Jahresrückblick 2025: wissenschaftlicher Marxismus von Technofeudalismus bis Multipolarität

Das Jahr 2025 endete mit schlechten Nachrichten. Nach den Toden von Rolf Becker und Reinhold Andert hat die linke Kulturszene zwei wichtige Menschen verloren. Aber insbesondere die Kündigung der Konten der Roten Hilfe – allem Anschein nach auf Grund des Kampfes der USA gegen eine Organisation, die es gar nicht gibt – lässt nach einer ähnlichen Sanktion gegen die DKP die Unsicherheit wachsen. Wie wird linke politische Arbeit in Zeiten der Reaktion, der Militarisierung, der neoliberalen Renaissance und des Erstarkens rechter Parteien 2026 aussehen? Wird die in Deutschland ohnehin marginalisierte marxistische Forschung weiterhin möglich sein? Sind die Universitäten der USA zu mehr Loyalität gegenüber der MAGA-Bewegung gezwungen? Was kann die Forschung aus dem globalen Süden auf die Beine stellen? Wir schauen zurück ins vergangene Jahr.

Allgemeine Trends

Neben den sich seit Jahren entwickelnden Diskussionssträngen haben folgende fünf Themen unserer Ansicht nach das Jahr 2025 am stärksten geprägt:

1. Der Technofeudalismus war das Schlagerthema des Jahres 2025. Dutzende Beiträge diskutierten die Thesen, die Yanis Varoufakis mit seinem gleichnamigen Buch Mitte 2024 auf den Markt warf. Die meisten Beiträge sind kritisch und halten Varoufakis Bild für unmarxistisch, aber es sahen sich immerhin sehr viele Forscher*innen gezwungen, sich zu diesem Buch zu verhalten. Klar, der Einfluss von Musk in der Politik, sowie der von digitalen Plattformen in der Arbeits- und Konsumwelt sind prägende Einflüsse der Zeitgeschichte.

2. Multipolarität ist eine zweite aktuelle Herausforderung in der marxistischen Debatte. Hier ist man sich weit uneiniger als in der Ablehnung des Technofeudalismus. Während der eine Teil der Marxist*innen den kapitalistischen Charakter Chinas, die zunehmende Unsicherheit durch verschiedene Machtpole und den prinzipiellen Verfallscharakter des Imperialismus herausstellen, sehen insbesondere namhafte Stimmen des globalen Südens neue Möglichkeiten der Friedenssicherung und sozialen Bewegungen. Entlang dieser Frontlinie hat sich zuletzt auch der marxistisch-leninstische Flügel der kommunistischen Bewegung gespalten und zu hoffen bleibt, dass eine lösungsorientierte Fokussierung durch die Wissenschaft die Risse wieder kitten kann.

3. Apropos China. Das Gewicht chinesischer Stimmen in den marxistischen Debatten steigt. Diese neigen in aller Regel dazu, Multipolarität als etwas positives darzustellen und den weiterhin sozialistischen Charakter der Volksrepublik zu betonen. Das mag wenig überraschend sein, aber dabei tragen sie einiges an Empirie, Interpretationen bei der Anwendung marxistischer Theorie in der konkreten Realität und synthetischen Ansätzen bei.

4. Vor zwei Jahren haben wir im Blog vorausgesagt, dass die Neuherausgabe von Mariateguis „Dialektik der Abhängigkeit“ zu Bewegungen in marxistischen postkolonialen Debatten führen wird und genau das ist eingetreten. Die Abhängigkeitstheorie hat insbesondere in Südamerika Marxist*innen zu neuen Überlegungen inspiriert.

5. Nicht erst seit letztem Jahr, aber seit etwa fünf Jahren genießt die Umschlagszeit des Kapitals vertieftes Interesse marxistischer Ökonomen. Die Möglichkeiten, die jährliche Profitrate durch Beschleunigung und Verzahnung der Realisierung des Werts vor dem Fall zu retten, spielt dabei ebenso eine Rolle, wie die Zunahme der Gefahren bei der Unterbrechung der Zirkulation und die Macht der Zirkulationsarbeiter*innen. Es ist wohl auch der wissenschaftliche Nachhall der Covid-Debatten, die gerade verallgemeinert werden.

