Stadt, Land, Wert

⋄ Die großen Unterschiede zwischen Stadt und Land, global zwischen Peripherie und Zentren, hat Marxist*innen schon lange zum Nachdenken angeregt, ob die marxistische Theorie nicht auf die Stadt begrenzt sei.

Die aktuelle F – Philosophy, Theory, Models, Methods and Practice sammelte verschiedene Aufsätze, die sich mit Versuchen einer Konzeptionalisierung des Stadt-Land-Dualismus auseinandersetzen..

⋄ Alessandra Mezzadri stellte die strenge Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert der Ware Arbeitskraft in Frage.

⋄ Chris Hesketh beschrieb plurale lateinamerikanische Gesellschaften aus der Sicht der Theorie der Modes of Production.

⋄ Troy, Randolph und Vinnegar diskutierten am Beispiel des Immobilienmarktes Sydneys, wie der Staat vermittelnd auf Wertströme zwischen Stadt und Land eingreift.

Auf dem Dorf gehen die Uhren anders. Heißt das auch, dass es einen anderen Wertbegriff auf dem Land gibt, wenn Wert gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist? Oder lassen sich die Besonderheiten der Agrarökonomie durch Konstrukte wie Grundrente, Differentialrente oder Produktions- und Zirkulationszeiten beschreiben, die bei Marx eigentlich Besonderheiten der Industrieproduktion adressieren sollten? Und was bedeutete das für soziale und politische Klassenformationen?

Dass diese Fragen ganz aktuelle politische Relevanz besitzen, verdeutlichte die Wahl in Moldau am vergangenen Wochenende. Der Widerspruch zwischen Zentrum und Peripherie wurde hier in mehrfacher Weise deutlich. Erstens warb die regierende PAS mit einem Programm, dass den EU-Beitritt auf Kosten einer im europäischen Binnenmarkt nicht konkurrenzfähigen Landwirtschaft durchsetzen will. Zweitens wurden periphere Gebiete wie Transnistrien vor besondere Hürden gestellt, um überhaupt an der Wahl teilnehmen zu können. Und drittens wurde der konkrete politische Widerspruch zwischen Stadt und Land in Moldau in der Frage artikuliert, als welche Peripherie sich eigentlich das ganze Land begreife: als europäische oder russische. Dass sich hier Klassenfragen nur sehr kompliziert stellen lassen, ist klar. Die aktuelle F – Philosophy, Theory, Models, Methods and Practice sammelte verschiedene Aufsätze, die sich mit Versuchen einer Konzeptionalisierung des Stadt-Land-Dualismus auseinandersetzen. Die wichtigsten seien hier vorgestellt.

Arbeitswertlehre oder Wertlehre der Arbeit

Beginnen wir mit einem Aufsatz von Alessandra Mezzadri (Näheres hier), die durch ihre marxistische Interpretation der indischen Sweatshop-Regime bekannt geworden ist. Sie kommt aus der Social Reproduction Theory, die stärker den Fokus darauf legt, wie sich eine gesellschaftliches System sozial reproduziert, als über ökonomische Daten Ausbeutungs- und Profitraten zu berechnen. Daher ist die Interpretation des Wertgesetzes hier eher deskriptiver Natur als ökonometrischer. Ausbeutung bleibe nach ihr ein zentraler Begriff, aber die strenge Unterscheidung zwischen Tausch- und Gebrauchswert, insbesondere der Ware Arbeitskraft, stellt diese Theorie in Frage, da viele konkrete Arbeiten in der sozialen Reproduktion einer Gesellschaft eingingen, die aber gar nicht gesellschaftlich verglichen würden. Kostenlose Hausarbeit, Zwangsarbeit durch Arbeitslose, Sklaverei etc. seien alle formbestimmend für kapitalistische Gesellschaften, auch wenn diese nicht als abstrakte Arbeit erschienen. Ähnliche könnte man für periphere Systeme argumentieren, dass hier viele konkrete Arbeiten einflössen, die gesellschaftlich nicht anerkannt würden. Ausbeutung erscheine in vielen Formen, von denen nur eine die Lohnarbeit sei, während sexistische Strukturen, Enteignung von indigenem Land, rassifizierte Arbeitsregime ebenso in die Analyse einfließen müssten.

