| ⋄ Die aktuelle Ausgabe der Review of Radical Political Economics widmete sich Fragen der Didaktik heterodoxer ökonomischer Theorien, unter die auch der Marxismus fällt. ⋄ Teresa Perry berechnete mit Studierenden die Ausbeutungsrate bei der Herstellung von Big Mäcs, um das Interesse für die Marxschen Kategorien zu wecken. ⋄ Ric McIntyre kontextualisierte die Ängste junger Akademiker*innen, durch KI ersetzt zu werden, indem er die Ludditenaufstände 1811 marxistisch interpretierte. ⋄ Jenny Cameron und Katherine Gibson erzählten aus zehn Jahren Erfahrung, welche sie in der Arbeit mit angehenden oder gescheiterten Aktivist*innen aus der Gemeinwohlökonomie sammelten. ⋄ Thereza Balliester Reis und Yaerin Yoon erweiterten die Kenntnisse einer Programmiersprache ihrer Studierenden, um ökonometrischen Daten ihren Klasseninhalt zu entlocken. |

Wie wird man eigentlich Marxist*in? Die Idealvorstellung, dass die ausgebeutete Arbeiter*in am eigenen Leibe die Widersprüche des Systems erfährt und auf der Suche nach Erklärungen in den blauen Bänden nachschlägt, wird wohl herzlich selten auftreten. Auch Familienbiographien, bei denen der Vater Kommunist und der Großvater alter Sozialdemokrat waren, die das Kommunistische Manifest an der Wiege vorgelesen haben, werden seltener. Didaktik ist damit eine nicht unerhebliche Frage, wenn es darum geht, wie kritische Geister einen Einstieg in die recht anspruchsvolle und gegen alle herrschende Ideologie gerichtete Materie des Marxismus bekommen.
In der aktuellen Review of Radical Political Economy wurden zwei dutzend Aufsätze zur Didaktik heterodoxer ökonomischer Theorie gesammelt. An dieser Stelle sollen fünf Konzepte vorgestellt werden, die alle Antwort auf die Frage suchen: Marx, warum soll ich mich mit dem noch beschäftigen?
Big Märx
Über die Aussagekraft des Big Mäcs bei der Analyse des Kapitalismus wurde bereits an dieser Stelle geschrieben (Näheres hier). Teresa Perry beschrieb, wie sie das weltweit bekannte Fast-Food-Produkt nutzt, um ihren Studierenden die Ausbeutungstheorie von Marx nahe zu bringen. Da neoliberale Wirtschaftstheorien in Lehre, Forschung und Managementetagen dominierten, würde der marxistischen Theorie durch diese allenfalls ein historischer Wert beigemessen, was nur zu geringer Motivation führe. Daher ließ sie ihre Studierenden die Ausbeutungsrate bei der Produktion eines Big Mäcs berechnen. Motivierend sollte hier nicht nur wirken, dass dazu kreative Überlegungen zur Ermittlung der benötigten Daten angestellt werden mussten, sondern dass diese teilweise aus dem Nahumfeld der Universität entnommen werden konnten, wie dem nächsten McDonalds (Preis) und der lokalen Jobbörse (Lohn). Dazu musste man sich in den 10-K-Firmenbericht des Unternehmens einlesen und eigene Abschätzungen über die Ausstoßrate an Burgern anstellen. Indem man die Auslagen für Einrichtungen, Lebensmittel und Löhne von den Preisen abzieht und durch die Löhne teilt, erhält man dann die Ausbeutungsrate, die bei überraschend hohen 500% liegt. Weiterhin ließ sich ein steigender Trend feststellen, der insbesondere aus einer steigenden Intensität der Arbeit herrührte, da sich die Technologie bei der Herstellung seit 2018 kaum gewandelt hat.
Um die volle Bedeutung der einzelnen Größen zu verstehen, könne man anschließend in die Aspekte eintauchen, die Marx im Kapital beschreibe: wem gehören die Produktionsmittel, wie gehen sie in das gesellschaftliche Produkt ein und wie reproduziert sich der Besitz? Hinzukommend lässt sich über die Lage, die Machtmittel und die Tendenzen in der Arbeiter*innenklasse sprechen. Alleine die Tendenzen der immer stärkeren Ausbeutung sollten zum Denken anregen. Perry eröffnet hier eine spannende Methode. Die Berechnung ist sehr einfach und lässt natürlich zentrale Fragen, wie das Transformationsproblem oder die Bewertung der reproduktiven Kosten – sind die zu leistenden Steuern Teil des Lohns und müssten mitgezählt werden? – aus. Aber sie verknüpft praktische Erfahrungen mit ersten Einblicken in die Theorie. Insbesondere in der Diskussion mit Arbeiter*innen könnte etwa die gemeinsame Berechnung der Ausbeutungsraten nicht nur die Bedeutsamkeit marxistischer Theorie für die Wahrnehmung der eigenen Lohnarbeit plausibilisieren. In einer Sammlung könnten solche Werte zu einer Empirie von unten beitragen (Näheres hier), die in der Linken noch immer vernachlässigt wird.
