| ⋄ John Maynard Keynes ist als Theoretiker des Auswegs aus der Krise bekannt, seine Nachfolger suchten nach Wegen zur Vermeidung von Krisen. ⋄ Der Postkeynesianer Roy Harrod entwickelte eine recht simple Gleichung für einen stabilen Wachstumspfad und begründete die Krisen mit der Unvernunft der Kapitalisten. ⋄ Nikolaos Chatzarakis und Persefoni Tsaliki argumentieren, dass Marx mit den Reproduktionsschemata bereits 80 Jahre vorher eleganter einen solchen Entwicklungspfad aufgezeigt hätte. ⋄ Aus dem Gesetz vom tendenziellen Fall der Profite und dem der kapitalistischen Akkumulation lasse sich jedoch ableiten, dass diese Bedingungen den Axiomen kapitalistischer Wirtschaft widersprechen. ⋄ Die Autoren zeigen, dass die Ausbeutungsrate ein entscheidender exogener Faktor ist, der aber nicht allein von der Bourgeoisie, sondern auch vom Proletariat bestimmt wird. |

Die Anarchie des Marktes ist ein Zankapfel der marxistischen Ideengeschichte. Bereits in seinem Frühwerk, wie dem „Elend der Philosophie“, sagte Marx, dass die „Produktionsanarchie die Quelle so vieles Elends, gleichzeitig die Ursache alles Fortschritts“ (MEW 4, S. 97) sei. Diskussion darüber entbrannte an der Frage, was mit dieser Feststellung anzufangen sei. Könne ein Sozialismus bereits durch Regulation dieser Anarchie die übelsten Krisenphänomene in den Griff bekommen und damit der Arbeiter*innenklasse helfen? Oder führt die Kritik an der „Anarchie der Produktion“ nicht eher auf einen Irrweg weg von der prinzipiellen Kritik am Privateigentum an Produktionsmitteln hin zu einer technokratischen Frage der Fortschrittskontrolle.
Bürgerliche Ökonomen wie Keynes standen nicht vor dieser Frage. Sie wollten den Kapitalismus nicht beseitigen, sondern seine Potentiale durch die richtige Ordnung voll ausschöpfen. Doch sie ärgerte, dass dieser Kapitalismus, den sie durchdrungen zu haben glaubten, immer wieder in tiefe Krisen stürzte. Und so übten sie moralische Kritik an der Unvernunft der Besitzenden, deren Verstoß gegen diese oder jene Regularien am Ende alle in die Krise stürzten. Nikolaos Chatzarakis und Persefoni Tsaliki haben sie die Keynesianische Krisentheorie etwas genauer angesehen und argumentieren, was die Postkeynesianer schon bei Marx hätten lernen können: dass nicht die Anarchie, sondern die Ausbeutung das Problem ist.
Keynes’ Krisentheorie
John Maynard Keynes ist bis heute für seine Theorie der effektiven Nachfrage bekannt, nach der ein Staat durch eigene Investitionen und Investitionsanreize Rezessionsphasen bewältigen solle. Daran anknüpfend stellte Roy Harrod die Frage, ob es im Keynesianischen Rahmen auch einen harmonischen Wirtschaftswachstumspfad gäbe, der Krisen bereits a priori vermeide. Und tatsächlich lässt sich aus der Theorie von Keynes eine äußerst simple Gleichung ableiten, welche die garantierte Wachstumsrate als Quotient von Sparquote und Kapitalintensität beschreibt. Nähert sich die tatsächliche Wachstumsrate dieser garantierten an und stimmt zusätzlich die natürlich Wachstumsrate – das Wachstum der Arbeitsbevölkerung und der konkreten Produktivität – mit beiden überein, so Harrod, dürfe es eigentlich keine Krisen mehr geben.
Das Problem ist jenes, dass Harrod mit der Metapher einer Messerscheide beschreibt. Jede Abweichung von garantierter, natürlicher und tatsächlicher Wachstumsrate führt kumulativ zu einer Störung des Wachstumspfades, welcher nur durch schnelle Gegenmaßnahmen entgegengewirkt werden kann, weil sich bei jeder neu ermittelten tatsächlichen Wachstumsrate die Bestimmungsparameter der garantierten ändern. Dabei ist das geforderte Handeln aber nicht monolithisch, sondern das vieler Einzelkapitale, die nach Harrod unvernünftige Entscheidungen treffen. Ist etwa die tatsächliche Wachstumsrate größer als die garantierte, wächst die Wirtschaft schneller als erwartet und es steigt auch die Kapitalintensität, da die Produktionsmittel stärker genutzt werden als erwartet. Kapitalisten deuten dies als Zeichen von Kapitalmangel und investieren noch mehr, wodurch sie die tatsächliche Wachstumsrate weiter erhöhen, statt sie an die garantierte nach unten anzugleichen. Im umgekehrten Fall sinkt die Auslastung, was das Kapital als Überkapazitäten wahrnimmt und seine Investitionen weiter reduziert.
