Zur marxistischen Inflationstheorie

⋄ Die Marxistischen Blätter haben sich in der aktuellen Ausgabe mit dem Schwerpunkt Inflation beschäftigt.

⋄ Alle Beiträge konnten theoretisch begründen, dass Inflation ein politisches und kein primär ökonomisches Problem ist.

⋄ Klaus Müller zeigte auf, unter welchen Umständen aus marxistischer Sicht von Inflation gesprochen werden muss.

⋄ Lucas Zeise und Stephan Krüger beleuchteten die Rolle der zentralen Notenbank bei der Entstehung von Inflation.

⋄ Manfred Sohn zeichnete die Geschichte des politischen Kampfes gegen die Inflation nach.
Inflation ist Politik gegen die Arbeiter*innenklasse

Seit September hat die Inflation die 10%-Marke durchschritten. Im Geldbeutel der ärmeren Hälfte der Gesellschaft macht sie sich jedoch weit deutlicher spürbar, da die Kosten für Energie und Lebensmittel überdurchschnittlich steigen, während Elektronik, Kleidung und Luxusartikel die offizielle Statistik nach unten ziehen. Die aktuellen Tarifabschlüsse, das neue Bürgergeld oder die staatlichen Hilfen reichen bei Weitem nicht aus, um den Preissteigerungen Einhalt zu gebieten, während nicht nur die Energiekonzerne Rekordprofite einfahren, sondern die DAX-Konzerne auf allen Märkten deutliche Gewinnsteigerungen zu verbuchen haben.

Die marxistische Inflationstheorie wurde in den letzten 50 Jahren recht stiefmütterlich behandelt, da das Problem auf Grund stabilen Währungen des imperialistischen Deutschlands von der Euroumstellung abgesehen nie akut war. Dennoch gibt es sie und sie widerlegt bürgerliche Erzählungen von der Lohn-Preis-Spirale. Die Marxistischen Blätter, das Theorieorgan der Deutschen Kommunistischen Partei, hat in ihrer aktuellen Ausgabe die Inflation in den theoretischen, politischen und internationalen Kontext gestellt. Beiträge lieferten spannende Denker der Linken wie Lucas Zeise oder Stephan Krüger. Alle machen deutlich, die Inflation ist nur al Einheit von ökonomischen und politischen Prozessen zu verstehen.

Klaus Müller: Was ist Inflation?

Der sächsische Ökonom Klaus Müller beleuchtete die marxistische Theorie der Inflation. Vor wenigen Wochen war er zu diesem Thema auch bei 99zuEins zu Gast (https://99zueins.fireside.fm/199). Müller beginnt damit, dass der Preis das vom Wert abgeleitete sei und man daher mit der Analyse des Werts beginnen müsse. Nach Marx drückt die Gesamtmenge allen Geldes die Gesamtmenge aller Werte aus. Die Geldmenge sei dabei durch die Preissumme aller zirkulierenden Waren und die Umlaufgeschwindigkeit des Kapitals bestimmt. Beides ist relativ trivial. Wenn ein Kapitalist seine Waren bereits nach einem Vierteljahr zu Geld machen kann, braucht er weniger Kapital, als wenn er erst nach einem Jahr die Ernte einfahren kann. Wird Geld in Papierform ausgegeben, wechsele der Preisname des Papiergeldes mit dem Auf und Ab der Warenpreise bzw. mit der Umlaufgeschwindigkeit.

Müller zeigt nun an Hand kleinerer Beispielrechnungen, was unter Inflation eigentlich zu verstehen sei. Wer die Rechnungen ausführlicher nachvollziehen möchte, der schaue einfach in die aktuellen Marxistischen Blätter oder in Müllers aktuelles Buch “Das Geld” (siehe Literatur). Wichtig zur Betrachtung der Inflation sind in Anschluss an den ersten Band des Kapitals (von der Umlaufgeschwindigkeit wird hier abgesehen) folgende Größen:

  • Gs ist die Anzahl zirkulierender Euro-Stücke
  • Gm ist die durch die Euro-Stücke repräsentierte Goldmenge in Gramm
  • Gw ist der gesamte Wert des Goldes, ausgedrückt durch gesellschaftlich notwendige Arbeitsstunden
  • Ww ist der Wert aller Waren, ausgedrückt durch gesellschaftlich notwendige Arbeitsstunden uind somit immer gleich dem Goldwert
  • Wm ist die Warenmenge in Stück
  • P ist der Preis für eine Ware in Euro
  • Wr ist die Wertrepräsentation in Euro pro Arbeitsstunde
  • Mr ist die die Goldmengenrepräsentation in Euro pro Gramm Gold