Von den Ludditen zur Künstlichen Intelligenz
Ric McIntyre wählte an der Universität von Rhode Island einen historischen Ansatz. Die Realität vieler Studierender ist nicht die, dass sie nach dem Studium in die Fabriken gehen und dort am Fließband stehen, bis sie vielleicht von der Industrie 4.0 ersetzt werden. Der übergroße Teil wird später im Dienstleistungssektor arbeiten, der allerdings ebenfalls in seiner Mehrheit wertbildende Arbeit verrichtet. Doch auch hier werden die späteren „Angestellten“ mit dem potentiellen Ersatz durch moderne Technologie konfrontiert, wie sich in den zeitgenössischen Debatten um „Künstliche Intelligenz“ niederschlägt. Und hier benutzte McIntyre die historische Referenz zu den Ludditen, um die Klassenanalyse von Marx plausibel zu machen.
In einer 75-minütigen Einführung stellte er wesentliche Ereignisse der Ludditenbewegung dar, als 1811/12 Handwerker*innen, Weber*innen oder Spinner*innen Teile der Maschinen zerschlugen, um sich durch diese nicht mehr den Takt ihrer Arbeit vorschreiben zu lassen. McIntyre nahm hierbei an, dass bei den Studierenden kein Wissen vorhanden war. Dann verarbeitete er die Ereignisgeschichte in einem Rollenspiel. Neben diversen Handwerksberufen wurden auch Rollen für Landeigentümer, Kapitalisten, Financiers oder Minister ausgegeben. In die Rollen wurden auch Texte von Adam Smith, Robert Owen und Thomas Malthus eingebaut, um klassische Ideen über den technologischen Wandel einfließen zu lassen. Durch die Zufälligkeit eines würfelnden Spielleiters kam es zu Aufständen, der irischen Immigration oder Krankheiten. Durch die verschiedenen Rollen sollten die Studierenden kennenlernen, dass nicht ein abstraktes Volk mit einer gemeinsamen moralischen Idee agierte, sondern Klassen mit entgegengesetzten und nachvollziehbaren Interessen. Die Ergebnisse im Spiel konnten mit den historischen Ergebnissen verglichen werden.
Damit wurde eine empathische Basis geschaffen, um die Klassentheorie von Marx einzuführen, unter anderem auch unter der Nutzung des Films „Der junge Marx“. Die Studierenden gaben an, dass sie erstmals überhaupt mit Klassentheorie konfrontiert wurden, dass sich aber diverse Erkenntnisse, wie die massive staatliche Repression gegen revoltierende Arbeiter*innen eingeprägt habe. McIntyre wollte damit auf eine „Varieties of Socialism“-Analyse hinaus, die verständlich macht, dass technologischer Wandel in einer Klassengesellschaft immer auch zu großen Problemen führt, die Klassengesellschaft selbst aber nicht historisch notwendig ist, sondern durch viele verschiedene sozialistische Systeme entweder begrenzt oder überwunden werden kann.
Psychische Reproduktion der Arbeit
Kevin Deane und Julia Chukwuma starteten mit einem ähnlichen Befund mit McIntyre. Da die Studierenden der Ökonomie im Wesentlichen buchhalterische oder beratende Funktionen in der Privatwirtschaft einnehmen werden, waren sie an mathematischen Modellierungen weit stärker interessiert (bzw. empfanden es als das eigentliche Studium) als an marxistischer Theorie. Dabei werden sie teilweise selbst einmal lohnabhängig sein und die Frage, was denn eigentlich die Reproduktionskosten ihrer Arbeitskraft sind, wird zu einem sehr persönlichen Thema. Insbesondere im Dienstleistungssektor ist mentale Gesundheit ein wichtiger Punkt der Reproduktion der Ware Arbeitskraft. Und hier versuchten die beiden Autoren, sich materialistisch anzunähern.
Da fast jeder Studierende bereits ein Praktikum absolviert hatte, wurde zunächst danach gefragt, welche Rolle man im Unternehmen einnahm, wie der Erfolg kontrolliert wurde, wie Lohnhierarchien zustande kamen, ob sie bereits versucht haben, Arbeit zu vermeiden und wie es um ihre psychische Einstellung zum Job stand.
