| ⋄ Die Hühnerfleischproduktion wurde in letzter Zeit häufiger vor dem Hintergrund der Zirkulationstheorie aus dem zweiten Band des Kapitals betrachtet. ⋄ Jostein Jakobsen, Mads Barbesgaard und Mariel Aguilar-Støen untersuchten, wie sich eine Unterbrechung der Zirkulation durch die Vogelgrippe auf die einzelnen Kapitalisten auswirkt. ⋄ Sie testeten konkret die Dickinson-Mann-Hypothese, dass das Großkapital auf Grund der fehlenden Flexibilität der Produktionszeiten die Landwirtschaft meidet. ⋄ Die von Henderson aufgestellte Gegenthese besagt, dass der natürliche Einfluss auf die Umschlagszeiten nur die Formierung des Großkapitals begründe, aber keinen Wegfall. ⋄ Am Beispiel des Biotech-Konzern EW/Aviagen lässt sich mit Hinblick auf die Vogelgrippe zeigen, dass zweite These eher zutrifft. |

Der zweite Band des Kapitals gilt allgemein als schwer verdauliche Kost. Dabei hat die Resultate jeder omnivore Mensch auf dem Teller, wenn er einen Broiler oder Chicken Nuggets verdrückt. Behandelt Marx im Kapital II die Umschlags-, Produktions- und Zirkulationszeit und ihr Einfluss auf die Profitrate in seiner Allgemeinheit sehr ausführlich, so ist das Huhn, dessen Produktionszeit seit dem Zweiten Weltkrieg mehr als halbiert wurde, die fleischgewordene Totalität dieser Zusammenhänge. Aber was passiert, wenn die Zirkulation unterbrochen werden muss, etwa im Falle der allen sehr geläufigen Vogelgrippe H5N1?
Diese Frage stellten sich drei Forscher*innen aus Oslo und Lund – Jostein Jakobsen, Mads Barbesgaard und Mariel Aguilar-Støen – im Journal of Peasant Studies. Dazu führten sie 110 Interviews mit Beteiligten in allen Gliedern der Produktionskette: Brütereien, Schlachthäusern, Mastbetrieben und Biotech-Firmen. Die Gretchenfrage lautete dabei: Schrecken die sinkenden Profite während der Ausbrüche das Großkapital ab oder sucht es sich einfach die passende Stelle in der Produktionskette?
Zirkulation und die Mann-Dickinson-Hypothese
Zirkulation und Profite sind untrennbar miteinander verbunden, wie Marx im zweiten Band des Kapitals darstellt. Die Profitrate wird gewöhnlicherweise immer in Bezug auf einen natürlichen Zeitraum gemessen, wie etwa ein Jahr. Innerhalb eines Jahres kann das Kapital jedoch mehrfach umschlagen, sodass allein durch eine Verringerung der Umschlagszeit die jährliche Profitrate erhöht werden kann. In der Regel kann die Umschlagszeit nur schwer in der Produktion gesenkt werden, ohne neue Maschinen anzuschaffen, die organische Zusammensetzung zu erhöhen und somit wieder negativ auf die Profitrate zu wirken. Daher müssen Kapitalisten im Wesentlichen auf die Verringerung der Zirkulationszeit drängen, wenn sie die Profite über eine verkürzte Umschlagszeit vergrößern wollen. So dürfen erstens die Maschinen, die als fixes Kapital bereit stehen, nur so kurz wie möglich still stehen. Das zirkulierende Kapital muss dazu immer passgenau entsprechend der Produktionszeit zirkulieren. Da das zirkulierende Kapital aber als Ware in die Produktion eingeht, das heißt anfangs vom betrachteten Kapitalisten erst gekauft wird, muss ein zweiter Kapitalist seine Produktionszeit ebenso abstimmen. Bei fast allen hochverarbeiteten Produkten entsteht so eine Reihe von ineinandergreifenden Zirkulationsprozessen, die eine möglichst hohe jährliche Profitrate über die gesamte Wertschöpfungskette ermöglichen.
Speziell auf die Landwirtschaft angewendet, lassen sich zwei unterschiedliche Tendenzen der Kapitalformation annehmen. Das erste ist, dass entsprechend der so genannten Mann-Dickinson-Hypothese Produktions- und Arbeitszeit in der Landwirtschaft so unterschiedlich ausfallen, dass sie eigentlich für eine kapitalistische Infiltration wenig attraktiv ist. Viele Agrarprodukte müssten lange wachsen, ohne dass menschliche Arbeit wertbildend eingreifen könnte. Dazu sei die Produktionszeit von natürlichen Bedingungen wie den Jahreszeiten und dem Wetter abhängig, sodass nicht entsprechend den Bedürfnissen der verarbeitenden Industrie produziert werden könne, sondern sich umgekehrt diese nach der Natur richten müssten. Das erkläre die Resilienz, mit der Familienbetriebe in vielen Teilen der Welt weiter in der Landwirtschaft zu finden seien. Insbesondere angesichts globaler Zirkulationsketten ist diese These allerdings vakant geworden.
