Radhika Desai und der Wert der Multipolarität

⋄ Radhika Desai hielt die diesjährige David-Gordon-Gedächtnis-Vorlesung.

In dieser übte sie scharfe Kritik an Marxist*innen, die kapitalistische Gesetze als harmonisch und nur durch exogene Faktoren als widersprüchlich ansähen.

⋄ Sie erinnerte an das Marxsche Fragment „Bastiat und Carey“, wo Marx argumentierte, dass die kapitalistischen Gesetze auf dem Weltmarkt als die „Verhältnisse produzierender Nationen auftreten“.

⋄ Sie schlussfolgert daraus eine Homomorphologie der Widersprüche in den kapitalistischen Nationen und des imperialistisch dominierten Weltmarktes.

⋄ Folgerichtig sei Multipolarität zu begrüßen, da der Imperialismus jede Form weiterer kapitalistischer Entwicklung durch die inneren Widersprüche behindere.
Eine der wichtigsten marxistischen Stimmen der Gegenwart: Radhika Desai.

Dass die Welt multipolarer wird, ist eine Binsenweisheit. Ob diese Entwicklung zu begrüßen oder womöglich sogar zu fördern ist, spaltet hingegen die kommunistische Bewegung. Die deutsche Monopolbourgeoisie ist sich einig. Die neue Multipolarität wird dort als Angriff auf unsere Ordnung, unsere Sicherheit und kurz, unsere Interessen gewertet. Die USA und die EU müssten ihre Werte weltweit verteidigen; zur Not auch gegen den amerikanischen Präsidenten. Aber folgt allein aus dieser Position der Herrschenden, dass die Arbeiter*innenklasse von der Multipolarität profitiert? Ist nicht der Imperialismus das höchste Stadium des Kapitalismus, nach dem nur der Sozialismus kommen kann und ist deshalb nicht jede Hoffnung in eine firedlichere multipolare Welt Augenwischerei? Radhika Desai argumentierte in der diesjährigen Erinnerungsvorlesung an David Gordon, die jährlich von der Union of Radical Political Economists organisiert wird, warum sie Multipolarität als Schritt zum Sozialismus begreift. Ins Zentrum rückt sie dabei eine nur wenig rezipierte Kritik von Marx an Henry Carey, die den Grundrissen angehängt ist

Das Fragment „Bastiat und Carey“

Bevor wir zu Desais Ausführungen kommen, müssen wir uns kurz das Fragment „Bastiat und Carey“ anschauen. Es entstand im Juli 1857 und der Begleittext in den MEW 42 stellt heraus, dass Marx hier zum ersten Mal eine Trennung zwischen klassischen Ökonomen und Vulgärökonomen vorgenommen habe; was auch beweise, dass Marx schon vor der Ausarbeitung der Grundrisse eine gewisse Vorstellung von den kapitalistischen Gesetzen und ihren Antagonismen gehabt haben muss. Denn während klassische bürgerliche Ökonomen die Widersprüche der politischen Ökonomie noch als integralen Bestandteil der eigenen Theorie verstanden, hätten die Vulgärökonomen versucht, die marktwirtschaftlichen Gesetze als prinzipiell harmonisch darzustellen und Widersprüche als exogen zu begreifen.

An Carey kritisiert Marx nun, dass er auf der einen Seite den Staat als Quelle solcher Disharmonie identifiziere, aber an anderer Stelle für einen starken Staat Partei ergreife, welcher den reinen und harmonischen Kapitalismus der USA vor der Störung durch den Weltmarkt zu schützen habe. „Die Harmonie der ökonomischen Gesetze erscheint in der ganzen Welt als Disharmonie“ (MEW42, S.5). Materialistisch leitet Marx her, dass ein Ökonom wie Carey nur Produkt der USA sein könne, wo sich der Kapitalismus nie aus dem Feudalismus entwickeln musste, sondern sich als Selbstzweck begreifen konnte, während etwa in England die Grundeigentümerklasse und der Adel Einflüsse jenseits der Bourgeoisie darstellten. Und diese hätten nach Carey dazu geführt, dass England nach einem industriellen Monopol strebe. Damit habe England die Harmonie im „eignen Innern aufgelöst [und] zerstört es durch seine Konkurrenz überall auf dem Weltmarkt und ist so das destruktive Element der allgemeinen Harmonie“ (MEW42, S.6). Die Marxsche Kritik daran ist leicht zu erahnen:

Es ist harmonisch, wenn innerhalb eines Landes die patriarchalische Produktion der industriellen Platz macht, und der Auflösungsprozeß, der diese Entwicklung begleitet, wird nur nach seiner positiven Seite aufgefaßt. Aber es wird disharmonisch, wenn die englische große Industrie die patriarchalischen oder kleinbürgerlichen oder andre auf niederen Stufen sich befindenden Formen fremder nationaler Produktion auflöst. Die Konzentration des Kapitals innerhalb eines Landes und die auflösende Wirkung dieser Konzentration bietet ihm nur positive Seite dar. Aber das Monopol des konzentrierten englischen Kapitals und seine auflösenden Wirkungen auf die kleinren nationalen Kapitalien andrer Völker ist disharmonisch. Was Carey nicht begriffen hat, daß diese weltmarktlichen Disharmonien nur die letzten adäquaten Ausdrücke der Disharmonien sind, die in den ökonomischen Kategorien als abstrakte Verhältnisse fixiert [werden] oder in dem kleinsten Umfang eine lokale Existenz besitzen.“ (MEW 42, S.6f.)

Carey sehe nicht, dass die nationalen Ökonomien bereits selbst die Widersprüche ausbildeten, die „auf dem großartigsten Terrain, dem Weltmarkt, in der großartigsten Entwicklung als die Verhältnisse produzierender Nationen auftreten“ (MEW 42, S.6)

Marxistische Ökonomen als verkappte Careyisten

Nun müsste man meinen, dass für jede*n Marxist*in diese Kritik so selbstverständlich sein sollte, dass sie zu Recht kaum rezipiert werden musste. Aber Desai sieht das kritischer. Im akademischen Marxismus erkennt sie ähnliche Argumentationsmuster wie Carey wieder, die eine harmonische Entwicklung des Kapitalismus unter idealen Bedingungen für möglich oder sogar zwangsläufig halten. Sie führt etwa Paul Sweezy – den Gründer der Monthly Review – an, der Böhm-Bawerks Kritik am Marxschen Transformationsmechanismus als gleichberechtigt neben das Kapital stellte, weil Böhm-Bawerk bei der Preisbildung auf einen Widerspruch hinwies. Der Punkt sei aber, dass eben dieser Widerspruch ein realer und kein logischer war. Desai nennt auch die New Left Review, die Marxens Kritik des Kapitalismus von einer Theorie des Imperialismus zu trennen versuchte. Viele akademische Marxist*innen würden neben dem Transformationsproblem entweder den tendenziellen Fall der Profitrate ablehnen, weil Kapitalisten bei zu erwartenden fallenden Profiten ja nicht investieren würden oder die Theorie der Überproduktion; alles mit dem Argument, dass dies der Logik einer in sich konsistenten kapitalistischen Ökonomie zuwiderlaufe, so als ob Marx hätte dies zeigen wollen. Die Profitrate fällt ja gerade, weil der einzelne Kapitalist bei der Modernisierung der Produktionsweise einen Extraprofit erhält, während die Verallgemeinerung der neuen Produktionsweise zum Sinken führt. Das ist ein realer Widerspruch, der aber für viele Marxist*innen als Beweis gegen Marx herangezogen würde.

Und so verhielten sich viele akademische Marxist*innen eben wie jener Carey, die Ausbeutung, Klassenkampf, Staat, Weltmarkt und Imperialismus als Störgeräusche des Kapitalismus betrachteten. Sie trennen Ökonomie und Gesellschaft, um die Widersprüche der ersteren aus denen der letzteren zu erklären, anstatt beide als Totalität des immanenten Selbstwiderspruchs des Kapitals und der zugrunde liegenden Produktionsweise zu erkennen. Und so argumentierten etwa Analytische Marxist*innen wie Brenner oder Brewer nicht, das es keinen Imperialismus gäbe, sondern dass er keine notwendige Folge des Kapitalismus sei. Sie begründeten die Dominanz der ökonomischen Zentren mit höherer Produktivität und nicht mit dem Imperialismus, anstatt die Dialektik beider zu begreifen. Das öffnet Pfade hin zu reinem Reformismus oder gar einer Verklärung der westlichen Zivilisation als emanzipatorischem Universalismus. Auch auf dem Feld der internationalen Politik würden viele Marxist*innen wie Panitch oder Rosenberg zu sehr an einer Trennung von Ökonomie und Politik hängen und der Globalisierung maximal einen realistischen Anstrich geben. Und von diesem Standpunkt aus könne der Charakter der Multipolarität eben auch nicht begriffen werden.

