Alles nach Plan … Wirtschaftsdebatten in der Sowjetunion der 60er und 70er Jahre

In den 1960er Jahren wurde in der Sowjetunion kontrovers über die Zukunft der Planwirtschaft diskutiert. Eine neue Generation an Kybernetikern wollte mit Transistoren und Rückkopplungsschleifen endlich die Mängel der Planwirtschaft beseitigen. Ihnen gegenüber standen Reformer, die genau entgegengesetzt wieder freiere Preisgestaltung forderten. Und über allen thronte eine Administration, die Erfahrungen, Praxis und politische Auswirkungen abzuschätzen hatte. Giovanni Cadioli hat sich mit den Planwirtschaftsdebatten der 1960er und 1970er Jahre auseinandergesetzt.

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Ein spät gehobener Schatz: Daschkowskis Kritik an Isaak Rubin

Neben David Ryazanov steht der Name Isaak Iljitsch Rubin wie kein zweiter für eine bis in die späten 1920er aktive und zur herrschenden Politik oppositionelle Marxrezeption in Sowjetrussland und der Sowjetunion. Seine Kritiker in der Sowjetunion hingegen sind weitgehend vergessen. Helmut Dunkhase hat in der Zeitung Под знаменем марксизма – Unter dem Banner des Marxismus einen Artikel eines seiner Gegner – Ilja Daschkowski – gefunden und ins Deutsche übersetzt.

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Was die Oktoberrevolution und Bungee Jumping gemeinsam haben

Die Oktoberrevolution ist bis heute der historische Referenzpunkt für Kommunist*innen aller Couleur; egal, in welchem Grade man mit dem Ergebnis einverstanden ist. Es ist kaum vorstellbar, wie die Welt oder die kommunistische Bewegung heute aussähe, wenn sie gescheitert wäre. Für die Revolutionär*innen bedeutete sie ein enormes persönliches Risiko. Wieso lassen sich Menschen auf eine solche Grenzerfahrung ein, wie erleben sie diese und wie verändert diese ihre Weltsicht? Das fragt die Edgework-Theorie der Sozialpsychologie. Myles Balfe wandte diese Theorie in der Deviant Behavior auf eine Untersuchung der Oktoberrevolution an.

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Pavel Campeanu und seine Kritik des Stalinismus

Während etwa die bürgerliche Rechte in so ziemlich jedem sozialistischen Land, in dem die Führung der kommunistischen Partei verfassungsmäßig verankert ist, den Stalinismus walten sieht, orientiert sich die Linke eher phänomenologisch und opportunistisch. In den Stalinismus werden irgendwie alle Prozesse des sozialistischen Umbaus ausgelagert, die man unschön findet. Ein seriöses Konzept ist das nicht. In der Thesis Eleven beschäftigte sich Emanuel Copilas von der Universität in Timisora mit der Stalinismus-Analyse des lange vergessenen Marxisten Pavel Campeanu. Gegen Ende des sozialistischen Rumäniens verfasste dieser zu diesem Thema Werke, die aktuell wieder neue Aufmerksamkeit erfahren.

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Runder Tisch zur russischen Ökonomie

Vor zwei Wochen wurden die neuen Вопросы политической экономии – Fragen der politischen Ökonomie der russischen Marxisten Aleksandr Buzgalin und Alexej Kolganov herausgegeben. In dieser Ausgabe wurden die Materialien eines Runden Tisches führender Wirtschaftswissenschaftlicher*innen der Lomonossov-Universität, der Russischen Akademie der Wissenschaften, sowie anderer Forschungs- und Bildungseinrichtungen veröffentlicht. Ziel des Runden Tisches war eine Verständigung über zentrale Fragen der russischen Ökonomie seit Beginn des Kriegs in der Ukraine.

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Die doppelte ursprüngliche Akkumulation

Seit Land Grabbing auf der politischen Landkarte der Linken aufgetaucht ist, erfährt auch die Marxsche Theorie von der ursprünglichen Akkumulation eine Renaissance. Ob in den indigenen Siedlungsräumen Südamerikas Bergbaukonzerne paramilitärische Truppen rekrutieren oder Finanzunternehmen im Westen Boden aufkaufen und von den Bauern ruinöse Pachten verlangen: es stellt sich die Frage, ob die kapitalistische Akkumulation nur noch über Renten bis teilweise außergesetzliche Gewalt funktionieren kann und ob sich der Schein der liberalen Marktgesellschaft und des Rechtsstaats allmählich lüftet. Damit verbunden ist die Frage, ob die ursprüngliche Akkumulation eigentlich ein historisches Ereignis war oder während des Kapitalismus immer präsent ist.

David Siegel lenkte in der New Political Science den Blick auf ein besonders spannendes Beispiel. In der Sowjetunion gaben die Bolschewiki den Bauern zuerst das Land von den Großgrundbesitzern, um ein Jahrzehnt später die Kollektivierung zu erzwingen. Haben also die Bolschewiki die Gewalt der ursprünglichen Akkumulation stellvertretend für die Kapitalisten durchgeführt und was sagt das über den sozialistischen Charakter des Staates aus? Siegel schlägt hier eine ganz eigene Interpretation vor.

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Internationalismus international

Einer der wichtigsten Kernwerte der sozialistischen Bewegung steht momentan zur Disposition: die internationale Solidarität. Das bürgerliche Lager hat den Ukraine-Krieg zum Anlass genommen, militärische Hilfe für die Ukraine als Ausdruck internationaler Solidarität zu framen. Pazifist*innen, die sich dagegen stellen, wird ihr Internationalismus abgesprochen.
Im Millenium: Journal of International Studies hat Miri Davidson mit Dilar Dirik, Musab Younis, Maria Chehonadskih und Layli Uddin gesprochen. Alle vier beschäftigen sich mit Akteur*innen und Bewegungen, die dem proletarischen Internationalismus zugerechnet werden können und versuchen ihre Ergebnisse zusammenzubringen.

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Die Linke und der Frieden: eine kurze Geschichte

Der Streit um die Haltung der Linken zum Krieg ist also so alt wie die Arbeiter*innenbewegung selbst. Für viele Linke gilt das Jahr 1914 als der Sündenfall der Linken. Während die erste und die zweite Internationale unter dem Einfluss von Marx, Engels, Liebknecht und Bebel noch in jedem Krieg einen Bürgerkrieg gesehen hätte, in dem die Arbeiter*innen nichts zu gewinnen, aber alles zu verlieren hätten, habe eine arbeiter*innenaristokratische Kaste in den führenden Ländern Europas die traditionell pazifistischen Werte verraten und ihren jeweiligen Regierungen die Treue gehalten. Dabei bestand bereits die erste Internationale ihre Feuertaufe – den Deutsch-Französischen Krieg – eher schlecht als recht. Marcello Musto fasste in der Critical Sociology die Haltung der Linken zum Krieg in der Geschichte zusammen.

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