Dieses Verhalten ist für das bürgerliche Selbstverständnis mehr als ärgerlich. Denn man sieht sich selbst gerne als nüchterne Rationalisten, die auf die Zahlen schauen und sich nicht von Emotionen leiten lassen. Da die garantierte Wachstumsrate aber eben solch eine nüchterne Zahl ist, welche der spontanen Erwartungshaltung widerspricht und zum antizyklischen Verhalten aufruft, konnte sich bereits Keynes nur mit dem sogenannten Animal Spirit des Kapitals die Eigenwilligkeit der Besitzenden erklären. Herdentrieb, Bauchgefühl, Individualismus oder die Hoffnung, eine Nische zu besetzen, führten die Kapitalisten zum eigenen Schaden. Und daher brauche es eben den Staat, der als ideeller Gesamtkapitalist frei von persönlicher Betroffenheit und individuellen Vorteilen Anreize in Richtung einer garantierten Wachstumsrate liefern solle.
Bereits die Postkeynesianer hegten schon den Verdacht, dass die praktische Unwirksamkeit der Harrodschen Theorie nicht alleine in der Tiernatur der Bourgeoisie zu suchen sei. Die vielen Marxist*innen als Luxemburg-Kritikerin bekannte Joan Robinson argumentierte etwa, dass sich eine langfristige Entwicklungstheorie nicht als Abfolge stationärer Zustände ausdrücken lasse. Die Keynesianische Theorie sollte ja eigentlich Antworten auf messbare Zustände liefern, während Harrod nur hypothetische Zustände postulieren konnte, deren Dynamik den Bestimmungsparameter am Ende die Bedeutung nahm. Kaldor und Pasinetti wiederum erkannten, dass Sparquote und Wachstumsrate selbst durch einige Parameter wie dem Lohn-Profit-Verhältnis vermittelt sind, wodurch man sie nicht als unabhängige Größen betrachten kann.
Die Marxsche Krisentheorie
Das beste Werkzeug, um die Krisentheorie von Keynes und Harrod einem Stresstest zu unterziehen, sind die Marxschen Schemata der erweiterten Reproduktion aus Band II des Kapitals. Hier unterteile Marx bekanntermaßen (Näheres hier und hier) die Ökonomie in zwei Sektoren für die Herstellung von Produktionsmitteln und Konsumtionsmitteln. Der Witz war, dass für ein harmonisches Wachstum die Summe der hergestellten Produktionsmittel der Summe der zusätzlich benötigten der nächsten Produktionsperiode entsprechen musste. Marx diskutierte den Fall konstanter Ausbeutungsrate und konstanter organischer Zusammensetzung, wobei das Ergebnis war, dass harmonisches Wachstum bei einem gleichmäßigen Anstieg des Produktionsmittel- und Konsumtionsmittelsektors möglich sei. Da die Prämissen jedoch unrealistisch starr waren, steht bis heute zur Debatte, was genau Marx mit den Reproduktionsschemata eigentlich genau ausdrücken wollte.
Chatzarakis und Tsaliki warnen hier davor, die Reproduktionsschemata isoliert zu betrachten. Diese würden bloß den abstrakten Prozess aufzeigen, der aber durch das Gesetz der kapitalistischen Akkumulation aus dem ersten Band und dem Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate aus dem dritten Band in einer Einheit gesehen werden müsse. Der Fall der Profitrate begründe dabei die Notwendigkeit der Krise, das Akkumulationsgesetz begründe den Indeterminismus und die Reproduktionsschemata den Krisenverlauf ab seiner Determination. Aber gehen wir die Argumentation einfach mal von Anfang an mit.
Nach den Autoren ist das absolute Wachstum des Produktionsmittelsektors der reinvestierte Teil des Mehrwerts abzüglich des vernutzten konstanten Kapitals:

Dessen Wachstumsrate gc lässt sich damit als als Funktion der Reinvestitionsquote s, der Profitrate pi und der organischen Zusammensetzung gamma ausdrücken:

Analoges gilt für den Konsumtionsmittelsektor, nur dass hier nicht die Abnutzung der Arbeitskraft, sondern deren Wertminderung durch den Anstieg der Produktivität tau abgezogen werden muss.

