Die politische Ökonomie des tendenziellen Falls der Geburtenrate

⋄ Ausgerechnet die sinkende Geburtenrate mit der Durchsetzung des Kapitalismus behandelt die bürgerliche Ökonomie als eine Art Naturgesetz.

⋄ Paul Cammack zeigt anhand verschiedener nationaler Beispiele, wie die mangelnde Reproduktionsfähigkeit des Proletariats Produkt des konkreten Klassenkampfes von oben ist.


⋄ Während in Chile die Reproduktionskosten etwa informell auf den Schultern der Frauen externalisiert werden, kontrolliert das Kapital Südkoreas über den kostenintensiven Bildungssektor die Möglichkeiten zur Familienplanung.

⋄ In Spanien setzt die Bourgeoisie auf medizinische Technik, um den individuellen Geburtenzeitraum biographisch nach hinten zu verlagern.

⋄ Großbritannien als eine der führenden imperialistischen Mächte besitzt keine neuen Externalisierungsmechanismen mehr und gerät damit immer tiefere gesellschaftliche Widersprüche.

Eigentlich kennt die bürgerliche Gesellschaftswissenschaft keine historischen oder sozialen Gesetze. Aber das Gesetz, dass mit der Industrialisierung die Geburtenrate sinken muss, gilt ihnen dann doch als unverbrüchlich. Denn eigentlich müsste man schon fragen, wie leistungsfähig eine Gesellschaftsform eigentlich ist, wenn sie die bescheidenste aller biologischen Aufgaben, die Arterhaltung, nicht bewältigen kann. Dann wird natürlich erzählt, es sei eben der Gewinn an Freiheit und Aufstiegschancen für Frauen im Kapitalismus, der die Familienplanung nach hinten oder ganz aus den Lebensentwürfen schiebe. Aber das Private ist immer politisch und die Freiheit im Kapitalismus endet stets an den Akkumulationsbedingungen des Kapitals.

Dabei ist die intergenerationale Reproduktion der Ware Arbeitskraft ein widersprüchlicher Prozess. Das Kapital ist zum einen auf neue Lohnarbeiter*innen angewiesen, jede Verschärfung der Ausbeutung begrenzt aber wiederum die Möglichkeiten des Proletariats, Nachwuchs großzuziehen. Und wo Widersprüche im Kapitalismus geregelt werden müssen, gibt es durchaus eine Bandbreite an Klassenpolitik von oben, die mit der fehlenden Reproduktion umgeht oder gar aus ihr Profit schlägt. Paul Cammack hat sich an einigen ersten Schritten auf dem Gebiet der politischen Ökonomie der Postreproduktionsgesellschaft versucht, indem er ganz konkrete Mechanismen in Chile, Korea, Italien und dem Vereinigten Königreich analysiert hat.

Grundlegendes

Eines der zentralen Analyseinstrumente aus dem Kapital ist das „Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“. Dieses besagt, dass das Kapital prinzipiell auf dem Arbeitsmarkt zwei Situationen vorfindet. Entweder ist die Arbeitskraft rar, sodass die spontane Klassenkampfkraft des Proletariats sehr hoch ist, was zu hohen Löhnen und guten Arbeitsbedingungen führt. Dann versucht das Kapital, die teure Arbeitskraft möglichst maschinell zu ersetzen, was aber in der Langzeitfolge zum allgemeinen Fall der Profitrate führt. Oder die Arbeitskraft ist reichlich vorhanden. Dann kann das Kapital die Arbeitskraft sogar unter ihrem Wert kaufen, was nicht heißt, dass sie sich nicht mehr ernähren kann, aber dass sekundäre Reproduktionsaufgaben eben nicht mehr bewältigt werden können, wie eine langfristige Gesunderhaltung, kulturelle Partizipation oder eben die intergenerationale Reproduktion, was letztlich erneut zu einer Verknappung der Ware Arbeitskraft führt. Marx hat damit ein prozessorales Gesetz entwickelt, dass die Notwendigkeit ständiger ökonomischer Veränderung zwischen den zwei Polen des möglichen Arbeitskraftangebots plausibel beschreibt. Die jeweilige Strategie des Kapitals wird dabei juristisch, politisch und kulturell vermittelt und ist eine der wichtigsten Schaltstellen zwischen Basis und Überbau. Dieser Mechanismus beschreibt damit ganz grundlegend, wie das Kapital mit einer Verknappung der Arbeitskraft umgeht bzw. sie überhaupt erst bewirkt.

