Zur Stellung der Ethnologischen Exzerpthefte im Streit von Feminismus und Marxismus

⋄ Dem Marxismus wird von diversen Feminstinnen häufiger vorgeworfen, die Autonomie des Patriarchats zu verkennen und zu sehr mit dem Privateigentum zu verknüpfen.

⋄ Mit Popularisierung der Ethnologischen Exzerpthefte von Marx wird dieser nun mit einer vermeintlich multilinearen Geschichtsauffassung einer unilinearen von Engels entgegengestellt
.

⋄ Xinxian Zhu von der Universität Huaqiao weist diese Spaltung zurück; weder sei Engels undifferenziert gewesen, noch habe sich Marx von der Zentralität des Privateigentums distanziert.

Das plaubilisiert Zhu etwa an den Auffassungen von Marx und Engels zu J.J. Bachofen, der in antiken Sagen den Kampf des alten Mutterrechts mit dem neuen Patriarchat herauslas.

⋄ Umgekehrt habe Marx in den Exzerptheften deutlich gemacht, dass er die Vernachlässigung der Eigentumsfrage bei Morgan kritisiert.

Man glaubt gar nicht so richtig, dass es bei Marx und Engels noch Neuentdeckungen geben kann. Vielleicht ein bisher unbekannter Brief; vielleicht ein pseudonymer Artikel, aber nichts Substanzielles. Und ehrlich gesagt, echte Neuentdeckungen sind die Ethnologischen Exzerpthefte eientlich nicht, wurden sie bereits in den 70er Jahren auf Deutsch herausgegeben. Mit der Neuedition in der MEGA² IV/27, welche ganz wesentlich von Kevin B. Anderson vorangebracht wurde, nahm man sie jedoch auch im anglophonen Sprachraum wahr. Anderson brachte zudem mit Marx at the Margins (Näheres hier) der entsprechenden Leserschaft die Exzerpthefte mit einer einführenden Darstellung nahe. Insbesondere Kritiker*innen der Marxschen Geschichtsphilosophie zeigten sich überrascht, dass Marx darin gar nicht so schematistisch argumentierte, wie fälschlich angenommen. Allerdings projizierten Anderson und andere die bisherigen Vorurteile nun auf Engels und dessen Werk Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates.

Xinxian Zhu von der Universität Huaqiao in China vertritt hingegen die Auffassung, dass sowohl Marx also auch Engels schon immer erkennbar eine sehr differenzierte und dialektische Sicht auf die Herausbildung der Familie und das Patriarchat hatten. Mit den Inhalten der Exzerpthefte und einem Rückgriff auf den heute fast unbekannten Bachofen verteidigt Zhu beide Theoretiker gegen falsche feministische Kritik.

Die Legacy der Exzerpthefte

Fangen wir damit an, welche Rolle die Ethnographischen Exzerpthefte in der marxistischen Tradition spielen. Bereits der erste Herausgeber Hans-Peter Harstick, der tief in die Debatten um die Multilinearität der Geschichte verstrickt war, rühmte die Hefte dafür, zu zeigen, dass Marx durchaus alternative Geschichtspfade als den europäischen – Urkommunismus, Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus – erkannte. Zur Debatte steht dabei, ob nicht indigene kollektivistische Gesellschaftsformen auch ohne die Etappen des Feudalismus und Kapitalismus Bestandteil einer sozialistischen Weltgemeinschaft werden könnten. Besonders soll dabei einer Erzählung des Kolonialismus entgegengewirkt werden, welche die blutige ursprüngliche Akkumulation in den kolonialen Gebieten als teleologische Notwendigkeit zur Vorbereitung des Sozialismus verklärt. Geschichtswissenschaftlich steht zusätzlich zur Debatte, ob sich wirklich alle präkapitalistischen Gesellschaftsformen außereuropäischer Indigener unter ein Feudalismuskonzept subsummieren lassen. Die Exzerpthefte seien dabei Marx erster weitreichender Blick hinaus aus Europa hin zu historischen Entwicklungen in Asien, Afrika und Südamerika. Marx zeige in den Exzerpten eine erstaunliche Offenheit gegenüber parallelen Entwicklungenssträngen und seine Notizen offenbarten, an was er Kritik übte und über was er lernen wollte. Dennoch muss immer gesagt werden, dass es sich eben größtenteils um Übernahmen mit einigen Kommentaren handelt und keine eigene Ausarbeitung.

