| ⋄ Einmal alle 25 Jahre meldet sich der bekannte marxistische Ökonomieprofessor David Laibman zu Arbeitswertlehre und Transformationsproblem zu Wort. ⋄ Diesmal präsentiert er einen Ansatz, der weder auf Invarianzpostulaten zur Transformation von Werten in Preise, noch auf Sraffas Freiheitsgrad beim Lohn-Profit-Gegensatz beruhen soll. ⋄ Dazu konstruiert er die Größe der abstrakten Ausbeutung, welche Klassenkampfkraft, technologische Entwicklung, Ideologie etc. in einer Größe abbilden soll. ⋄ Laibman zeigt, dass weder abstrakte Arbeit noch Preise marxistisch bestimmt werden könnten, wenn die soziale Totalität unter den Größen nicht von Beginn an berücksichtigt werde. ⋄ Seine Theorie zielt darauf ab, dass das ideologische, juristische und politische Umfeld des Klassenkampfes maßgeblich auf jeden konkreten Klassenwiderspruch und ökonometrisch messbare Größen wirkt. |

David Laibman ist Gitarrenlehrer und Folksänger. Seinen Song Orange Blossom Special coverte sogar Johnny Cash. Er ist aber auch marxistischer Professor für Ökonomie. Seit 50 Jahren schon setzt er sich mit den Fragen der Arbeitswerttheorie und des Transformationsproblems auseinander. Einmal im Vierteljahrhundert intervenierte dabei direkt. 1973/74 stellte er den Dualismus von Werten und Preisen in Frage und forderte ein mathematisch konsistentes einheitliches System. 2002 kritisierte er den Analytischen Marxismus dafür, Ausbeutung und abstrakten Wert auf reine Funktionen eines Optiomierungsstrebens der individuellen Akteure zu reduzieren. Ein gutes Vierteljahrhundert später versucht Laibman erneut, durch eine ein Intervention seine Position in der Debatte zu veranschaulichen. Er versucht dabei, die mathematische Konsistenz des sraffanischen Ansatzes mit dem Primat des Klassenkampfes zu verbinden. Hierfür führt er den Begriff der abstrakten Ausbeutung als Analogon zum abstrakten Wert ein. Trägt sein Modell?
Wozu eigentlich Arbeitswerttheorie?
Laibman beginnt zunächst mit einer schlichten, aber provokanten Frage. Unabhängig davon, ob die Arbeitswertlehre von Marx stimmt oder nicht: was ist eigentlich die Konsequenz für die weitere Kritik der politischen Ökonomie? Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus der Theorie erzielen, die ansonsten verborgen blieben? Und hier meint Laibman ganz explizit keine moralischen, etwa, dass Arbeit allen Wert schaffe und die Arbeiter*innen daher auch die Kontrolle darüber erhalten sollten.
Die Fragen gründen im Kern auf der alltäglichen Erfahrung, dass die meisten Waren nicht alleine durch die in ihr vergegenständlichte Arbeitszeit bestimmt zu sein scheinen, sondern durch sehr komplexe Prozesse aus Markteinflüssen, technischer Entwicklung, imperialistischer Verhandlungsmacht und Klassenkämpfen. Bei den Klassenkämpfen wiederum ist zu beobachten, dass das zugrunde liegende Klassenbewusstsein im seltensten Fall im einfachen Gegensatz von Interessen der Bourgeoisie und Interessen des Proletariats aufgeht, sondern durch politische Ideologien, technologische Entwicklung und die vielfältigen Einflüsse der besonderen Reproduktionssysteme beeinflusst wird.
Nun könnte man, wie es die bürgerliche Wissenschaft den Marxist*innen immer gerne nahe legen möchte, vor dieser Komplexität kapitulieren. Aber Laibman besteht darauf, diese Einflüsse auch modellhaft-mathematisch abbilden können zu müssen, wolle man eine marxistische Theorie haben, die zu den Gesetzlichkeiten des entwickelten Kapitalismus auch auf der Ebene der konkreten Erscheinungsformen vorstoßen könne.
Das Konzept der abstrakten Ausbeutung …
Bisher sieht er das noch nicht geleistet und schlägt daher einen bisher neuen Ansatz vor. Ganz grundsätzlich ist die bürgerliche Herrschaftsweise jene, die auf der Trennung der Arbeit von den Mitteln ihrer Reproduktion beruht. Dass alle konkrete Arbeit dabei als eine konkrete Form abstrakter Arbeit aufgefasst werden kann, ist Resultat kapitalistischer Praxis und sozialer Anerkennung dieser Praxis; Realabstraktion. Eine auf abstrakter Arbeit beruhende Herrschaftsweise muss sich daher gegenüber den individuellen Willen der einzelnen Kapitalisten verselbstständigen (können), was es möglich macht diese Prozesse als objektive Gesetze zu bestimmen.