6. Dauerbrennerthemen dieses Jahrzehnts sind natürlich auch geblieben, auch wenn sie an relativem Gewicht verlieren: Social Reproduction Theory, Metabolismus von Kapital, Gesellschaft und Umwelt oder Intersektionalismus. Noch kaum wissenschaftlich tiefgehend ergründet bleiben die Ursachen des Ukraine-Kriegs, militärisch-reaktionärer Staatsumbau und die zweite Amtszeit Trumps; die letzte Welle der Bonarpatismustheorie ist wahrscheinlich nicht lang genug zurückreichend, um das Thema erneut aufzurollen.

Beste Aufsätze im Jahr 2025

Etwa 50 Texte aus der marxistischen Forschung wurden auch in diesem Jahr wieder auf diesem Blog vorgestellt – wobei wir über 700 Arbeiten an sich gesichtet haben – und folgende zehn sind für uns die absoluten Highlights:

1. William Jefferies: The enterprise rate of profit in key US sectors 1994–2020: An Examination of the TendencyTowards the Equalization of Sectoral Profit Rates and a Critique of Hulten and Wykoff Fixed Capital Stock Valuations in the US.

Man kommt nicht daran vorbei, William Jefferies Kritik an der bisherigen Profitratenmessung als wichtigsten Beitrag 2025 zum wissenschaftlichen Marxismus zu betrachten. Er legt plausibel dar, dass der Fixed Capital Stock FCS leider nicht äquivalent zum Marxschen fixen Kapital ist, da ersteres bereits mögliche Profite a priori mit einberechnet, während letzteres von Marx als reine Auslage betrachtet wird. In der Folge ändert sich am langfristigen Trend zwar nichts, aber die Ausschläge in der Profitrate (positiv wie negativ) werden strukturell überschätzt. Und es ist wirklich ärgerlich, ist der FCS doch ein leicht zugängliche Größe, die international standardisiert ist und bisher auch allgemein verwendet wurde. Eigentlich kann man keine neue Profitratenbestimmung auf Grundlage des FCS mehr anstellen und alte bräuchten einen kleinen Warnhinweis, dass die Resultate verzerrt sind. Jefferies Rückgriff auf die Steuerbehörde macht jegliche Messung nicht nur komplizierter, sondern auch schlechter vergleichbar. Leider kommt aber wissenschaftliche Ehrlichkeit an diesem Problem nicht vorbei.

2. Carlos Alberto Duque Garcia: Competition and Distribution of Profit Rates in Colombia

Müssen wir auf der einen Seite leider unsere Kenntnisse über den Fall der Profitrate etwas relativieren, hat Carlos Alberto Duque Garcia gezeigt, dass man mit Profitraten weit mehr machen kann, als nur Durchschnitte und Fall oder Anstieg zu ermitteln. Vielmehr gibt uns die Form der Verteilung der Profitraten Aufschluss über die darunter liegenden kausalen Beziehungen. Er zeigte, dass in Kolumbien die Profitraten im Allgemeinen boltzmannverteilt sind, aber die Sektoren mit besonders hohen oder niedrigen Profitraten normalverteilt. Das waren auch die Sektoren, die auf Renten und Zinsen beruhten, anstatt auf Profiten. Würde sich diese Erkenntnis verallgemeinern lassen, würde die Form der Profitratenverteilung so einiges über Finanzialisierung, Industrialisierung und Renten verraten. Ein einfacher Gedanke mit großem Potential; das zeichnet Garcia als megainteressanten Empiriker schon seit Jahren aus.

