Warum niedrige Löhne nicht zu mehr Investitionen führen

⋄ Der neoliberale Mainstream behauptet, dass mehr Geld, das bei den Kapitalisten bleibt, auch zu höheren Investitionen führt. Auch die deutsche Debatte ist davon geprägt.

In Mexiko jedoch hat die Lohnzurückhaltung der Werktätigen die Investitionsquote nicht nur nicht erhöht, sondern gesenkt.

Carlos Ibarra versuchte am Beispiel Mexikos, das „Puzzle der Profite ohne Investitionen“zusammenzusetzen.

Er stützt sich dabei auf die Cambridge-Weisskopf-Methodik, mit deren Hilfe die einzelnen Einflussfaktoren auf die Kapitalakkumulation getrennt betrachtet werden können.

⋄ Offenbar für die asymmetrische Einbindung Mexikos in den US-Markt zum Versagen neoliberaler Voraussagen.

Mit Javier Milei wurde in Argentinien 2023 ein Popstar der Ultraliberalen und Rechtspopulisten zum Präsidenten gewählt. Er versprach nicht nur, den Staat mit der Kettensäge zu stutzen, sondern vor allen Dingen die Inflation zu bekämpfen. Sein Plan: Durch Senkung der Lohnkosten und Steuern sollten die Profite steigen und so zu neuen Investitionen führen. Die damit einhergehende Ausweitung des Warenangebots könne demnach mit der Geldmengenausweitung Schritt halten, wodurch der Peso stabil bleibe. Allerdings ist die einfache Gleichung Profit = Kapitalakkumulation umstritten. In vielen Ländern des Globalen Südens wurde auf eine „Krise der Überprofitabilität“ oder das „Puzzle der Profite ohne Investitionen“ hingewiesen. Carlos Ibarra versuchte am Beispiel Mexikos dieses Puzzle zusammenzusetzen.

Mexiko

Mexiko ist geradezu dasParadebeispiel eines solchen Puzzles. Durch dramatische Veränderungen in der Lohnquote in den 1990er bis2010er Jahren stieg der Anteil der Unternehmergewinne am geschaffenen Neuwert von 57% auf 67%. Das Kapitalakkumulation flaute hingegen nach kurzem Anstieg wieder deutlich ab und lag zuletzt bei mageren 3,5%. Bürgerliche Interpretationen kamen nicht über eine Standardkritik hinaus: ein unausgeprägter Rechtsstaat, Fehlanreize durch Sozialprogramme und fehlende Investitionen in die Wettbewerbsfähigkeit hätten die Produktivität beeinträchtigt.

Dass genau die selben Faktoren während des zeitweiligen Wachstums Mexikos ebenso vorhanden waren, wenn nicht sogar deutlicher, stört diese dabei nicht. Zudem ist die fehlende Produktivität ja gerade Folge der ausbleibenden Kapitalakkumulation und nicht deren Ursache. Und drittens wurde mit der Umverteilung von Arbeit zu Kapital ja gerade das getan, was bürgerliche Ökonomen immer als Voraussetzung für steigende Produktivität anpreisen. Carlos Ibarra setzte mit seiner Untersuchung an den Besonderheiten der mexikanischen Ökonomie an anstatt sich dieses 08/15-Schemas zu bedienen. Erstens existiert in Mexiko ein großer informeller und unproduktiver Sektor neben einem industriellen, hochproduktiven.

Profite und Kapitalakkumulation in der Theorie

Um die Lücke zwischen Kapitalakkumulation und Profiten zu erklären, bemüht Ibarra zwei unterschiedliche theoretische Konzepte. Die Marxsche Theorie würde die Verbindung von Profit Share und Kapitalakkumulation eigentlich so gar nicht ziehen. Denn der Profit Share behandelt nur die Produktionsmittel als Auslagen des Kapitalisten, während Arbeiter*innen und Kapitalisten sich dann den Neuwert aufteilen. Die Marxsche Theorie behandelt hingegen bereits die Löhne als Auslagen, wodurch sich bei fortschreitender Produktivkraftentwicklung der Anstieg der organischen Zusammensetzung c/v (Produktionsmittel/Löhne) feststellen lässt, der letztendlich die Profitrate senkt. Da die Profitrate für den Kapitalisten das Wesentliche ist, da sie angibt, ein wie viel Mehr an Geld er aus einem Produktionszyklus am Ende erhält, kann der Profit Share als m/v durchaus steigen, während die Profitrate m/(v+c) sinkt und die Kapitalakkumulation dämpft. Das Rätsel würde sich dann allerdings in der Wahl der falschen Referenzgröße auflösen.

