Zur Kritik der queeren politischen Ökonomie

⋄ Themen der queeren Community werden in der kommunistischen Bewegung in der Regel positiv, aber randständig aufgenommen.

⋄ Es fehlt noch eine konsensuell getragene Interpretation einer politischen Ökonomie der Unterdrückung queerer Menschen.

⋄ Ellie Gore versucht in der aktuellen
New Political Economy einen fünfdimensionalen Ansatz einer solchen Theorie zu entwickeln.

⋄ Ihre Theorie fußt darauf, dass der Staat ein Interesse an der Regulation von Sexualität haben muss, die staatlichen Interessen sich jedoch nicht von selbst erklären. Die Unterdrückung queerer Menschen werde durch den Kapitalismus nicht unbedingt bezweckt, aber reproduziert.

⋄ Gore wendet ihren Ansatz auf Ghana an, wo sie zeigen kann, dass proletatische Klassen am stärksten von der Unterdrückung queerer Menschen betroffen sind.

LGBTQI-Themen spielen in der kommunistischen Bewegung eine höchst ambivalente Rolle. Auf der einen Seite gibt es viele jüngere Genoss*innen, die durch ihre Sozialisation in linken Milieus ein recht organisches Verständnis der queeren Bewegung als Teil der linken haben, ohne deren Rolle theoretisch genauer zu fassen. Auf der anderen Seite des Spektrums stellen sich kommunistische Parteien auf den Standpunkt der herrschenden Klasse ihrer Länder, die das konservative Familienbild propagieren. Die wohl dominante Strömung übt sich in Toleranz gegenüber der LGBTQI-Community und greift einige Belange auf, aber betrachtet das Thema doch eher randständig und soft. Die zunehmende Kommerzialisierung und der Eingang in den politischen Mainstream sorgen für weiteres Fremdeln.

Im Gegensatz zum Feminismus gibt es auch noch keine konsensuelle Theorie einer queeren politischen Ökonomie. Der feministische Marxismus thematisiert grundlegend den Widerspruch zwischen bezahlter produktiver Lohnarbeit und unbezahlter Reproduktionsarbeit und das daraus resultierende Abhängigkeitsverhältnis. Der schwule Mann unterliegt jedoch eben nicht der Unterordnung der Reproduktion unter die Produktion. Und Transgenderthemen scheinen die dualistische Interpretation von der Willkür individueller Entscheidungsprozesse abhängig zu machen. Und dennoch sind strukturelle Diskriminierung und Marginalisierung in allen Gruppen der LGBTQI-Community empirisch nachweisbar. Wenn der marxistische Grundsatz, dass sich ökonomische Basis und ideologischer Überbau bedingen, dann müssen die Ursachen hierfür auch in der kapitalistischen Produktionsweise gesucht werden.

Ellie Gore diskutiert in der aktuellen New Politcal Economy einen fünfdimensionalen Ansatz zu einer politischen Ökonomie des Queeraktivismus. Die Kernpunkte ihres Artikel „Understanding Queer Oppression and Resistance in the Global Economy: Towards a Theoretical Framework for Political Economy“ sollen hier kurz diskutiert und in die Debatte eingeordnet werden.

Zur Problemstellung des queeren Marxismus

Verfolgen wir zunächst ein paar allgemeine Aspekte, unter denen sich queere Themen marxistisch fruchtbar erschließen ließen. Bereits Friedrich Engels befasste sich bekanntlich im Ursprung mit den Fragen des Zusammenhangs zwischen Familienstrukturen und der Verteilung der Produktionsmittel, um darauf zu verweisen, dass die bürgerliche Kleinfamilie ganz bestimmten Zwecken der Randbedingungen der Kapitalakkumulation unterworfen sei. In dieser Unterwerfung teilen sich Heteronormativität und bürgerliche Ökonomie die Naturalisierung durch die bürgerliche Ideologie, obgleich sie objektiv gesellschaftlich geschaffene Konstruktionen sind. Wie die Ware als natürliche Erscheinungsform eines Guts wahrgenommen wird, so wird die heterosexuelle Bziehung als natürliche Erscheinungsform romantischer Beziehungen überhaupt angesehen. Und ähnlich der Verdopplung des bürgerlichen Subjekts in einen bourgeois, der auf den eigenen Vorteil bedacht ist und den citoyen, der sich der Gemeinschaft unterordnet, so verdoppelt sich auch das sexuelle Subjekt: in eines, dass sexuelle Begierden und Bedürfnisse hat und ausleben will und in eines, dass diese Bedürfnisse hinter die gesellschaftlichen Normansprüche zurückstellt. Marx selbst beließ es nicht bei der bloßen Feststellung der Verdopplung, sondern machte sich auf die Suche nach dem materialistischen Ursprung dieser Verdopplung, da er sie nicht für notwendig hielt. Gleichsam macht sich ein queerer Materialismus auf die Suche nach den Ursprüngen der Verdopplung des sexuellen Subjekts in den Produktions- und Reproduktionsbedingungen der bürgerlichen Gesellschaft.

