Wertgesetz, ungleicher Tausch und Rassismus (5/5)

Miniserie zu Value and Unequal Exchange in International Trade (2021)

Die Menschenrechte sind eindeutig. Das Grundgesetz ist eindeutig. Eine Abwertung auf Grund der Hautfarbe oder der ethnischen Herkunft darf nicht stattfinden. Doch allenthalben blamiert sich dieser Anspruch bürgerlicher Gesellschaften an der Praxis. Kinder mit Migrationshintergrund haben in Deutschland geringere Bildungschancen. People of Color sind überdurchschnittlich prekär beschäftigt. In den USA ist die Wahrscheinlichkeit, als Schwarzer in den Knast zu kommen oder gleich von der Polizei umgebracht zu werden um ein Vielfaches höher als die für Weiße. Bürgerliche Linke halten diese Tatbestände für Fehlentwicklungen oder bewusste Akte der Bourgeosie zur Spaltung der Arbeiter*innenklasse. Marxist*innen als historische Materialist*innen suchen jedoch die Wurzel der Ideologie in den Produktionsverhältnissen.

Einleitung

Zum Abschluss dieser kleinen Serie über ungleichen Tausch, Imperialismus und empirische Befunde möchte ich auf einige Implikationen zur materialistischen Rassismuskritik eingehen, die sich aus den vorangegangenen Artikeln ergeben. Als Grundlage hierfür dient der Artikel „Wertgesetz und Rassismus – zur begrifflichen Genesis kolonialer und faschistischer Bewusstseinsformen“ von Peter Schmitt-Egner. Veröffentlicht wurde er 2005 auf der Onlineplattform trend.infopartisan (http://www.trend.infopartisan.net/trd0505/t180505.html). Er ist eine Neufassung mehrerer Kapitel des Buches „Kolonialismus und Faschismus“ jenes Autoren. Auch wenn Schmitt-Egner sich explizit auf den Kolonialismus bezieht, lassen sich seine Überlegungen ohne große Mühen auch auf den modernen Imperialismus übertragen. Mehrmals im Artikel verweist er selbst auf den ungleichen Tausch und das Werk Emmanuels. Seine zentrale Frage lautet: Wie kann unter Gültigkeit der allgemeinen Menschenrechte eine Ideologie wie die des Rassismus entstehen, und zwar ohne diese als Verletzung der Gesetze des Kapitalismus zu interpretieren, sondern indem diese Ideologie aus dem Kapitalismus selbst hergeleitet wird?

Rassismus: so alt wie … der Kapitalismus

Eine wichtige Bemerkung vorweg. Rassismus gab es entgegen landläufiger Meinung nicht bereits immer. „In der neueren sozialwissenschaftlichen und anthropologischen Forschung gilt es inzwischen weitgehend als unbestritten, daß der anthropologische Rassenbegriff weder als Konstante geschichtlicher Prozesse im allgemeinen verstanden noch zur Erklärung des Rassismusphänomens selbst herangezogen werden kann.“ Es gab zwar schon immer Ungleichheit unter den Menschen und auch Ungleichheit zwischen Menschen verschiedener Ethnien und Hautfarben, aber diese gründeten sich auf unterschiedliche Rechtsstellungen. Sklaven waren beispielsweise überhaupt keine Rechtssubjekte, sondern Objekte. Es brauchte keine ideologische Rechtfertigung für eine unterschiedliche Behandlung von Sklaven und Freien. Das Verhältnis zwischen Sklav*in und Sklavenhalter war eines unmittelbarer Gewalt. Lief ein*e Sklav*in dem Herren davon, wurde sie vom nächsten Skalvenhalter eingefangen oder direkt ermordet. Mit der Abschaffung der Sklaverei und der Allgemeingültigkeit der Menschenrechte brauchte es jedoch Begründungen für die Ungleichheit unter den Menschen. Rassenideologien oder in den letzten Jahrzehnten kulturalistische Erklärungsmuster mussten die offensichtlichen Unterschiede zw scheinwissenschaftlich begründen. Die Entkräftigung dieser falschen Erklärungen ersetzt jedoch nicht die Erklärung des Rassismus an sich.