Man könnte die Inflation nun auf zweierlei Arten definieren. Angenommen die Produktivität erhöhe sich und ein Euro drücke nun weniger gesellschaftliche durchschnittliche Arbeit aus. Dann kann die Menge der Geldware ausgedehnt werden, um die Preise zu halten. Auf der anderen Seite kann die Menge des Papiergeldes erhöht werden, wodurch die Goldmengenrepräsentation sinkt und die Preise steigen. Gold wird hier nur als Beispiel für die allgemeine Geldware angenommen, da die Geldmenge schon lange nicht mehr durch die Goldmenge bestimmt wird, sondern durch abstrakte ökonomische Berechnungen. Ausgegangen wird von folgender Basissituation

GsGmGwWwWmPWrMr
100100101010010,11

Es gibt hundert Waren, die in 10 Arbeitstunden hergestellt werden. Da pro Arbeitsstunde ein Wert von 10g Gold oder 10 Euro hergestellt wird, drückt 1 Gramm Gold 6 Minuten Arbeiszeit aus und 1 Euro ein Gramm Gold. Eine Ware kostet einen Euro. Nun unterscheidet Müller in drei Fälle:

(1) Die Wertrepräsentation ändert sich bei konstanter Mengenrepräsentation

GsGmGwWwWmPWrMr
1001005510010,051

Die Produktivität wird in diesem Beispiel verdoppelt, sodass ein Gramm Gold nur noch 3 Minuten gesellschaftlich durchschnittlicher Arbeit verkörpert. Alle anderen Größen bleiben unberührt. Wo liegt das Problem? Kapitalisten werden eher bestrebt sein, die doppelte Menge an Waren in der gleichen Zeit herzustellen, als die gleiche Warenmenge in der Hälfte der Zeit. Würde sich nun die Warenmenge verdoppeln, würden bei gleicher Goldmengenrepräsentation die Preise sinken. Daher dehnen die Zentralbanken in diesem Fall gerne die Geldmenge aus, da sie a) befürchten, dass die Kapitalisten nicht weiter bei sinkenden Preisen investieren und b) dass Konsumenten ihre Käufe zurückhalten, da sie auf einen weiteren Fall der Preise spekulieren. Wird die Geldmenge ausgedehnt, steigen auch die Preise. Wir haben eine politisch gewollte Inflation.

(2) Preissteigerungen bei Verringerung der Mengenrepräsentation

GsGmGwWwWmPWrMr
200100101010020,050,5

Nun haben wir den klassischen Fall, den auch die bürgerliche Ökonomie als den eigentlichen Fall der Inflation ansieht. Die Papiergeldmenge wird erhöht, während die Produktionsbedingungen gleich bleiben. Das kann durch niedrige Leitzinsen als Investitionsanreiz, zur Abwertung der eigenen Währung im globalen Wettbewerb oder Tilgung der Staatsschulden im Inland passieren. Die Preise steigen, aber auch hier wieder als Folge einer politischen Entscheidung.

(3) Verringerung der Mengenrepräsentation bei konstanten Preisen

GsGmGwWwWmPWrMr
10050101010010,10,5

Dieses Beispiel diskutiert Müller, weil es die Frage aufmacht, ob es Inflation auch bei konstanten Preisen geben könne. Schließlich ist ja die Mengenrelation gesunken. Hierzu müsste sich die Goldmenge reduzieren. Das Papiergeld drückt weniger Geldware aus, die der eigentliche Maßstab des Werts ist. In diesem theoretischen Beispiel müssten die Löhne ad hoc um die Hälfte sinken oder sie würden sich real verdoppeln. In der Praxis gibt es diesen Vorgang, jedoch als zeitlichen Prozess. So lasse sich für die USA empirisch feststellen, dass der Kaufkraftverlust des Dollars proportional zur Senkung des repräsentierten Goldgehalt verlaufe. Müller möchte mit diesem Beispiel zeigen, dass Preise nicht der einzige Indikator einer Inflation sind.

Müllers Herangehensweise zeigt in erster Instanz, warum es keine einheitliche marxistische Theorie der Inflation gibt. Inflation ist zu aller erst eine politische Frage, die von psychologischen Aspekten (Spekulation, Angebot und Nachfrage), aber auch vom Stand der Klassenkämpfe (Partei-, Gewerkschafts- und Bankenpolitik) abhängt. Um tiefergehende Einsichten in die Inflation zu gewinnen, müssten auch die zeitlichen Aspekte (z.B. der Einfluss der Preisminderung auf die Wertzusammensetzung in folgenden Produktionsperioden) und die Verteilung der Inflationskosten auf die Klassen berücksichtigt werden.