Der zeitgenössische queere Widerstand richtet sich an den Staat und seine Gesetze, welche die Sexualität der Menschen einhegen und an den Gebrauch seiner Machtmittel, um Gewalt gegen queer gelesene Menschen zu verhindern. Allerdings klärt diese Adressierung noch nicht, warum der Staat sexuelle Verhältnisse genau in dem Modus organisiert, wie er es tut und welches Interesse der Staat überhaupt dabei verfolgt, sexuelle Verhältnisse regulieren zu wollen. Dies kann erst Ergebnis einer materialistischen Analyse sein.

Der Staat und seine Ideologie wiederum sind nach den Bedürfnissen der herrschenden Klasse(n) eingerichtet bzw. den Kompromissen, welche dafür notwendig sind. Eine marxistische Analyse muss letztlich die Klassenverhältnisse hinter der Regulierung des Sexuallebens identifizieren und die Adressat*innen der jeweiligen Politik herausfiltern. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Klassen nicht nur im nationalen Rahmen agieren, sondern Teil eines Weltsystems der globalen Produktion oder Reproduktion sind. Der klassenanalytische Ansatz kann für eine politische Praxis Gemeinsamkeiten, Überschneidungen und Wechselwirkungen einer wirkmächtigen proletarischen und queeren Politik aufzeigen, insofern sich diese wissenschaftlich herleiten ließen.

Bisherige Ansätze einer queeren politischen Ökonomie

Versuche der Vereinigung von politischer Ökonomie und Fragen des LGBTQI-Widerstands gab es in der Literatur bereits. So zeigt beispielsweise Stephen Valocchi in seinem Buch Capitalisms and Gay Identities die enge Verzahnung von ökonomischer Basis und ideologischem Überbau an Hand der Schwulenbewegung in den Vereinigten Staaten auf. Valocchi teilte hierbei die amerikanische Ökonomie nach dem Ersten Weltkrieg in vier Phasen ein, mit denen die Schwulenbewegung korrelierte und konstruiert folgende Erzählung:

In der ersten Phase zwischen 1918 und 1945 herrschte in den USA noch ein Liberalismus mit scharfen Klassengegensätzen, in denen die Arbeiter*innen ihre Solidaritätsnetzwerke eigenständig entwickeln mussten. Studien einer Geschichte von unten zeigten dabei auf, dass gerade die Klassen, die ökonomisch nicht in der Lage waren, traditionelle Familien gründen konnten, auf andere solche Solidaritätsnetzwerke angewiesen waren, welche sehr tolerant gegenüber sexueller Devianz waren. Überliefert wurde jedoch fast ausschließlich die Homophiliebewegung einer gebildeten Mittelschicht, die sich gegen die Pathologisierung von Homosexualität wandte. In einer zweiten Phase, welche vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis Ende der 70er Jahre reichte, war die Gesellschaft von einem sozialpartnerschaftlichen Konsens geprägt. Exporte im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg führten zu hohen Profiten, die auch an die Arbeiter*innenschaft abgegeben werden konnten. Arbeiter*innen konnten mehr konsumieren und sich eigene Häuser in den Vorstädten leisten. Die klassische Kleinfamilie konnte zum Organisationsmodell der gesellschaftlichen Mehrheit werden. Dieser Klassenkompromiss blieb jedoch im Wesentlichen auf die weiße Arbeiter*innenschaft beschränkt. Die schwarze Community war weitestgehend ausgeschlossen und zusätzlich von den Segregationsgesetzen betroffen. Sie entwickelten eine Widerstandskultur für die Gleichstellung von Minderheiten, die auf die Schwulenbewegung abfärbte. Die Sichtbarmachung der Homosexuellen als Minderheit wurde ein entscheidender politischer Hebel, um für Minderheitenrechte kämpfen zu können. Das Outing und die zunehmende Präsenz in der Öffentlichkeit als Schwulen wurden für die Bewegung wichtiger als der reine Schutz vor Gewalt und staatlicher Repression.