Plausibel will sie das am indischen Sweatshop-Regime machen, das Stadt und Land durch Arbeitsmigration auf der einen und Lohnflüsse auf der anderen Seite verbinde. Die Migrationsrichtung sei nach Mezzadri unidirektional vom Land in die Stadt gerichtet. Auf dem Land seien die Geburtenraten hoch, die Arbeit hingegen unproduktiv, meist kleinbäuerlich bzw. kleinbürgerlich organisiert und auch die minderjährigen Familienmitglieder seien eingebunden. Mit Erreichen der Volljährigkeit würden dann viele Frauen in die Städte abwandern, um in hochverdichteten Fabriken zu arbeiten, wo selbst die Reproduktion der Arbeitskraft in großen Sammelunterkünften der Kontrolle der Kapitalisten unterliegt. Diese Arbeiter*innen schicken wiederum Geld an die Familien, sodass deren Produkte unter Wert verkauft werden können.

Was Mezzadri hier beschreibt, ist kein Argument gegen die Dichotomie von Tausch- und Gebrauchswert, ebenso wenig wie gegen das Konzept von produktiver und unproduktiver Arbeit oder der Lohnarbeit als wertbildende Arbeit. Die Beschreibung zeigt nur auf, dass Stadt und Land ganz spezifische Rollen in der Produktion und sozialen Reproduktion des Kapitals spielen, an deren Anfang immer noch von den Produktionsmitteln getrennte Arbeiter*innen und an deren Ende eine Ware steht, die verkauft wird. Auf der Suche nach einer „inklusiven Werttheorie“ könnte Mezzadri in ihrem empirischen Material durchaus fündig werden, aber nicht auf Kosten begrifflicher Aufweichungen, sondern der Analyse konkreter Beziehungen.

Modes of Production

Vielleicht gelingt dies Chris Hesketh, der sich der Stadt-Land-Dualität über das Modes-of-Production-Konzept der Dependenztheorie näherte. Das Konzept der Modes of Production stammt aus Südamerika und ist eng mit den Namen René Zavaleta and José Carlos Mariátegui verknüpft. Es stellt in Abrede, dass es einen linearen Weg von der feudalen Gesellschaft zur modernen Industriegesellschaft gäbe, sondern argumentiert, dass auf Grund historischer Besonderheiten alternative Entwicklungswege nicht nur relativ stabil bleiben könnten, sondern auch alternative Entwicklungen zum Sozialismus ermöglichten, was andere politische Formen für sozialistische Organisationen in der Peripherie zur Folge haben müsste. Auch könnten die imperialistischen Gesellschaften diese historischen Sonderformen festigen. Dabei stellt die MOP-Theorie die Frage nach Eigentumsverhältnissen ganz konkret, denn die materiellen Bedingungen prägten die ideologischen Möglichkeiten der herrschenden Klasse und die Artikulationsformen, mittels derer sich das Interesse der Kapitalisten als gesellschaftliches Interesse verallgemeinern ließe.

In den postkolonialen Gesellschaften Südamerikas sei dies etwa die Rückständigkeit der Kolonisatoren selbst gewesen, die noch lange feudale Strukturen aufrecht erhielten, als diese in den entwickelteren Ländern bereits abgestorben waren. Zweitens habe diese in dialektischer Wirkung mit den entwickelten sozialen Gesellschaften der Indigenen gestanden und drittens sei die ethnische Pluralität aus Indigenen, Sklav*innen, ehemaligen Kolonisator*innen, Migrant*innen und ihren Mischformen für die Wahrnehmung und Durchsetzung von Herrschaftsinteressen formbestimmend gewesen. Beim Versuch des Kapitals, die Produktion zu intensivieren und expansiv auszuweiten, setzten diese historischen Bedingungen ganz spezielle Anforderungen an die materielle und ideologische Vermittlung.

In vielen südamerikanischen Ländern gäbe es daher nicht den nationalen politischen Raum an sich, sondern es gäbe kulturell unterschiedlich geprägte Räume, die sich zwar alle real unter das Kapital subsummieren ließen, aber nicht gleichermaßen formal. In den Städten konnten die ehemaligen Kolonialherren genug Kapital akkumulieren, um mit der kapitalistischen Produktion zu beginnen, sie stießen aber lange an die Schranken ihrer feudalen Kultur und Reproduktionssysteme, weshalb Formen wie religiöse Vermittlung, starre Familienbilder oder Plätze und Kirchen als kollektive Orte bis heute überlebten und etwa die Mobilität der Arbeitskraft begrenzten. In indigenen Räumen finden sich hingegen viel pluralere Gesellschaftsysteme, in denen neben prekärer Lohnarbeit auch Hausarbeit, kollektive Arbeit, Almendenkulturen etc. eine maßgebliche Rolle spielten. Diese pluralen informellen Strukturen ließen sich nur lose über bestimmte Industriewaren mit der imperialistischen Welt verbinden; das Kapital muss aber Wege suchen, die Verbindungen zu einer maximalen realen Subsumtion unter das Kapital auszunutzen, etwa indem eine entsprechende Abhängigkeit von maschineller Tätigkeit geschaffen wird. Die Konsequenz ist, dass auch der Widerstand und die Artikulationsformen der Werktätigen hier eine andere Form annehmen müssten, zum Beispiel durch den Erhalt traditioneller Anbaukultur, während die proletarisierten Klassen der Städte nach progressiven neuen Formen der Arbeit suchen müssten. Diese Heterogenität ist nicht leicht auszuhalten und erklärt das Scheitern, sowohl nationaler linker wie rechter Regierungsprojekte.

