| ⋄ Zum tendenziellen Fall der Profitrate liegen mittlerweile dutzende Studien vor, welche durch die Bank weg die Marxsche Prognose bestätigen. ⋄ Auch die Untersuchung von Ozan Mutlu & Lefteris Tsoulfidis, die besonderes Gewicht auf die Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit legt, kommt zu diesem Ergebnis. ⋄ Sie haben Mehrwertrate, organische Zusammensetzung und die Profitrate für elf europäische Länder und die USA seit 1995 bestimmt. ⋄ Die Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit bereitet jedoch einige Probleme. Die Autoren zählen beispielsweise Bildung als produktiv, was umstritten ist. ⋄ Zwei Tendenzen zeigen sich: erstens scheint ein neuer industrieller Zyklus anzubrechen, während das Kapital allmählich seiner absolutne Überakkumulation zustrebt. |

Es ist mal wieder an der Zeit, eine neue Studie zur Entwicklung der allgemeinen Profitrate vorzustellen. Bisher haben alle deutlich gezeigt, dass die Profitrate langfristig gefallen ist. Damit sind solche Studien aber lange noch kein alter Hut, denn jede bietet neue Einblicke durch Variation der Methodik und der damit einhergehenden anderen Sprache der Daten. Wenn die reale kapitalistische Ökonomie als Kristall verstanden werden kann, so zeigt jede dieser Studien neue Lichtreflexe dieser Wirtschaftsweise auf.
Ozan Mutlu & Lefteris Tsoulfidis haben im aktuellen International Journal of Political Economy die Profitrate mit den vertrauten Daten der OECD gemessen, dabei aber nur die produktive Arbeit als wertbildend gerechnet. Für zwölf Länder haben sie damit seit 1995 wesentliche Größen der Kritik der politischen Ökonomie bestimmt. Das Ergebnis ist nicht spektakulär, aber eben doch ein neuer Lichtreflex.
Problemstellung
Nach Marx fällt die Profitrate bekanntermaßen, weil die organische Zusammensetzung zunimmt und somit wertbildende Arbeit zunehmend von toter Arbeit verdrängt wird. Genauere Erläuterungen kann man hier oder hier nachlesen. Fast alle empirischen Untersuchungen bestätigen diesen Trend auf globaler und langfristiger Ebene. Allerdings zeigen sich auch einige Turbulenzen in den Daten. So ist die Betrachtung der Umschlagszeiten in den letzten Jahren in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt. Dazu spielen Aspekte des ungleichen Tausches auf dem Weltmarkt in die Profitraten hinein, sowie überhaupt Unterschiede in den einzelnen Akkumulationsregimen. Zuletzt verwischen zyklische Erscheinungen, wie Krisen, Rezessionen und Boomphasen die Daten. Auch wenn das, wie gesagt, am langfristigen Trend nichts ändert, ist es für eine marxistische Wissenschaft sinnvoll, die einzelnen Aspekte zu untersuchen.
Mutlu und Tsoulfidis erhoffen sich insbesondere von der Unterscheidung in produktive und unproduktive Arbeit Erkenntnisse. Ihr Modell legt zugrunde, dass in Boomphasen viel Arbeit vom produktiven Sektor aufgesaugt wird, um die möglichen Extraprofite einer neuen Produktionsweise aufzusaugen. Hat sich diese Produktionsweise verallgemeinert und ist der Markt sozusagen übersättigt, man kann auch von relativer Überakkumulation sprechen, dann benötigen die Kapitalisten mehr Werbung und andere Realisierungskosten, um ihre Werte zu versilbern, was sich in einem Anstieg unproduktiver Arbeit ausdrückt. Sollten sich solche Modellannahmen bestätigen, ließen sich auch Schwankungen im Fall der Profitrate aus dem Verhältnis von produktiver und unproduktiver Arbeit erklären.
Methodik
