| ⋄ In den drei Bänden des Kapitals legte Marx keine abschließende Krisentheorie vor. ⋄ In Japan wurden in den 1970er und 1980er Jahren mehrere große Debatten um eine solche Krisentheorie geführt. ⋄ Kei Ehara stellte die Diskussionen zwischen Samezo Kuruma, Kozo Uno und Ryozo Tomizuka vor. ⋄ Während Kuruma die Auffassung vertrat eine Krisentheorie ließe sich nur mit einer Theorie des Weltmarktes entwickeln, hielt Uno die drei Kapitalbände für ausreichend. ⋄ Tomizuka wollte zeigen, dass sich eine Krisentheorie bereits aus den Reproduktionsschemata des zweiten Bandes herleiten ließe. |

Auch, wenn in Schulbüchern Marx noch gerne eine Krisen- oder Zusammenbruchstheorie angedichtet wird, ist es längst zum Konsens geworden, dass er eine solche Theorie nicht eindeutig herausgearbeitet hat und noch keine weiterführende Theoriebildung allgemeine Anerkennung gefunden hat. Typologisch kann man in der Debatte um die Krisentheorien grob zwei Argumentationslinien feststellen. Die eine beruht auf der Überproduktionstheorie, nachdem die Ausbeutung der Arbeiter*innen dazu führt, dass ein Teil des geschaffenen Werts nicht mehr realisiert werden kann. Die andere beruht auf dem tendenziellen Fall der Profitrate, welche durch die Subsumtion menschlicher Arbeitskraft als wertbildender Substanz durch Maschinerie begründet wird; also einer Überakkumulation.
Auch in Japan wurde die Marxsche Krisentheorie ausgiebig geführt. Kei Ehara stellte in der History of Economics Review zwei Debatten des japanischen Marxismus vor, die einerseits auf diesen beiden Typen beruhen, sie aber auch transzendieren.
Krisentheorie: was steht eigentlich zur Debatte?
Kei Eharas Ausführungen beruhen eingangs auf der Unterscheidung zwischen Überproduktions- oder Überakkumulationstheorie. Beide können beide aus der Ausbeutung entwickelt werden. Sie unterscheiden sich lediglich darin, ob der abgeschöpfte Mehrwert tendenziell für die Ausweitung der Produktion auf höherer Stufenleiter benutzt wird, wodurch die organische Zusammensetzung steigt, die Profitrate sinkt und das Kapital krisenhafte Erruptionen erfährt; oder, ob die Reproduktion im Wesentlichen auf der Konsumtion der Waren beruht, wofür die Arbeiter*innen nicht die Kaufkraft besitzen, um alle Waren zu konsumieren und damit als Geld zu realisieren, während die Kapitalisten den Mehrwert nicht vollständig konsumieren dürfen, wenn sie akkumulieren wollen.
Ehara benennt diese Einteilung als klassisch, drückt zugleich jedoch aus, dass er diese recht schlichte Differenz aus zwei Gründen für unpassend enthält. Erstens wirke sie exkludierend auf alternative Ansätze und zweitens seien beide Ansätze theoreitisch inkonsistent. Die Überproduktionstheorie leide unter dem Fehlschluss, die Kapitalakkumulation bei fehlender Konsumnachfrage nicht hinreichend zu berücksichtigen. Die Überakkumulationstheorie wiederum adressiere nicht die originären Ursachen der Krise, sondern beginne bereits mit den Auswirkungen.
Hierzu muss aber bereits an dieser Stelle angemerkt werden, dass Ehara selbst ein verkürztes Verständnis der einzelnen Krisentypen an den Tag legt. Die Überakkumulation sieht er nur als Reaktion auf Reallohnsteigerungen und nicht, wie Marx im dritten Band, als eine Folge der Profitmaximierungsstrategien individueller Kapitalisten. Bei seiner Kritik an der Überakkumulationstheorie übersieht er, dass das Ausweichen in die Akkumulation die Überakkumulation zur Folge hätte und somit die Überproduktionstheorie als Ursache der Überproduktion einen logischen Zusammenhang darstellt. Seine Kritik an den beiden Theorien funktioniert nur, wenn man beide ausschließlich behandeln würde, wozu es keinen ersichtlichen Grund gibt.
