Mehr Brutto vom Netto in der Profitratenmessung

⋄ Untersucht man die Bewegung der allgemeinen Profitrate auf Grundlage des standardisierten SNA-Systems, muss man sich zwischen dem Gross Capital Stock und dem Net Capital Stock als Maß für das fixe Kapital entscheiden.

⋄ In ihrer Studie für das World Review of Political Economy argumentieren die griechischen Politökonomen Dimitris Paitaridis und Lefteris Tsoulfidis für das erstere
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⋄ Sie begründen, dass das reale produktive Industriekapital für die Profitrate auschlagebend sei und nicht, was im Net Capital Stock buchhalterisch abgeschrieben wurde.

⋄ Konkret zeigen sie, dass sich die Profitratenentwicklung in vier Phasen seit 1950 unterscheiden lässt, wobei die Profitrate gerade auf historisch niedrigem Niveau stagniert.

⋄ Vieles deutet darauf hin, dass wir am Beginn eines erneuten Falls der allgemeinen Profitrate stehen, verursacht durch die Ersetzung unproduktiver Arbeit durch Automatisierung.

Die Marxsche Theorie vom tendenziellen Fall der Profitrate wurde in den letzten 25 Jahren sehr ausführlich diskutiert, da dieser Fall in den imperialistischen Ländern kaum noch empirisch zu beobachten war. Neben inhaltlichen Erklärungen, die auf die Überausbeutung des globalen Südens zur Stützung der Profitraten in den imperialistischen Zentren verweisen, wurde auch die methodische Debatte durch die Stagnation der Profitrate angestoßen. Wie etwa sollte Konzept des vorgeschossenen fixen Kapitals von Karl Marx in handfeste, zeitreihenfähige Daten übersetzt werden? Wie viel Wert gibt eine Maschine, die vor 20 Jahren angeschafft wurde und vielleicht von der Buchhaltung sogar schon abegschrieben wurde, noch an die Waren ab? Keinen mehr? Den gleichen wie vor 20 Jahren? Den analogen Wert einer gleichwertigen neuen Maschine? Wenn es die noch gibt. Und wie soll man an die entsprechenden Daten kommen? In ihrer Studie für das World Review of Political Economy diskutieren die griechischen Politökonomen Dimitris Paitaridis und Lefteris Tsoulfidis die verschiedenen Möglichkeiten. Die Wahl des Kapitalstockmaßes ist dabei keine technische Petitesse, sondern entscheidet maßgeblich darüber, ob der langfristig fallende Trend der Profitrate sichtbar wird oder statistisch verschleiert bleibt.

Gross oder Net Capital Stock?

Diskussionen unter Marxist*innen werden nicht selten auch in der bürgerlichen Messmethodik reflektiert. So gibt es unter Marxist*innen Uneinigkeit darüber, ob bei der Transformation von Werten in Preise Kosten für das konstante Kapital als historische Kosten oder zu aktuellen Vergleichspreisen in den Warenwert eingehen. Und diesen Unterschied gibt es in der bürgerlichen Ökonometrie in ähnlicher Form in der Abschätzung des Capital Stocks, also dem Analogon des fixen Kapitals. Drei Möglichkeiten gibt es hier.

Die geläufigste ist der Gross Capital Stock (deutsch: Bruttoanlagevermögen). Hier werden alle Maschinen, Gebäude und sonstigen Güter, die in mehr als einem Jahr verbraucht werden, zusammengezählt und zu den Wiederbeschaffungskosten einer Referenzperiode verrechnet. Benutzt also eine Fabrik einen sehr alten Computer, für den sie mal sehr viel Geld bezahlt hat, wird dieser dennoch nur zum Preis eines aktuellen gleich starken, aber vermutlich billigeren Rechners veranschlagt. Umgekehrt kann sich der Wert eines Fabrikgebäudes maßgeblich erhöhen, wenn mit der Zeit die Infrastruktur darum gewachsen ist. Wie William Jefferies im letzten Jahr aufmerksam machte (Näheres hier), sind allerdings voraussichtliche Gewinne in dem Wert des Gross Capital Stocks bereits eingerechnet, sodass dieser eigentlich nicht im marxistischen Sinne als Auslage betrachtet werden kann. Weiterhin problematisch ist, dass alle noch benutzten fixen Produktionsmittel voll gezählt werden, während nach dem Marxschen Kapital das fixe Kapital immer einen Anteil seines Werts an die produzierten Waren überträgt. Hier scheint ein Widerspruch zu bestehen.