In einer dritten Phase seit Anfang der 80er Jahren geriet die Kapitalakkumulation jedoch ins Stocken, was nur notdürftig durch Weltordnungskriege und die Abschaffung der Golddeckung des Dollars kaschiert werden konnte. Der traditionelle Industriesektor, welcher dem Proletariat fast ein halbes Jahrhundert Sicherheit garantierte, brach zusammen. In den Zeitgeist allgemeiner Zukunftsangst reihte sich die AIDS-Pandemie nahtlos ein. Staatliche Programme zahlten plötzlich hohe Beträge an die schwule Community, da aus Präventionsgründen Homosexualität nicht länger tabuisiert werden konnte. Diese Gelder verwendete man für Posten, welche hauptsächlich durch die urbane Mittelschicht besetzt wurden: Rechtsanwälte, Künstler, Intellektuelle. Dies führte zu einer zunehmenden Einhegung und Entradikalisierung der Schwulenbewegung.

Auf die Spitze wurde diese Entwicklung dann durch den Neoliberalismus seit 2000 getrieben. Die Zurückdrängung des Staates in Erwartung steigender Profite machte die professionellen Projekte der Schwulenbewegung zunehmend abhängig von privaten Spendengeldern. Da sich Spenden von Großunternehmen in den USA leicht von der Steuer absetzen lassen, wurden diese auch zunehmend in der Schwulenbewegung getätigt. Allerdings wurde komplett auf gesellschaftskritische und klassenkämpferische Momente verzichtet und eher´die Inklusion in Institutionen wie Ehe und Militär angestrebt, welche Funktionen für die kapitalistische Totalität erfüllen. Mit dieser Nachzeichnung der Geschichte entwirft Valocchi ein konsistentes Bild der Dialektik zwischen politischer Ökonomie und LGBTQI-Widerstand in ihrem Längsschnitt.

Eine konsistente politische Ökonomie der queeren Bewegung heutigen globalen Querschnitt wurde noch nicht entwickelt, beziehungsweise finden sich kaum konsensuelle Grundpfeiler einer solchen. Eher wurden Problemaufrisse angefertigt, wie in Peter Druckers „Warped: Gay Normality and queer Anti-Capitalism“, in welchem er eine intensive Analyse des Pinkwashings, also der Nutzung der Belange nicht heteronormativer Menschen für imperialistische Kriege thematisierte. Drucker sieht hier eine Gleichartigkeit imperialistischer und heteronormativer Unterdrückung. Genauso wie das Proletariat der kapitalistischen Zentren eine unterdrückte Klasse bliebe, auch wenn sie von der Extraausbeutung der Dritten Welt mit profitierten, so bliebe die queere Community trotz relativer Freiheit in den liberalen Ländern immernoch unterdrückt, da diese relative Freiheit auf Kosten anderer ginge. Proletariat und queere Community könnten eine wirkliche Befreiung daher nur außerhalb des globalen Kapitalismus finden.