Über die Produktivitätssteigerungsquote und die Ausbeutungsrate e lässt sich dann die Wachstumsrate des Sektors II ermitteln:

Damit ist schonmal hinreichend bestimmt, wie Investitionsquoten, organische Zusammensetzung, Durchschnittsprofitrate, Ausbeutungsrate und Produktivitätssteigerung beschaffen sein müssten, um die Bedingung des harmonischen Wachstums zu erfüllen, dass gv gleich gc ist. Eigentlich könnte man sagen, dass damit Harrods Aufgabe 80 Jahre vorher wesentlich eleganter gelöst wurde.
But it’s not that simple
Aber Marx wäre halt nicht Marx, wenn er nicht eine Kritik der politischen Ökonomie anstatt eines Ratgebers vorgelegt hätte. Denn der Kapitalismus ist durch seine inneren Gesetzen bestimmt und nicht vom Wunsch nach der Erfüllung eines Wachstumspfades. Und eines dieser inneren Gesetze lautet, dass mit Modernisierung der Produktionsweise lebendige durch tote Arbeit ersetzt wird, was kurzfristig Wettbewerbsvorteile verschafft, aber langfristig die Profitrate senkt. Die Veränderung von Profitrate und organischer Zusammensetzung hängen damit unmittelbar zusammen:

ge ist hierbei das Wachstum der Ausbeutungsrate, wodurch beschrieben wird, dass der Fall der Profitrate in Folge der Maschinisierung durch ein entsprechendes Wachstum der Ausbeutung theoretisch gestoppt werden könnte.
Nach einigen kleineren mathematischen Umformungen kommen die Autoren auf eine interessante Gleichung:

Vorausgesetzt, dass das Wachstum des konstanten Kapitals das des variablen übersteige, was dem Normalfall der kapitalistischen Produktionsweise entspricht, gibt es unter der Bedingung, dass die organische Zusammensetzung zwischen 0 und 0,5 liegt, Wachstum. Im Falle einer organischen Zusammensetzung über 0,5 sinkt die Profitrate und das System wird dauerhaft krisenartig. Die Schlussfolgerung: da die organische Zusammensetzung tendenziell steigt, muss das System zwangsläufig von der Stabilität in die Instabilität übergehen.
It´s Ausbeutung, stupid
Die vorletzte Gleichung stellt für die beiden Autoren nun den Kern dessen dar, was die Keynesianer als vermeintlichen Animal Spirit der Bourgeoisie ausmachen. Während begonnen von einem Anfangswert gamma, gc und gv sich so vorbestimmen lassen, dass die Gleichgewichtsbedingungen erfüllt sind, die ein harmonisches Wachstum ermöglichen würden, ist ge als Anstieg der Ausbeutung eine exogene Größe, die jederzeit das System stören kann. Und dies in doppelter Hinsicht: zum einen ist die Erhöhung der Ausbeutungsrate das zentrale Motiv des individuellen Kapitalisten dahinter, überhaupt die organische Zusammensetzung zu erhöhen, auch wenn langfristig dadurch die Profitrate sinkt. Und zweitens die Ausbeutungsrate nichts, dass nur in den Händen der Bourgeoisie läge, sondern das Ergebnis des Klassenkampfes, indem eben auch das politische Bewusstsein des Proletariats eine entscheidende Rolle spielt. Da der freie Kampf der Klassen überhaupt erst die Bedingung des Kapitalismus ist, scheitert jede Theorie des harmonischen Entwicklung damit an den eigenen gesellschaftlichen Grundlagen.
Die Ausbeutungsrate, die zugleich auch als Korrekturterm fungieren kann, führt damit das Problem der Profitrate als eines der Distributionssphäre zurück auf einen Sachverhalt der Produktionssphäre. Aber die Autoren verweisen mit Recht darauf, dass sich die Ausbeutungsrate durch alle Ebenen der kapitalistischen Erscheinungen zieht. Als Profit-Lohn-Rate zeigt es den Kampf um die Verteilung des Mehrprodukts in der Distributionssphäre an. Als Verhältnis von abstrakter Gesamtarbeit zu notwendiger Arbeit ist es eine Erscheinung der Zirkulationssphäre. Und als Kampf um den Arbeitstag ist die Ausbeutungsrate wesenhaft in der Produktionssphäre verankert. Das ist alles nicht neu. Was wirklich originell am Artikel ist, ist die Betrachtung der Ausbeutung durch die Gleichung