Ibarra wählt hinzukommend jedoch noch einen zweiten Ansatz. Die keynesianisch-kaleckianische Cambridge-Weisskopf-Gleichung weist die Kapitalakkumulation als g = suvh – d aus. Dabei ist s die Investitionsquote, u die Auslastungsrate, v der Profit Shareund ddie Abschreibungsquote. Das Produkt aus u,v und h ist in der traditionellen Cambridge-Gleichung nichts anderes als die Profitrate r. Damit ist eine wesentliche Aussage wie auch bei Marx, dass die Akkumulationsquote im Wesentlichen von der Profitrate und nicht dem Profit Share abhängt. Vereinfacht kann man auch sagen, dass die Investitionsquote bei fallender Profitrate steigen muss, damit die Akkumulationsquote konstant bleibt. Das eigentliche Rätsel der Gleichung besteht darin, wie sich s, u, v und h zueinander verhalten müssen oder können, damit die Kapitalakkumulation bei steigendem Profit Share, also sinkendem h, fällt.

Erste empirische Befunde

Der Vorteil der Cambridge-Weisskopf-Gleichung ist, dass man die einzelnen Größen in ökonometrisch messbare Elementezerlegen und so die Wirkungsweise der einzelnen Faktoren empirisch nachvollziehen kann.

Quelle: siehe Literatur. S.8

Das erste Diagramm zeigt das Rätsel selbst auf. Während sich die Akkumulationsquote zwischen der ersten Hälfte der 90er und der zweiten Hälfte der 2010er überhaupt nicht verändert hat, ist der Profit Share durch die neoliberalen Reformen um 10% gestiegen. (b) zeigt, dass auch die Investitionsquote nicht nicht gestiegen ist.

Quelle: siehe Literatur. S.9

Hier zeigt (a), dass die Profitrate trotz höherem Profitshare ebenfalls nicht gestiegen ist, während (b) zeigt, dass das Verhältnis von Output zu Kapitalstock gesunken ist, während der Dienstleistungssektor immerhin noch einen Profitratenanstieg, der produzierende Sektor jedoch einen deutlichen Profitrateneinbruch erlebt hat.

Die zusammenfassende Aufschlüsselung der einzelnen Parameter zeigt noch einmal das Dilemma:

Quelle: siehe Literatur. S.11.

Der steigende Profit Share wurde durch ein fallendes Output/Kapitalverhältnis (u*v) vollständig kompensiert. Oder anders gesprochen, die Produktivität ist enorm gefallen.

Damit ist das Rätsel nun aber keinesfalls gelöst, sondern lediglich umformuliert. Die Frage ist, warum der steigende Profitanteil auf Kosten der Löhne nicht zu Reinvestitionen in die steigende Produktivität geführt hat. Allein lässt sich sagen, dass es offenbar nicht der Anstieg der organischen Zusammensetzung im Marxschen Sinne ist, da dieser wenigstens zu höherer Produktivität geführt haben müsste.

Von den Ecken in die Mitte des Puzzles

Die Cambridge-Weisskopf-Methodik besitzt nun den weiteren Vorteil, dass sich von hier aus statistisch überprüfbare Hypothesen hinsichtlich der Einflüsse anderer messbarer ökonomischer Größen anstellen lassen. So können die Abhängigkeit der Profitrate (1.1), der organischen Zusammensetzung (1.2), einer Verzahnung von organischer Zusammensetzung und Auslastung (1.3), dem Profit Share (1.4) und der US-Zinsrate (1.5).

