| ⋄ Die Programmierung von Software benötigt oft tausende von Arbeitsstunden, die Kopie häufig nur wenige Sekunden. Daraus haben viele Marxist*innen eine „eigenartige Kostenstruktur“ von Software angenommen. ⋄ Um diese mit der Marxschen Arbeitswertlehre zu vereinen, wurde auf Begriffe wie „Wertübertragung“, „Abnutzung“ oder „moralischen Verschleiß“ zurückgegriffen. ⋄ Luis Arboledas-Lerida kritisierte in der Science & Society sowohl die Verwendung dieser Konstrukte als auch die Prämisse der „eigenartigen Kostenstruktur“. ⋄ Seine Kritik zielt in erster Linie darauf ab, dass innerbetriebliche Abläufe mit Kategorien des Warentauschs behandelt werden, wo sie aber ihren gesellschaftlichen Charakter verlieren. ⋄ Fruchtbarer sei es, die Ähnlichkeiten der Softwareproduktion mit der materieller Waren gerade durch die marxistische Analyse deutlich zu machen. |

Na, Marx, was sachste dazu? Software braucht tausende von Arbeitsstunden, um entwickelt zu werden, aber jede CD und jeder Downloadlink benötigen so gut wie gar keine. Mit jeder Kopie vervielfältigt sich das Programm, ohne dass das ursprüngliche in irgendeiner Weise abgenutzt wird. Ich kann Tausende oder Millionen Kopien anfertigen und die gesamte vergegenständlichte Arbeit würde sich nicht ändern. Was sagt denn deine Arbeitswertlehre dazu? Und jetzt rede dich nicht mit irgendeiner Rententheorie heraus. Software und Boden könnten unterschiedlicher kaum sein. Das eine ist immateriell und allein von Menschenhand geschaffen, das andere materiell und durch die Natur gegeben.
So in etwa laufen Debatten, die mit der Wissensgesellschaft die Warengesellschaft und ihre Kritik bereits als überwunden ansehen. Stillschweigend geht man dabei von einer „eigenartigen Kostenstruktur“ aus, die zwischen dem eigentlichen Code und den reproduzierten Waren unterscheidet. Auch viele Marxist*innen und kritische Ökonom*innen haben diese Prämisse übernommen, ohne hinreichend zu prüfen, ob sie überhaupt stimmig ist. Luis Arboledas-Lerida hat sie in der Science & Society hinterfragt. Insbesondere setzte er sich kritisch mit Theorien auseinander, welche die Marxschen Ausführungen über „moralischen Verschleiß“ oder „Abnutzung“ auf Software übertragen wollen.
Die eigenartige Kostenstruktur
Darüber, dass die Bedeutung immaterieller Waren zugenommen hat, gibt es wenig Dissenz. Ebenfalls wenig Dissenz herrscht in weiten Teilen der marxistischen Debatte darüber, dass die Kostenstruktur bei der Herstellung von Software „peculiar“ – zu deutsch eigenartig – sei. Dabei wird die Kostenverteilung so beschrieben, dass für einen Prototypen, also den eigentlichen Programmcode das Gros der Kosten anfalle, während jede weitere Kopie nur noch marginalen Arbeitswert enthalte. Es gibt nun mehrere Ansätze dazu, wie sich dieser Befund in Einklang mit der Marxschen Arbeitswertlehre bringen ließe, wobei Konzepte wie die „Abnutzung“ oder der „moralische Verschleiß“ eine größere Rolle spielen.
Allerdings – und das ist die erste zentrale These von Luis Arboledas-Lerida – sei die Prämisse des Arguments nie kritisch hinterfragt worden. Daher wollte der Autor zum einen den Nachweis antreten, dass die Übertragungen der These von der eigenartigen Kostenstruktur sich bisher nicht konsistent mit der Marxschen Theorie formulieren lassen und zum anderen, dass die Prämisse selbst nicht stichhaltig ist.