Denn die Gegenthese lautet, dass die Abhängigkeit bzw. die Unterbrechung der Zirkulation durch natürliche Umstände verschiedene Glieder der Wertschöpfungskette verschieden stark trifft. Ein Bauer, dessen Feld nach der Ernte ein halbes Jahr nicht mehr bestellt wird, ist von einer Produktionsverzögerung von zwei Wochen mutmaßlich weniger stark betroffen als ein Betrieb, dessen Produktionsmittel und Arbeitskräfte diese beiden Wochen noch warten müssen. George Henderson artikulierte diese Gegenthese am prominentesten und merkte an, dass die Prozessunterbrechung oder die Begrenzung der Umschlagszeit eines Kapitals Türöffner für die Produktivität eines anderen sei. Die Temporalität der argrarischen Produktion sei somit kein Argument gegen die Kapitalisierung der Landwirtschaft, sondern nur für ihre Klassenformierung.
Abseits davon: Jakobsen, Barbesgaard und Aguilar-Støen rücken diese Problemstellung interessanterweise in die Nähe der Reproduktionsschemata. Nach diesen würde sich – so einige Interpreten – eine Dominanz der Produktionsmittelindustrie ergeben, da die Konsumgüterindustrie von den Investitionen dieser abhängig sei. Heftig wurde über die Bedeutung dieser Schemata gestritten und diese mal als Beweis der Zusammenbruchstheorie, mal als rechnerische Taschenspielerei verklärt. Die Autoren behandeln die Schemata hier wieder in ihren ursprünglichen Kontext, nämlich als Werkzeug bei der Analyse der Abhängigkeiten von konkreten Gebrauchswerten und deren Verfügbarkeit. Nur, dass es hier weniger um die quantitativen Proportionen, sondern die zeitliche Verzögerung geht.
Die Vogelgrippe
Ein landwirtschaftliches Erzeugnis, dessen Verringerung der Umschlagszeit nach dem Zweiten Weltkrieg geradezu charakteristisch für den modernen Industriekapitalismus geworden ist, ist das Hühnerfleisch. Nur 33 Tage nach dem Schlüpfen ist ein Huhn von 2-2,5 kg schlachtreif. Nicht nur wurde die Zeit zwischen Brüten und Schlachtung erheblich reduziert, sondern die chemisch-biologischen Eigenschaften des Fleisches selbst, das schnell verdirbt, zwingen zu einer raschen Weiterverarbeitung (Näheres hier). Doch ein Risiko besteht für die enorm beschleunigten und ausdifferenzierten Produktionsnetze in der Hühnerindustrie: die Geflügelpest, die auch als aviäre Influenza, hochpathogene Influenza-Virus-Infektion oder insbesondere seit dem H5N1-Ausbruch als Vogelgrippe bekannt ist, zwingt Schlachterei oder Zuchtstellen immer wieder dazu, ganze Population zu vernichten. Die Krankheit ist extrem ansteckend und nachdem 1997 auch der erste menschliche Todesfall in Folge von H5N1 zu beklagen war, wurden die Quarantänevorschriften beständig verschärft.
Vom Standpunkt des Kapital-Bands I stellt eine Vogelgrippenpandemie eine Unterbrechung in der Produktion des betroffenen Betriebs dar, die zirkulierendes Kapital vernichtet und die somit die Auslagen für Arbeitskraft und Produktionsmittel komplett verhindert. Vom Standpunkt des Kapital-Bands II hingegen wirkt die Pandemie auf die komplette Produktionskette aus, indem sie die reibungslose Zirkulation beeinträchtigt, die Zeit stillstehender Maschinen und leerstehender Farbikhallen verlängert und somit in allen Unternehmen zur Senkung der jährlichen Profitrate führt, selbst wenn die Profitrate pro Umschlag gleich bleibt. Nach Dickinson-Mann könnte man nun annehmen, dass sich hochindustrialisiertes Großkapital aus der Hühnerfleischproduktion zurückziehen müsste, da das hohe Risiko von Unterbrechungen die Profitraten langfristig beeinträchtigt. Folgt man Henderson würde der Einfluss der Vogelgrippe lediglich die Formierung des Kapitals in der Landwirtschaft verändern. Das Großkapital würde dort investieren, wo die Zirkulation durch die Vogelgrippe nicht beeinträchtigt wird, während Kleinkapital und Kleinbürgertum die Risiken der Vogelgrippe abfangen. Und genau diese Fragestellung wollten die Autor*innen der vorliegenden Studie nun empirisch beantworten.