Neben der Revision einer streng unilinearen Geschichtsauffassung sollten die Exzerpthefte auch in der Debatte um den Ursprung des Patriarchats und die Möglichkeiten seiner Beseitigung eine Rolle spielen. Insbesondere Raya Dunayevskaya verwies auf Marxens großes Interesse an matriarchalen Stämmen und deren konkreten Strukturen. Eine wirkliche Ausarbeitung sollte Marx allerdings nicht mehr vergönnt sein. Engels sollte vielmehr in seinem Vorwort zum Ursprung auf die besagten Notizhefte verweisen und damit seinen Text als logische Fortentwicklung der Gedanken der Hefte präsentieren. Kritiker*innen des marxistischen Feminismus nahmen allerdings Anstoß daran, dass die Abschaffung des Patriarchats im Ursprung zu eng mit der Abschaffung des Kapitalismus verknüpft sei. Daher nutzen jene marxistische Feminist*innen gerne die Notizhefte als Gegenpol zu Engels und versuchten, die beiden als getrennte Denker zu interpretieren; sie versuchten, den Marxismus zu retten, indem sie Engels über Bord werfen. Das bedeutete auch einen Bruch mit einer marxistisch-feministischen Orthodoxie, in der neben Bebels Frauen und Sozialismus der Ursprung die Rolle eines Schlüsseltexts einnimmt.

Bachofens Mutterrecht

Es steht also einiges zur Debatte, wozu Xinxian Zhu eigene fünfzig Cent beitragen möchte. Vor allen Dingen möchte Zhu Engels gegen unberechtigt aufgeworfene Kritik verteidigen und führt ausführlich ins Feld, dass dieser J.J. Bachofen, den Marx in seinen Exzerptheften nur kurz positiv erwähnt, weit tiefer zu würdigen wusste. Dessen 1861 erschienenes „Mutterrecht“ bezeichnete Engels als wahren Ursprung der Familienforschung. Bachofen argumentierte in diesem Buch, dass sich die Nachkommenschaft bei sexuell lose gebundenen Beziehungen nie sicher anhand der Vaterschaft, sondern ausschließlich durch die Mutterschaft feststellen ließe. Mittels antiker Texte und Sagen versuchte er, zu rekonstruieren, dass sich auf dieser Grundlage sogar von einem Mutterrecht sprechen ließe und dass dieses zu Beginn der Antike in Frage gestellt wurde. Die Folge ist, dass das Patriarchat unter den Bedingungen vererbbaren Privateigentums auch die sexuelle Disziplinierung der Frau – und ausschließlich der Frau – zur materiellen Voraussetzung hatte. Am anschaulichsten sah Bachofen dies in Oresteia von Aeschylus beschrieben. Der Bruch des Mutterrechts sei nicht ohne einen Bruch mit der religiösen und normativen Tradition und ohne Widerstand benachteiligter Gruppen vonstatten gegangen. Und genau deshalb sieht er Sagen und literarische Überlieferungen und nicht archäologische Indizien zur materiellen Lebensweise als entscheidend an, da Sagen als Reflexion der materiellen Existenzbedingungen genau diese Brüche abbilden. Andernfalls wären sie ja kein Spektakel und nicht der Kunst wert.

Im Ursprung lobt Engels Bachofen sehr für dessen Leistungen. Er kritisiert, dass Bachofen „mindestens ebensosehr an die Erinnyen, Apollo und Athene glaubt, wie seiner Zeit Äschylos“ (MEW 22, S.214), dass er also den mystifizierenden Charakter der Religion kaum wahrnehme. Es sei mitunter eine „saure und keineswegs immer lohnende Arbeit, sich durch den dicken Quartanten“ (ebd.) durchzuarbeiten. Auch stellte Engels fest, dass Bachofen noch weit weg von einem Beweis des Mutterrechts war, wozu der Umstand kommt, dass Engels das Recht als einen Begriff der Klassengesellschaften betrachtet, weshalb schon aus prinzipiellen Gründen Matrilinearität und Mutterrecht nicht in Eins gesetzt werden könnten.

Letztendlich stelle Bachofens Werk aber „eine vollständige Revolution“ (MEW 22, S.215) dar, da es zeige, dass vor der antiken monogamen Ehe nicht ein völlig unbekannter Urzustand herrschte, der keine Spuren hinterlassen habe, sondern dass nahe liegt, dass eine Frau vor der Antike mit mehreren Männern geschlechtlichen Verkehr haben konnte, ohne gegen die Sitten zu verstoßen.

