| ⋄ Sowohl die Abhängigkeit peripherer Staaten durch den internationalen Handel, als auch der tendenzielle Fall der Profitrate sind separat bereits häufig untersucht worden. ⋄ Wie aber die Terms of Trade selbst die Durchschnittsprofitrate beeinflussen, wurde bisher kaum empirisch durchdrungen. ⋄ Carlos Alberto Duque Garcia hat genau dies für vier südamerikanische Länder untersucht: Brasilien, Chile, Kolumbien und Argentinien. ⋄ Es konnte bestätigen, dass im Allgemeinen dort die Durchschnittsprofitrate zu Gunsten der imperialistischen Länder durch den internationalen Handel gesenkt werden. ⋄ Der Sonderfall Argentinien zeigt aber auch, dass es Gegentendenzen gibt, die auf Kosten der Arbeiter*innenklasse die Profitrate peripherer Länder retten können. |

Geht es um objektive politökonomische Gründe für die Verschärfung von Klassenkämpfen, so folgen die meisten marxistischen Studien meist einem von zwei Pfaden. Der eine diskutiert den tendenziellen Fall der Profitrate, der bei technischer Entwicklung nur durch eine Zunahme der Ausbeutung gebremst werden kann. Der andere, der speziell auf periphere Länder angewendet wird, geht auf den ungleichen Tausch ein. Die Arbeit in einem Land mit niedrigerer Produktivität wird auf geringerem Niveau reproduziert, was zu verschärftem Druck auf Arbeiter*innen führt. Wenige Studien haben aber bisher beides zusammen gedacht. Wie wirken sich denn eigentlich die relativen Preise im internationalen Handel auf die Durchschnittsprofitraten aus? Carlos Alberto Duque Garcia – hier häufig besprochen und mittlerweile Gastprofessor an der Autonomen Städtischen Universität in Mexiko City – hat genau das für vier südamerikanische Länder untersucht. Bestätigt sich auch empirisch, was Marx im dritten Band des Kapitals anklingen lässt: dass der internationale Handel die Profitrate für fortgeschrittene Nationen nach oben und für abhängige nach unten korrigiert?
Marxist gefühlt, aber nicht gewusst
Der Marxismus begreift Imperialismus als ein strukturelles Phänomen, das nicht nur existiert, wenn militärisch interveniert wird, sondern sich auch in Zeiten des relativen Friedens als ökonomische Abhängigkeit äußert. Die Theorie des ungleichen Tausches etwa geht analog zum Preisbildungsmechanismus im dritten Band des Kapitals von einem Werttransfer ökonomisch unterentwickelter Länder und Sektoren zu den entwickelten aus (Näheres hier). Aber wie Marx keine Verbindung zwischen den Unterschieden der Sektoren zur Durchschnittsprofitrate und ihrem tendenziellen Fall zieht, so hat auch die Literatur zur internationalen Arbeitsteilung diesen Zusammenhang bisher vernachlässigt. Dabei liegt ein Zusammenhang recht nahe, da eine niedrigere Profitrate einen geringeren Spielraum für die ökonomische Entwicklung der Kapitalisten als auch die Verhandlungsmacht der Arbeiter*innenklasse bedeuten würde.
Scheinbar liegt die Sache nicht allzu kompliziert. Die Profitrate lässt sich als Funktion der Mehrwertrate und der organischen Zusammensetzung ausdrücken. Steigt die organische Zusammensetzung, weil durch schlechte internationale Handelsbedingungen die Kosten für das fixe Kapital – also moderne Maschinen oder Patente – steigen, dann sollte die Profitrate genauso sinken, wie sie es tut, wenn die organische Zusammensetzung steigt, weil menschliche Arbeit durch tote maschinelle ersetzt wird. Oder anders gesagt. Marx sprach sowohl davon, dass die relative Senkung der Kosten des konstanten Kapitals eine Gegentendenz zum Fall der Profitrate bedeuten würde, als auch dass Effekte des Weltmarktes eine Rolle spielen könnten. Man kann nun annehmen, dass durch den internationalen Handel die Preise des konstanten Kapitals in den führenden imperialistischen Ländern sinken, wenn sie billige Rohstoffe aus abhängigen Ländern beziehen, während wiederum abhängige Länder geringere Profitraten aufweisen, wenn sie teure in den Zentren monopolistisch hergestellte Maschinen kaufen müssen. Schon die aus dem südamerikanischen Strukturalismus stammende Prebisch-Singer-These nahm an, dass die Preise für komplexe Maschinenanlagen schneller steigen als für Rohstoffe und damit in imperialistischen Ländern ein größerer Spielraum für den (nicht-revolutionären) Klassenkampf entsteht.