Der eigentliche Produktionsort: die Brüterei
Als Untersuchungsorte wurden Norwegen und Dänemark gewählt. In beiden Ländern gibt es mit die strengsten Hygienevorschriften der Welt, sowie die Zusagen an supranationale Organisationen, sich durch möglichst viel Biosicherheit an der Eindämmung der Pandemie zu beteiligen. Daher sind die Effekte eines Ausbruchs hier am besten zu beobachten. Gleichzeitig lassen sich beide Länder gut kontrastieren, da Dänemark eine traditionell liberale Handelspolitik betreibt, die Lebensmittelimporte erleichtert, während Norwegen schon seit Jahrhunderten auf einheimische Versorgungsautonomie achtet und entsprechend Handelsschranken aufgebaut hat. Eine Antwort auf die Anforderungen an Biosicherheit ist etwa, dass die Brüterei ein All-in-One-Betrieb sind. Die Betriebe verkaufen etwa einen Tag alte Küken an die Mastbetriebe, während die Zuchttiere von einem großen Biotech-Unternehmen stammen, dessen Verträge auf anderthalb Jahre vorausgeplant sind. Dadurch werden unnötige Transporte und Vermischungen von Populationen vermieden, was das Infektionsrisiko senken und Kontrollen erleichtern soll. Die Brütereien lassen sich dem mittleren Kapital zuordnen. Mit 200-220 Brütereien für den dänischen Markt sind sie groß genug, um technikintensiv zu arbeiten, aber sie sind keinesfalls monopolkapitalistische Player, die eigene Interessen als allgemeine Staatsinteressen platzieren könnten. In Norwegen gibt es sogar eine Größenbeschränkung, sodass es bei etwa gleicher Bevölkerungszahl doppelt so viele Brütereien gibt.
Gibt es in einer Brüterei einen Ausbruch, muss in beiden Ländern die gesamte Population ausgerottet werden. Die Gebäude müssen gründlichst desinfiziert werden und dürfen erst nach 20-30 Tagen wieder mit neuen Hühnern betrieben werden. Ebenso gilt in einem 3-km-Sicherheitsradius eine erhebliche Beschränkung der Freilandhaltung und des Tiertransports und in einem Radius von 10 km beschränkte Sicherheitsauflagen. Das bedeutet insbesondere neben dem Einfluss auf die konkreten Betriebe, dass die Züchter betroffen sind. Denn diese können ihre Tiere nicht einfach an einen anderen Ort transportieren. Um die Zirkulationszeiten zu senken, hat die größte Brüterei Dänemarks DanHatch seine Brütereien seit 1939 strategisch nah an den Zuchtbetrieben stationiert. Diese Nähe fällt im Falle einer Pandemie auf die Zuchtanstalten zurück. Das bedeutet im Falle einer 21-tätigen Transportsperre eine Überflussproduktion von sechs Millionen Küken im Einzugsbereich von DanHatch. Das Risiko liegt also in diesem Bereich enorm hoch.
Der sichere Hafen des Großkapitals
Während Brütereien also das klassische Risiko tragen, gibt es entsprechend der Henderson-Vermutung auch einen großen „Gewinner“: die EW-Group. 2005 fusionierte die Erich Wesjohann Gruppe als Weltmarktführer bei der Zucht von Legehennen mit Aviagen, dem Weltmarktführer bei der Zucht von Masthähnchen und ist so mit 25.000 Mitarbeiter*innen und einem Jahresumsatz von über 5,2 Mrd. Dollar 2024 der Monopolist in der Tiergenetik. Dieser Konzern versucht nicht nur, die Hähnchen so zu züchten, dass sie möglichst schnell Verkaufsmassen erreichen, sondern auch der Aufbau von Resistenz gegenüber der Geflügelgrippe ist zu einem wichtigen Projekt geworden. Ganz Norwegen und fast ganz Dänemark bekommen das genetische Material über einheimische Subunternehmen von EW.
Die EW-Group sitzt hier an der Spitze der Wertschöpfungskette. Sie bestimmt mit ihrer technischen Entwicklung die Produktions- und Umschlagszeiten der ganzen Industrie, die Menge an zirkulierendem Kapital (etwa in Form der Reduktion des Futterbedarfs), sowie das Risiko von Unterbrechungen. Ziel des Konzerns ist es, das Naturprodukt Huhn vollständig unter den Kapitalkreislauf real zu subsummieren. Der heilige Gral, die Immunität oder die Nichtübertragbarkeit der Vogelgrippe, liegt noch in weiter Ferne, aber natürlich arbeitet man in den Laboren hart daran, die Gene der Hühner entsprechend zu verändern. Das Ziel ist dabei nicht, die Sicherung der Existenzgrundlage mittelgroßer Brütereien. Das Ziel ist, die Produktionskette so resistent zu machen, dass wieder mehr Produktionsschritte in einem Werk vereint werden können, wodurch das Großkapital ein attraktives Investitionsumfeld bekäme und unnötige Zirkulationszeiten durch Tiertransporte wegfielen.