Bekanntermaßen stellen sich bei der empirischen Betrachtung der Profitrate drei Grundfragen. Erstens: wie werden produktive und unproduktive Arbeit behandelt? Zweitens: auf welche Datensätze und Größen stützt man sich? Drittens: wie geht man mit der Umschlagszeit um? Gehen wir diese mal von hinten nach vorne durch. Da sich Mutlu und Tsoulfidis auf das System of National Accounting stützen, dass jährlich abrechnet, unterscheiden sie nicht zwischen Kalenderjahr und Produktionszyklus. Die Daten, welche beide der OECD entnehmen, dürften Interessierten vertraut sein. Das variable Kapital wird durch die Löhne VC ausgedrückt. Der Mehrwert als Value Added MNVA minus die Löhne, das konstante Kapital durch den Gross Capital Stock K und die Profite können als Net Profits P direkt abgelesen werden.
Wie kürzlich Williams Jefferies kürzlich in der Capital&Class schlagend herausarbeitete (Näheres hier), hat diese Auswahl einen systematischen Fehler. Das SNA preist im Fixed Capital Stock FCS, der Teil des Gross Capital Stock ist, die zu erwartenden Gewinne bereits ein, sodass er nicht wie das fixe Kapital als reine Auslage des Kapitalisten behandelt werden kann. Das macht die Werte nicht völlig unbrauchbar, aber man muss folgende Verzerrungen im Hinterkopf behalten. Die Profitrate wird systematisch unterschätzt, weil das konstante Kapital als zu hoch erscheint und die Ausschläge sind intensiver, da bei schon sinkendem Trend auch K niedriger bewertet wird, bzw. bei steigendem Trend höher. Ansonsten wir die Mehrwertrate einfach mit RSV = (MNVA-VC)/VC, die Profitrate als r=P/K, die Nettoprofitrate als R=(MNVA-VC)/K und die organische Zusammensetzung als VCC=K/VC oder MCC=K/MNVA berechnet.
Am diskussionswürdigsten ist die Unterteilung in produktive und unproduktive Arbeiten. Die Autoren weisen zurecht darauf hin, dass produktive Arbeiten auch in unproduktiven Sektoren stattfinden kann, wenn etwa der Fahrradhändler auch die Endmontage übernimmt. Umgekehrt können auch unproduktive Arbeiten wie die Buchhaltung innerhalb der Strukturen produktiver Unternehmen betrieben werden und sich im Betriebsergebnis niederschlagen. Hierüber geben die Daten der OECD wenig Aufschluss. Mutlu und Tsoulfidis teilen daher einfach nur die Sektoren nach Rolle in der Produktion ein, wobei Handel und Verwaltung sinnvollerweise als unproduktiv gezählt werden, während etwa Bildung und Gesundheit als produktive Tätigkeiten behandelt werden. Und darüber lässt sich trefflich streiten. Sind Gesundheitspflege und Bildung nicht auch reproduktive Tätigkeiten, die der ideelle Gesamtkapitalist ja aus guten Gründen in den meisten Ländern selbst organisiert, um dem Kapital die Verwertungsbedingungen mittel- und langfristig zu erhalten. Oder sind es warensubstituierende Dienstleistungen, die wie ein Restaurantbesuch gezählt werden müssten. Die Autoren entscheiden sich wie die Mehrzahl der marxistischen Autor*innen für letzteres, ohne allerdings ihr Kalkül transparent zu formulieren. Auf der anderen Seite scheinen Reparaturen und der Vertrieb, der ja den Transport von Waren, der Marx im Zweiten Kapitalband explizit als produktiv beschreibt, als unproduktiv nicht richtig bewertet.
Produktive und unproduktive Arbeit
Schauen wir aber nun einmal an, was die empirischen Befunde zur produktiven und unproduktiven Arbeit sagen. Untersucht wurden zwölf westliche Länder: Deutschland, Frankreich, Italien, die USA, Belgien, die Niederlande, Spanien, Portugal, Dänemark, Finnland, Österreich und Großbritannien.