3. Riccardo Zolea: Interest Rate and Wages: The Distributional Role of Bank Credit to Workers in the Surplus Approach.

Konsumzinsen waren über Jahrzehnte etwas, wofür sich das Proletariat nur beim Häuslebau interessieren musste. Mit der Finanzialisierung des gesamten Lebens vom Kauf der Waschmaschine über eine existenzsichernde Rente bis hin zu schnellen Sofortkrediten, um kurzfristig ausgefallene oder verschobene Lohnzahlungen zu kompensieren, kommt die breite Masse immer mehr in Kontakt mit Zinsen. Und Riccardo Zolea gelang es auf 20 Seiten, ein einfaches und leicht nachvollziehbares, aber in sich komplexes und erklärungsmächtiges Modell der Konsumzinsen zu entwickeln. Message 1: Konsumzinsen sind ein enorm mächtiges Werkzeug zur Umverteilung von Mehrwert aus den Taschen der Arbeiter*innen, Rentiers und produktiven Kapitalisten, um es dem Finanzkapital zu übertragen. Message 2: Zolea sieht im Lohn die „historischen Reproduktionskosten“ der Ware Arbeitskraft eingepreist, wodurch die Zinshöhe Möglichkeit und Unmöglichkeit ganzer Lebensmodelle vorschreibt. Individualismus im Kapitalismus gibt es nur für die, die es sich leisten können.

4. Alessandro Stanziani: How to Translate Value in Marx’s Capital?

Übersetzungsdebatten um das Kapital mögen ein Nerdthema sein, aber Alessandro Stanziani hat wirklich unterhaltsam dargestellt, was die Übersetzung des Wortes Wert in Russland und Indien über die Verbreitungsgeschichte des Kapitals, politische Kämpfe innerhalb der kommunistischen Bewegung und sogar die Arbeitsweise zwischen Marx und Engels verrät. Während Marx für mehr Reichweite in der Französischen Übersetzung bereit war, Begriffe auch mal etwas legerer zu behandeln, musste Engels bei der Systematisierung des zweiten und dritten Kapitalbandes darum kämpfen, dass die Begriffe wieder zu schärfen, damit sich mit zunehmender Komplexität der Betrachtung nicht vollkommen ausleierten.

5. Adem Elveren: The Impact of Military Spending on Profit Rate in the US.

Selbst wenn man den dahinterstehenden Militarismus ablehne, könne man sich doch von den Kriegskrediten der schwarz-roten Koalition einen Impuls für die Wirtschaft erhoffen, argumentieren „linke“ Sozialdemokrat*innen. Der Marxismus braucht daran eine Kritik, die nicht nur die Kriegsgefahr einpreist, sondern auch die Nutzlosigkeit des gesamten kriegskeynesianistischen Unterfangens. Und Adem Yavuz Elveren hat hier bestechende Empirie vorgelegt. Im Zeitalter eines flexiblen Finanzmarktes ist der militärisch-industrielle Komplex nicht mehr der Wirtschaftsmotor, der er ohnehin nur begrenzt war. Reichen Industrieprofitraten nicht aus, wird schon lange in den Finanz- und Immobiliensektor ausgewichen, der weit mehr Volumen bewegt, als die läppischen 100 Milliarden Euro an Kriegskrediten. Die Tendenz des Imperialismus, die Wirtschaft zu beleben, ist verschwunden, es bleibt nur Fäulnis.

6. Ilja Daschkowski (1926): Abstrakte Arbeit und die ökonomischen Kategorien von Marx.

Isaak Rubin Werttheorie gehört zum Standardrepertoire aller Entiessenzialist*innen und kritischen Theoretiker*innen. Rubin verwehrte sich jeder konkreten Bestimmung der abstrakten Arbeit im Produktionsprozess, sondern entdeckte die Gleichsetzung der Arbeiten erst im Tausch. Das hatte zwei Folgen: Entweder sahen Nachfolger den Ansatz der sozialistischen Revolution nicht mehr in den Produktionsprozessen, sondern in der Form der Distribution. Oder sie verurteilten jeden realsozialistischen Versuch als Staatskapitalismus, solange Waren- und Geldform noch existierten. Helmut Dunkhase hat in diesem Jahr eine lesenswerte Erwiderung Ilja Daschkowskis aus Unter dem Banner des Marxismus von 1926 ausgegraben, digitalisiert und übersetzt. Darin argumentiert Daschkowski, dass Arbeit im Sozialismus noch abstrakter sei, da freier und nicht an die Profitmacherei gekoppelt; eine Interpretation, die für sich gesehen durchaus strittig, aber auf Rubins eigenem Feld schlagend ist.

7. Jakobsen, Barbesgaard & Aguilar-Støen, M: Turnover Time in the Pandemic Era: Industrial Poultry, Avian Influenza and Capitalist Strategies.