Es folgte eine 20-minütige Einführung zum historischen Materialismus und zur Kritik der politischen Ökonomie, sowie eine vertiefte Lektüre von Texten von Raju Das, Emil Øversveen and Connor A. Kelly zur Entfremdung. Zudem wurden zwei Fallstudien zu einer Amazon-Mitarbeiterin und Textilarbeiterinnen aus Indien diskutiert. Die Studierenden sollten die gelernten Begriffe auf die Fälle anwenden und eine Reflexion über ca. 500 Wörter schreiben, welche die verschiedenen Unterrichtsgegenstände ins Verhältnis zu eigenen Erfahrungen setzt. In der praktischen Erfahrungen zeigte sich, dass der intellektuelle Diskurs über Arbeit und Arbeitsbelastung sehr stark von den persönlichen Erfahrungen divergierte. Während die einzelnen Studierenden Stress, Belastung und steigende Anforderungen problematisierten, versuche sich die bürgerliche Propaganda an einer Normalisierung dieser Verhältnisse. An diesem Maßstab sollten die Individuen Belastung als eigene Schwäche und nicht gesellschaftlichen Misstand auffassen. Auch hier wurde wieder an den persönlichen Erfahrungen von Studierenden der Dienstleistungsbranche angesetzt, wenn auch der Unterrichtsaufbau wesentlich stärker gelenkt, modularer und weniger organisch wirkt, wie im vorangegangenen Beispiel.
Alternative Ökonomie neu sprechen
Während die letzten beiden Ansätze davon ausgingen, was ist, setzten Jenny Cameron und Katherine Gibson daran an, was noch nicht ist. Die Summer/Winter School on the theme of Researching Postcapitalist Possibilities feierte ihr zehnjähriges Bestehen und die Autorinnen wollten angesichts dieses Jubiläum ihre Erfahrungen teilen. Das Angebot richtet sich dabei an ein international breites Spektrum von Aktivist*innen und Studierenden, die entweder alternative Projekte aufbauen wollen oder aus diesen kommen. Viele waren dabei auch schon mit Enttäuschungen konfrontiert und suchten nach Methoden der Aufarbeitung.
Theoretisch stützte sich der Kurs auf zwei Säulen: einmal auf die marxistisch-feministische Kritik von Katherine Gibson und Julie Graham, die den Kapitalismus nicht als die überhistorische Normalität menschlichen Zusammenlebens gelten lassen wollten, neben der alle Alternativen als schwach und künstlich erscheinen. Daneben bezogen sie sich auf Stephen Resnick und Ricard Wolff und ihren nichtessentialistischen Mehrwertansatz. Vor diesem Hintergrund sollte dann das Konzept von nicht-profitorientierten Gemeinschaftsökonomien diskutiert werden, die immer vor den Gefahren der Rekommerzialisierung, der Marginalisierung und der schlichten Existenz stehen.
Den beiden Autorinnen war es dabei wichtig, zuerst auf die ontologischen und epistemologischen Grundlagen einzugehen, die dafür sorgen, dass Gemeinschaftsökonomien schon von vornherein als schwächer erscheinen lassen, als sie eigentlich im Vergleich zu anderen kommerziellen Unternehmungen wirklich sind. Trägt als die Sprache, die Aktivist*innen selbst verwenden dazu bei, sich ohne Notwendigkeit in eine defensive Position zu begeben? Mit diesen Erkenntnissen im Kopf lässt sich zweitens auch wirtschaftliche Sprache neu lesen. Welche Wertmaßstäbe, welche Produktionsmechanismen und versteckten Theorien der Ungleichwertigkeit lassen sich identifizieren und diesen starke Gegenkonzepte entgegenstellen. Wie lässt sich eine gesunde Arbeitsumgebung mit gleicher Kraft formulieren wie ein möglichst hoher Gewinn.
Erst nach einer epistemologischen Gleichbehandlung kapitalistischer und alternativer Ökonomie könne ein Vergleich von Ressourcen, Methoden und Zielen wirklich objektiv geführt werden. Dabei ließen sich neben kommerziellen Unternehmen eben nicht nur anti-kommerzielle Unternehmen definieren, sondern auch mehr-als-kommerzielle Strukturen, die etwa Gewinne umverteilten oder sozialisierten.

Auch kann erst die epistemologische Gleichwertigkeit wirklich Erfahrungen aus Scheitern oder Kritik ermöglichen. Viele alternative Aktivist*innen würden Scheitern als natürlich betrachten, anstatt sich ernsthaft die Frage nach Bedingungen, Über- oder Unterdeterminationen ihrer Probleme zu stellen. Zuletzt stellten die Autorinnen noch dar, welche Rolle anerkennendes Sprechen, Lesen und Hören, sowie Zusammenarbeit für ihren Kurs spielten.