Ellie Gores fünfdimensionaler Ansatz

Ellie Gore versucht nun, den Faden aufzunehmen und weiterzuspinnen. Dazu stellt sie zunächst ihr Konzept vor. Ihr Ansatz zur politökonomischen Analyse queerer Poltik besteht aus fünf Schlüsseldimensionen. Zunächst gilt ihr Augenmerk dem staatlichen Interesse an der Gestaltung, Regulierung und Disziplinierung queerer Sexualität. Ein Staat beispielsweise, welcher auf die autarke physische Reproduktion junger Arbeitskraft angewiesen ist, wird heteronormative Sexualität eher juristisch und ideologisch befördern als ein Staat, der neue Arbeitskraft genauso durch Migration gewinnen könnte. Damit ihr Ansatz jedoch nicht staatszentristisch bleibt, versucht Gore in einer zweiten Dimension die strukturellen Beziehungen hinter der staatlichen Gestaltung von Sexualität zu identifizieren, etwa den Stand von Klassenkämpfen, wenn traditionell orientierte Klassen, welche ihre Macht durch bestimmte Reproduktionsbeziehungen erlangen, mit moralischen Argumentationen gegen liberale Klassen vorgehen. Gores dritte Dimension ist die Beziehung zwischen Heteronormativität und Kapitalismus in verschiedenen Ausprägungen und Formen kapitalistischer Regierung. Besonders umkämpfte Felder seien hier neben den Fragen von Produktion und Reproduktion auch, was das „Private“ und was das „Öffentliche“ sei. Mit Marx könnte man übersetzen, das es darum geht, was dem bourgeois erlaubt bleibt und was dem citoyen verboten wird. Die vierte Dimension beleuchtet, wie sich die abstrakte Theorie auf die politische Ökonomie des alltäglichen Lebens queerer Personen und ihrer Kämpfe auswirkt. Dies trägt der Tatsache Rechnung, dass Individuen oder Klassen nie nur Objekte der Geschichte, sondern eben auch Subjekte der Geschichte sind, die sich zu Kämpfen entschließen oder sie lassen können, die Wagnisse eingehen, Fehler begehen, sich sammeln oder zerstreuen können. Eine heteronormative Gesellschaft kann ihren Willen dem Individuum sehr unterschiedlich aufzwingen und dieses wiederum kann sehr unterschiedlich zu Reaktionen der Anpassung oder des Widerstands greifen. Als letzte Dimension markiert Gore das Verständnis, dass die Ungerechtigkeit gegenüber queeren Menschen weder Nebenerscheinungen noch direkte Folgen des Kapitalismus sind, sondern durch diesen reproduziert werden. Man sollte sich von der Vorstellung lösen, dass die Bourgeoise etwas tut, um Homosexuelle zu unterdrücken, sondern der Zwang zur Profitmaximierung zwingt sie, ideologische und materielle Rahmenbedingungen zu fördern, welche Heteronormativität fördern bzw. in Frage stellen.

Die Anwendung des fünfdimensionalen Ansatzes auf Ghana

Wie fruchtbar Gores fünfdimensionaler Ansatz ist, versucht sie am Beispiel des LGBTQI-Widerstands in Ghana zu belegen. Zunächst stellt sie bei der Erörterung der staatlichen Interessen an der Regulierung des Sexualverhaltens fest, dass das zur Bekämpfung von Homosexualität eingeführte Gesetz, welches den „sexuellen Umgang mit einer Person in unnatürlicher Weise“ unter Strafe stellt, stark an die Sodomiegesetze Großbritanniens angelehnt ist, welches in ihren afrikanischen Kolonien in der Regel Anwendung fand. Die ungenaue Bestimmung dessen, was unnatürlich sei, ließ dem Staat freie Hand, das Gesetz je nach politischer Lage weiter oder enger auszulegen. Sie schließt hieraus, entgegen vieler konservativer Lesarten, welche Homophobie in der traditionellen afrikanischen oder orientalen Kultur verwurzelt sehen, auf eine starke Verbindung zum Kolonialismus. Dies macht durchaus Sinn, wenn man bedenkt, dass Afrika einst ein Markt für Arbeitskräfte war, deren Reproduktion gesichert werden musste. Die erneute Politisierung der Homosexualität seit den 2000er Jahren sieht Gore im Kontext von nationaler Identität, politischer Souveränität und Antiimperialismus, was sie jedoch nicht genauer ausführt.

