
Am 7. November gab die Jury des Isaac-und-Tamara-Deutscher-Preises den diesjährigen Siegertitel bekannt. Gilbert Achcar, Alex Callinicos, Simon Clarke, Alejandro Colas, Ben Fine, Esther Leslie, Susan Marks, Marj Mayo, Sandy Nicoll und Alberto Toscano kürten Bruno Leipolds Citizen Marx: Republicanism and the Formation of Karl Marx’s Social and Political Thought zum interessantesten marxistischen Titel des Jahres 2025. Damit bilden sie einen Trend in der Marx-Forschung ab, der sich stark mit den republikanischen Wurzeln von Marx selbst und den Widersprüchen von Kapitalismuskritik und der Anerkennung bürgerlichen Fortschritts auseinandersetzt. Leipold erhält 500 Dollar Preisgeld und liest im nächsten Jahr eine Gedenkvorlesung, welche in der New Left Review und der Historical Materialism veröffentlicht wird. Bis Mai 2026 nächsten Jahres wird es wieder die Möglichkeit geben, der Jury per Mail Werke aus diesem Jahr vorzuschlagen. Geht dazu einfach auf die Seite: https://www.deutscherprize.org.uk/wp/nominate-a-book/.
Zum Abschluss unserer kleinen Artikelserie wollen wir nochmal alle nomierten Titel kurz vorstellen und ein kleines Redaktionsranking machen:
1. Adam Hanieh – Crude Oil (Näheres hier): Hanieh zeichnet Wert- und Imperialismustheorie an Hand der Geschichte des Öls und der Ölförderung nach; ein gekonnter historisch-materialistischer Zugang und vielleicht das beste Buch zu einem schon reichlich bearbeiteten Thema.
2. Michael Braddick – The Life of a Radical Historian (Näheres hier): Braddick schreibt die erste Biographie über Christopher Hill, der als bekennender Marxist und ehemaliger CPGB-Aktivist Dekan des Balliol College der Universität in Oxford geworden ist. In seinem Leben spiegeln sich die Widersprüche einer kommunistischen Politik und Agitation im Großbritannien des 20. Jahrhunderts ausgezeichnet wider.
3. Helma Lutz – The Backstage of the Care Economy: Transnational Perspectives on the Commercialization of Care: Helma Lutz analysiert die Biographien, Abhängigkeiten und Anschauungen von transnational arbeitenden Care-Arbeiterinnen, die im Widerspruch leben, auf der einen Seite bezahlt die Reproduktion einer anstellenden Familie zu sichern, während die der eigenen Familie prekär und häufig nur digital ist. Ein hochgradig aktuelles Thema, dass sich exzellent in Lutz’ Forschungsbiographie einreiht.
4. Bruno Leipold – Citizen Marx (Näheres hier): Bruno Leibold schreibt eine gut lesbare thematische Biographie über Marx, die sich an dessen Republikanismusverständnis entlang hangelt und insbesondere die „Soziale Republik“ als Synthese von Republikanismus und Antirepublikanismus in seiner Schrift zu den Klassenkämpfen in Frankreich herausarbeitet.
5. Kevin B. Anderson – The Late Marx’s Revolutionary Roads (Näheres hier): Anderson als Redakteur des MEGA²-Projekts stellt die ethnografischen Notizbücher des späten Marx unter der Fragestellung von Postkolonialismus, Eurozentrismus und Patriarchat vor. Leider sind die politischen Auffassungen des Autors schon vorher festgelegt und die Argumentation recht sloppy, damit die Notizbücher dazu passen.
6. Michael Shane Boyle – The Arts of Logistics: Artistic Production in Supply-Chain Capitalism: Boyle versucht künstlerisches Schaffen in die Fragen der Zirkulation des Kapitals einzuordnen. Zirkulation soll nicht nur als Waren- und Geldzirkulation, sondern auch dematerialiserte Ideenzirkulation verstanden werden, die Einfluss auf Geschmack und Zirkulationsgeschwindigkeit hat. Allerdings verschwimmen Analyse, Aktivismus und die Bewertung des Aktivismus stark miteinander. Das kann man mögen, muss man aber nicht, da viele Urteile auf Geschmack gründen.