Stephan Krüger und Lucas Zeise: Inflation und die Zentralbanken

Stepahn Krüger und Lucas Zeise haben sich in ihren Aufsätzen mit der Wirkung der Zentralbankpolitik auf die Inflation beschäfigt. Krüger beginnt bei der schon oben benutzten Definition der Warenpreise:

Geldumlaufgeschwindigkeit ist hierbei keine wirkliche Geschiwindigkeit, sondern der Name für das durchschnittliche Verhältnis aus aktiver und passiver Funktion des Geldes. Wird zum Beispiel durch vermehrtes Sparen Geld der Zirkulation entzogen, sinken auch die Warenpreise. Während noch zu Zeiten der Goldpreisbindung im Wesentlichen die linke Seite der Gleichung die rechte bestimmt gewesen sei, habe mit der Einführung repräsentativen inkonvertiblen Zentralbank-Geldes eine kausale Umkehr stattgefunden. Zentralbanken regulierten nun verstärkt mit Hilfe der Geldmenge die Inflation und versuchten Anreize zur aktiven Verwendung oder passiven Verwendung des Geldes zu setzen. Den Mechanismus erklärte Lucas Zeise: Soll die Wirtschaft angekurbelt werden, senken die Zentralbanken ihre Leitzinsen, da sich so Investitionen schneller rentieren. Hohe Leitzinsen begrenzen die Geldmenge und führen zur Senkung der Warenpreise, allerdings in der Regel auch zu einer Rezession.

Seit dem Untergang der Sowjetunion war das erste Ziel der Zentralbanken die Kompensierung der Überakkumulationskrise. Akkumuliertes Kapital habe keine produktiven Anlagemöglichkeiten mehr gefunden und sei verstärkt in den spekulativen und unproduktiven Finanzsektor geflossen, wodurch die “Geldumlaufgeschwindigkeit” kleiner geworden ist. Um nun die negativen Folgen einer Deflation abzufangen und “billiges” Geld als Investitionsanreiz zur Verfügung zu stellen, war die Geldpolitik der Zentralbanken in den letzten Jahrzehnten sehr locker.

Es gibt nun aber auch einen Fall, in dem die Zentralbanken die Zinsen auf Kosten des Wirtschaftswachstums erhöhen. Steigt mit den Warenpreisen auch der Preis der Ware Arbeitskraft, da zum Beispiel durch die hohe Nachfrage an Arbeitskraft die Verhandlunsposition des Proletariats gestärkt wird, führen hohe Zinsen zu einem Abschwung, einer Verringerung der Nachfrage an Arbeitskraft und damit dessen Wert. Auf Grund der Lohnzurückhaltung in Deutschland als Leitökonomie der EU seit den Hartz-Reformen war die EZB nicht mehr in der Verlegenheit, dieses Mittel gebrauchen zu müssen.

Allerdings ist aktuell so viel Geld in spekulativen Sektoren, wie dem Finanz- oder Immobiliensektor, unterwegs, dass die Geldpolitik der Zentralbank keinen großen Einfluss mehr besitzt. Die im Zuge der Sanktionen gegen Russland entstandene Angebotskrise an Rohstoffen ist somit durch Geldpolitik der Zentralbanken nicht in den Griff zu kriegen. Vielmehr finden die Spekulationsgewinne jetzt auf dem Energiemarkt statt, wo sie auch die Waren des täglichen Bedarfs treffen.

Manfred Sohn: Die Geschichte des politischen Kampfs gegen die Inflation

In der sozialdemokratischen und sozialistischen Bewegung ist immernoch die Legende von der Lohn-Preis-Spirale populär. Manfred Sohn hat für seinen Essay einen zweitägigen Vortrag von Marx selbst ausgegraben, wo er 1865 vor der Internationalen Arbeiterassoziation das “eiserne Lohngesetz” zu widerlegen versucht, nachdem höhere Löhne nur höhere Preise zur Folge hätten und sich so der rein ökonomische Kampf der Gewerkschaften selbst in den Schwanz beiße. Marx wies darauf hin, dass die Mehrwertrate, die das Verhältnis zwischen Mehrwerten der Kapitalisten und Löhnen der Arbeiter*innen ausdrücke, eine Frage des Standes der Klassenkämpfe sei. Sie sei indirekt proportional mit der Profitrate verbunden, aber eben nicht mit den Warenpreisen der gesamten Produktion. Auf dem freien Markt würden die Warenpreise durch die Bildung der Durchschnittsprofitrate sinken. In einer monoplisierten Gesellschaft bedeutet der Lohnkampf nichts weiter, als einen größeren Teil des Arbeitstages für sich zu beanspruchen. Ohne Lohnkampf hingegen nutzten die Kapitalist*innen alle Möglichkeiten, die Löhne zu senken.