Von Marx zum Imperialismus

Nach Desai steht dabei die Rolle des Staates bei der blut- und schmutztriefenden Geburt des Kapitalismus in der marxistischen Debatte außer Frage. Aber aus irgendeinem Grund scheinen viele Marxist*innen eine Trennung zwischen Staat und Ökonomie in der Folgezeit anzunehmen, die den Staat zu einer gegenüber dem Kapital autonomen Sphäre mache, in der dann – im Guten wie im Schlechten – alles möglich sei. Es war Lenins großer Verdienst, aufbauend auf Hilferding, die reale und sichtbare Verschmelzung von Monopol- und Staatsinteressen wieder empirisch wie theoretisch begründet zu haben. Und das hier kein Lenin spricht, der mit Marx nichts zu tun habe, davon zeuge nun das Fragment Marxens zu „Bastiat und Carey“.

Denn Marx sagt hier sehr klar, dass die Widersprüche der kapitalistischen Ökonomie selbst in der Arena des Weltmarktes als die „Verhältnisse produzierender Nationen“ auftreten würde. Man beachte: Nicht die Verhältnisse internationaler Kapitalistenverbände. Und auch nicht nur die Verhältnisse aller kapitalistischen Nationen. Die Verhältnisse aller „produzierenden“ Nationen. Wie wir aus seinem Brief an Vera Zasulich wissen, konnte sich Marx vorstellen, dass Agrarstaaten auch sofort in die Phase des Sozialismus übergehen könnten. Aber hier kommt der entscheidende Punkt ins Spiel, warum Lenin die Aufteilung der Welt unter die Kapitalistenverbände als definitorisches Merkmal des Imperialismus ansah: weil der Imperialismus diesen direkten Weg verbaut. Während der freie Konkurrenzkapitalismus zumindest noch die Möglichkeit einer Entwicklung eines direkten Weges zum Sozialismus offen ließ, hat der Imperialismus diese Möglichkeit real ausgelöscht, was auch seinen eigenständigen historischen Etappencharakter begründet.

Die Folgen

Wenn man nun den Imperialismus als eigenständige Etappe des Kapitalismus ernst nehme, dann müsse auch dessen Entwicklung als etwas aufgefasst werden, was Trotzki mit dem Begriff der „ungleichen und kombinierten Entwicklung“ beschrieb. Ungleich ist die Entwicklung, weil sie auf der Überausbeutung der Peripherie durch die imperialistischen Zentren beruht. Kombiniert, weil die imperialistischen Länder zunächst die globalen Standards für ihre imperialistischen Verwertungsregime gemeinsam durchsetzen. Zwei große Widersprüche prägen dieses Regime. Erstens müssen periphere Länder so einen niedrigen Lebensstandard haben, dass die Arbeitskraft unter dem Wert der global durchschnittlichen gekauft werden kann, aber gleichzeitig muss es hoch genug sein, um Waren exportieren und die Reproduktion auf benötigtem Niveau sicherstellen zu können. Und zweitens müssen die Staaten souverän genug sein, um über Marktgesetze kontrolliert werden zu können, während sie sich aber auf der anderen Seite nicht gegen die imperialistische Dominanz wehren können sollten. Diese Widersprüche seien aber nichts anderes als die globalen Erscheinungsformen ihrer elementaren nationalökonomischen Gesetze; den Kampf um den Arbeitstag und der Kampf um die Organisation der Arbeiter*innenklasse.

Im Zeitalter der Monopolkonzerne kann die Wertproduktion nicht mehr anders als global gedacht werden. Die politische Idee des Liberalismus hat sich im Neoliberalismus schlichtweg globalisiert; ihre Gegner sind auf nationaler Ebene die Sozialisten als Vertreter der ausgebeuteten Arbeiter*innen und auf globaler Ebene, objektiv multipolaren Kräfte als Vertreter der überausgebeuteten Nationen. Der Liberalismus kann in seiner nationalen Form nur dann die Macht erlangen, wenn er auch seine imperialistische globale Form durchsetzt. Die Schwäche des Liberalismus in den USA ist nur Reflexion der Schwäche der des US-Imperialismus. Die reaktionäre Ideologie der AfD ist nur Reflex auf die Krise des EU-Imperialismus. Multipolarität als Krise der ökonomischen, politischen und ideologischen Basis der imperialistischen Zentren öffnet damit sozialistischen Bewegung neue Räume.