Im Allgemeinen lässt sich ein Trend zu einer Steigerung des relativen Anteils unproduktiver Arbeit erkennen. Dafür gibt es nun mehrere Deutungen. Eine besagt, dass die fallende Profitrate die Realisierung des Profits an sich erschwert und zusätzliche Arbeit in Vertrieb Werbung, Finanzierung und anderer Schaffung von Kaufanreizen gesteckt werden muss. Dabei kann man nochmal unterscheiden, ob man dies für einen strukturellen Trend oder als Phase eines Zyklus ansieht. Imperialistische Analyse sehen im Anstieg der unproduktiven Arbeit den gestiegenen Verwaltungsaufwand des von der kapitalistischen Peripherie im ungleichen Tausch abgepressten Mehrwerts. Interpretationen, wonach die steigende Produktivität auch eine steigende Ausbildungskosten des Proletariats verursacht und damit den unproduktiven Sektor fördert, scheiden hier aus, da Bildung ja mit zur produktiven Arbeit gezählt wird.
Für die Zyklustheorie spricht, dass in vielen wichtigen Ländern wie USA, Deutschland oder Italien seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 der Trend wieder rückläufig ist. Hier wäre eine Untersuchung bisheriger Krisen recht aufschlussreich, die aufzeigen könnte, ob historisch die unproduktive Arbeit in Krisenzeiten ebenfalls anstieg. Dann hätte die marxistische Theorie schon einen aussagekräftigen Marker, um frühzeitig Krisen zu messen, insofern man rechtzeitig über die aggregierten Daten verfügte. Die Autoren halten es jedenfalls für schlüssig, dass die Daten auf den Beginn des sechsten industriellen Zyklus hinweisen.

Allerdings scheint die Produktivitätsthese ebenfalls nicht aus der Welt, zeigt sich doch eine gewisse Korrelation zwischen der Mehrwertrate und dem Anteil an unproduktiver Arbeit. Hier könnte allerdings hineinspielen, dass ein höherer materieller Warenausstoß auch mehr Lagerung und Transport erfordert, was dem Sinn der Unterscheidung im Kapital Band II nicht wirklich gerecht wird.
Mehrwertrate
Aber kommen wir zur Mehrwertrate selbst. Hier zeigen die Daten, dass die Mehrwertrate in allen Ländern außer Portugal über der des Jahres 1995 liegt.

Mit 1,5 bis 2,5 liegt sie vergleichsweise hoch, gilt historisch eine gesellschaftliche Mehrwertrate von 1 als relativ stabiler Wert. Hier spielt natürlich hinein, dass die Mehrwertrate nur in den produktiven Sektoren gemessen wird. Bedenkt man, dass der Anteil unproduktiver Arbeit bei knapp unter 50% liegt, dann würde man letztendlich auch wieder gesamtgesellschaftlich auf etwa 1 kommen. Vielleicht kann man an dieser Stelle noch einmal diskutieren, warum man eigentlich die Mehrwertrate nur im produktiven Sektor misst. Nur, wo neuer Wert der Ware hinzugeführt wird, drückt die Differenz von Produktionskosten und Verkaufspreis wirklich eine Wertsteigerung aus. Nur hier überträgt das variable Kapital, also die produktiven Arbeiter*innen einen Teil ihres Tages Wert für sich und Wert für den Kapitalisten. Die Lohnhöhe resultiert damit aus einem originären Klassenkampf um die Mehrarbeit, während die unproduktiven Sektoren, die ja nicht um den Mehrwert kämpfen, sondern um einen Anteil des andernorts geschaffenen Mehrwerts, die Höhe des variablen Kapitals in den produktiven Sektoren als Richtschnur für ihre eigenen Löhne nutzen. Auch hier stellt sich daher die Frage, ob Bildung wirklich zur produktiven Arbeit gezählt werden kann, wenn die Lohnhöhe von Lehrer*innen und Akademiker*innen sich viel stärker an einem Verhältnis zum gesellschaftlichen Durchschnittslohn orientiert, anstatt Ergebnis eines Klassenkampfes um einen realisierbaren Mehrwert zu sein.
Profitrate
Bei der Profitrate diskutieren die Autoren zunächst den Unterschied der allgemeinen und der Nettoprofitrate. Geht man davon aus, dass der ideelle Gesamtkapitalist alle Steuern dazu nutzt, um die Akkumulationsbedingungen des Kapitals wiederherzustellen, dann müsste der Unterschied eng mit den benötigten Auslagen für die unproduktive Arbeit verknüpft sein. Für beide gilt allerdings annähernd der gleiche Befund. Außer für Dänemark, Belgien und die Niederlande sind die Profitraten seit 1995 gefallen.