Äußere Form der Debatten
Ehara stellt zwei Debatten aus Japan zur Krisentheorie vor: die zwischen Samezo Kuruma und Kozo Uno, sowie die die zwischen Kuruma und Ryozo Tomizuka. Samezo Kuruma übte mit seinem Marx-Lexikon in den 1970er großen Einfluss in Japan aus und auch zeitgenössische Marxist*innen wie Kohei Saito gelten als von ihm beeinflusst. Um Kozo Uno hat sich eine richtige Schule aus Unoisten, gebildet, die in den 1980er Jahren um die 200 professionelle Akademiker*innen umfasste. Uno schlug eine Neuformierung des Marxschen Kapitals nach Prinzipien vom Konkreten zum Abstrakten vor, um die Marxschen Gedankengänge klarer zu strukturieren (Näheres hier). Der Autor selbst etwa ordnet sich den Unoisten zu. Kuruma und Uno waren im Nachkriegsjapan lange Zeit wissenschaftliche Konkurrenten.
Kuruma argumentierte Mitte der 1930er Jahre in der ersten systematischen japanischen Studie zur Krisentheorie, dass die Krise außerhalb der Argumentation der Kapital-Bände stehe. Uno kritisierte Kuruma dafür in den 1950er Jahren. Eine Krisentheorie müsse sich aus der Kritik der politischen Ökonomie entwickeln lassen. Für seine Kritik nutzte Uno das Journal Shakai Kagaku Kenkyu (Tokyo) und veröffentlichte 1953 selbst eine Monographie mit einer originären marxistischen Krisentheorie. Die Debatte nahm einen ungewöhnlichen Ausgang. Mit der Veröffentlichung der Grundrisse sah sich Kuruma gezwungen, seine Ansichten über die Marxschen Pläne zu revidieren
Ryozo Tomizuka selbst war Schüler Kurumas, wandelte sich allerdings zu einem Kritiker. Obwohl seine theoretischen Studien zur Kapitalakkumulation weitestgehend Konsens unter japanischen Marxist*innen sind, ist er international kaum bekannt. Anlass zur Debatte gab eine Kritik in Kurumas Marx-Lexikon an Tomizukas Akkumulationstheorie. Tomizuka antwortete mit einem offenen Brief, den Kuruma nicht unbeantwortet ließ. Zwischen 1975 und 1977 kam es zu einem Schlagabtausch zwischen beiden in den Univesitätsjournalen Hogaku Ronshu (Fukushima), Shogaku Ronsan (Chuo) und Keizai Shirin (Hosei).
Die Debatte Kuruma-Uno
Worum ging es nun genau? Kuruma argumentierte mit dem Sechs-Bücher-Plan auf der Grundlage der Quellen, die in den 1930er Jahren in Japan zugänglich waren. Anhand von Briefen versuchte er zu belegen, dass die Marxsche Krisentheorie eigentlich dem Band zum Weltmarkt zugehörig sei, was durch die Grundrisse in der Einleitung ebenfalls nahegelegt wird („5. Der Weltmarkt und die Krisen“, MEW 42, S.42). Kleiner Einschub: Auf der Website der Beiträge zur Marx-Engels-Forschung findet sich ein amüsanter Artikel von Carl-Erich Vollgraf zur Legende des Sechs-Bücher-Plans (https://marxforschung.de/beitrage-zur-marx-engels-forschung-nf-2013/).Marx mache in den erschienenen Bänden des Kapitals zwar Andeutungen über die Herkunft der Krisen, führe jedoch keine systematische Kritik durch.