Für den privaten Finanzsektor konnten die Autoren zeigen, dass eine Erhöhung des Profit Shares nur dann zu mehr Investitionen führt, wenn sie von einem geringen Niveau aus ansteigt. Ab etwa 55% tritt jedoch ein Übersättigungseffekt ein, der bei 61% zu einem Nullwachstum bei Investitionen führt. Ein Rätsel gibt auf, dass der reale Wechselkurs positiv auf Investitionen wirkt, während die klassische Theorie eher voraussagen würde, dass eine Abwertung der Währung zu Wirtschaftswachstum und dem Anziehen von Auslandsinvestitionen führt. Darüber hinaus hat der US-Zins wesentlich größeren Einfluss auf die mexikanische Ökonomie als der einheimische.

Bei der Unterscheidung zwischen Weltmarkt und einheimischen Gütern macht sich eine weitere Überraschung deutlich. Denn die reale Aufwertung des Peso führt zum Anstieg von Investitionen in beiden Sektoren, ausgehend von den exportorientiertorientierten Industrien hin zu den einheimischen. Und gerade, weil diese Befunde so überraschend sind, versagt die neoliberale Prognose. Restlos kann das Rätsel nicht gelüftet werden, aber es spricht vieles für den Einfluss der US-Ökonomie auf die mexikanische als Ursache.

Ganz besonders zeigt sich die asymmetrische Einbindung in den US-Markt im Maschinenbau. Dieser reagiert anders als der Großteil der restlichen Wirtschaft wesentlich stärker auf Schwankungen des US-Zinses oder des Wechselkurses. Die Kapitalakkumulation ist hier nicht von der eigenen Profitrate abhängig, sondern negativ korreliert mit den US-Profitraten. Wenn in den USA gute Geschäfte gemacht werden, dann bleibt das Kapital im Norden. Geraten die Staaten in eine schlechte Konjunktur, wird das Kapital nach Mexiko exportiert. Ähnliche Effekte wurden bereits für andere südamerikanische Staaten empirisch nachgewiesen (Näheres hier).

Lehren

Ibarra zeigt, dass Mileis Politik in Argentinien auf einem völligen Kurzschluss beruht. Kapital akkumuliert nur dann mit einem höheren Profit Share, wenn die ökonomische Entwicklung annähernd souverän verläuft. Mit Blick auf die Handelsgeschenke Trumps im Vorfeld der vergangenen Teilwahlen kann davon in Argentinien keine Rede sein. Auf der gegenüberliegenden Seite zeigt sie, dass Lohngeschenke der Arbeiter*innenklasse an die Bourgeoisie keine zusätzlichen Investitionen bringen. Denn entweder wird für den einheimischen Markt produziert, dann untergräbt die Ökonomie ihre eigene Nachfrage. Oder es wird für den Export produziert, dann fließt auch das Kapital entsprechend der Interessen der hegemonialen imperialistischen Nationen ab.

Empirisch zeigen sich sowohl von Marx vorausgesagte Effekte, wie die negative Wirkung der organischen Zusammensetzung auf die Profitrate, also auch Keynesianische, wie die Dämpfung der Investitionen durch begrenzte Nachfrage. Allein die neoliberale Deutung entbehrt jeder Grundlage. Das kann man sich auch für Deutschland merken.

Die Studie zeigt letztendlichauch, dass der politische Kampf um Souveränität die Grundlage jeder Wirtschafts- und Gesellschaftpolitik ist, egal, ob liberal oder sozialistisch orientiert. Die Trennung von Ökonomie und Politik, wie innerer und äußerer Entwicklung geht ins Leere. Aber gerade weil die Kämpfe der Arbeiter*innenklasse sich nicht auf Lohnhöhe oder Steuerverteilung begrenzen können, sondern die Akkumulationsbasis der imperialistischen Zentren in Frage stellen müssen, werden diese Kämpfe in der Peripherie umso verbissener geführt. Und zu gewinnen ist dieser Kampf nur in internationaler Solidarität.

Literatur:

Ibarra, C. (2025): Profit Share, Technical Change, and Capital Accumulation in Mexico. In: Review of Political Economy. Online First. DOI: 10.1080/09538259.2025.2573357.

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