Das Verhältnis zu staatlichen Stellen ist dabei zwiegespalten. Zum einen sieht sich das Unternehmen häufig strengen Auflagen ausgesetzt; schließlich verträgt sich eine weltweite Verbreitung des EW-Hähnchens nicht mit Biodiversität und die Opportunitätskosten eines H5N1-resistenten Hähnchens sind keinesfalls abschätzbar. Auf der anderen Seite wiederum hat der Konzern nur geringe Probleme damit, beim Ausfall eines Marktes durch einen Ausbruch andere zu öffnen. Zu eng arbeitet man hier mit den entscheidenden Behörden zusammen und man sitzt natürlich auch in den maßgeblichen Entscheidungsgruppen der Tierschutzorganisationen FAO und WHAO. Der Biotech-Konzern agiert damit sehr robust gegen Ausbrüche. Sie sind ein Ärgernis, aber durch eine im Vergleich anderen Unternehmen des gleichen Sektors enormen organischen Zusammensetzung, können genug Extraprofite (Näheres hier) aus den anderen Unternehmen gezogen werden, um sich dauerhaft als Monopolist zu behaupten.
Schlachtereien und Mastbetriebe
Die Schlachtereien beschreiben die Ausbrüche als eher logistisches Problem. Für sie sind die Mastbetriebe nur die Bereitsteller ihres zirkulierenden Kapitals. Sie sind nicht auf Hühner von genau einem Betrieb angewiesen. Da der Einkauf aber über ein Jahr im Voraus geplant werde, stellt die Vogelgrippe der Neukoordination der Zulieferung eine schwere, aber bewältigbare Aufgabe. Der größte Kostenfaktor sind hier gezahlte Gehälter für die Arbeiter*innen, die gerade nichts zum schlachten haben. Was schwerer wiegt: es müssen auch Zertifikate für bereits geschlachtete Tiere organisiert werden. Schaffen es etwa die Veterinärbehörden nicht, rechtzeitig Schlachtprodukte freizugeben, sehen sich Schlachtereien gezwungen, ihre Produkte in Länder mit geringeren Hygienestandards, aber eben auch geringeren Erlösen, zu verkaufen. Hier bedeutet jeder Tag, an dem das Fleisch noch nicht verkauft ist, zusätzliche Kosten für Kühlung, die sich schon mal auf 115.000 Dänische Kronen pro Container belaufen können.
Die Mastbetriebe zeigen sich überraschenderweise von möglichen Ausbrüchen wenig beeindruckt. In den Produktionspausen werden ohnehin notwendige Reinigungsarbeiten durchgeführt und der Betrieb ließe sich bei Zulieferproblemen eigentlich immer aufrechterhalten. Eine eigene Verantwortung bei der Pandemievorsorge sehen die Verantwortlichen in den Interviews nicht. Hühner bräuchten nun mal Luft und damit sei die Gefahr von Ausbrüchen immer gegeben.
Zusammenfassung
Die drei Autoren haben im vorliegenden Aufsatz die Streitfrage zwischen Dickinson-Mann und George Henderson ohne Zweifel beantwortet. Die Begrenzung der Umschlagszeit durch die Natur, sowie ihre Launenhaftigkeit, führt keinesfalls dazu, dass das Großkapital sich aus der Landwirtschaft zurückzieht. Es sucht sogar nicht nur die passende Stelle, an der das Ausfallrisiko am geringsten ist. Es arbeitet auch fleißig daran, die gesamte Produktion real unter die Bedürfnisse des Monopolkapitals zu subsummieren. Und was in der Industrie immer kleinere Transistoren sind, sind eben in der Geflügelzucht immer resistentere Gene. Mit diesen Genen machen Konzerne wie EW nicht schon jetzt reichlich Profit. Sie bestellen auch das ganze Feld dafür, dass das Großkapital endlich die gesamte Wertschöpfungskette – vom Legen der Eier bis zum Schlachter – unter einem Dach vereinen kann. Die Vogelgrippe machte solchen Plänen bisher immer einen Strich durch die Rechnung. Man könnte ihr fast dankbar dafür sein.
Literatur:
Jakobsen, J.; Barbesgaard, M. & Aguilar-Støen, M. (2025): Turnover time in the pandemic era: industrial poultry, avian influenza and capitalist strategies. In: The Journal of Peasant Studies. Online First. DOI: 10.1080/03066150.2025.2536487.