Die Herrschaft der Kapitalisten besteht in der Ausbeutung der Ware Arbeitskraft und der Aneignung des Mehrprodukts. Dieser Prozess ist ein doppelter. Einmal eignet sich der Kapitalist einen ganz konkreten Gebrauchswert als Produkt konkreter Arbeit an. Um dieses Mehrprodukt aber zu einem Profit zu machen, muss darin auch eine abstrakte Mehrarbeit stecken, was wiederum nahelegt, dass neben der konkreten Ausbeutung auch eine abstrakte Ausbeutung vorliegt. Der gesellschaftliche Wert einer veräußerten Privatarbeit bestimmt sich aus der Relation zu allen anderen Privatarbeiten, um im abstrakten Wert (oder der Lohnhöhe) gesellschaftlichen Charakter zu gewinnen. Umgekehrt kann die konkrete Ausbeutung nur dort gesellschaftlichen Charakter gewinnen, wo sie sich in Relation zu allen anderen Ausbeutungsbeziehungen befindet. Das meint Laibman mit seinem neuen Begriff der abstrakten Ausbeutung. Neben dem konkreten Interessengegensatz am Arbeitsplatz existiere ein viel allgemeinerer, der nicht allein auf das individuelle Klassenbewusstsein zurückführbar sei, sondern durch Schule, Medien, Militär, Ideologien bis hin zu ethnischen und religiösen Einflüssen geprägt sei.
Und wie sich der abstrakte Wert auf eine Zahl bringen lässt, die im Geldbetrag ausgedrückt ist, könne man auch der abstrakten Ausbeutung eine Zahl zuordnen: 1-w. w sei dabei die Kapazität der Arbeiter*innenklasse, der Ausbeutung Widerstand entgegenzusetzen. Die Ausbeutungsrate sei damit über e=(1-w)/ w bestimmt. Besitzt die Arbeiter*innenklasse viel Widerstandskraft, so geht die Ausbeutung gegen 0 und der Profit verschwindet. Wandert die Kampfkraft der Arbeiter*innenklasse gegen 0, so steigt wiederum die Ausbeutungsrate ins Unendliche. Im Folgenden wird Laibman diesen Koeffizienten noch einmal differenzieren: einmal in w als beobachtbaren Lohnanteil und einmal in w‘ als Potential der Klassenkampfkraft. Es ist sinnvoll anzunehmen, dass beide Werte auf lange Zeit zueinander laufen, wobei eben lokale und temporale Unterschiede möglich sind, wie sie Marx im Allgemeinen Gesetz der kapitalistischen Akkumulation darstellt.
… und die geometrische Antwort auf das Transformationsproblem
Der Kniff, den Laibman mit Einführung des Konzepts der abstrakten Arbeit bezweckt, ist nun folgender. Wenn es richtig ist, dass abstrakte Arbeit und abstrakte Ausbeutung aus der gleichen gesellschaftlichen Totalität entspringen, kann man nicht vernünftigerweise eins über oder vor dem anderen behandeln. Würde man auf der Grundlage einer Durchschnittsprofitrate allerdings Werte in Preise transformieren, würde man genau das tun, da in den Profitraten ja bereits die abstrakte Ausbeutung und in den Werten die abstrakte Arbeit enthalten wäre. Möchte man aber an der Durchschnittsprofitrate festhalten, so müsse man die epistemologische Hierarchisierung von Wert und Preis aufgeben und stattdessen ein Verfahren finden, indem Werte, Preise und Profitraten simultan quantifiziert werden.