Denn das wäre die Bedingung, um harmonisches Wachstum zu erhalten.
Ist die Gleichung positiv, dann bedeutet das, dass ein Wachstum der Produktionsmittelindustrie dazu führt, dass die Arbeit intensiver genutzt werden kann und das Wachstum der Ausbeutung steigt. Oder auch umgekehrt: wenn mehr Produktionsmittel produziert werden, muss die Ausbeutung steigen, damit der Kapitalismus nicht in die Krise gerät. Wird umgekehrt die Gleichung negativ, führt ein Anstieg des variablen Kapitals dazu, dass die Ausbeutung sinkt, da ein größerer Teil des Neuwerts für die Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft verausgabt werden müssen. Oder umgekehrt und das ist die antirealistische Schlussfolgerung, die der Kapitalismus nicht erfüllen kann: steigt der Anteil des variablen Kapitals stärker als der des konstanten Kapitals, muss die Ausbeutungsrate abnehmen, um harmonisches Wachstum zu ermöglichen. Das widerspricht dem Klasseninteresse des Bourgeois, der natürlich für Lohnzuwächse eine höhere Produktivität verlangt. Um also im Kapitalismus einen stabilen Wachstumspfad zu erreichen, müssten die Kapitalisten permanent gegen ihre eigenen Interessen und die eigene Rationalität handeln, kurzum; aufhören Kapitalisten zu sein. Eine conclusio ad absurdum.
Hic Rhodos, hic salta
Wenn die Ausbeutungsrate nun solch eine Schlüsselvariable darstellt, sollte sich ihr Einfluss sicherlich auch empirisch nachweisen lassen. Dazu haben Chatzarakis und Tsaliki entsprechend der Methodik von Shaikh und Tonak (1994) gv, gc und ge für die Vereinigten Staaten im Zeitraum zwischen 1949 und 2021 ermittelt.

Auch, wenn beide Kurven nicht exakt übereinander liegen, ist der gemeinsame zyklische Verlauf von (gc-gv) und ge sehr gut erkennbar und nach diversen stochastischen Verfahren nachweisbar hochsignifikant. Bereits mit bloßem Auge ist zu erkennen, dass die Ausbeutungsrate der Profitrate leicht hinterherläuft, wodurch gezeigt wird, wie stark der Klassenkampf im Kapitalismus von den äußeren Bedingungen bestimmt wird.
Zusammenfassung
Das Bemerkenswerte am Aufsatz von Chatzarakis und Tsaliki ist, wie unaufgeregt sie zwei Themengebiete miteinander in Beziehung setzen, über die sich Marxist*innen nach Herzenslust zerfleischen können: die Reproduktionsschemata und die Anarchie des Marktes. Schnell gilt als Teleologe oder Reformer, wer die Notwendigkeit der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus mit einem der beiden Topoi zu begründen sucht. War denn die Marxsche Kritik nicht fundamentaler? Geht es denn nicht um die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen über den Menschen?
Die beiden Autoren zeigen mit ihrer Kritik an Keynesianischen Krisen- oder besser Stabilitätstheoretikern, wie die Analyse der Anarchie des Marktes, dem Fall der Profitrate und der Reproduktionsschemata alle in eine Kritik der Ausbeutung münden müssen. Die Erkenntnisse führen vielleicht nicht zu neuen Praktiken des Klassenkampfes oder der Revolution, aber sie verknüpfen die verschiedenen Ebenen der Kapitalismuskritik so miteinander, dass die Sinnlosigkeit bestimmter theoretischer Scheingefechte logisch nachgewiesen werden kann.
Literatur:
Chatzarakis, N. & Tsaliki, P. (2026): Knife-Edge Instability and the Rate of Surplus Value: Theory and Empirical Evidence. In: Review of Radical Political Economics. Jahrgang 58. Ausgabe 1. S.42-58.
