zufall sein? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon. Aber es ist dennoch gutes Meme-Material für Photoshops, wie nach Gusto Biden, Putin oder Scholz mit dem Buch in der Hand dasitzen.
Der Autor des Buches heißt Andreas Malm. Die Berliner Philosophin Rahel Jaeggi nannte den Autoren Malm „eine prominente Stimme eines erneuerten ökologischen Marxismus“, wie der Freitag zu berichten weiß. Daher sind Autor, Filmpremiere und der hellseherische Titel Grund genug, mal einen Blick ins Buch zu werfen. Wer ist der Autor? Was steht drin? Argumentiert es wirklich marxistisch? Und lernt man tatsächlich etwas über das Hochjagen von Pipelines?

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Das gute Leben im Falschen – Zur Aktualität Mariateguis

Schutz und Einheit mit der Natur, Verbundenheit mit der Gemeinschaft, Spiritualität, ein gutes Leben in Selbstbestimmung … dafür steht der Begriff des Sumak Kawsay der Andenvölker Südamerikas. Viele Linke und Sozialist*innen erblicken in diesem einen Weg zu einem kommunitarischen Sozialismus, der gleichzeitig der ökologischen Krise und dem globalen Imperialismus entgegengesetzt werden kann. Bereits vor hundert Jahren entwickelte der peruanische Marxist Jose Carlos Mariategui die Konzeption eines Sozialismus, der indigene Traditionen in sich aufnimmt. Die Latin American Perspectives haben die Theorie Mariateguis im Spiegel aktueller Entwicklungen auf dem lateinamerikanischen Kontinent interpretiert. Sie zeigen, dass sich Entwicklungen zwischen Linken und Indigenen weit konfliktreicher abgespielt haben, als es nach Mariategui zu erwarten wäre.

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Die globale Rechte zwischen Konservatismus und Faschismus

Das vergangene Jahrzehnt war die Hochzeit der Neuen Rechten. Vom Front National bis zum Einigen Russland, von den Schwedendemokraten im Norden bis hin zum Bolsonaro-Regime im Süden. Überall bestimmte die Rechte Diskurse, erzielte Wahlerfolge und erzeugte Angst vor einem aufkommenden Neofaschismus. Die beiden Soziologen Mihai Varga aus Berlin und Aron Buzogány aus Wien haben in der aktuellen Critical Sociology die ideologischen Grundlagen der Neuen Rechten näher analysiert.

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Protest in Translation

Der „heiße Herbst“ kommt langsam ins Rollen. Doch die Verhältnisse sind kompliziert. Auf Seiten der Linken besteht eine permanente Angst, man könne sich von rechts vereinnahmen lassen. Daher ist es ungeheuer wichtig, sich mit der aktuellen Protestforschung und marxistischen Interpretationen des ideologischen Überbaus moderner kapitalistischer Gesellschaften auseinanderzusetzen.
Eine Theorie, welche hier Beachtung finden sollte, ist die so genannte Regulationstheorie. Sie analysiert, wie sich Gesellschaften politisch, ökonomisch, sozial, ideologisch und ökologisch aufstellen, um Krisen hinauszuzögern, gesellschaftlichen Konsens zu erzwingen und Proteste zu vermeiden.

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The Future Protests are unwritten

Die herrschende Klasse befürchtet, dass ihr ein heißer Herbst bevorsteht. Die hohe Inflation und die Explosion der Energiekosten, bei gleichzeitiger Weigerung, Übergewinne zu besteuern, könnte die gesellschaftliche Stimmung in einem durch die Covid-Maßnahmen bereits polarisiertem Klima derart aufheizen, dass selbst im verschlafenen Deutschland vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen gewarnt wird. Doch gerade die Linke fremdelt noch ein wenig mit dem kommenden Aufstand. Läuft man am Ende mit „Querdenkern“ und AfD-Anhänger*innen zusammen auf der Straße? Die beiden deutschen Forscher*innen Florian Hertel von der Universität in Hamburg und Nadine Schöneck von der Universität Niederrhein haben Daten aus dem International Social Survey Programme von 2009 der OECD genommen, um auf Einstellungsmuster zur Gesellschaftsformation und Konfliktwahrnehmungen zu schließen.

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Die Armut der Schule

1976 erschien „Schooling in Capitalist America“ von Samuel Bowles und Herbert Gintis. Obwohl der Zenit der linken Bewegung in den USA bereits überschritten war, entwickelte sich das Buch schnell zum marxistischen Standardwerk zu Fragen der Pädagogik und des Schulsystems. Es wurde so populär, dass sich auch zahlreiche Kritiker – insbesondere aus dem liberalen Spektrum – einfanden, die das Werk hart aburteilten. In der aktuellen Educational Theory reflektierte der Bildungswissenschaftler Jianguo Zhang von der Universität Xinyang das Werk und seine Kritik. Er ging auch auf die Vereinbarkeit der Thesen mit der chinesischen Bildungslandschaft ein.

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Robinson Crusoe und die Quellen des Marxismus

Es könnte der Anfang eines klassischen VWL-Lehrbuchs sein: „Stellen wir uns vor, wir sind Robinson Crusoe. Ausgesetzt auf einer einsamen Insel mit nichts anderem als ein paar Kisten Werkzeug und Lebensmitteln für sechs Monate.“ Das Lehrbuch wird dann erklären, dass man mit knappen Gütern haushalten muss, dass man diszipliniert die Arbeiten zu erledigen hat, welche die Not einem vorgibt und dass, wenn man einen Freitag trifft, man sich die Arbeit aufteilt: einer plant, der andere ackert. Dann setzt man neben Robinsons Insel noch weitere kleine Eiländer mit ihren eigenen kleinen Robinsons, lässt sie Handel treiben, Verträge schließen, ein Rechtssystem ausarbeiten und schwups … hat man die bürgerliche Gesellschaft.
Marx stellte im Kapital fest, dass die politische Ökonomie ihre Robinsonaden liebe. Michael Lazarus von der Monach University in Melbourne hat den Einfluss der klassischen Erzählung von Daniel Defoe auf Karl Marx und seine Quellen unter die Lupe genommen. Der Aufsatz „From shipwreck to commodity exchange: Robinson Crusoe, Hegel and Marx“ erschien vergangenen Juni in der Philosophy and Social Criticism.

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Zur Kritik der queeren politischen Ökonomie

LGBTQI-Themen spielen in der kommunistischen Bewegung eine höchst ambivalente Rolle. Im Gegensatz zum Feminismus gibt es auch noch keine konsensuelle Theorie einer queeren politischen Ökonomie. Ellie Gore diskutiert in der aktuellen New Politcal Economy einen fünfdimensionalen Ansatz zu einer politischen Ökonomie des Queeraktivismus. Die Kernpunkte ihres Artikel „Understanding Queer Oppression and Resistance in the Global Economy: Towards a Theoretical Framework for Political Economy“ sollen hier kurz diskutiert und in die Debatte eingeordnet werden.

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