Anders könnte man sagen, dass Laibman das Tranformationsproblem dadurch auszuhebeln versucht, indem nur die beobachtbaren Preise als Element der Realität aufgefasst werden, während der Arbeitswert zwar zwischendurch als Hilfsgröße auftaucht, aber durch seine gesellschaftliche Bestimmungen, bei der Klassenkampf, technologische Entwicklung, etc. eine Rolle spielen, von vorneherein ersetzt wird. Wenn Laibman etwa eine Erhaltung des relativen Werts im relativen Preis als Zwischenschritt verwendet, soll das nicht als Invarianzpostulat behandelt werden, da es den Arbeitswert so nicht gibt und er somit auch nicht invariant bleiben kann. Was nach Laibman das eigentliche Problem der Kapitalisten darstelle, sei ein relatives Preissetzungsproblem, dass sich aber durch die Theorie Sraffas widerspruchsfrei lösen ließe. Allerdings benötigte Sraffa noch eine exogene Variable: Lohnquote oder Profitrate mussten gegeben sein. Laibman will diesen Freiheitsgrad nun durch eine Klassenkampfdimension ersetzen, die Sraffa konsistente Mathematik mit der Marxschen Gesellschaftstheorie vereint.
Dazu konstruiert Laibman einen zweidimensionalen Raum, auf deren einer Achse sich die abstrakte Arbeit, auf der anderen die abstrakte Ausbeutung und als deren Funktion der Profit bestimmt werden kann. Die Pointe soll sein, die Ökonomie nicht als schlichtes Optimierungsproblem seiner einzelnen Individuen aufzufassen, sondern die Rolle von Technik, Klassenkampf, etc. in der Bestimmung der wichtigsten Parameter abzubilden.
Die Wert- und die Ausbeutungsdimension
Was macht er konkret? Die Preise lassen sich sehr äquivalent zum Marxschen Wertgesetz als Summe aller Löhne, Arbeitsmittel und Profite berechnen. Jeder Preis lässt sich als relativer Tauschwert zwischen den Waren ausdrücken. Für 10 Euro kriege ich eine eine Elle Leinen oder einen Kasten Bier. Die Summe aller Warenpreise drückt somit auch den gesamten Wert aller Waren aus. Der Wert wird immer im Maß der letzten Ware, also dem Numeraire oder Gold ausgedrückt. Die Folgerung, dass die Summe aller Warenpreise nun der Summe aller Warenwerte entspreche, möchte Laibman nochmals nicht als Invarianzpostulat missverstanden wissen, da er nicht im Sinne des Transformationsproblems transformieren möchte. Arbeit kann in bereits vergegenständlichte und lebendige Arbeit unterschieden werden und damit jeder Ware ein Anteil an vergegenständlichter Arbeit an der gesamtgesellschaftlichen (vergegenständlichten und lebendigen) Arbeit zugeordnet werden. Das sind die grundlegenden Gedanken, die Laibman in mathematische Form gießt.
Danach kommt die Ausbeutungsdimension dran. Laibman zeigt, dass Wert und w beide bereits mit der organischen Zusammensetzung verknüpft sind und damit Profite und die Preise determinieren. Die Bestimmung der Profitrate ohne Analyse der Klassenkampfkraft sei daher nicht möglich. Über diverse geometrische Überlegungen einer Zwei-Sektoren-Produktion kommt Laibman zu einer Gleichung, in der die Lohnrate bei gegebener Wertzusammensetzung eines Produkts nur abhängig von der Technologie, Investitionsrate und dem Klassenkampfverhältnis ist.
Mit je einer Kurve für den abstrakten Wert und einer für die Ausbeutung lassen sich nach Laibman nun Gleichgewichtszustände bestimmen, die stabil die Verhältnisse zwischen Sektoren verschiedener Arbeitsintensität und verschiedener Lohnanteile bei gleichem Klassenkampfklima beschreiben. Zwei Sachen sind hier von Bedeutung. Erstens zeigen sich die Kurven als relativ stabil. Imbalancen neigen dazu, sich sehr schnell auszugleichen, was den Tendenz zum Ausgleich der Profitrate sehr nahe kommt, die Marx im dritten Band des Kapitals qualitativ beschreibt. Zweitens könnte modellhaft hier die Auswirkung der Erhöhung der individuellen Klassenkampfkraft in einem Sektor mit gegebener technischer Entwicklung auf andere und das Gesamtsystem untersucht werden. Das kann für strategische Überlegungen äußerst wichtig sein.
What’s on stake?
