Deutscher-Preis-Shortlist 2025 (3): Fun Fact-Sammlung des Ölimperialismus

⋄ Adam Hanieh hat bei Verso Books dennoch eine neue Geschichte des Öls veröffentlicht. Crude capitalism: Oil, Corporate Power and the Making of the World Market.

Das Buch wurde in die Shortlist für den Isaac-und-Tamara-Deutscher-Preis 2025 aufgenommen..

Hanieh zeigt, wie eng der Ölimperialismus gegenüber der reinen Extraktion mit der Produktion zusammenhängt.

Er diskutiert, wie das Erdöl zum einen die Sowjetunion als Einflussgröße im globalen Süden zu etablieren half, aber auch, wie es sich als Hindernis der Weltrevolution darstellte.

Hanieh erklärt mit dem Buch Lenins Imperialismustheorie, oder Lenin oder Imperialismus zusagen und Marxens Werttheorie, ohne Marx und Wert zu sagen.

Gibt es zur Geschichte des Öls im Kapitalismus noch neues zu sagen? Spätestens mit den Wars for Oil, wie viele US-amerikanische Linke die Golfkriege titulierten, nahm die Literatur zu diesem Thema rasant zu. Viele Kritiken haben ein Imperialismuskonzept, dass allein auf der Analyse des Zugangs zu Öl beruht zu Recht in Frage gestellt. Öl ist schließlich ein Weltmarktprodukt und kann ganz friedlich zu Weltmarktpreisen gekauft werden. Mit der weiteren Verschärfung der Klimakrise und dem Versuch des Kapitalismus, sich durch Emissionsverzicht ein grünes Mäntelchen umzuhängen, folgte eine zweite Reihe an marxistischen Auseinandersetzungen, die sich mit Fragen von Zirkulation und Metabolismus beschäftigten. Allerdings hat das Interesse auch hier deutlich abgenommen. Darüber hinaus haben die neuen Energieträger, wie Wasserstoff, Atomenergie oder Solaranlagen mehr Beachtung bei der Analyse bekommen. Man könnte fast glauben, das Thema sei abgegrast und ausgelutscht. Adam Hanieh hat bei Verso Books dennoch eine neue Geschichte des Öls veröffentlicht. Crude capitalism: Oil, Corporate Power and the Making of the World Market wurde sogar für den Deutscher-Preis nominiert. Zu Recht?

Ursprung des amerikanischen Ölimperialismus

Erzählen wir ein bisschen die Story des Buches. Die Geschichte des Öls beginnt mit seiner ersten Krise. Nachdem Colonel Drake 1859 das erste Mal erfolgreich und kommerziell das schwarze Gold aus dem Boden Pennsylvanias förderte, versuchten tausende Ölpioniere ihr Glück. Allein der Markt fehlte. Außer für Kerosin war Öl kaum zu verwenden und erst im Jahre 1895 sollte überhaupt erst die Kohle Holz als wichtigsten Energieträger der USA ablösen. Einer der bekanntesten gescheiterten Glücksritter war der Schauspieler John Wilkes Booth, der später Abraham Lincoln erschießen sollte. In bester marxistischer Manier analysierte John D. Rockefeller, dass man keinen Profit daraus ziehen könne, einfach nur einen Rohstoff aus der Erde zu ziehen, wenn man nicht auch eine anschließende Produktion anhängen würde. So versammelte er 1881 40 wohlhabende Industrielle um sich, um den Standard Oil Trust zu gründen, den ersten vertikal integrierten Konzern der Welt.

Schnell geriet der Trust mit der Legislative in Konflikt, die immer neue Gesetze gegen die Monopolisierungstendenzen erließ. Die immer stärkere Ausdifferenzierung von Standard Oil, welche ebenso der immer größeren und breitflächigeren Nachfrage nach Ölprodukten geschuldet war, machte dieses Unterfangen aber zu einem sinnlosen Rennen zwischen Hase und Igel. Die Mechanisierung des Ersten Weltkrieges trug zudem dazu bei, dass die Interessen der Ölindustrie unmittelbar mit den nationalen Interessen verschmolzen. Das Kapital der Ölfirmen drängte zum Export, insbesondere in den Hinterhof der USA: Südamerika. Gleichzeitig begann man sich seine eigene einheimische Nachfrage durch Schöpfung eines komplett neuen Typen von Konsumten zu schaffen: dem Fahrer. Die Automobilindustrie und der Straßenbau stiegen auf und sicherten teils durch billige Importarbeitskräfte, teils neue Produktionsmethoden, ihre eigenen Extraprofite. Wenn also von Ölimperialismus gesprochen werden muss, dann in einem ganz klassischen Leninschen Sinne und nicht erst mit den Interventionen der 1990er und 2000er Jahre.

