War Marx Speziesist?

Die Kritik am Speziesismus, die Ablehnung, Tiere zum Mittel des menschlichen Genusses zu degradieren oder für sich nutzbar zu machen, stellt insbesondere für Tierrechtsaktivist*innen eine Motivation dar, auf Fleisch zu verzichten. Mit dem Marxismus verbindet sie eine Hass-Liebe. Auf der einen Seite stellt der Marxismus angesichts der Zuspitzung des Tierleids im industriellen Kapitalismus einen natürlichen Bündnispartner dar. Auf der anderen Seite wird Marx eine Verengung seiner Kritik auf das menschliche Elend unterstellt, die auf Grund eines teleologischen Fortschrittdenkens und übersteigerten Humanismus das Schicksal von Tieren als Produktionsmittel rechtfertige.
Die beiden unabhängigen Hamburger Wissenschaftler Michael Sommer und Christian Stache haben sich der Frage nach einem vermeintlichen Speziesismus von Karl Marx über seinen Arbeitsbegriff angenähert. Ihr Aufsatz Marx’s non-speciesist Concept of Labour erschien aktuell in der Capital&Class als Online First.

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Der moralische Verschleiß der Kohle

Die Räumung von Lützerath für die Interessen von RWE hat in der gesamten Linken Solidarität geweckt. Die Politikanalystin und Forscherin am Center for Sustainable Energy Systems (ZNES) der Europa-Universität in Flensburg, Andrea Furnaro, hat den Kohleausstieg im Kontext des Marxschen Begriffs des moralischen Verschleißes untersucht. Diese Analyse eröffnet nicht nur eine neue Perspektive auf auf den Kampf um den Kohleausstieg, sondern auch auf den Begriff des moralischen Verchleißes von Marx.

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Mit Marx Krötentunnel graben

Das Konzept eines radikal biozentrischen Ökosozialismus, der auf einem dynamischen Gleichgewicht beruht. Das klingt doch nach war. Nicht weniger möchte Bence Peter Marosan von der Budapest Business School in Ungarn in der aktuellen Capitalism Nature Socialism vorstellen. Was es damit auf sich hat und ob Marosan das Versprechen einhalten kann, soll im Folgenden diskutiert werden. Denn schließlich geht es um nicht weniger als das Überleben unserer Spezies und Millionen anderer.

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Die weißen Massai

David Thomas Suell hat die Bedeutung der Dimension Zeit bei der ursprünglichen Akkumulation in Tansania und Kenia untersucht. In seinem Aufsatz The Creation of capitalist Time: Rethinking Primitive Accumulation through Conservation aus der aktuellen Society & Space zeigt er auf, welch vielfältige Rolle die Zeit bei der Enteignung der Massai spielte. Er schreibt damit ein spannendes Kapital über den Kolonialismus und die Hybris westlicher, philanthropischer Bewahrungspolitik.

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How to Blow Up a Pipeline

2020 bringt ein schwedischer Autor ein Buch mit dem Titel „How to Blow Up a Pipeline“ heraus. Am 10. September 2022 wird erstmals der gleichnamige Film gezeigt. Nur zwei Wochen später kommt es tatsächlich zu Anschlägen auf die Pipelines Nord Stream 1 und 2. Kann das Zufall sein? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon. Aber es ist dennoch gutes Meme-Material für Photoshops, wie nach Gusto Biden, Putin oder Scholz mit dem Buch in der Hand dasitzen.
Der Autor des Buches heißt Andreas Malm. Die Berliner Philosophin Rahel Jaeggi nannte den Autoren Malm „eine prominente Stimme eines erneuerten ökologischen Marxismus“, wie der Freitag zu berichten weiß. Daher sind Autor, Filmpremiere und der hellseherische Titel Grund genug, mal einen Blick ins Buch zu werfen. Wer ist der Autor? Was steht drin? Argumentiert es wirklich marxistisch? Und lernt man tatsächlich etwas über das Hochjagen von Pipelines?

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Obdachlos in Seattle

Häufig reicht die Kritik an Gentrifizierung nicht über den moralischen Appell, besetzte Häuser nicht zu räumen, die Punkerkneipe von nebenan stehen zu lassen und vielleicht ein bisschen Nachbarschaftshilfe zu organisieren hinaus. Marxistische Analyse und Durchdringung der hinter Gentrifizierung stehenden sozialen Beziehungen bleiben eher Mangelware. Die US-amerikanischen Wissenschaftler Matthew B. Anderson, Elijah C. Hansen und Jason Y. Scully von der Eastern Washington University haben die politische und ökonomische Entwicklung eines ehemaligen Industrieviertels von Seattle unter die Lupe genommen. Sie verknüpften in ihrem Dossier „Class monopoly rent and the urban sustainability fix in Seattle’s South Lake Union District“ in der aktuellen Economy and Space die kommunalpolitischen Programme hinter der Gentrifizierung mit der Marxschen Rententheorie.

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Neue Studien zur chinesischen Imperialismusfrage (II): grüner Imperialismus?

Wie wirkt sich die chinesische Globalisierung auf eines der wichtigsten Menschheitsprobleme der Gegenwart aus: die Zerstörung der Natur? Vor zwanzig Jahren hieß es noch: Wenn jeder Chinese einen Kühlschrank haben wolle, ginge der Planet flöten. Die zunehmende Konsumkraft in der Volksrepublik ist mittlerweile Realität. Dazu findet ein Großteil der weltweiten Produktion im Reich der Mitte statt. Im aktuellen Journal of Economic Surveys haben zwei chinesische Forschungsgruppen sich die Verflechtung von Jahresplan, Weltmarkt und Ökologie näher angeschaut. Sie jeweils analysierten sehr präzise auf Firmenebene und trugen somit die Werte von 12.000 Unternehmen zusammen. Das Resultat ist ebenso komplex ohne einfache Antworten.

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Mit Engels die Drosophila-Fliege verstehen

im Zuge des 200. Geburtstages von Friedrich Engels ist viel über seine Partnerschaft zu Karl Marx, seine Verdienste um den Marxismus als politische Entität und seine eigenen Beiträge zum wissenschaftliche Sozialismus geschrieben worden. Dabei ist wohl kaum ein Thema so umstritten, wie seine Naturdialektik, gilt heute den meisten Menschen doch die Trennung von Philosophie, Natur- und Geisteswissenschaften als heilige Kuh. Ihre Zusammenführung wird daher leicht als positivistischer bis esoterischer Kitsch abgetan.
Camilla Royle beschreibt in der Human Geography, wie die Dialektik der Natur nach Engels´ Tod weiter diskutiert und entwickelt wurde. Sie würdigt in diesem Zusammenhangdas Werk Richard Lewontins und bettet ihre Betrachtungen in ihre persönliche Biographie ein.

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