Uno stimmte mit Kuruma darin überein, dass Marx seine Krisentheorie noch nicht voll entwickelt habe, er glaubte aber nicht, dass noch vollständig neue Sachverhalte hinzukämen könnten, die einer Ableitung einer Krisentheorie aus den Kapitalbänden prinzipiell im Wege stünden. Wie bereits erwähnt sortiert Uno die Beziehungen zwischen Produktion, Zirkulation und Distribution in seiner Theorie neu. Wenn es so wäre, dass das Geldkapital von Geldkapitalisten vergeben werde, die mit dem Industriekapital wenig gemein hätten, dann sollte ein Mehr oder Weniger an Kreditmöglichkeiten die kapitalistische Reproduktion nicht unmittelbar erschüttern. Mittelbar sind die Zinsen jedoch nichts als umverteilter Mehrwert und die durch den Fall der Profitrate geminderte Fähigkeit, Mehrwert aus lebendiger Arbeit abzuschöpfen, führe in nicht-monopolistischen Unternehmen zu Schwierigkeiten, Kredite zu erhalten. Der Fall der Profitrate ist jedoch nicht jederzeit gegeben, sondern nur dann, wenn wirklich die organische Zusammensetzung mit der Kapitalakkumulation steige. Das sei in der Depression der Fall, wenn die Produktion nicht absolut ausgedehnt werden kann. Die Konkurrenz zwinge jedoch jeden Kapitalisten, auch bei fallender Profitrate weiter zu investieren. Dazu nutzten sie alle produktiven Reserven auf, insbesondere, wenn die Löhne steigen, was allerdings zur Dysfunktionalität des Kreditsystems führe, da die Reserve an Geldkapital keine Reserve an produktiven Kapazitäten mehr repräsentiere.
Kuruma widersprach gar nicht Unos Herleitung, sondern dass sie sich alleine auf den dritten Kapitalband stützen könne. Die Folgerungen, die Uno aus dem Fall der Profitrate zöge, würden auf einer Differenz zwischen Marktpreisen und Werten der Waren beruhen, die Marx systematisch nicht im dritten Band untersucht habe. Zu einer Krise würden vielmehr andere Antagonismen kommen, die sich zeitgleich entlüden. Uno hielt entgegen, dass die einzige Preisfluktuationen in seinen Erwägungen die zwischen Wert und Preis der Ware Arbeitskraft sei.
Die Debatte Kuruma-Tomizuka
Uno vermied in seiner Krisentheorie bewusst die Nutzung der Reproduktionsschemata. Während sich eine Verknappung der Arbeitskraft, die konstitutiv für Unos Krisentheorie war, in diesen nicht wirklich darstellen ließ, war Uno der Auffassung, alle Probleme der Überproduktion in den Schemata durch ein Preissystem bewältigen zu können. Ryozo Tomizuka hingegen bezog sich genau auf diese und zwar auf den hypothetischen Entwicklungsfall einer harmonischen Kapitalakkumulation. Nähme man an, dass Luxemburg mit ihren Realisationsproblemen Unrecht hatte, würde bei gegebener Kapitalverteilung in den Sektionen und gegebener Profitrate auch eine eindeutige Akkumulationsrate feststehen, bei der die Proportionen zwischen den einzelnen Sektionen erhalten blieben und keine Nachfragedefizit entstünde. Auf Grund des anarchischen Charakters der individuellen Produktion jedoch ließe sich dieser Akkumulationspfad real nicht organisieren, was zur Krise führe. Unos Preisbildungslösung würde dabei keine Abhilfe schaffen, da dieser ja nur die Realisierung durch die Sektionen sichere, nicht aber die Beibehaltung der Akkumulationsrate.
Kuruma kritisierte an dieser Auffassung, dass nicht das Verhältnis der einzelnen Sektionen, sondern die Akkumulationsrate die unabhängige Variable sei. Die einzelnen Sektionen würden sich entsprechend dem Akkumulationsbedarf und den Akkumulationsmöglichkeiten ausdehnen, wobei die Realisation nur temporal gestört werde, bis der harmonische Entwicklungspfad wieder erreicht werde. Tomizuka widersprach dieser Ansicht. Die Akkumulationsrate sei im Wesentlichen durch die Profit- oder Zinsrate bestimmt und damit nicht elastisch genug für eine unabhängige Variable. Außerdem seien die technischen und ökonomischen Beziehungen zwischen den einzelnen Sektionen und ihren produzierenden Betrieben zu komplex, um eine Harmonisierung der Ökonomie für eine frei wählbare Akkumulationsrate zu erreichen. Auch sei eine einmal aus dem Gleichgewicht geratene Reproduktion nicht mehr auf eine harmonische Entwicklung rückführbar; jedenfalls nicht ohne Krisen.