Das Ölzeitalter begann aber erst mit der Etablierung der Petrochemie. Da nicht der Gebrauchswert des Rohstoffs, sondern die darin enthaltene vergegenständlichte Arbeit, den Wert des Produkts ausmacht, konnte Öl erst dann so bestimmend werden, als es auch genügend Arbeit band: bei synthetischen Stoffen, bei der Versorgung mit Elektrizität und Wärme und der Allgegenwart des Motorverkehrs. 1949 kontrollierten sieben amerikanische Monopolisten noch den gesamten Weltmarkt. Der Marshallplan bezweckte, die europäischen Länder weg von der Kohle hin zum Öl zu treiben. Damit aber durch erhöhten Export die Preise in den USA stabil gehalten werden konnten, wurden die Europäer insbesondere dazu motiviert, ihr Öl außerhalb der Staaten zu kaufen.

Öl, Kolonialismus und Antikolonialismus

Die gestiegenen Profite in den Ölländern außerhalb der USA stärkten wiederum die dortigen antikolonialen Bewegungen. Venezuela konnte bessere Bedingungen gegenüber den amerikanischen Konzernen erzwingen. Mossadeghs Verstaatlichungsprogramm wurde nur durch einen Transportboykott der Ölmonopolisten und einen CIA-orchestrierten Umsturz verhindert. Die ägyptische Regierung unter Nasser stärkte sozialistische und panarabische Bewegungen im gesamten Mittleren Osten. Und auch die arabische Halbinsel, wo noch subventionierte Monarchen regierten, geriet langsam unter Druck.

Bereits seit langem mit dem Kolonialismus war die britische Erdölindustrie verwoben. Die halbstaatliche Anglo-Persian Oil Company wurde 1909 gegründet und die privaten Anteilseigner profitierten von der staatlichen Unterstützung in der Infrastruktur wie dem Aufbau einer Tankerflotte. Churchill ließ im Ersten Weltkrieg die Kriegsmarine auf Öl umstellen. Damit schuf man auch einen gemeinsamen Markt für ein spezifisches Produkt, was den US-Imperialismus zum ersten Mal in Konflikt mit dem europäischen Kolonialismus brachte, stellte doch die staatliche Verflechtung in den Kolonien eine Grenze des Kapitalexports für die amerikanischen Ölfirmen dar. Die USA fuhren hingegen eine interessante Doppelstrategie. Auf der einen Seite schwächten sie den britischen Kolonialismus, indem sie Großbritannien durch ihre Vormacht auf dem Ölmarkt dazu zwangen, die Tür zum Mittleren Osten auch amerikanischen Firmen zu öffnen. Zum anderen beruhte diese Türöffnung dennoch auf der militärischen Gewalt des britischen Kolonialismus. Die Beteiligung funktionierte in der Regel durch festgelegte und festbepreiste Abnahmemengen, wobei die Investoren ihre eigentlichen Gewinne bei der Weiterverarbeitung und Vermarktung machten.

Die doppelte Rolle der USA führte auch zu Widersprüchen in der postkolonialen Welt. 1960 wurde die OPEC nicht nur die mächtigste Organisation, die von Staaten des globalen Südens geführt wurde, es wurde auch die reaktionärste. In Saudi-Arabien wurde die Freie-Prinzen-Bewegung zerschlagen. Im Irak wurde die Baath-Partei gegen die Kommunisten genauso durch den CIA unterstützt, wie beim Sturz des Initiators der Bandung-Konferenzs, Ahmad Sukarno. Die Folge waren tausende ermordete Kommunisten im Irak und ein halbe Million in Indonesien.

Der Eintritt Libyens in den Ölmarkt verschob das Kräftegleichgewicht nochmals. Das „süße Rohöl“ der Region war leicht weiterzuverarbeiten und konnte daher günstig gehandelt werden. Nicht nur König Idris, sondern auch sein Nachfolger Mohammad Gaddafi kooperierten eher mit unabhängigen Unternehmen, die Teile des Marktes der Sieben Schwestern übernahmen.