Wie schon oben angedeutet, ist die Umschlagszeit einer der großen modernen Theoriestränge des zeitgenössischen Marxismus. Wie könnte es auch im Zeitalter von Amazon, On-Demand-Bestellungen und Neuer Seidenstraße auch anders sein. Wie im ganz konkreten Fall der Hühnerfleischproduktion die Umschlagszeit verkürzt und stabilisiert wird, haben Jakobsen Barbesgaard und Aguilar-Støen herausgearbeitet. Am Ende gewinnen hierbei wieder die Monopolfirmen, selbst wenn der Staat versucht, Märkte kleinteilig zu halten. Denn die Pharmakonzerne sind es, an denen die Hochgeschwindigkeitsverarbeitungs hängt und die Unterbrechungen minimiert. Konkretes Fleisch an den abstrakt-theoretischen Knochen der Zirkulationstheorie.

8. Mavroudeas & Chatzirafailidis: Inflation and the Marxist Theory of Reproduction.

Alle Menschen spüren die Inflation, aber neben neoklassischen Theorien oder Shooting Stars wie der MMT hat sich noch keine marxistische Inflationserklärung vollständig durchgesetzt, da die Differenz von Werten und Preisen immer ein Streitthema ist. Stavros Mavroudeas und Athanasios Chatzirafailidis haben einen originellen Ansatz vorgelegt, wie die Produktion für und die Entnahme aus dem Warenlager Kapitalisten hilft, auf Veränderungen der Profitrate zu reagieren. Das führt zu einem Ungleichgewicht von verfügbaren Waren und der in einer Produktionsperiode vergegenständlichten Arbeit. Die Theorie braucht sicher noch Feinschliff und Empirie, aber sie bereichert das marxistische Debattenspektrum zweifellos.

9. Rob Bryer : Revisiting the British Railway ‘Mania’ of 1845–1846 with Marx’s Theory of Crises.

Buchhaltung muss nicht langweilig sein. In der Krise, welche auf die britische Eisenbahnmanie folgte, waren es Fragen der Buchhaltung, die ein wesentliches Element spielten. Und in dieser Frage ist Rob Bryer ein Spezialist. Für ihn war diese Krise nicht die Tat einer kleinen Gruppe von Verschwörern, sondern ein veraltetes Bewusstsein darüber, dass der Profit nicht nur vom zirkulierenden Kapital, sondern vom Gesamtkapital herrührt. Auch das konstante Kapital – Fabriken, Maschinen oder im vorliegenden Schienen und Bahnhöhe – kosten Geld, müssen erneuert und dabei modernisiert werden. Erst mit diesem Bewusstsein konnte sich die Großbourgeoisie gegenüber merkantilen Abenteurern durchsetzen. Gerade, weil marxistische Ökonometrie zunehmend komplexer wird, sind solche Beiträge über die Frage was wann wie als wertbildend gezählt wird, von großer Bedeutung.

10. Marxistische Blätter. Ausgabe 4: Künstliche Intelligenz

Die Artikel in Marxistischen Blättern sind in aller Regel zu kurz, um marxistische Theorien mehr als nur anzureißen. Die Ausgabe zur Künstlichen Intelligenz wirkt aber als Gesamtschau, in der neben Dietmar Dath, Peter Schadt und vielen anderen eine repräsentantive Auswahl an linken Stimmen aus Deutschland zu den Problemen der modernen Technologie kluge Sachen sagen. Ein Must Read.

Auf ein neues Jahr!

Mit diesem kleinen Resümee des wissenschaftlichen Marxismus 2025 wünschen wir allen Leser*innen einen guten Rutsch in ein klassenkämpferisches Jahr 2026. Ein guter Neujahrsvorsatz wäre es, die Rote Hilfe in Zeiten des reaktionär-militaristischen Staatsumbaus zu unterstützen und Mitglied zu werden. Oder mit tausenden anderen am zweiten Januarwochenende Karl und Rosa zu gedenken. Die Solidarität, die in den letzten Wochen aus allen Teilen der Linken gegenüber den von oben angegriffenen Organisationen geübt wurde, ist zumindest ein Lichtblick.

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