Schmitt-Egner setzt sich zum Ziel, „Rassismus als gesellschaftlich notwendigen Schein der bürgerlichen Gesellschaft nachzuweisen, d.h. zu entwickeln, wie sich in den Widersprüchen der Ökonomieform die objektive Möglichkeit des Rassismus verbirgt“. Rassismus ist also keine psychatrische Fehlfunktion oder eine Missverständnis, welches pädagogisch behoben werden könne, sondern entspringt direkt der kapitalistischen Gesellschaft. Dabei haben die Menschenrechte, die im Wesentlichen die Freiheit und die Gleichheit der Personen garantieren, volle Gültigkeit. Sie sind real und nicht NUR Schein. Die Freiheit der Arbeiter*innenklasse ist, die eigene Arbeitskraft als Ware frei verkaufen zu dürfen, die Gleichheit besteht darin, dass Waren äquivalent, d.h. zu gleichen Werten getauscht werden. Kurzum, niemand wird beschissen. Die Scheinhaftigkeit der Gleichheit besteht jedoch darin, dass Arbeit die Eigenschaft hat, mehr Wert schaffen zu können, als zu ihrer Reproduktion notwendig ist. Da Arbeiter*innen gleich jedem anderen Warenbesitzer für ihre Ware Arbeitskraft den Wert erhält, der zur Reproduktion notwendig ist und der Kapitalist gleich jedem anderen Warenbesitzer den Gebrauchswert, die Arbeit, nutzt, entsteht eine Differenz, die sich der Kapitalist als Mehrwert einstreicht, ohne jedoch die Gesetze des gleichen Tauschs zu verletzen. In einer Gesellschaft, in der also Freiheit und Gleichheit über den Tausch, und für die Arbeiter*innenklasse über den Verkauf ihrer Arbeitskraft realisiert werden, hängen die Menschenrechte eben auch an der Möglichkeit, seine Arbeitskraft gleich jedem anderen Warenbesitzer verkaufen zu können. Die Entmündigung Arbeitsloser, Behinderter oder sonstiger Menschen, die dies nicht leisten können, ist täglich beobachtbar.

Die politische Ökonomie des Rassismus

Hängt also die Gleichheit der Verkäufer an der Gleichheit des Werts ihrer Waren und für die Arbeiter*innen an der Gleichheit ihrer Arbeitskraft, werden Menschen ungleich, wo ihre Arbeitskraft nicht mehr äquivalent getauscht wird. Wie Emmanuel zeigte, wird im ungleichen Tausch zu gleichen Weltmarktpreisen getauscht und eben nicht zu gleichen Werten. Und da Werte nur vergegenständlichte allgemeine Arbeit darstellen, wird auch die Arbeit nicht mehr gleichwertig getauscht. Oder wie Schmitt-Egner schreibt: „Die Expansion und die Konstituierung einer arbeitsteiligen Struktur im internationalen Maßstab bedingt den ungleichen Tausch, indem ungleich größere Arbeitsquanta gegen ungleich kleinere Arbeitsquanta getauscht werden, wobei die Warenform selbst das Abhängigkeitsverhältnis der Kolonie von der Metropole verschleiert und somit eine erste Mystifikation schafft, die dem auf offenem Raub und Plünderung beruhenden Handelskapital fehlte.“ Im ungleichen Tausch wird also die Arbeitskraft entwertet und mit der Arbeitskraft im Kapitalismus auch ihr Besitzer. Die Ungleichheit zwischen minderwertigen Arbeiter*innen im globalen Süden und höherwertigen im globalen Norden tritt auf. Und diese Ungleichwertigkeit, welche durch den ungleichen Tausch auf dem Weltmarkt real wird, setzt sich als Ideologie in den Köpfen der Menschen fest.