Welche Schlussfolgerungen zieht Laibman nun? Erstens ist Laibmans Analyse ein fundamentaler Schlag gegen Luxemburgs Spontaneismus. Die individuellen Erfahrungen, die Arbeiter*innen im Klassenkampf machen, halten sich innerhalb definierter Grenzen und verändern das Gesamtsystem so, dass es einer inneren Stabilität zustrebt. Wenn der Arbeitswertvektor abhängig von Technologie, Klassenkampf und Investitionsrate ist, dann kann ein verstärkter Klassenkampf durch entsprechende Investitionen wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass Investition – und hier ist nicht alleine die Erweiterung der materiellen Produktion durch die Kapitalisten oder die Ausdehnung der Produktionsmittelindustrie gemeint, sondern auch soziale Investitionen – eine Reaktion auf individuellen und gesamtgesellschaftlichen Klassenkampf sind. Diese wiederum formen Ideologien und verändern die Klassenkampfvoraussetzungen, sprich beeinflussen w. Klassenkampf verändert das Klassenbewusstsein, aber eben nicht im revolutionären, sondern in einem stationären Sinne.
Das zweite Resultat ist, dass sich der Klassenkampf als Variable widerspruchsfrei in ein sraffaistisches Grundkonzept mit marxistischen Nuancen formulieren und modellieren lässt. Laibman hält fest, dass dies der Beweis dafür ist, dass w existiert. Das hat gleichzeitig Folgen für die Bedeutung der Arbeitswerttheorie. Nicht die Arbeitswerttheorie alleine hilft zu einem besseren Verständnis der Ökonomie, sondern die Einsicht darin, dass der Arbeitswert eingebettet in die gesamte Struktur der Reproduktion der Arbeitsmittel und der Ware Arbeitskraft ist. Damit kann man alleine mit dem Arbeitswert auch keine Preise, Krisen oder Zusammenbrüche herleiten.
Um diese Erkenntnisse vielleicht einmal in eine aktuelle Debatte der kommunistischen Bewegung einzubetten: die Frage nach Sinn und Unsinn der Multipolarität. Laibmans Konzept ist so grundsätzlich, dass es auch leicht auf den Weltmarkt angewendet werden kann. Multipolarität ist in diesem Konzept ein Vehikel, dass Klassenkampfkraft in Regionen stärkt, die bisher durch Überausbeutung schwache Klassenkampfpositionen wiedergefunden haben. Und umgekehrt ist Multipolarität ein Ausdruck eines global wachsenden w. Was im globalen Süden neu umverteilt werden kann, wird im globalen Norden fehlen und wenn die Lohnrate gleich bleiben soll, dann kommt die westliche Arbeiter*innenklasse nicht um einen verschärften Klassenkampf herum, möchte sie nicht einen massiven Wohlstandsverlust erleiden. Mit Aufrüstung und Liberalisierung, wie sie von der Merz-Regierung vorangetrieben werden, kann das nicht funktionieren. Einen revolutionären Kipppunkt kann man aber nicht konstruieren, da eine Revolution die gesamte Grundlage des Systems zerstören würde, auf dem die Theorie aufgebaut ist. Die Frage ist nur die, ob hohes oder niedriges reformerisches Klassenbewusstsein besser für die Herausbildung eines revolutionären ist.
Zusammenfassung
Was ist Laibman hier gelungen? Laibman konnte zeigen, dass sich der Klassenkampf widerspruchsfrei in ein Modell mit der mathematischen Strenge, die Pierro Sraffa anlegt, integrieren lässt und als bestimmend für den Arbeitswert begriffen werden kann. Viele Aussagen der Marxschen Theorie können reproduziert werden, ohne Postulate aufzustellen, etwa die Ausgleichung der Profitraten. Für die Konsistenz muss aber Laibman auch ein paar goldene Kälber schlachten. So misst Laibman den Profit wie Sraffa als Gewinn über den Kosten für die Produktionsmittel und den Lohn als Revenue neben dem Unternehmerprofit, anstatt als Auslage. Hier weicht Laibman sehr essentiell von Marx ab, was nur auf Grund simultanen Gestalt der Gleichungen keine großen Auswirkungen hat. .
Und man muss der Auffassung, die Zusammenfassung des Klassenbewusstsein bzw der Kapazität Ausbeutung zu widerstehen als abstrakte Zahl zwischen 0 und 1 sei eine Art Realabstraktion, durchaus kritisch gegenüberstehen. Revolutionäres Klassenbewusstsein oder revolutionärer Klassenkampf werden per Definition ausgeschlossen. Wenn sie aber real sind, wie können sie dann kein Element der Realabstraktion sein? In beiden Fällen scheinen dynamische Antworten auf das Transformationsproblem wie die TSSI philosophisch-heuristisch eleganter und plausibler zu argumentieren.
Literatur:
Laibman, D. (2025): The Value Theory Puzzle: Will Asking the Right Questions Lead to New Results? In: World Review of Political Economy. Jahrgang 16. Ausgabe 3. S.402-433.