Die auf der Hand liegende Alternative wäre der Net Capital Stock, zu deutsch das Nettoanlagevermögen. Dieser zieht vom Gross Capital Stock alle Abschreibungen ab, rechnet also den prognostizierten Wertverlust mit ein. Schreibt man linear ab, dann verliert ein Produktionsmittel jedes Jahr genau den Anteil an Wert, der auch dem Anteil seiner Gesamtlebensdauer entspricht. Ein Fabrikgebäude, das im Schnitt 50 Jahre hält, besitzt also nach 25 Jahren noch die Hälfte seines Werts. Aus Steuergründen lassen sich diese Werte leicht bei den Finanzämtern ermitteln. Darüber hinaus gibt es aber auch realistischere Modelle, wie etwa die Weibull-Kurve, welche die Vorgeschichte und Entwicklung eines Parameters in die Abschätzung der Häufigkeit und Überlebensdauer mit einberechnet. Zwei Effekte treten ein. Erstens wird durch die Abschreibung die von Jefferies angemerkte Überbewertung des fixen Kapitals mit der Lebensdauer reduziert und zweitens entspricht dies mehr dem Marxschen Wortlaut. Man darf aber nicht unberücksichtigt lassen, dass beide Werte auch sehr unterschiedliche Sachverhalte beschreiben. Während es beim Gross Capital Stock im Wesentlichen um die physische produktive Leistungsfähigkeit der Industrie geht, steht beim Net Capital Stock eine buchhalterische Bewertung im Vordergrund.

Eine dritte Alternative wäre die Anrechnung zu historischen Kosten. Hier werden alle Preise zusammengerechnet, die der Kapitalist tatsächlich einmal bezahlt hat. Der Vorteil liegt auf der Hand. Es handelt sich nun wirklich um reale Auslagen. Der Nachteil ist, dass die relative Rolle in der Produktion kaum noch plausibel gemacht werden kann. Ein Computer, der 1995 vielleicht Millionen von Dollar gekostet hat, ist diese heute einfach weder produktiv noch buchhalterisch wert.

Was nehmen und warum?

Paitaridis und Tsoulfidis entscheiden sich nun für den Gross Capital Stock. Sie begründen dies damit, dass dieser die tatsächliche produktive Kapazität angebe. Marx ginge es schließlich um die reale produktive Kapazität des Kapitals und nicht um den Buchpreis, wofür sie folgende Stelle aus dem dritten Kapital-Band zitieren:

Obgleich nun die Profitrate berechnet werden muß durch Messung der Masse des produzierten und realisierten Mehrwerts, nicht nur an dem konsumierten Kapitalteil, der in den Waren wiedererscheint, sondern an diesem Teil plus dem nicht konsumierten, aber angewandten und in der Produktion fortdienenden Kapitalteil, so kann die Profitmasse doch nur gleich sein der in den Waren selbst enthaltnen und durch ihren Verkauf zu realisierenden Masse von Profit oder Mehrwert.“

MEW 25, S.239.

Das Zitat allein scheint die Wahl kaum zu begründen, aber hier kann man sich auf die Logik der Textstelle beziehen. Angenommen, ein Kapitalist besitze ein Patent von 20 Jahren Gültigkeit. Dieses Patent begründet dann im 20. Jahr genauso den Monopolcharakter der Produktionsweise wie im ersten und nicht nur den 20. Teil. Entwickelt sich andersherum Technik sehr schnell, dann kann eine Maschine, die bereits nach kürzester Zeit moralisch verschlissen ist, nur noch den Wert an die Ware abgeben, den auch ein Konkurrent mit einer effizienteren Maschine an die Ware abgeben kann, egal, ob sie noch gar nicht hinreichend abgeschrieben ist.

Und noch ein Argument bringen die beiden Autoren vor. Angenommen, ein Kapitalist habe fixes Kapital von 1000 und einen Profit von 100, während sowohl der Profit als auch das fixe Kapital jedes Jahr 10% an Wert verlören. Im Net Capital Stock würde die Profitrate nun konstant bleiben. Im Gross Capital Stock würde die Profitrate von 100/1000=10% auf 90/1000=9% und 81/1000=8,1% sinken. Der Net Capital Stock würde also künstlich den Fall der Profitrate verschleiern.

Noch ein kleiner Einschub zu Jefferies. Folgen wir der Argumentation der beiden Autoren, dann würde sich ein Problem bei der Studie von Jefferies ergeben. Dieser wich von FCS auf den DALD (Depreciable Assets Less Depreciation) aus, was aber hier wieder bedeuten würde, dass er die Abschreibungen mit einkalkuliert. Folgt man weiterhin der Argumentation, dass durch die Einbeziehung der Abschreibungen der Fall der Profitrate künstlich gedämpft wird, aber auch Jefferies Argument, dass die Verwendung des Fixed Capital Stocks an sich bereits eine Überschätzung des Falls darstellt, dann haben wir zwei entgegengesetzte Effekte.