Dualismus

Andreas Bieler und Adam David Morton stellten in ihrem Artikel Dualismen in der marxistischen Theorie zur Debatte. Man könne nicht fragen: Ist der Kapitalismus zwangsläufig rassistisch? Oder: Muss Sexismus im Kapitalismus eigentlich noch sein? Man müsse im Gegenteil den Kapitalismus als ein kontingentes Phänomen begreifen, in dem es nicht einen abstrakten Kapitalismus und diesem gegenüberstehende Erscheinungsformen gäbe, sondern erklären, welche Rolle die Erscheinungsformen in der Realität des Kapitalismus konkret annähmen. Als Beispiel für dualistische Ansichten nennen sie Nancy Frasers Rede von Ausbeutung als Backstory und Sexismus als Frontstory. Ellen Maiksins Wood kritisierte an diesem Ansatz, dass er das ökonomische vom politischen trenne. Vielmehr seien die Zusammenhänge als dialektische Matrix von Class, Race und Gender zu denken.

Das Musterbeispiel hierfür sei die ursprüngliche Akkumulation, die nicht nur das Stadium der historischen Voraussetzungen zur Schaffung des Kapitalismus darstelle, sondern genau den Konnex zwischen vor- und damit nichtkapitalistischen Gebrauchswerten und ihrer gewaltsamen Überführung mit der kapitalistischen Vergesellschaftung. Die Vertreibung der Landbevölkerung habe nicht nur eine lohnabhängige Klasse geschaffen, sondern auch eine Klasse, die sich unter den Bedingungen der Lohnarbeit sozial organisiert. Was überhaupt eine Ware ist und was als „Gabe der Natur“ betrachtet werde und zu welchen Konditionen Arbeitskraft überhaupt gekauft werden könne, resultiere aus dieser sozialen Organisation und sei damit der warenproduzierenden Gesellschaft immanent und nicht äußerlich. Arbeiter reproduzieren ihre Arbeitskraft nicht selbst am Arbeitsplatz, sondern außerhalb der Produktionssphäre in familiären Zusammenhängen, die auch die soziale Stellung der einzelnen Familienangehörigen definiere. Diese Reproduktion innerhalb der Familie sei für das Kapital ebenso Objekt der Ausbeutung und eine patriarchale Stellung des lohnarbeitenden Mannes in der Familie kann den Familienlohn zu senken helfen.

Bieler und Morton wollen darauf hinaus, dass der Kapitalismus keine rein abstrakte Herrschaftsmethode ist, die am Ende doch auf der Freiheit des Lohnarbeiters wie des Kapitals beruht, sondern eine ganz konkrete Herrschaft: die Aufnötigung von Zwängen des Kapitals auf die Schultern der Arbeiter*innen und damit die Fortpflanzung in die zwischenmenschlichen Beziehungen. Das Verhältnis zwischen Stadt und Land dürfe damit nicht nur aus den Differenzen der formalen Organisation heraus bestimmt werden, sondern auch die konkreten Gemeinsamkeit der Unterwerfung von weiblich gelesenen, migrantisierten und lohnabhängigen Menschen unter die Interessen der herrschenden kapitalbesitzenden Klasse. Die Trennung von Politischem und Ökonomischem habe etwa die begriffliche Trennung von Kolonialismus und Kapitalismus ermöglicht und überhaupt erst das Rätsel des Fortlebens des Ersteren im Letzteren gestellt.

Rententheorie von den Füßen auf den Kopf

Troy, Randolph und Vinnegar drehten sogar am Ende den Spieß um. Sie stellten fest, dass etwa die marxistische Rententheorie, die ja als eine des Bodens und damit des Landes aufgefasst werden kann, immer extensiver auch dazu genutzt worden ist, Phänomene der industriellen Zentren zu erklären. Piketty verwendete etwa den Marxschen Rentenbegriff, um Wertströme im Finanzsektor zu beschreiben. Auch das Wohnungsproblem wird immer stärker als eines der Rententheorie aufgefasst. Die Autoren wollten daher den umgekehrten Weg gehen und schauen, was eigentlich die Wertschöpfung in unproduktiven Sektoren der Städte über das Potential argarischer Sektoren aussagen kann.