Eine Betrachtung der organischen Zusammensetzungen stützt auch die Marxsche Erklärung, dass die organische Zusammensetzung gestiegen sein muss und somit der Anteil wertbildender Arbeit gesunken ist. Genau das wurde schon vielfach und mit unterschiedlichster Methodik beobachtet.

Die Studie ist damit ein weiterer Baustein der deutlichen Evidenz, dass die allgemeine Profitrate tendenziell fällt und die organische Zusammensetzung tendenziell wächst. Das wiederum legt nahe, dass die wertbildende Arbeit auch maßgeblich für die Werte der Waren ist.
Ein häufig übersehener Aspekt ist die Entwicklung der Profite selbst. Die Nettoprofte stagnieren nämlich seit mehreren Jahren in Italien oder Deutschland bzw. zeigen einen Trend zur Stagnation in allen anderen Ländern auf.

Das erklärt im Zusammenhang mit der Kapitalakkumulation und der kapital-, wie technikintensiveren Produktion die sinkende Profitrate. Immer mehr Kapital, dass sich nicht mehr verwerten kann, häuft sich also auf den Konten der Bourgeoisie an. Das hat Marx mit dem Begriff der „absoluten Überakkumulation“ beschrieben. Das brachliegende Kapital muss entweder exportiert werden oder die Verwertung durch neue Finanzinstrumente in die Zukunft verschoben werden. Da die Finanzkrise 2008 und die darauf folgenden Bankenregulierungen hier einigen Spielraum genommen haben, erklärt sich der zunehmend agressive Kurs des westlichen Imperialismus.
Zusammenfassung
Und täglich grüßt das Murmeltier. Egal, wie einfach oder kompliziert man die ökonomischen Daten betrachtet. Ob man die produktive Arbeit separiert oder nicht, die Umschlagszeit berücksichtigt oder nicht. Ob man die Daten der OECD nutzt oder die der amerikanischen Steuerbehörde. Die allgemeine Profitrate in den westlichen Ländern fällt tendenziell, weil die organische Zusammensetzung wächst. Alle möglichen Szenarien gegen die Tendenz des Falles, die schon Marx beschrieb, treffen in der Realität langfristig nicht ein. Der Kapitalismus besitzt eine historische Schranke, an der die Produktivkräfte die Produktionsverhältnisse sprengen. Nur das wann und wie kann angesichts der empirischen Daten noch ernsthaft umstritten sein.
Allerdings zeigt auch die vorliegende Untersuchung auch, dass die Details der Analysen auch eine maßgebliche Rolle in der Interpretation der Ursachen und Wirkungen des Falls bieten. Im vorliegenden Fall war es die Unterscheidung zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit. Hier gibt es nicht wirklich richtig oder falsch. Bildung kann mit gleichem recht als produktiv wie unproduktiv behandelt werden. Rechnet man die Bildung als unproduktiv, erzählen die Daten, dass die Arbeit mittlerweile so kompliziert geworden ist, dass die Ausgaben für Bildung steigen und auf die Profite drücken. Zählt man sie als produktiv, treten die Realisierungsprobleme des Kapitals deutlicher zum Vorschein. Wichtig ist, dass die Daten dann jeweils andere Geschichten erzählen, die sich nicht logisch widersprechen, sondern jeweils immer andere Aspekte aufdecken. Denn die Krise des Kapitals ist multipel. Anders kann es angesichts der Totalität des Kapitalverhältnisses auch gar nicht sein.
Literatur:
Mutlu, O. & Tsoulfidis, L. (2025): Falling Rate of Profit, Nonproduction Activities and Stagnation in Eleven European Economies and the USA. In: International Journal of Political Economy. Jahrgang 54. Ausgabe 2. S.245-267.