Methodik

Ein ganz praktisches Argument für die Nutzung des Gross Capital Stocks bei Langzeitmessungen der Profitrate ist, dass die häufig genutzte Datenbank der BEA 2003 ihre Abschreibungsmethodik für den Net Capital Stock geändert hat. Darüber hinaus wächst das Verhältnis von Gross Capital Stock zu Net Capital Stock in fast allen OECD-Staaten mit dem absoluten Spitzenreiter Deutschland (kurzgesagt, Deutschland produziert immer mehr mit eigentlich abgeschriebenen Produktionsmitteln).

Quelle: siehe Literatur. S.491.

Berechnet wird der Gross Capital Stock über den Stand des fixen Vorjahreskapitals plus Investitionen, wozu die Abnutzung auf der einen und die Veränderung des Preisniveaus mit berechnet werden. Insofern ist die Abnutzung der Produktionsmittel schon enthalten, wenn auch eine durchschnittliche physische und keine buchhalterische. Doch genau hier kann man nicht einfach auf von den Unternehmen selbst übermittelte Daten zurückgreifen, sondern muss eine Abschätzung der Abnutzung vornehmen, die entweder linear oder durch ein realistischeres Modell beschrieben wird. Die beiden Autoren haben dies für fünf verschiedene Abnutzungsschätzungen gezeigt, wobei alleine die Weibull-Gleichung eine deutliche Abweichung aufzeigt. Diese berücksichtigt individuelle Lebenszeiten der 126 verschiedenen Kapitalgüter (99 Ausrüstungsgüter, 15 Bauwerke, 9 immaterielle Anlagegüter), welche durch die BEA statistisch erfasst sind.

Anstieg des Gross Capital Stocks mit verschiedenen Schätzmethoden für den Verschleiß. Geld ist die Weibull-Kurve. Quelle: siehe Literatur. S.493.

Ansonsten werden viele Standardunterscheidungen getroffen. Als mehrwertbildend wird nur die Arbeitszeit in den produktiven Sektoren gewertet. Der Anteil an unproduktiven Arbeiter*innen im jeweiligen Sektor wird über den Gesamtanteil an unproduktiven Arbeiter*innen abgeschätzt. Löhne werden vor Steuern veranschlagt, da davon auszugehen ist, dass diese für die Wiederherstellung der Reproduktionsbedingungen ausgegeben werden und somit auch zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft dienen. Aber das sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt; die charakteristische Unterscheidung dieser Studie besteht in dezwischen Net und Gross Fixed Capital.

Ergebnisse

Die Profitrate weist den Ergebnissen nach vier charakteristische Phasen seit 1950 auf. Das „Goldene Zeitalter der Akkumulation“ bis 1964, die „Stagflationskrise“ zwischen 1965 und 1982, die neoliberale „New Economy“-Phase von 1983 bis 2007 und die „Lange Rezession“ seit 2008. Diese Phasen kann man sehr gut in der Entwicklung der Allgemeinen Profitrate, dem Verhältnis vongeschaffenemMehrwert zueingesetztem Kapital, erkennen. Man sieht, dass die Profitrate strukturell seit 1950 gefallen ist, aber die einzelnen Phasen ihre eigene Spezifik besitzen. Häufig fällt die Profitrate für einige Jahre sehr abrupt ab, um sich dann wieder zu erholen, aber nicht das Ausgangsniveau zu erreichen. So zeichnet sich die aktuelle Lange Rezession durch eine konstante US-Profitrate auf historisch niedrigem Niveau aus. 2009 war das Jahr des absoluten Tiefpunkts; im Beobachtungszeitraum, aber wahrscheinlich auch historisch im Kapitalismus.

Quelle: siehe Literatur. S.499.

Die Zyklen werden auch in der Entwicklung der Mehrwertrate RSV und der organischen Zusammensetzung VCC ausgedrückt, wobei sich – wie zu erwarten – die Mehrwertrate zyklisch und die organische Zusammensetzung antizyklisch verhält. Den stärksten Anstieg erlebte die Mehrwertrate in der Phase der New Economy, in der sie sich von 200% auf 300% steigerte. Wir befinden uns damit in den USA in einer Phase historisch hoher Ausbeutung, in der jede*r Arbeiter*in im nächsten Jahrzehnt wahrscheinlich für jede Stunde, die sie für sich arbeitet, vier für den Kapitalisten schafft. Zusammengefasst zeigt die Entwicklung, dass die Tendenz derZunahme der organischen Zusammensetzung, welche die Profitrate auf Grund der Ersetzung lebendiger durch tote Arbeit drückt, die Gegentendenz durch verstärkte Ausbeutung weit überwiegt.