Kuruma selbst unterschied letzten Endes in den Fall einer steigenden und einer sinkenden Akkumulationsrate. Stiege die Akkumulationsrate, dann hätte die Ökonomie nur ein einfaches Anpassungsproblem, dass durch das Aufsaugen bisher ungenutzter Arbeitskraft bzw. eine Verringerung der Löhne behoben werden kann. Während der Produktionsmittelsektor seine Produktion ausdehnt, muss der Konsumtionsmittelsektor bei gleicher Rate einerseits die Werte der ersten Abteilung realisieren, was zu mehr Ausgaben für konstantes Kapital führt, was entweder bei absoluter Ausdehnung der Produktion oder mit dem Wertverlust der Ware Arbeitskraft ausgeglichen werden kann. Der Einbruch der Akkumulationsrate würde aber zu dem Fall führen, dass der Einbruch im Produktionsmittelsektor auch zu einem Einbruch der Nachfrage im Konsumtionsmittelsektor führen würde, wodurch die notwendigen Korrekturen durch diesen zweiten Sektor nicht mehr möglich seien.
Während Uno den Fall der Akkumulationsrate selbst gar nicht in Erwägung zog, merkte Tomizuka an, dass eigentlich nur eine steigende Zinsrate zum Fall der Akkumulationsrate bei Kuruma hinzukommen müsste und schon sei die Theorie nicht mehr von der Unos unterscheidbar, die Kuruma ja verworfen habe.
Deklassifizierung der Krisentheorien
Abschließend wollte Ehara an den Debatten zeigen, wie man die Zweiteilung der Krisentheorien entsprechend der dargestellten Diskussion auflösen könnte. Auch wenn Kuruma sich in den Diskussionen durch eine negative Kritik hervorgetan hat, kann man ihm attestieren, einen dritten Weg eingeschlagen zu haben, indem er den Fall der Profitrate mit einem Fall der Akkumulationsrate kombinierte. Hieraus entwickelt sich eine Krisenerklärung, die besagt, dass der Fall der Profitrate bei Notwendigkeit der Erhaltung oder Steigerung der Akkumulationsrate dazu führe, dass mehr Geld spekulativ in den Finanzmärkten angelegt werden müsse. Würden diese Finanzblasen allerdings platzen … und hier war die bisherige Leerstelle der marxistischen Theorie … dann würde die Akkumulationsrate schlagartig sinken und zu einer Situation führen, in der die sinkende Nachfrage im Produktionsmittelsektor nicht durch Anpassung im Konsumtionssektor ausgeglichen werden könnte.
Damit tue sich aber nach Ehara ein neues Problem auf. Der tendenzielle Fall der Profitrate sei nicht bewiesen oder genau gesagt; er sei nur in der Form der Arbeitswerte beweisbar, während die Kapitalisten und die ökonomischen Daten aber mit Preisen rechneten. In Preisen aber besage Okishios Theorem, dass bei Einführung einer neuen Produktionsweise unter realistischen Umständen die Profitrate sogar höher sein könnte als zuvor; doch auch dieses Theorem ist hochgradig umstritten (Näheres hier). Den Fall der Akkumulationsrate eigenständig abzuleiten, wäre die noch anstehende Aufgabe.
Entsprechend dieser Betrachtung erkennt Ehara in Unos und Kurumas Theorien zwei eigenständige neue Typen an Krisentheorien. Einmal eine zyklische Theorie, die bei Arbeitskraftverknappung die Reproduktionsfähigkeit des Kapitals behindert. Und dann Kurumas Theorie von der sinkenden Akkumulationsrate, insofern sie unabhängig vom Fall der Profitrate formuliert werden kann. Tomizukas Versuch einer Störungstheorie weist Ehara hingegen vollständig zurück.
Literatur:
Ehara, K. (2025): Reclassifying Marxian Crisis Theories: Drawing on the Japanese Discourse. In: History of Economics Review. Online First. DOI: 10.1080/10370196.2025.2582334.