Abnutzung und Wertübertragung
Zunächst kommen wir zur Abnutzungsthese bzw. zur Wertübertragung, wie sie insbesondere vom Marxisten Heesang Jeon vertreten wird. Der Südkoreaner widerspricht Vorstellungen, nach denen die Kosten des Programmierens sozusagen auf alle Kopien umgelegt werden. Jeon sagt, dass bei der Herstellung von Software zwischen dem Produktions- und dem Distributionsprozess unterschieden werden müsse. Der Produktionsprozess der Programmierung sei ein völlig anderer als der des Kopierens. Daher könne eine Wertübertragung nur dann stattfinden, wenn der Code als konstantes Kapital in den Prozess des Kopierens mit einginge. Nach Jeon könne dies aber nur der Fall sein, wenn das Produktionsmittel im Produktionsprozess seine Qualität verliere. Das ist beim Kopieren von Software aber nicht der Fall. In der Schlussfolgerung sei also die Marxsche Arbeitswerttheorie hier nicht anwendbar.
Gegen diese Interpretation wendet Arboledas-Lerida ein, dass die Theorie der Abnutzung bzw. Wertübertragung im Produktionsprozess nicht die richtige Kategorie der Analyse sein könne. Zunächst dürfe man jedoch nicht auf den physikalistischen Kurzschluss hereinfallen, da die Wertübertragung im konkreten Produktionsprozess abstrakt gesehen von einem Gebrauchswert auf einen anderen stattfinde, sodass allein das Fehlen einer physischen Abnutzung kein hinreichendes Gegenargument sei. Viel stärker falle ins Gewicht, dass die Wertübertragung keine natürliche, sondern eine soziale Form sei. Die Nutzung des Gebrauchswertes und die Übertragung von Wert sind dabei grundverschiedene Sachen. Schaffen Kapitalisten sich eine Maschine an, berechnen sie dessen Lebensdauer im Vorneherein und schlagen die Kosten der Maschine anteilig auf die Waren auf. Dass ein Kapitalist einen Code so behandelt wie ein Produktionsmittel, also zu einem festen Preis kauft, sich vorher eine Mindestanzahl an Kopien berechnet, auf die der Wert übertragen werden soll und entsprechend dann Kopien produziert, wird durch die Wertübertragung daher überhaupt nicht widerlegt. Und nichtmal die innere Logik ist stimmig. Ein Programm als Ware ist Einheit von Gebrauchswert für die Nutzer*in und Wert auf Grund der vergegenständlichten abstrakt menschlichen Arbeit. Woanders als im Produktionsprozess des Kopierens solle denn das Programm seinen Wert bekommen haben, den es am Ende zweifellos hat.
Moralischer Verschleiß
Es gibt aber auch Autoren, die den Marxschen Begriff des moralischen Verschleißes benutzen, um den Unterschied der Kosten von Prototyp und Kopien zu erklären. Hier beginnt Arboledas-Lerida gleich damit, dass Marx beim moralischen Verschleiß von einem Wertverlust spricht. Besitzt ein Kapitalist eine Maschine, die physikalisch noch einwandfrei funktioniert und auch noch nicht abgeschrieben ist, während die Konkurrenz durch neue Maschinen effektiver produzieren, dann verschleißt auch die materiell tadellose alte Maschine moralisch. Das investierte konstante Kapital kann nicht mehr zum vollen Preis geltend gemacht werden, da die Produktionsweise mit dieser Maschine nicht mehr gesellschaftliche Durchschnittsarbeit verkörpert. Doch ebenso wie die Wertübertragung kein sich unabhängig von den Produzenten vollziehender Prozess ist, so ist auch die Angst vor dem moralischen Verschleiß die Triebfeder, in Forschung und Entwicklung zu investieren.
Rodrigo Teixeira und Tomas Rotta haben nun den moralischen Verschleiß als Instrument zum Verständnis der eigentümlichen Kostenstruktur benutzt. Sie argumentieren, dass Waren zu ihren Reproduktionskosten hergestellt werden. Bei jeder Kopie sind die Reproduktionskosten jedoch verschwindend gering, während sie zur Herstellung des Prototypen enorm hoch gewesen sind. Wenn für ein und das selbe Produkt die Reproduktionskosten zunächst sehr hoch und dann verschwindend gering seien, habe man von moralischem Verschleiß zu sprechen. Auf insgesamt fünf Beobachtungen stützen die beiden ihre Verbindung mit dem moralischen Verschleiß: die materielle Form der Software nutzt sich nicht ab, die sinkenden Reproduktionskosten wirken sich sofort auf ein erhöhtes Angebot aus, neue Software macht alte häufig obsolet, Skaleneffekte haben deutlichen Einfluss und es geht nicht allein um die Produktionstechnologie, sondern auch um die Endverbrauchertechnologie.