Quelle: siehe Literatur. S.500.

Zuletzt haben die Autoren noch die allgemeine und die Nettoprofitrate verglichen. Die allgemeine Profitrate ist hierbei jene, die nach marxistischer Theorie alleine im produktiven Bereich erwirtschaftet wird. Die Nettoprofitrate ist jene, die alle Wirtschaftszweige nach den Umverteilungseffekten von produktivem Kapital zu Finanzkapital, Rentiers, etc. zeigen. Dabei zeigt sich zunächst, dass beide Profitraten über den Beobachtungszeitraum gefallen sind. Seit 1982 sinkt das Verhältnis beider kontinuierlich, was bedeutet, dass das Kapital immer mehr unproduktive Arbeit braucht, um sich realisieren zu können. Beide Profitraten zeigen dennoch aufhistorisch niedrigem Niveau nach 1997 keine statistisch signifikante Veränderung mehr auf, was erklärt, warum die Tendenz des Falls der Durchschnittsprofitrate auch seit Anfang der 2000er Jahr verstärkt in Zweifel gezogen wurde.

Quelle: siehe Literatur. S.502.

Überhaupt ist die Verteilung von produktiver und unproduktiver Arbeit eine interessante Frage. Im „Goldenen Zeitalter der Akkumulation“ begann der Trend, dass unproduktive Arbeit quantitativ die produktive überholte. Seitdem hat sich das Verhältnis nur geringfügig verändert, aber in der New Economy explodierten die Löhne für unproduktive Arbeiten, während die produktive Arbeit keine 30% aller Lohnkosten vereinnahmt, obwohl sie 45% der Gesamtarbeit ausmacht. Aber auch hier sehen wir seit 2020 einen Umkehrpunkt. Die technologische Entwicklung, welche in der Zirkulations- und Distributionssphäre (Finanzwesen, Immobilien, Werbung, etc.) während der New Economy viele gut bezahlte Jobs geschaffen hat, hat mittlerweile dazu geführt, dass viele dieser Tätigkeiten zunehmend automatisiert werden. Damit sinkt der Anteil der unproduktiven Arbeit an der Gesamtarbeit, wie auch die Löhne. Das steht im Einklang mit den Analysen einiger Marxist*innen (Näheres hier), dass die Künstliche Intelligenz vor allen Dingen als Automatisierung der unproduktiven Arbeit zu verstehen sei, wie es die Robotisierung und Automatisierung für die produktive gewesen ist. Natürlich werden aber auch Faktoren wie die geringe Klassenorganisation in der unproduktiven Arbeit und ihre Internationalisierung eine Rolle spielen.

Quelle: siehe Literatur. S.504.

Zusammenfassung

Es ist beeindruckend, wie sich aktuelle Situation der von 1965 ähnelt. Heute wie damals stieg die Profitrate leicht an, weil die organische Zusammensetzung nicht so stark wuchs, wie die Mehrwertrate. Beide Phasen waren Tiefpunkte des Verhältnisses von allgemeiner zu Nettoprofitrate. Und wie ab 1965 zeigt sich ein stabiles Verhältnis von produktiver zu unproduktiver Arbeit. Würde man nach den Mustern gehen, stehen wir damit kurz vor dem Eintritt in eine neue Stagflationsphase, in der die Durchschnittsprofitrate innerhalb weniger Jahre beträchtlich fallen wird. Folgt man den Trends stehen in den nächsten Jahren massive Investitionen in Technologie an, die in erster Linie die unproduktive Arbeit überflüssig machen; rein ersetzend, ohne sie produktiver zu machen. Das könnte auch die Abkehr von einer Gesellschaft sein, in der unproduktive Arbeit eine dominante Stellung in der Arbeitswelt eingenommen hat. Von Web-Artists über Immobilienmakleroder spezialisierte Kleinhändler bis hin zur Verwaltung stehen Millionen von Jobs zur Disposition, die zwar bisher nur aus dem produktiven Mehrwert mitbezahlt wurden, deren verallgemeinerte Ersetzung aber nur den weiteren Sieg toter über lebendiger Arbeit darstellt und deren fehlende Nachfrage die Realisation künftiger Profite erschwert.

Literatur:

Paitaridis, D. & Tsoulfidis, L.: Revisiting the Estimations of the Rate of Profitfor the US Economy: Does the Measureof Gross Capital Stock Matter?. In: World Review of Political Economy. Jahrgang 16. Ausgabe 4. S.486-508.

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