Ökonometrische Klassenfragen
Zuletzt stellten Thereza Balliester Reis und Yaerin Yoon die spannende Frage, ob Ökonometrie nicht ein passender Ansatzpunkt für eine kritische Pädagogik sei. Ein Beispiel, das vielen vertraut sein dürfte, ist etwa das Bruttoinlandsprodukt, dessen Sinken oder Steigen medial und politisch enormes Gewicht besitzt, obwohl es die Anzahl finanzieller Transaktionen höher bewertet als etwa den Lebensstandard. Verrät also die Art und Weise, wie wir Wirtschaft messen, schon viel über unsere Gesellschaft?
Den Autorinnen, die über einen wöchentlichen zweistündigen Kurs für Studierende des dritten Studienjahrs berichteten, wollten dabei aber nicht einfach dozieren, welche ökonomischen Parameter versteckte Klassenideologie sind, sondern die Studierenden selbst dazu befähigen, diese zu testen. So führten sie über die Programmiersprache R immer über die mathematischen Hintergründe einer Statistik ein, um dann diese zu erstellen und Fragen an sie zu stellen. So wurde etwa nach Erstellung des Verlaufs der Arbeitslosenzahlen der USA danach gefragt, wie sich Zäsuren erklären lassen. Hohe Arbeitslosigkeit muss ja unter den richtigen gesellschaftlichen Bedingungen nicht unbedingt schlecht sein, wenn sie auf hohe Produktivität hinweist oder eben weniger Schadstoffausstoß bedeutet. Die Studierenden sollten jedenfalls Hypothesen aufstellen und dann wurde gemeinsam überlegt, wie man diese Hypothesen datengestüzt untersuchen könne. Auch große Teile der Auswertung wurde von den Studierenden in der Gruppe selbst übernommen.
Daneben spielte auch noch eine Rolle, welche statistischen Verzerrungen und Fehler bei einer kritischen Reflexion ökonometrischer Daten berücksichtigt werden können und wie Kausalitäten und Korrelationen valide getestet werden können.
Hier wurde wieder ein Element der Didaktik gewählt, dass ein für junge Ökonom*innen eine Motivation zur Beschäftigung mit einer Kritik der politischen Ökonomie darstellen kann: die Verknüpfung mit praktischem Handwerkszeug wie der Programmiersprache R. Durch Eigenverantwortlichkeit mussten sich die Lernenden nicht nur sehr tiefgreifend mit der Sprache auseinandersetzen. Durch die kollektive Kritik wurde auch das Bewusstsein darüber gefördert, welche Realität eigentlich die ermittelten Daten abbilden bzw. in welchem Verhältnis beide zueinander stehen. Die Studierenden lobten daher die kontinuierliche, detaillierte und kritische Beschäftigung mit wenigen Sachverhalten anstatt nur Einblicke in alle Möglichkeiten zu geben.
Zusammenfassung
Die didaktischen Ansätze, die in der RRPE vorgestellt wurden, haben nicht nur Unterschiede, auch wenn diese vielfältig sind: manche setzten an der Vergangenheit an, manche an der Zukunft oder an der Gegenwart. Manche problematisierten persönliche Erfahrungen, während andere bewusst von der berufsbezogenen Bedeutung abstrahierten. Es gibt jedoch eine verbindende Gemeinsamkeit: alle suchten einen Angelpunkt der Bedeutsamkeit, die eine Kritik der politischen Ökonomie für junge Studierende haben könnte. Und da bieten sich eigene konkrete Ausbeutungserfahrungen genauso an, wie Träume und Utopien oder ganz profanes Handwerk an. Wenn man sich also ein Take Away aus der Ausgabe mitnehmen möchte, dann ist es jenes, dass die Frage, warum eine marxistische Gesellschaftskritik für einen konkreten Menschen in einer konkreten Gesellschaft bedeutsam sein könnte, wichtiger ist, als alle Methodik. Wer erst einmal Dinge lernen will, den hält nichts mehr auf.
Literatur:
Alle Aufsätze aus:
Review of Radical Political Economics (2025). Jahrgang 57. Ausgabe 3.
Einzelaufsätze:
Perry, T.: Marx and the Big Mac: An Empirical Exploration of Marx’s Exploitation Theory for Introductory Economics Courses. S.403-410.
McIntyre, R.: Teaching Technological Unemployment ThroughRole-Play: The Luddite Rebellion. S.37-444.
Deane, K. & Chukwuma, J.: Introducing Economics Students to Marxist Political Economy: Mental and Physical Health in the Workplace. S.485-494.
Cameron, J. & Gibson, K.: Researching Postcapitalist Possibilities: Pedagogy as Resubjectivation. S.545-565.
Balliester Reis, T. & Yaerin Yoon: Can Econometrics Incorporate a Critical Pedagogy Praxis? S.527–544.