Der erste Öl-Schock wurde durch die Aufkündigung des Bretton-Woods-Systems ausgelöst, das den Dollar an Gold koppelte. Da die USA den Dollar als unhintergehbare Weltwährung etablieren konnten, gab es keinen Grund mehr, nicht selbst einfach Dollar zu drucken und die Inflation auf alle Länder, die in Dollar handelten, abzuwälzen (Näheres hier). Der Dollar erlitt innerhalb kurzer Zeit einen Wertverlust und die OPEC-Staaten, die einen Teil ihrer Reserven entwertet sahen, drosselten die Produktion und erhöhten die Preise innerhalb weniger Wochen auf das Sechsfache. Der Jom-Kippur-Krieg diente lediglich als Vorwand. Die USA wurden deshalb stark getroffen, weil die einheimische Produktion in Folge von Kartelluntersuchungen gedrosselt wurde. Eine neue Generation von Ökonomen – Alan Greenspan, Milton Friedman u.a. – nutzten dies aus, um gegen die Eingriffe des Staates in den freien Markt zu agitieren und die ideologische Grundlage des Neoliberalismus von Reagan bis zur Finanzkrise 2008 zu legen.

Die steigenden Erlöse der OPEC-Staaten durch den Ölverkauf halfen wiederum die Vorherrschaft des Dollars zu stärken. Die Petrodollar wurden neben Konsumausgaben in der kapitalistischen Peripherie investiert, was diese Länder auf Grund der ausbleibenden Renditen in Schuldenkrisen brachte, zu deren Bewältigung der dollardominierte IWF wiederum politökonomische Bedingungen oktroyieren konnte. Saudi-Arabien kaufte sich von den Petrodollars hingegen reichlich Waffen, mit denen das Königshaus seine eigene Machtpolitik in der Region vertrat. Die Aufrüstung der Freien Syrischen Armee und ihrer islamistischen Verbündeten ab 2011 gehört dabei nur zu einem der jüngeren Beispiele, wie diese Waffen dann die Hände terroristischer Gruppen gerieten.

Die Geschichte des russischen und sowjetischen Öls

In einem anderen Teil der Welt war eine Stadt bekannt für ihre ewigen Flammen, gespeist durch Benzingase: Baku. Ende des 19. Jahrhunderts kamen deutsche, russische und armenische Ölbarone in das Städtchen am Kaspischen Meer, das innerhalb kürzester Zeit Heimat zehntausender Arbeiter*innen aus dem ganzen Zarenreich werden sollte. Die norwegischen Brüder Alfred Nobels bauten von Baku aus die erste Pipeline nach Schweden. Ihnen folgten britische und holländische Investoren, die in den englischen und amerikanischen Märkten keinen Platz mehr fanden. Ebenso entwickelte sich die russische Sozialdemokratie hier rasant, die mit mehr verbunden war als dem Namen Stalins. 1904 fand ein großer Generalstreik in der Ölindustrie statt. Während der Revolution 1905 wurden einige Ölfelder verwüstet. Sechs Monate nach der Oktoberrevolution beschlossen die Bolschewiki die Nationalisierung des aserbaidschanischen Öls, ein Beschluss mit einem Schönheitsfehler. Aserbaidschan sollte eigentlich aus dem zaristischen Völkergefängnis befreit werden. Die starken Menschewiki pochten auch nationale Selbstbestimmung, auch angesichts der großen muslimischen Population. Die ansässigen Bolschewiki und die Rote Armee eroberten 1920 Baku und setzten den Beschluss der Bolschewiki um. Noch zu diesem Zeitpunkt wetteten amerikanische Ölkonzerne auf eine Niederlage der Bolschewiki und kauften den verschreckten Nobels günstig ihre Anteile ab.

Um Kapital für die Wiederaufnahme der Förderung zu schaffen und imperialistische Interessen gegeneinander auszuspielen, bot Lenin ausländischen Firmen Konzessionen über die Ölfelder an. Die Idee war, dass die Einigung über Konzessionen eine faktische Anerkennung der Regierung und der Nationalisierung bedeuteten. Bei allem Systemgegensatz waren viele Firmen interessiert. Die USA fürchteten jedoch um einen Machtzuwachs des britischen Shell-Konzerns, sollte er die Konzessionen erhalten. Nachdem Ende der Konferenz von Genua drängten die Vereinigten Staaten daher zu einem Boykott, nicht ohne hinter der Hand der amerikanischen IBC-Firma beim Erwerb von Konzessionen keine Steine in den Weg zu legen, außer dem Versprechen, nicht auf nationalisierten Feldern zu fördern. Zwischen 1922 und 1932 stieg der Ölexport der Sowjetunion um das Hundertfache an und Italien, Deutschland oder Frankreich waren zu signifikanten Anteilen von diesen abhängig. Verlierer war Großbritannien. Während sich Kontinentaleuropa unabhängig von britischem Öl machte, brachten die USA ihre kleinen Player in der UdSSR unter.