Geschichtliches

Die historische Erscheinung gilt dabei als weitestgehend verstanden. Die Einführung und Popularisierung der Pille, sowie Liberalisierungen im Abtreibungsrecht haben Frauen mehr Möglichkeiten der Kontrolle über die Familienplanung gegeben. Die Öffnung der höheren Bildungswege für Frauen habe weiterhin dazu geführt, dass diese zunächst Bildung und den Einstieg in Berufsleben anvisierten und die Kinderplanung nach hinten verschoben. Damit fanden Frauen eine kürzere Zeitspanne der Fruchtbarkeit vor, was sich in einer Reduzierung der Wunschkinderanzahl niederschlug. Wünschten sich 1963 noch 80% aller nichtkatholischen Frauen mindestens drei Kinder, fiel der Wert 1973 bereits auf 29%. Für den Staat bedeutete dies einerseits, dass die nachfolgende Generation weniger dazu in der Lage war, die ältere zu versorgen, sodass die professionalisierte Betreuung ausgebaut werden musste. Gleichzeitig jedoch führte die Ausweitung neoliberaler Reformprojekte auch dazu, dass Arbeit weniger planbar und flexibler gestaltet wurde, sodass sich die Bedingungen zur Familiengründung wesentlich verschlechterten.

Das Kapital sei dann dem Bedarf an Fachkräften mit einer Liberalisierung der Arbeitsmärkte begegnet, sodass sich nicht nur Arbeiter*innen in globaler Konkurrenz mit anderen Proletarier*innen befunden hätten, sondern Unternehmen ihre arbeitsintensive Produktion auch in Region mit hohem Bevölkerungswachstum verlegt habe.

Chile

So weit, so allgemein. Der interessante Teil der Analyse von Cammack beginnt mit der Diskussion der einzelnen Fallbeispiele, denn sie zeigen den Handlungsspielraum der Bourgeoisie im Klassenkampf von oben auf. In Chile setzt Cammack die prinzipielle Zäsur in den neoliberalen Formen unter Pinochet an. Etwa ein Viertel aller Werktätigen ist im informellen Sektor beschäftigt, bei dem Jobsicherheit und gesundheitliche Absicherung auf einem minimalen Standard sind. Die Geburtenrate fiel um über 60% auf heute 1,17. Dabei werden drei Viertel aller Kinder außerhalb regulärer Ehen geboren. Die Reproduktionsarbeit wird dabei auf die Frauen abgewälzt, welche diese in heterosexuellen Beziehungen doppelt so häufig verrichten wie Männer. Im Bewusstsein der Frauen spiegelt sich die Doppelbelastung in der Tradierung eines Lebensperspektive mit möglichst wenig Kindern wieder. Mütter raten ihren Töchtern entweder, auf Kinder zu verzichten oder erst ihr Leben zu leben und sich erst in den Dreißigern und Vierzigern aufzuopfern. Da der Staat jedoch auch nur eine spärliche Altersversorgung garantiert, müssen dann die wenigen Kinder zusätzlich ihre Eltern mitfinanzieren, weshalb der Rat an die jüngere Generation auch nicht ganz uneigennützig ist.

Das chilenische Beispiel zeigt, dass die Bourgeoisie keineswegs passiv auf den Geburtenrückgang reagiert. Die Kompradorenbourgeoisie Chiles – eng verflochten mit internationalen Finanz- und Rohstoffmärkten – hat es verstanden, aus dem von Pinochet errichteten neoliberalen Fundament ein System zu formen, das auf drei Säulen ruht: erstens die Externalisierung der Reproduktionskosten auf die Familie, zweitens die Subventionierung des Niedriglohnsektors durch eine bewusst karge Altersversorgung, die die wenigen geborenen Kinder indirekt zu Versicherern ihrer Eltern macht, und drittens die psychopolitische Disziplinierung über den meritokratischen Individualismus. Gerade weil der Staat keinerlei nennenswerte kollektive Infrastruktur für Kinderbetreuung oder Alterssicherung bereitstellt, wird die Entscheidung gegen Kinder zur rationalen Anpassungsleistung der Subalternen, während die Entscheidung für Kinder – wenn sie fällt – die Familien noch tiefer in prekäre Selbstausbeutung treibt. Die Bourgeoisie profitiert dabei doppelt: Sie erhält eine gut ausgebildete, flexible und konkurrenzorientierte Arbeitskraft, die ihre geringe Reproduktionsneigung durch hohe Verfügbarkeit und niedrige Erwartungen an soziale Sicherung ausgleicht – und sie entledigt sich zugleich der lästigen Aufgabe, über kollektive Sozialpolitik für die nächste Generation sorgen zu müssen.