Engels’ Begeisterung für Bachofen lässt sich leicht erklären. Denkt man Bachofen politisch weiter, wäre die vollständige Befreiung der Frau inklusive der sexuellen nur nach Abschaffung des Privateigentums möglich. Mit dem modernen linken Feminismus hat Bachofens Analyse gemein, dass Patriarchat weder als Naturzustand noch als historische Kategorie zu verstehen ist, sondern auch in der modernen Gesellschaft eine spezifische herrschaftssichernde Rolle spielt. Dem Marxismus wird allerdings zum Vorwurf gemacht wird, das Patriarchat nicht als eigenständige Herrschaftskategorie wahrzunehmen, sondern nur in Verbindung mit dem Privateigentum zu erkennen, was auch auf eine an Bachofen angelehnte Genese des Patriarchats zu richten wäre.

Vom Ursprung der Familie

Eine der prominentesten Kritikerinnen von Friedrich Engels war Heidi Hartmann, die von einer „unglücklichen Hochzeit von Feminismus und Marxismus“ sprach. Nach Hartmann romantisiere Engels vorkapitalistische Zustände, wobei sie sich prinzipiell der historischen Argumentation anschloss. Mit der Sesshaftwerdung entstand erstmals die Möglichkeit, Privatbesitz dauerhaft anzuhäufen. Ernten konnten Überschüsse tragen, Vieh konnte verkauft werden und die Familie wurde zum Träger dieses Privateigentums. Die Familien wurden durch allmähliche Akkumulation mächtiger gegenüber den umherziehenden matriarchalen Clans und fungierten als Keimzellen des Patriarchats. Denn der materielle Besitz erlaubte die Trennung von Erbrecht und Verfügungsgewalt als Vorstufe zum patrilinearen Erbrecht, wofür die Familie strukturell monogam gestaltet wurde. Aber genau diese Teilung der Arbeit in der Familie begründe eine vom Kapitalismus unabhäbgige Form des Patriarchats, welche durch die Teilung der Arbeit in der Reproduktionssphäre und nicht in der Produktionssphäre begründet liege. Die Frauenbefreiung genieße damit einen höheren Grad an Unabhängigkeit gegenüber der Befreiung des Proletariats.

Und genau jetzt kommen die Ethnologischen Exzerpthefte ins Spiel. Marx kritisierte in diesen den auf von Engels aufgegriffenen Morgan genau dafür, das Privateigentum nicht hinreichend berücksichtigt zu haben. An den betreffenden Stellen verwendet Marx dafür fragende Symbolik und konstatiert selbst, dass die Bedeutung des Privateigentums in der Entwicklung der menschlichen Zivilisation gar nicht überschätzt werden könne. Für den Marx der Exzerpthefte begann die wirkliche patriarchale Macht mit der bedeutsamen Anhäufung von Reichtümern: Häusern, Feldern, Vieh, Schuldbeziehungen, etc.. Wenn sich Marx also von Engels unterscheidet, dann darin, dass er die Auffassung der „historischen Niederlage des weiblichen Geschlechts“ mit der Einführung der Monogamie nicht vorbehaltlos teilt, sondern den Glauben an weibliche Göttinnen oder die Stellung der römischen Frau als Herrin über die Sklaven als relative Verbesserungen der Stellung der Frau interpretierte.

Den entscheidenden Punkt allerdings, dass entweder Engels, Marx oder beide die Teilung der Arbeit in der Familie nicht als Ausdruck des Patriarchats verstanden hätten, kann man als haltlos zurückweisen. In seinen Exzerptheften schrieb Marx, dass die Familie nicht nur die Embryonalform der Sklaverei, sondern auch der Arbeitsteilung auf dem Feld gewesen sei und sich alle Widersprüche der Gesellschaft in kristalliner Form auch in der Familie finden ließen. Engels verstieg sich sogar zu der Behauptung, dass die Arbeitsteilung in der Familie durch ganz andere Gründe bewirkt werde, als die gesellschaftliche Stellung der Frau in der Gesellschaft.

Relative Autonomie des Patriarchats?