Die Erschließung großer Ölfelder in Westsibirien nach dem Zweiten Weltkrieg führte dazu, dass die Sowjetunion ihre Ölexporte von 3,7 Millionen Tonnen 1955 auf 85,8 Millionen Tonnen im Jahre 1968 steigern konnte. Damit verbilligte sie nicht nur das Öl auf dem Weltmarkt, sondern konnte auch Bündnispartner wie die DDR, die CSSR oder Kuba ökonomisch stabilisieren. Öl wurde zu einer politischen Waffe der UdSSR. Nachdem die amerikanischen Ölkonzerne Sri Lanka verboten, das billige sowjetische Öl zu importieren, wurden die dortigen Ölvorkommen verstaatlicht. Die weniger ruhmvolle Geschichte dahinter ist, dass die Sowjetunion zur Erlangung von Devisen darauf angewiesen war, dass Länder des globalen Südens, die Öl kauften, billig für die imperialistischen Staaten produzieren mussten, um das Öl in Dollar zu zahlen. Damit bestand ein gewisses Interesse der UdSSR, dass diese Staaten in den kapitalistischen Weltmarkt integriert blieben, während man sich selbst immer mehr in diesen integrierte.

Doch auch hier zeigte sich wieder, dass Rohstoffextraktion etwas vollkommen anderes ist als auf Produktivkräften beruhende imperialistische Macht. Die europäische Staaten begannen, getriggert durch den Ölpreisschock 1973, ihren Ölverbrauch stetig zu senken. Gleichzeitig brach die Islamische Revolution im Iran über Nacht eines der erdölreichsten Länder aus der OPEC. Die plötzliche Verknappung und der Anstieg des Ölpreises motivierte den saudischen Adel, ihre Kapazitäten unkontrolliert zu erweitern, was zu einer Überproduktion und zum Preisverfall des Öls führte.

Getroffen wurde davon im Wesentlichen die Sowjetunion. Das Erdöl in Westsibirien wies zunehmend schlechtere Qualität auf, was zu mehr Verarbeitungsschritten und damit einer Verteuerung führte. Bei gleichzeitigem Preisverfall des Öls auf dem Weltmarkt fielen die Gewinnmargen so immer niedriger aus. Die Devisen, mit denen die UdSSR Mängel in der eigenen Produktion beheben konnte, flossen immer spärlicher und der Druck sezessionistischer Bewegung, etwa im Baltikum oder in Kleinasien, nahm zu. Als Gegenmaßnahme verlangte Gorbachev von den RGW-Staaten, Öl künftig in harten Dollar zu bezahlen. Staaten, wie die DDR hatten nun sowjetisches Öl nicht nur über dem Weltmarktpreis zu bezahlen, sondern mussten auch noch Devisen dafür aufwenden. Eine Zumutung, die so nicht verkraftbar war und zum Zusammenbruch des sozialistischen Lagers und später der Sowjetunion führten. Die Transformationsprobleme von der Plan- in die Marktwirtschaft nutzte wiederum eine kleine Elite an Bürokraten dazu aus, enormen Reichtum mit Außenhandelslizenzen und Unternehmensanteilen von Ölfirmen zu machen und später die Schicht der so genannten Oligarchen zu begründen. Im Pakt vom 28. Juli 2000 legalisierte Putin die kriminell erworbenen Besitzrechte jener Oligarchen, die sich seiner politischen Führung unterordneten.

Öl und Europa

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war noch nicht abzusehen, welche Rolle Öl einst in der Chemie spielen sollte. Die drei großen deutschen Chemiewerke Bayer, BASF und Hoechst, die sich 1916 im IG-Farben-Kartell zusammenschlossen dominierten 90% des Weltmarktes für synthetische Stoffe. Selbst den Versailler Vertrag überlebte die chemische Industrie weitgehend unbeschadet und die IG Farben spielte eine bedeutende Rolle in den Kriegs- und Nachkriegsplanungen der Hitlerfaschisten. Da der westliche Teil der chemischen Industrie 1945 in Trümmern lag und der östliche in den Händen der Sowjetunion, gelang es den Amerikanern, diese in der Folge auf Öl auszurichten. So verbot man im Potsdamer Abkommen die Gewinnung von Treibstoff aus Kohle und entließ frühzeitig die für Kriegsverbrechen verurteilten Chefs der IG Farben, die wieder in ihre Mutterkonzerne zerschlagen wurde. Bereits 1963 basierten zwei Drittel der Produktion auf Öl. In den USA hingegen erreichte die organische Zusammensetzung der chemischen Industrie astronomische Höhen. In den 1970ern machten die Lohnkosten gerade einmal 1% aller Ausgaben aus. Sowohl im Bereich der Textilien, als auch der Haushaltswaren ersetzten synthetische Materialien bisher in der kapitalistischen Peripherie mit viel Handarbeit gefertigte Grundstoffe und trieben dort die Löhne in den Keller. Verpackungsmateralien wurden so verbilligt, dass gigantische Müllberge entstanden.