Korea

In Südkorea unterscheidet sich die Situation von Chile, da sich hier eine relativ starke Monopolbourgeoisie ausgebildet hat. Kurz nach dem Koreakrieg wurde das Dogma der internationalen Wettbewerbsfähigkeit besonders gegen starke Stimmen aus der indigenen Community politisch durchgesetzt. Das Land hat mit 0,72 die geringste Geburtenrate der Welt und gleichzeitig mit 29-33% die höchste Gender Pay Gap. Die Unterstützung für Familien ist extrem gering. Obwohl man die Kinderbetreuung ausgebaut hat, sorgt die Flexibilisierung der Arbeitszeiten und der beständige Fortbildungsdruck dafür, dass sich dies nicht in mehr Geburten niederschlägt. Besonders das privatisierte höhere Bildungssystem sorgt dafür, dass mehr als ein Kind für einen proletarischen Haushalt gar nicht finanziert werden könnte. Jeder koreanische Haushalt gibt knapp 15% des Familieneinkommens für Bildung aus bei 75% an Familien, die private Bildungsangebote in Anspruch nehmen. Es gilt schon alleine als unverantwortlich gegenüber den Kindern, welchen dann die Prekarität droht, vom Familienideal mit Ehe und einem Kind abzuweichen. Für den langfristigen Bedarf an Arbeitskräften setzt das Kapital vermehrt auf Immigration.

Anders als in Chile, wo die Kompradorenbourgeoisie vor allem über Rohstoffexporte und Finanzdienstleistungen akkumuliert, kontrollieren in Südkorea die Chaebols – die riesigen, familienkontrollierten Industriekonglomerate wie Samsung, Hyundai und LG – die Ökonomie. Diese spezifische Klassenstruktur erzeugt einen anderen, aber nicht minder wirksamen Mechanismus der post-reproduktiven Disziplinierung. Während in Chile die Externalisierung von Reproduktionskosten auf die informelle Familie im Vordergrund steht, funktioniert Korea über eine totale Monetarisierung der Zukunftsvorsorge: Die Chaebols benötigen extrem gut ausgebildete, hochdisziplinierte und global wettbewerbsfähige Arbeitskräfte – und sie haben es geschafft, die Kosten für deren Produktion an die proletarischen und kleinbürgerlichen Haushalte weiterzureichen.

Spanien

Spanien ist ein interessanter Fall, da es medizinisch auf die Reproduktionswidersprüche reagiert. Auch hier ist die Geburtenrate extrem gefallen; von 2,77 im Jahr 1978 auf aktuell 1,2. Motor war der Beitritt zur Europäischen Union, welche das ökonomische System durchgehend liberalisiert hat. Hier hat sich jedoch die materielle Basis im Bewusstsein noch nicht vollständig etabliert, sodass sich viele Frauen zwar größere Familien wünschen, diese aber massiv im Arbeitsmarkt diskriminiert werden. Der institutionelle Feminismus nach dem Ende der Franco-Diktatur beschränkte sich auf verbesserten Zugang zum Arbeitsmarkt, politische und juristische Emanzipation vom Mann und bessere Bildungsmöglichkeiten, beinhaltete aber eben keine Wahlfreiheit für Frauen zur Familienplanung. Die kollektive Reaktion der spanischen Frauen war weniger der Verzicht als eher die Verschiebung der Schwangerschaft. Die einfachen, aber kostspieligen Zugänge zu IVF, Kryomethoden und Adoption haben es einer kleinen Schicht der Arbeiter*innenaristokratie ermöglicht, ihre Schwangerschaft bis in die 40er Jahre zu verschieben. Eizellenspenden haben bereits 2019 die Schwelle von 15.000 pro Jahr überschritten, wobei die Spenderinnen häufig aus einem prekären Bereich kommen.