Was führen nun aber Feminist*innen, die eine größere Autonomie der Frauenfrage von der proletarischen Frage geltend machen wollen, weiter ins Feld? Einmal sei das Patriarchat vordergründig ein symbolisches System, mit dem das historisch etablierte Patriarchat versuche, die Herrschaft des Mannes über die Frau zu naturalisieren; so etwa Gerda Lerner. Nun kann an Engels’ Rezeption von Bachofen, der sich ja vordergründig auf solche symbolischen Systeme stützte, leicht gezeigt werden, dass die symbolische Form als Ausdruck materieller Verhältnisse gerade im Ursprung nicht unterschätzt wurde. Die Produktion und Reproduktion des Lebens sei nur in letzter Analyse das Bestimmende, was aber kein Widerspruch dazu ist, dass daraus hervorgegangene symbolische Akte diese Produktion und Reproduktion regulieren. „Freiheit“ und „Gleichheit“ etwa spielten enorme symbolische Rollen in der bürgerlichen Revolution, die aus der „Freiheit von den Produktionsmitteln“ und der „Gleichheit im Warentausch“ materiell hervorgingen. Dass aber die Ehe dennoch eine Klassenehe blieb, zeigt, dass die symbolische Form dann eben nicht trennbar von der Klassengrundlage ist. Lerner führte weiterhin an, dass Marx und Engels nicht die besondere Genese der weiblichen Unterdrückung heausgearbeitet hätten, obwohl die ausführliche Betrachtung der Clangesellschaften in Ursprung und Exzerptheften das Gegenteil nahelegt.

Hartmann wiederum behauptete, dass eine zu starke Bindung des Patriarchats an das Privateigentum in der Konsequenz dazu führe, dass Sozialist*innen die vollständige Proletarisierung der Frau als Bedingung der Revolution für wünschenswert erachten müssten. Dies etwa, in die ökonomische Unabhängigkeit werktätiger Frauen gepriesen werde. Da Frauen aber als Proletarier*innen doppelt von Klassen- und Geschlechterunterdrückung betroffen seien, könne dies weder attraktiv und emanzipatorisch wirken. Der Kampf des Proletariats müsse sich daher als Kampf der Proletarier, der Proletarier*innen und der Frauen gegen die Proletarisierung darstellen. Zhu nimmt den hier in erster Linie adressierten Engels gleich doppelt in Schutz. Erstens hat Engels die Doppelbelastung der Frau klar erkannt, als er schrieb, dass Arbeiter*innen entweder ihre Pflichten in der Produktions- und der Reproduktionssphäre vernachlässigen müssten, wenn sie der Lohnarbeit nachgingen. Und zweitens hat Engels die beginnende Emanzipation der Frau nicht an die finale Abschaffung des Privateigentums geknüpft, sondern die Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit als Eintritt in die Emanzipation der Frau bestimmt. Mit der zentralen Stellung der Familie und ihrem Zuständigkeitsbereich der Frau für die Reproduktion falle die Keimzelle des Patriarchats. Das ist nun keineswegs an die vollendete Abschaffung des Privateigentums gekoppelt, sondern kann durchaus als Teil des von Hartmann geforderten parallelen Prozesses verstanden werden.

Zusammenfassung

Marx, Engels, der sozialistische und der bürgerliche Feminismus teilen letztendlich, dass das Patriarchat kein Naturzustand der menschlichen Gesellschaft, sondern ein historischer ist. Der letztere unterscheidet sich dabei aber darin, dass er im Patriarchat selbst das Epochenbestimmende sieht, während der historische Materialismus das Patriarchat aus den Produktionsverhältnissen ableitet und damit auch nur in Einheit mit diesen für überwindbar hält. Diese Debatte, die seit der reifen Sozialdemokratie andauert, kann an dieser Stelle nicht entschieden werden. Was Xinxian Zhu aber deutlich macht, ist, dass eine Spaltung des marxistischen Feminismus in einen vermeintlich dialektischeren, multilinearen Geschichtsansatz des späten Marx und einen schematistischen unilinearen bei Engels so nicht funktioniert. Auch die Ethnologischen Exzerpthefte geben solche eine Spaltung nicht her. Engels musste im Ursprung mehr systematisieren als Marx in seinen losen, persönlichen Mitschriften und Abschriften. Und Marx machte sich eben genau da kritische Anmerkungen, wo etwa Morgan die bestimmende Stellung des Privateigentums vergaß, während Engels diese Rolle aktiv beschrieb. Einen marxistischen Feminismus, welcher das Patriarchat vom Besitz trennt, wird es also ohne Entsorgung von Marx und Engels auch nach der Neuentdeckung der Exzerpthefte nicht geben.

Literatur:

Xinxian Zhu (2026): A Critique of Patriarchy in Marx and Engels’ Late Anthropological Studies. In: History of European Ideas. Online First. DOI: 10.1080/01916599.2026.2634692.

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