Dieser ideologische Reflex erhält aber auch materiellen Gehalt: Durch den Abfluss an Wert in die Zentren werden auch die Klassenkämpfe in der Peripherie unmittelbarer. Der Kapitalist kann den Wert der Ware Arbeitskraft nicht dadurch drücken, dass er die organische Zusammensetzung erhöht und somit die Arbeit produktiver oder intensiver macht, denn dafür fehlt nach Abzug der Wertübertragung in die Zentren das Geld. Er kann also nur den Wert der Ware Arbeitskraft weiter dadurch drücken, dass er die Ware Arbeitskraft unter ihren Wert drückt, was auf der Ebene des Seins den Arbeiter*innen eine Lebensweise und Reproduktionsbedingungen aufnötigt, die real unter dem kulturellen Stand liegen, wodurch diese auf der Ebene des Scheins im wahrsten Sinne des Wortes minderwertig werden (sie werden nicht mehr zum Wert ihrer Waren bezahlt). Die Vermittlung verläuft wie folgt:

1. Der Wert der Ware Arbeitskraft wird unter dem kulturellen Niveau gekauft.

2. Wer seine Ware Arbeitskraft unter dem kulturellem Niveau verkauft, ist auch kulturell minderwertig.

3. Wer kulturell minderwertig ist, muss auch nicht auf dem kulturellen Stand der Gesellschaft bezahlt werden.

Der Rassist denkt in der dritten Fassung, welche aber nur der ideologische Reflex auf die erste Fassung ist. Da der Rassist mit dem bürgerlichen Liberalen gemein hat, dass ihm die kapitalistischen Verhältnisse als Naturverhältnisse erscheinen, sucht er die Ursache für die Minderwertigkeit auch nicht in den Produktionsverhältnissen, sondern in der Natur der rassistisch gelesenen Menschen. Und da diese Unterschiede für den Rassisten nur in der Natur der Menschen liegen können, macht es auch keinen Unterschied, ob die rassistisch gelesene Person in der Peripherie oder im Zentrum wohnt, einen deutschen Pass besitzt oder nicht oder ob sie einen hohen Bildungsgrad besitzt oder nicht.