Aber auch hier gibt es einige Haken. Während der moralische Verschleiß ein Effekt der intrabourgeoisen Konkurrenz ist, definieren Teixeira und Rotta ihn als Prozess, der während der Produktion einer einzigen Charge wissensintensiver Waren stattfindet; ohne Vermittlung durch Konkurrenz. Rotta und Teixeira entsozialisieren den moralischen Verschleiß, der ja einen unbeabsichtigten Wertverlust des vorgeschossenen Kapitals bedeutet und sich aus dem Widerspruch von privater Produktion und gesellschaftlicher Reproduktion ergibt. Ohne diese Komponente ist es einfach unsinnig für einen Kapitalisten, in den Wertverlust des eigenen Kapitals zu investieren. Zudem weicht die Beobachtung, dass auch die Endverbrauchertechnologie betroffen ist, was faktisch ja korrekt ist, sehr wesentlich vom Marxschen Begriff des moralischen Verschleißes ab.
Moralischer Verschleiß als Werttransfer
Die Quadratur des Kreises gelingt allerdings Guido Starosta, der den moralischen Verschleiß gleich als Werttransfer auffasst. Starosta negiert erstmal die Prämisse, dass die Kopien faktisch „wertlos“ seien. Da aber kaum abstrakte Arbeit in den Kopien stecke, müsse es eine Art von Werttransfer geben. Da Software sich eben nicht abnutze und so ihren Gebrauchswert übertrage, könne der Werttransfer nur durch (!) den moralischen Verschleiß stattfinden. Zur Begründung zieht er die Analogie zur Maschine heran. Hier schätzt der Kapitalist auch ab, wie lange eine Maschine bei durchschnittlicher Produktivität arbeite, bis sie durch moralischen Verschleiß überholt sei, was in die Preiskalkulation als Wertübertragung eingehe. Und genauso kalkuliere der Softwareentwickler, wie lange seine Software wohl den aktuellen Stand der Technik abbilde, bevor sie durch andere Nutzerwünsche oder neue Hardware moralisch verschlissen sei. Diese Kalkulation führe dann zum Preis der Kopien.
Das Argument ist im luftleeren Raum gar nicht so einfach von der Hand zu weisen, aber es verfehlt den Begriff des „moralischen Verschleißes“ bei Marx, der diesen eindeutig als Wertverlust und nicht Wertübertragung definiert. Mit dem selben Argument könne auch die schlichte Kalkulation der Lebensdauer einer Maschine, auf Grund derer der Kapitalist den übertragenen Preis kalkuliert, zur Hand genommen werden, ohne physikalistisch von einer wirklichen Abnutzung auszugehen. Einher geht wieder, dass der widersprüchliche gesellschaftliche Charakter des moralischen Verschleißes total untergeht. Starosta hätte hier wohl besser daran getan, die Annahme der Software als konstantem Kapital auszudehnen als die des moralischen Verschleißes, wobei Starosta natürlich selbst richtig gegen die Betrachtung von Software als konstantem Kapital argumentiert.
Annäherungen
Wenn also weder „moralischer Verschleiß“, noch Abnutzung adäquate Begriffe sind, um die Wertübertragung zu beschreiben, welche Ansätze wären dann zielführend? Der Autor reißt hier nur ein paar Ansätze an. Zunächst stellt Arboledas-Lérida infrage, ob der Begriff der eigenartigen Kostenstruktur überhaupt Sinn macht. Bei vielen materiellen Waren ist es genauso, dass die Entwicklungskosten die tatsächlichen Produktionskosten um ein Vielfaches übersteigen. Denken wir beispielsweise an die Pharmaindustrie, bei denen die Produktion von Medikamenten mitunter in den Centbereich fällt, während die Patente das eigentlich Kostenintensive waren. Und selbst bei klassischen kapitalistischen Fertigungen wie dem Autobau ist die Entwicklung im Vergleich zur eigentlichen Produktion enorm aufwendig. Man könnte sogar sagen, dass mit steigender organischer Zusammensetzung der Einfluss der Wissenswaren prinzipiell zunimmt.