Das spanische Modell sieht also vor, dass die Bourgeoisie das Problem der fehlenden Arbeiter*innen temporal löst. Wer Kinder will, muss sie sich auch biographisch. Die temporale Lösung ist dabei perfide klassenpolitisch: Sie verhindert einen generellen Geburteneinbruch gerade lange genug, um das System am Laufen zu halten, während die Kosten der Reproduktion zunehmend auf den Körpern der unteren Schichten ausgetragen werden. Die Bourgeoisie muss nichts an der prekären Arbeitsmarktstruktur ändern – sie verlässt sich darauf, dass Professionalisierung und Reproduktionsmedizin den Nachwuchs schon irgendwie, irgendwann und von irgendwem bereitstellen werden.

Vereinigtes Königreich

Mit Großbritannien als einem der imperialistischen Kernstaaten haben wir ein Beispiel, dass selbst die ökonomisch mächtigen Staaten Mühe haben, die Geburtenrate in den Griff zu bekommen. Insbesondere im Alterssegment zwischen 20 und 24, einst die Blütezeit der Fertilität, werden gerade einmal knapp über 38 Kinder auf 1000 Frauen geboren, während dieser Wert 1964 noch bei über 181 lag. Die Starmer-Regierung will zwar den Anspruch auf Kinderbetreuung auf 30 Stunden die Woche ausbauen und die Einkommenssteuer ab zwei Kindern kappen. Aber letztlich sind auch dies nur geringe Anreize in einem ökonomischen Umfeld, dass Frauen zu beständiger Qualifikation bei extrem hohen Mieten in den ökonomischen Zentren zwingt.Anders als in Chile, Korea oder Spanien kann sich die britische Bourgeoisie nicht auf einfache Externalisierungsmechanismen, wie die informelle Familie, Bildungsmonetarisierung oder Reproduktionsmedizin verlassen, weil der Wohlfahrtsstaat trotz neoliberaler Abbauten noch Reste kollektiver Sicherung bietet – aber genau diese Reste reizen die Erwartungen der Mittelschichten an, ohne sie zu erfüllen.

Die britische Bourgeoisie hat verstanden, dass sie ihren Arbeitskräftebedarf nicht über eigene Kinder decken muss – der Finanzplatz London zieht qualifizierte Migrant*innen aus aller Welt an, und das NHS wird von philippinischen und indischen Pflegekräften am Laufen gehalten. Die Bevölkerung reagiert mit Ressentiments gegen die Einwanderung, während die Wirtschaft ohne sie kollabiert. Großbritannien zeigt damit das post-reproduktive Dilemma des imperialistischen Kerns in Reinform: Die Bourgeoisie kann die Geburtenrate nicht erhöhen, will die Migration als einzig realistische Alternative nicht offen zugeben und muss zusehen, wie der Widerspruch zwischen Kapitalverwertung und sozialer Reproduktion zunehmend unvermittelt in individueller Verzweiflung – und politischer Radikalisierung – ausbricht.

Zusammenfassung

Die Pointe bei der ganzen Geschichte ist, dass die Arbeiter*innen gleich doppelt ausgebeutet werden. Auf der einen Seite sorgt die hohe Ausbeutung erst dafür, dass eine reguläre und nachhaltige Familienplanung gar nicht stattfinden kann. Und dann sind die Proletarier*innen selbst gezwungen, durch eine Mittel und eigene Anteile von den Mitteln der Reproduktion die gesellschaftlichen Folgen zu bewältigen. Der Unterschied besteht regional lediglich im Mechanismus. In Chile wird die Altenversorgung individualisiert, wodurch junge Chileninnen kein Geld mehr für Kinder übrig haben. In Korea ist das Bildungssystem so teuer, dass mehr als ein Kind gar nicht finanzierbar ist und ein Großteil des Lohns auf die zukünftige Ausbeutungsfähigkeit der Kinder aufgewandt werden muss. In Spanien wiederum wird die Schwangerschaft nach hinten verschoben, wobei wiederum die Proletarier*innen die notwendigen medizinischen Aufwendungen finanzieren. Und in Großbritannien schlägt der auf die Spitze getriebene und nicht mehr weiter externalisierbare Widerspruch die Bevölkerung zunehmend zu rechtsextremistischen Scheinlösungen. Eine radikale Linke kann hier Erfolg haben, wenn sie eine progressive Version einer nachhaltigen Familienplanung für das Proletariat entwerfen kann.

Literatur:

Cammack, P. (2026): The political economy of post-reproduction society. In: New Political Economy. Jahrgang 31. Ausgabe 2. S.267-282.

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