Eine dritte Fassung des Rassismus, der die Betroffenen als kulturloser und somit naturnäher beschreibt, entwickelt Schmitt-Egner wie folgt: „Über die herrschaftsbestimmte Weltarbeitsteilung wird nun der Bedarf des Capital fixe gedeckt: durch die extraktiven Industrien der Peripherie. Im Produktionsprozeß der extraktiven Industrie ist der Rohstoff nicht Arbeitsgegenstand, sondern das fertige Produkt. Ziel derselben ist es, den Arbeitsgegenstand für die Metropole zu schaffen. Deshalb ist hier schon eine niedrige organische Zusammensetzung des Kapitals vorausgesetzt. Wenn die Rohstoffe keinen Bestandteil des Kapitalvorschusses bilden, ist der Arbeitsgegenstand nicht das Produkt vergangener Arbeit, sondern von der Natur gratis geschenkt. So besteht das konstante Kapital fast ausschließlich aus Arbeitsmitteln. Deshalb steigen Masse und Wert des Produkts im Verhältnis zur angewandten Arbeit.“ Die westlichen Arbeiter*innen erscheinen als kulturvoller, da sie bereits mit vorgefertigten Produkten arbeiten, die peripheren Arbeiter*innen als kulturloser, da sie mehr mit Naturprodukten arbeiten. Einen solchen institutionellen Rassismus kann man beispielsweise auf deutschen Spargelfeldern beobachten, wenn der Lohn zu großen Teilen aus Kost und Logis besteht. „Die notwendige Arbeit, durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt, wird zur naturnotwendigen Arbeit. Die Reduktion des kolonisierten Arbeiters auf Natur wird noch durch die Naturalform seines Lohns deutlich, in dem von vornherein Unterkunft, Essen und Barlohn abgezogen werden, so daß hier die Geldform noch eine untergeordnete Rolle spielt (Trucksystem).“
Ist somit verständlich, wie POC zum Objekt von Rassismus werden, stellt Schmitt-Egner noch die Frage nach den Subjekten des Rassismus etwas präziser und unterscheidet die Formen des Rassismus bei armen Arbeitern und bei selbstständigen Kleinbürgern. Schmitt-Egner lässt leider den Rassismus der Kapitalisten des globalen Nordens aus, die von der preiswerten Arbeit der Peripherie profitieren. Dieser Rassismus stellt sich jedoch kosmopolitischer dar, da die Bourgeoisie durch größtmögliche Kapital- und Arbeitsmobilität auch den Wert der weißen Arbeitskraft auf den der farbigen zu drücken versuchen und somit alle gleich schlechter stellen wollen. Arbeiten weiße und farbige Arbeiter*innen in einem gemeinsamen Wirtschaftsraum, in welchem auch die Arbeitskraft und Kapital mobil ist, hat die weiße Arbeiter*in vielleicht ein subjektives Interesse an einer moralischen Höherstellung gegenüber den Farbigen und an den billiger hergestellten Waren, aber die weißen Arbeiter*innen können kein Interesse daran haben, dass der Wert der Arbeitskraft Farbiger zu stark gedrückt wird, da sie andernfalls ihre Arbeitskraft selbst auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr zum Wert verkaufen können. Wird jedoch die Mobilität der Arbeitskraft und des Kapitals eingeschränkt, kann sich eine Politik herausbilden, in welcher die weißen Arbeiter*innen nicht mehr die Konkurrenz der billigen Arbeitskraft fürchten müssen, jedoch in den Genuss der Vorteile kommen. Eine solche chauvinistische Politik birgt erst auf höherer Stufenleiter Nachteile für die weiße Arbeiter*innenschaft. Die Kleinbürger*innen wiederum, die nicht in Konkurrenz mit den billigen Arbeitskräften stehen, diese jedoch selbst nutzen können, um preiswertes konstantes oder variables Kapital zu erhalten, haben ein unverhülltes Interesse an der Abwertung farbiger Arbeitskraft. Der ideologische Reflex der Kleinbürger richtet sich dann auch meist gegen die Konkurrenz durch das Großkapital, welche sie durch die kosmopolitische Politik übervorteilt sehen und daher die Kapital- und Arbeitsmobilität begrenzen wollen.

Lässt sich also die rassistische Ideologie und Praxis aus den Menschenrechten ableiten, so wird auch verständlich, warum Bewegungen, welche den Menschenrechten den Kampf angesagt haben, in der kapitalistischen Peripherie an Attraktivität gewinnen. In der Tat trägt jede Bewegung, welche sich dem Weltmarkt entzieht, was man antiimperialistisch nennen kann, objektiv antirassistischen Charakter. Und genau deshalb genießen dem Liberalismus gegenüber reaktionäre Bewegungen eine verständliche Sympathie in Teilen der Linken. Im Westen auf dem Standpunkt der Menschenrechte zu beharren, ist sehr einfach, da man hier Nutznießer ist. In der kapitalistischen Peripherie verhält es sich hingegen komplexer. Man mag leicht einwenden, dass es sich um eine negative Überwindung des Kapitalismus handele, welche Unfreiheit und Ungleichheit nur durch andere Unfreiheit und Ungleichheit ersetze und man auf die positive Überwindung des Weltmarkts, den Sozialismus, hinwirken müsse. Wo eine solche Option jedoch nicht real besteht, müssen sich Marxist*innen bewusst machen, dass antiliberale Bewegungen ihre materielle Grundlage gerade im bürgerlichen Liberalismus finden.

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