Um dieses Phänomen dann marxistisch einzubetten, muss man sich von der Vorstellung lösen, dass die physische Abnutzung der Produktionsmittel den Werttransfer herstellt und nicht die dabei verrichtete konkrete Arbeit. Die Produzenten von Software kalkulieren in aller Regel schon vor dem Entwicklungsprozess, wie viele Kopien zu welchem Preis verkauft werden müssen, um die Durchschnittsprofitrate zu erzielen. Nur weil die einzelnen Kapitalisten privat produzieren lassen, heißt das eben nicht, dass innerhalb eines Unternehmens der Produktionsprozess als Summe vieler individueller Arbeiten aufgefasst werden kann. Produktive und unproduktive Arbeit gehen zusammen mit allen Produktionsmitteln und der Abnutzung in die finale Ware ein und ergeben erst in Summe den abstrakten Wert, der sich auf dem Markt vergleichen lässt. Die Analyse der Software macht hier deutlich, dass die Wertübertragung von konstantem Kapital auf neue Ware nur dann Sinn macht, wenn das konstante Kapital auch auf dem freien Markt gekauft wird und nicht aus Zwischenprodukten im Unternehmen besteht, das fast ausschließlich mit konkreter Arbeit rechnet, hergeleitet wird.
In einer dialektischeren Interpretation könnte man weiterhin geltend machen, dass Software selbst erstmal keinen Gebrauchswert besitzt, da sie nur eine Abfolge von Befehlen ist, die in reiner Form vorliegend, keine Möglichkeit haben, sich zu materialisieren. Erst im Zusammenspiel mit der Hardware kann Software überhaupt erst einen Gebrauchswert für Menschen darstellen und umgekehrt. Die historische Produktionsprozess hat sich von den wilden Anfängen des Computerzeitalters auf hin zu dieser Einheit entwickelt. Die meisten PCs, Laptops und Smart Devices werden gar nicht mehr ohne Software geliefert. Die Zeiten, in denen man das Betriebssystem noch von Diskette starten musste oder auch nur konnte, sind bis auf die kleine Linux-Nische vorbei. Apple verkörpert dabei wohl am stringentesten das Konzept einer Einheit von Software und Hardware, wo verhindert wird, dass überhaupt unabhängig durch den Benutzer Software aufgespielt werden kann. Hier ist Software von Anfang an ein an den materiellen Körper der Ware gebundener Wertbestandteil, ist also Ergebnis des Einsatzes variablen Kapitals des Unternehmens. Konkret schlägt Arboledas-Lérida mit Verweis auf Ramtin vor, die Wertübertragung von Software über die Lebensdauer der ausführenden Hardware zu berechnen.
Zu guter Letzt stimmen auch einige Prämissen der Theorie von der eigenartigen Kostenstruktur nicht. So sind die marginalen Kosten von Software – Serverkosten, Energieverbrauch, Service, etc. – keineswegs gleich Null, sondern machen mitunter einen hohen Anteil der Gesamtkosten aus. Luis Arboledas-Leridas Urteil ist damit eindeutig: die These von der eigenartigen Kostenstruktur von Software ist nicht haltbar und sollte zugunsten einer genauen Differenzierung des Produktionsprozesses verworfen werden.
Zusammenfassung
Arboledas-Leridas Artikel geht über eine reine Kritik der eigenartigen Kostenstruktur von Software hinaus. Er regt dazu an, sich nochmal eindringlich mit der Darstellung des Produktionsprozesses bei Marx und insbesondere im ersten Band des Kapitals zu beschäftigen. Wann ist Arbeit gesellschaftlich, wann privat? Wann liegt Kapital in Natural- und wann in Geldform vor? Wann geht konkrete Arbeit in die Waren ein und wann realisiert sich diese als abstrakte Arbeit? Eine präzise Antwort dieser Fragen ist der Schlüssel zum Verständnis der Produktionsprozesses von Software. Nicht ohne Grund referenziert der Autor etwa auf Guglielmo Carchedi, der sich sehr eindringlich mit diesen Fragen beschäftigt hat. Der erste Band des Kapitals ist also keineswegs ein alter Hut, sondern immer noch Schlüssel zum Verständnis modernster Produktionsstrukturen. Besonders durch die Klarheit, mit der Arboledas-Lerida das deutlich macht, zeichnet sich damit sein Aufsatz aus.
Literatur:
Arboledas-Lerida, L. (2026): “Moral Depreciation”, “Wear and Tear,” and the Value-Determinations of Knowledge-Intensive Commodities: Recovering Marx’s Original Ideas. In: Science & Society. Jahrgang 90. Ausgabe 2. S.164–184.