Aufbauend auf dieser Argumentation zeichnet Sohn nun die Klassenkämpfe gegen die allgemeinen Teuerungen nach. Zuerst stellt er fest, dass die Emanzipation der Frau eng mit dem Kampf gegen Teuerungen verbunden war. Schließlich waren und sind Frauen bis heute für einen Großteil der Reproduktionsarbeit verantwortlich. Sie bekamen beim Einkaufen als erste die gestiegenen Preise zu spüren und stiegen auf die Barrikaden. Nicht von ungefähr fiele daher das Vereinsgesetz von 1908, das Frauen erstmals den Zugang zu Vereinen und Gewerkschaften gestattete, mit einer Inflationsphase zusammen. Als nach dem Ersten Weltkrieg die Monopolbourgeoisie die Kriegskosten durch Inflation auf die Arbeiter*innenklasse abzuwälzen versuchte, verlor sie nicht nur die Kontrolle über die Inflation. 1921 brachen die Märzkämpfe in Mitteldeutschland aus. In Sachsen und Thüringen bildeten sich 1923 Arbeiter*innenregierungen aus SPD und KPD. Letztlich sei es nur der Spaltung der Arbeiter*innenbewegung geschuldet, dass sich die Reaktion durchsetzen konnte und sich kein revolutionärer Prozess entwickelte. Der sozialdemokratische ADGB litt an Auflösungserscheinungen, da er einen Großteil seiner Funktionäre nicht mehr bezahlen konnte und entwickelte so keine Kampfkraft für einen Generalstreik. Die KPD blieb auf verlorenem Posten.

In der Inflationsphase 1972/73 sei es ausgerechnet der erdrutschartige Sieg Willy Brandts gewesen, der die Gewerkschaften zurückhielt. Durch seine Popularität galt er als sakrosankt und als sein Wirtschafts- und Finanzminister Helmut Schmidt die IG Metall angesichts einer Inflation von 7% zu Zurückhaltung aufrief, folgten ihm die Funktionäre. Während in den einzelnen Betrieben durchaus Aktionen und Streiks durchgeführt wurden, blieb die Führung zurückhaltend. Die Tarifabschlüsse waren enttäuschend. Aus dieser Geschichte leitet Sohn nun fünf Schlussfolgerungen ab: Erstens sei Kampf gegen die Teuerungen immer notwendig, um nicht “übers Ohr gehauen zu werden.”. Zweitens sei im imperialistischen Zeitalter die Frage der Inflation eng mit der Frage des Kriegs verbunden. Drittens könne der Kampf gegen die Inflation nur als Einheit von ökonomischem und politischem Kampf geführt werden. Viertens müsse der Kampf unabhängig von sozialdemokratischen Regierungen geführt werden. Und fünftens könne der Kampf gegen die Inflation das revolutionäre Bewusstsein stärken. Die Demonstrationen gegen die Brotteuerungen im Ersten Weltkrieg seien ein Brandbeschleuniger der Oktoberrevolution gewesen.

Zusammenfassung

Die Beiträge aus den Marxistischen Blättern machen zwei Punkte deutlich. Erstens: Inflation ist kein blindes Gesetz, dass sich hinter dem Rücken der Kapitalisten vollzieht. Man kann die Wirkungen der inflationsfördernden Maßnahmen zwar marxistisch beschreiben, aber sie erklären sich nicht aus den allgemeinen Gesetzen der Kapitalakkumulation. Inflation ist ein Instrument der herrschenden Klassen, um ihre Politik durchzusetzen. Der Kampf gegen die Inflation war somit immer eine Triebfeder der politischen Organisation des Proletariats. Zweitens: Die Inflation kann viele Ursachen haben. Sanktionen, Finanzierung von Kriegen oder die Leitzinspolitik. Der Kampf gegen die Inflation muss daher auf breiter Front geführt werden. Die Lohnzurückhaltung der Gewerkschaften muss nicht nur aufgegeben werden. Um der Hochzinspolitik der Zentralbanken etwas entgegenzusetzen, muss das Proletariat als komplette Klasse organisiert sein. Auch hier zeigt sich, dass der Kampf in erster Linie ein politischer ist. Dass während aller großen Inflationsphasen Sozialdemokraten Staat der Regierung führten – Friedrich Ebert, Willy Brandt und Olaf Scholz – deutet an, wer der Feind des Proletariats ist. Nicht die Sozialdemokratie, aber ihre Führer.

Literatur:

Alle Beiträge in: Marxistische Blätter. Jahrgang 59. Ausgabe 6.

Krüger, Stephan (2022): Inflation – zurück auf der Agenda. S.58-67.

Müller, Klaus (2022): Ein marxistisches Inflationsmodell. S.68-77.

Sohn, Manfred (2022): Das lange Ringen um den Wert des Lohns. Schlaglichter zur Geschichte des Kampfs gegen die Inflation. S.23-34.

Zeise, Lucas (2022): Höhere Zinsen sind (bestenfalls) Symbolpolitik. S.35-43.

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