Dennoch zeichnet Gore unter der Fragestellung, wie Kapitalismus und Heteronormativität im Kapitalismus auf verschiedenen Ebenen interagieren nach, warum sich in den letzten beiden Jahren die LGBTQI-Community in Ghana entwickeln konnte. In Zuge der HIV-Bekämpfung hätten die Kampagnen nationaler und internationaler NGOs insbesondere queere Communities empowert, da diese einer der Hauptadressaten waren. Auf der einen Seite konnten die Aufklärungskampagnen bewirken, dass Homosexualität nicht sine qua conditia als Urheber von der HIV-Epidemie dargestellt werden konnte, jedoch verband sich in der Öffentlichkeit immer wieder das Thema Homosexualität und AIDS. Die Kampagnen führten also dazu, dass die queere Community leicht zum Spielball der jeweiligen herrschenden Klasse werden konnte. Zudem hegten die NGOs die queere Community ein, indem diese öffentliche Räume und Gelder bekamen und machten diese so abhängiger und anfälliger für staatliche Willkür. Gore zitiert eine Aktivistin:

„Das ist das Problem, welches ich mit den Regierungen in Afrika und der Ghanaischen Regierung habe. Eine schwule Person kann mit Hilfe der Sodomie-Gesetze verhaftet und bestraft werden. Und dann gibt es diese Gelder aus globalen Fonds, die sich explizit an schwule Männer richten, um ein Programm gegen HIV zu initiieren. Ich frage mich also, wie effektiv diese Programme sind?“

(S.305)

Wir sehen hier eine sehr interessante Parallele zwischen Gores Darstellung der queeren Bewegung in Ghana und Valocchis Darstellung dieser in den USA. So unterschiedlich beide Länder in den Weltkapitalismus eingebunden sind, so ähnlich verlief die Einhegung mit Hilfe staatlicher Programme zur HIV-Bekämpfung. Der Hauch einer historischen Gesetzlichkeit weht auf.

Gore erläutert in einem letzten Punkt, dass sich Gewalt gegen Homosexuelle insbesondere gegen proletarische Klassen richte. Dies könne sie statistisch nicht belegen, führt jedoch eine Vielzahl an Beispielen an. So sind Gerüchte um die vermeintliche Homosexualität einer Person nicht selten mit körperlicher Züchtigung am Arbeitsplatz und anschließender Entlassung verbunden. Homosexuelle würden so aus dem formellen Arbeitsmarkt herausgedrängt. Dies führe sowohl zu einem Verlust der Subsistenzbedingungen betroffener Personen, als auch einer Markierung als unproduktiver Teil der Gesellschaft.

Zusammenfassung

Ellie Gore fasst die Verbindung zwischen politischer Ökonomie und queerem Widerstand an Hand ihres fünfdimensionalen Analyseschemas leider nur sehr holzschnittartig. Interessant ist der Zusammenhang zwischen LGBTQI und Klasse, da sich das Interesse des Proletariats, nicht willkürlich entlassen werden zu dürfen mit dem der queeren Community deckt. Der Kampf um Arbeiter*innenrechte ist hier zugleich ein Kampf um die Rechte queerer Menschen, der nicht ausschließlich auf den Gesetzgeber zielt. Umgekehrt könnte die gesamte Arbeiter*innenklasse für den Kampf um LGBTQI-Rechte gewonnen werden, wenn der Kampf gegen willkürliche Entlassungen wegen vermeintlicher Homosexualität in den Kontext des Kampfes gegen Entlassung wegen aller Arten von Devianz gestellt würde. Darüber hinaus erklärt Gore den Zusammenhang zwischen dem Erbe des Kolonialismus und der heutigen politischen Ökonomie leider wenig erhellend. Während für den Zusammenhang der historischen Prozesse der Entwicklung queeren Widerstands mit der politischen Ökonomie gute Erzählungen vorliegen, fehlt diese noch für die Funktion heteronormativer Unterdrückungsmechanismen in der aktuellen Klassenherrschaft. Allerdings ist positiv zu vermerken, dass nach den ersten Gehversuchen Ende der 60er Jahre in diesem Bereich, eine Renaissance dieses Thema im Entstehen begriffen ist, die hier mehr Klarheit schaffen könnte. Und Klarheit ist die Voraussetzung für die gelungene Integration des LGBTQI-Widerstandes in einen gemeinsamen antikapitalistischen Kampf.

Literatur

Drucker, P. (2015): Warped : gay normality and queer anti-capitalism. Leiden, London: Brill.

Gore, E. (2022): Understanding Queer Oppression and Resistance in the Global Economy: Towards a Theoretical Framework for Political Economy. In: New Political Economy, 27.2, S.296-311.

Valocchi, S. (2020): Capitalisms and Gay Identity. New York: Routledge.

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