Die vier Fronten den Imperialismus

Ganz konkret. Auf Grund der Multipolarität verliert der Imperialismus gleich an vier Fronten. Die kapitalistische Peripherie steht nicht mehr so einfach als Ziel der Überproduktion zur Verfügung. China kann mittlerweile selbstständig und preisgünstiger Autos herstellen und ist nicht mehr auf deutsche Exportwaren von VW angewiesen. Der einst riesig erscheinende Markt wird trotz wachsender Kaufkraft chinesischer Arbeiter*innen immer kleiner. Damit kann die einheimische Unterkonsumtionskrise aber auch nicht mehr durch Exporte bewältigt werden, sondern maximal durch höhere Löhne etwas aufgeschoben werden … wozu das Kapital nicht einmal bereit ist.

Aber auch der Kapitalexport gerät zunehmend an seine Grenzen. Während früher Überschusskapital meist in spekulative Finanzmärkte, die sich aus hohen Zinserträgen speisten, investierte, versetzen neue Handelsmöglichkeiten periphere Länder in die Lage, Regeln für den Kapitalimport selbst zu definieren und nur für den Fall tatsächlicher ökonomischer Entwicklung zuzulassen. Das spürt Deutschland gerade, das Indien zum neuen China auserkoren hat, aber sich zunehmend in Fragen der Kooperation mit Russland oder der Gestaltung des Freihandelsabkommens von Indien die Regeln diktieren lassen muss, weil der Subkontinent Alternativen hat.

Auch die Einfuhr billiger wenig verarbeiteter Waren gestaltet sich immer schwieriger. Dort, wo Rohstoffe so billig sind, dass imperialistische Staaten vom Import abhängig sind, kann etwa China diese als Druckmittel verwenden. In der Regel suchen aber fast alle Staaten gerade nach Wegen, die höheren Glieder der Wertschöpfungsketten zu erreichen; mit Technologie aus Indien, China, dem Iran oder Russland. Damit stehen die Extraprofite aus dem ungleichen Tausch, welche hier den Klassenkonflikt befrieden helfen, zunehmend in Frage.

Und auch die billige Arbeitskraft wird knapp; denn billig ist sie nur, wenn sie außerhalb der Zentren bleibt und nicht die eigenen Lebenshaltungskosten und Sozialstandards decken muss. Doch China ist nicht mehr die Werkbank der Welt. Und Indien will es nicht werden. Billige Arbeit durch Migration zu erhalten, ginge nur durch rassistische Diskriminierung; woran in den westlichen Staaten natürlich fleißig gearbeitet wird.

An allen vier Fronten verliert der Imperialismus seine Dominanz; aber gleichzeitig ist der kapitalistische Weg zum Aufstieg weitestgehend verstellt. Wenn Staaten sich noch innerhalb einer multipolaren Welt entwickeln wollen, wird dies nur sozialistisch gehen. Desai schließt daher optimistisch: „Wenn die Arbeiter*innen die Totengräber des Kapitalismus zuhause sind, dann sind Staaten, die einen Entwicklungsweg suchen und auf den sozialistischen Weg gezwungen werden, die Totengräber auf der internationalen Ebene sein.“ (S.694)

Zusammenfassung

Radhika Desai kritisiert in ihrer David-Gordon-Memorial-Lecture nicht nur ungewöhnlich scharf den akademischen Marxismus, sondern positioniert sich zu einer der grundlegenden Fragen der kommunistischen Bewegung, der Multipolarität. Sie positioniert sich konsequent für eine Einheit von politischer und ökonomischer Analyse und der globalen Reproduktion kapitalistischer Gesetze in ihrer eigenen Form. Ihre Kritik an theoretischer Modellierung ökonomischer Gesetze schießt dabei vielleicht etwas über das Ziel hinaus. Gerade wenn Geopolitik und politische Ökonomie selbstähnlich und fraktal sind, kann eine isolierte Untersuchung kapitalistischer Strukturen, Gesetze und Tendenzen auch Aufschluss über das ganze System geben. Dennoch regt Desai zur richtigen Fokussierung an: Historische Gesetze setzen sich in größeren Zeitspannen und global durch, nicht isoliert. Dies nicht aus den Augen zu lassen, wenn wir über die zeitgenössischen politischen Phänomene sprechen, mahnt Desai an.

Literatur:

Desai, R. (2025): Imperialism in Marx, the Marxist Tradition, and Today. The 27th Annual David Gordon Memorial Lecture. In: Review of Radical Political Economics. Jahrgang 57. Ausgabe 4. S.681–695.


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