Ihr Ausgangspunkt ist die Hypothese, dass entgegen dem akademischen Trend die Wertschöpfung auf dem Wohnungsmarkt nur wenig mit der Rententheorie des Bodens von Marx zu tun habe. Die Analogie bestünde allein in der sehr engen Verbindung zwischen Rente und politischem Überbau, der sich in Landrechten oder Baurechten niederschlägt. Auch die Verbindung zwischen Aufwertung des Bodens durch Arbeit mit der Differentialrente II passe noch halbwegs. Das Problem ist nun, dass damit die Analogien nicht aufhören. Die Miete kann genauso gut mit der Marxschen Zinstheorie verglichen werden, in denen Zinsen der Preis der Geldware sind, die ein Kapitalist zahlt, wenn er selber noch über kein Kapital verfügt. Analog wäre eine Miete der Ersatz für die Zinsen eines Kredits, den eine Arbeiter*in aufnehmen müsste, um sich eigenen Wohnraum zur Reproduktion ihrer Arbeitskraft zu schaffen. Oder in dem Sinne auch als fiktives Kapital, dass zukünftigen Mehrwert bereits in der Gegenwart einpreist. Diese resultierten zum einen aus Erwartungen an infrastrukturelle Erschließungen durch die öffentliche Hand und andererseits aus dem sinkenden Lebensstandard, der Verringerung der Wohnfläche pro Arbeiter*in tendenziell prognostiziert.

Und das illustrieren die Autoren am Beispiel Sydney. Dort wird der Wohnraum einerseits hochgradig verdichtet, auf der anderen Seite werden immer mehr periphere Regionen strukturell erschlossen und zwar mit Geldern, die aus der öffentlichen Hand fließen und nicht den Immobilienfirmen oder Grundbesitzern entspringen. Damit werden aber Immobilien und Grundstücke durch jene Steuern aufgewertet, die Arbeiter*innen aus ihren Löhnen und Kapitalisten aus ihren Profiten an den ideellen Gesamtkapitalisten abtreten. Die Wertübertragung von produktivem Kapital zum Finanzkapital und den Rentiers wird also staatlich vermittelt. Dieser Konnex zeigt, dass die Mietfrage über die Anerkennung einer Grundrente hinausgeht und mit der produktiven Sphäre zusammenhängt. Umgedreht ließe sich hieraus die Frage zu den Stadt-Land-Beziehungen formulieren, ob man nicht ähnlich Vermittlungsprozesse zwischen Kapital und Boden fände, die ein separates Wertgesetz überflüssig machten.

Zusammenfassung

Die Artikel beantworten die Frage, ob es ein unterschiedliches Wertgesetz in Stadt und Land gäbe eindeutig. Wenn die Formen der Aneignung des Mehrprodukts auf dem Land (oder im globalen Maßstab in der Peripherie) als viel stärker politisch umkämpft erscheint, so hat dies nichts damit zu tun, dass das Wertgesetz nicht gelte. Vielmehr hat der politische Inhalt des Wertgesetzes, die Aneignung des Mehrprodukts und die Befehlsgewalt auf Zeit gegenüber den Arbeiter*innen durch die herrschende Klasse, in der Stadt nur einen ökonomistischen Schein erhalten. Dass die Arbeit in der Fabrik nur eine konkrete Form der Ausbeutung – also der Aneignung des gesellschaftlichen Mehrprodukts gegen eine herrschende Klasse – ist, neben der durchaus andere existieren können, kann aber nur Ausgangspunkt der Analyse sein. Wie dies die herrschende Klasse strukturiert und wie sich die verschiedenen Ausbeutungsformen zur Lohnarbeit verhalten, müsste erforscht und beschrieben werden. Stattdessen begnügen sich viele Autor*innen aber lieber mit der Einführung weicherer Begriffe und offenerer Konzepte. Allein der Artikel von Troy, Randolph und Vinnegar versucht lieber, dass komplexe Zusammenspiel von Kategorien der Werte, Rente, Zinsen und des fiktiven Kapitals an Hand konkreter Analysen aufzuzeigen.

Literatur:

alle Aufsätze aus:

EPF: Philosophy, Theory, Models, Methods and Practice (2025). Jahrgang 4. Ausgabe 3.

Bieler, A. & Morton, A. (2024): The dialectical matrix of class, gender, race. S.294-314.

Hesketh, C. (2023): Finding space in the modes of production debate: The value of Latin America. S.258–276.

Mezzadri, A. (2024): Value theories in motion: Circular labour migration, unfinished land dispossession and reproductive struggles across the urban–rural divide. S.277–293.

Troy, L.; Randolph, B. & Pinnegar, S. (2024): Value switching: Extracting profit from the city. S.392–408.





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