Deutscher-Preis-Shortlist 2025 (4): Christopher Hill – Vom Stalinisten zum Oxford-Dekan

2003 starb der britische Marxist Christopher Hill und es ist schon verwunderlich, dass erst 22 Jahre nach seinem Tod die erste Biographie über ihn erschien. Michael Braddick nahm sich des längst überfälligen Projekts an. „The Life of a Radical Historian“ erschien bei Verso und wurde für den Isaac-und-Tamara-Deutscher-Preis nominiert; einem Preis, den Hill als Mitgründer ins Leben rief.

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Deutscher-Preis-Shortlist 2025 (2): Marx-gegen-Engels-Werke

Die letzten Jahre von Marx gelten im Allgemeinen als recht unproduktiv. Gesundheitliche Probleme zwangen ihn immer wieder zu längeren Pausen. Dem zweiten und dritten Band des Kapitals schien er teilweise kaum noch die rechte Aufmerksamkeit widmen zu können. Kevin Anderson behauptet aber, diese Ansicht werde dem Gesamtwerk von Marx nicht gerecht. Hat er im Anschluss an seine Dekonstruktion der kapitalistischen Herrschaftsweise im Kapital sogar vielmehr zu sagen zu Kolonialismus, Patriarchat und Widerstand, als wir vermuten? Andersons The Late Marx’s Revolutionary Roads findet sich auf der Shortlist für den Deutscher-Preis 2025.

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Vorsicht, Grenzkontrolle! Oder: Marxismus im Plural

Es gibt nach dem Ende der Orthodoxie kaum noch einen festen Kern marxistischer Theorie, der sich abgrenzen ließe, sondern eigentlich ist der Marxismus an sich bereits eine Grenztheorie, die in alle anderen Bereiche ausfranst. So jedenfalls fasst es Aditya Nigam in seinem Buch „Border-Marxisms and Historical Materialism“ auf. Das Buch wurde für den Isaac-Deutscher-Preis nominiert, erhielt diesen aber nicht. Zu Recht?

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Zirkel schreibender Amazon-Arbeiter

„Greif zur Webcam und Tastatur, Lagerarbeiter*in!“ könnte in Anlehnung an den Bitterfelder Weg die Losung des kanadischen Projekts Worker as Futurist heißen. Hier entwickeln eine Handvoll Künstler*innen und Wissenschaftler*innen die literarischen Fähigkeiten von Arbeiter*innen des Amazon-Konzerns im Genre der spekulativen Literatur weiter. Herausgegeben wurde nun der Sammelband „The World after Amazon“ mit neun Kurzgeschichten und einer theoretischen Einrahmung.

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Der einen Freud, des anderen Leid: Das Buch Anderswo

Wenn China Mieville einen neuen Roman herausbringt – ein Autor, der im „Eisernen Zug“ so wunderbar den trotzkistischen Panzerzugmythos ins Fantastische übersetzte -, dann ist das schon mal ein Grund für hohe Erwartungen. Wenn als Co-Autor auch noch Keanu Reeves – Hollywoodstar aus Matrix und John Wick – auftaucht, dann verringert das die Spannung nicht. Wie passen der imaginative Reichtum Mievilles und die eindimensionalen Charakterdarstellungen Reeves zusammen? Und kann Mieville wie in anderen Büchern historisch-materialistische Erkenntniswerte schaffen? Eine Rezensentin meinte jedenfalls, es gäbe nur wenig Marx, aber viel Freud. Der Maßstab ist jedoch nicht, wie viel Marx jetzt im Buch steckt, sondern wie viel das Buch Marxist*innen sagen kann. Eine Rezension über The Book of Elsewhere (dt.: Das Buch Anderswo).

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Zwischen Nützlichkeit und Eigensinn: Simon Schaupps „Stoffwechselpolitik“

Simon Schaupp ist einer der Shootingstars der zeitgenössischen deutschsprachigen Soziologie. Das liegt nicht nur am Umfang seiner jüngeren publizistischen Tätigkeit in den vergangenen Jahren, die eine beeindruckende Bandbreite aufweist und dass er mit den Themen Digitalisierung, Arbeitssoziologie und Ökologie drei moderne Kassenschlager bearbeitet. Auch die theoretische Qualität, die methodische Kreativität und der Umfang an Querverweisen, Verknüpfungen und Beziehungen, die in seinen Texten aufgemacht werden, beeindrucken. Nun hat Simon Schaupp mit „Stoffwechselpolitik“ eine Monographie vorgelegt, die seine bisherigen Arbeitsgebiete in einem umfassenderen Konzept zusammenführt.

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Ukrainian History X: The Past in unwritten

In einer Zeit, in der der Krieg in der Ukraine andauert und materialistische Stimmen gegen jene ankämpfen müssen, die alles schon immer gewusst haben, hat Volodymyr Ishchenko ein ganz besonderes Buch herausgebracht. Eine Anthologie vergangener Artikel ist an sich nichts Besonderes. Normalerweise sind die Gegenstände der Artikel aber bereits geronnene Geschichte und politisch irrelevant. Towards the Abyss wird aber in einer Zeit veröffentlicht, in welcher Einschätzungen des Maidan, der Regierung Selenskys und dem Kriegsbeginn immer noch als politische Statements gelesen werden. Ein Buch gegen das Vergessen.

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