Die Abkehr von Kohle und Stahl führte ab den 70ern zu neuen Dynamiken in Europa. Großbritannien konnte sich ökonomisch nicht in den Widersprüchen positionieren und verkaufte für einen IWF-Kredit einen großen Teil von BP. Diese Privatisierung sollte erst den Anfang einer ganzen Welle unter Thatcher darstellen. Andere europäische Staaten eiferten nach und besserten ihre Haushalte mit den Verkäufen ihrer Ölfirmen auf. Frankreich verkaufte Elf und Total, Italien ENI, Österreich OMV. Die schlichte Größe der Verkäufe zwang dazu, die Finanzmärkte zu deregulieren, um sich das benötigte Kapital international und in neuen Organisationsformen sammeln zu lassen. Die Deregulierung erleichterte die Bildung neuer Monopole auf dem Ölmarkt und einer relativen Autonomie des Ölgeschäfts gegenüber den nationalen Interessen. Die Europäische Union als transnationale politische Formation zur Durchsetzung der Agenda des von der Kette gelassenen Finanzkapitals wurde zur einzigen adäquaten Antwort.

Die Neue Weltordnung

Die aktuelle Weltordnung lässt sich also elegant in der Geschichte des Öls erzählen. Fehlt noch China. Die Ausdehnung der Produktion in der Volksrepublik seit den 90ern sorgte dafür, dass die Nachfrage nach Öl konstant hoch blieb. Aber allen war spätestens mit dem Ende des Kalten Krieges bewusst geworden, dass politische Stabilität nur durch Integration von immer weiteren Teilen der Wertschöpfungskette zu gewinnen war. Der Golf stieg zum drittgrößten Produzenten von Ethylenen auf. Dabei spielten chinesische Konzerne wiederum eine gewichtige Rolle. Die Waren- und Kapitalzirkulation, die immer weniger die USA und Europa integrierten, schlagen sich heute im Bedeutungszuwachs der BRICS+-Staaten wieder.

Die Aussichten sehen vor dem Hintergrund der Klimakrise alles andere als rosig aus. Als Akutmaßnahmen schlägt Hanieh die gesellschaftliche Kontrolle über die Ölkonzerne, die Demilitarisierung als Bekämpfung der größten Quelle für Umweltverschmutzung und die Entschuldung des globalen Südens vor. Diese Maßnahmen fühlen sich genau wie das letzte Kapitel reichlich dünn an im Angesicht der Interdependenz und der Dialektik der Probleme von Produktion, Zirkulation und Verteilung des Öls.«

Zusammenfassung

Hanieh ist in seinem historischen Abriss etwas gelungen, das nur den wenigsten marxistischen Schriftstellern gelingt: er zeichnet die Leninsche Imperialismustheorie nach, ohne Lenin zu sagen, und die Marxsche Werttheorie, ohne Marx. Hanieh behauptet nicht, dass das Öl sämtliche Politik und jeden Krieg der letzten hundert Jahre verursacht hat, aber er zeigt, welche Rolle Öl als materieller Träger von Wert und Interessen in allen Konflikten gespielt hat; ob mit Waffengewalt ausgetragen oder nicht. Er entfaltet damit die Totalität des Öls in der kapitalistischen Produktion und die Totalität der kapitalistischen Produktion im Spiegel des Öls. Vieles ist bereits bekannt, manches Bekannte wird neu kontextualisiert. Wer seit diesem Jahr einen Überblick über die Geschichte des Öls im Kapitalismus benötigt, der sollte jedenfalls zu Crude Oil greifen. Etwas besseres wird schwer zu finden sein. Und das kann durchaus mit dem Deutscher-Preis belohnt werden.

Literatur:

Hanieh, A. (2025): Crude Capitalism: Oil, Corporate Power, and the Making of the World Market. London & New York: Verso.

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