Um das Gesamtgefüge nochmals zu veranschaulichen hat Garcia in Anlehnung an Dumenil und Levy, das Konzept in einer Grafik zusammengefasst. Der Output, welcher durch das akkumulierte Kapital der Bourgeoisie geschaffen wird, geht zum einen an die einheimische Arbeiter*innenklasse, die auf Grund der geringen Löhne aber in der Kaufkraft beschränkt ist. Der andere Teil wird auf dem Weltmarkt gehandelt, wo schlechte relative Preise dazu führen, dass die realisierten Profite schmelzen, moderne Technologie teurer wird und damit die Profitrate nachhaltig niedrig bleibt.
Methode
So plausibel das alles sein mag. Geht es um einen handfesten Nachweis, wird die Literatur lichter. Um die Empirie zu bereichern, hat Carlos Alberto Duque Garcia den Einfluss der Terms of Trade (ToT) auf die Durchschnittsprofitrate von vier südamerikanischen Ländern untersucht: Brasilien, Chile, Kolumbien und Argentinien. Natürlich umfasst der internationale Handel viele Parameter, die auf die Profitrate wirken können. Die Terms of Trade beschreiben aber das gewichtete Verhältnis aus Import- und Exportpreisen und vereinigen damit einige Aussagen über die materiellen Verhältnisse zwischen internationalen Handelspartnern, wie die internationale Arbeitsteilung, Warenpreise, Wechselkurse, Struktur von Importen und Exporten in einer einzigen Zahl. Er nutzte dazu die Daten der Extended Penn World Tables von 2021.

Man kann zunächst einmal erkennen, dass die Terms of Trade in allen Ländern zwischen 1980 und 2000 – also in der Blütezeit des Neoliberalismus – massiv eingebrochen waren, wovon sich Brasilien und Argentinien nie wieder erholt haben, während sich Chile und Kolumbien wieder dem Niveau von 1970 angenähert haben. Die Tendenz des Falls der Profitrate ist für jedes einzelne Land auch gut zu erkennen, aber ob es einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen den Terms of Trade und der Profitrate gibt, ist mit bloßem Auge nicht auszumachen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass natürlich zu erwarten ist, dass sich eine Verschlechterung der Terms of Trade nicht unmittelbar auf die Profitrate auswirkt, sondern erst nach einiger Zeit.
Zwei temporäre Zusammenhänge wären hierbei zu unterscheiden und erfordern auch unterschiedliche Methoden. Die langfristigen Auswirkungen wurden über eine Vektorfehlerkorrektur-Analyse (VEC) untersucht. Dabei wird mathematisch untersucht, wie sich zwei Zeitreihen, die einem gemeinsamen Gleichgewichtszustand anstreben, wenn eine davon gestört wird. Eine Störung bei der unabhängigen Variable, sollte eine entsprechende Störung der abhängigen Variable nach sich ziehen. Die kurzfristigen Auswirkungen werden über eine Vektor-Autoregression (VAR) betrachtet, die nicht wie die VEC in abhängige und unabhängige Variablen unterscheidet, sondern alle betrachteten Größen gleichermaßen als endogen behandelt und ihre gegenseitigen dynamischen Wechselwirkungen über zeitlich verzögerte Effekte modelliert. Die hierbei aufgezeichneten Impuls-Antwort-Kurven kann man sich wie eine angeschlagene Gitarrensaite vorstellen, bei der ein langer Nachklang für eine große und ein schnelles Abklingen für eine geringe Kurzzeitwirkung stehen.
Langfristige Auswirkungen
In drei der vier Länder konnte Garcia auf einem Signifikanzniveau von 1% nachweisen, dass die Durchschnittsprofitrate von den Terms of Trade beeinflusst wird. In Brasilien ist die Effektstärke am größten, wo ein Absenken der ToT um 1% einen Einbruch der Durchschnittsprofitrate um 0,39% nach sich zieht. In Chile ist insbesondere das Kapital-Output-Verhältnis enorm abhängig vom internationalen Handel. Ein Prozent Senkung der ToT bedeuten hier gleich über 7% Verlust im Kapital-Output-Verhältnis. Einzige Ausnahme ist Argentinien, für das ein solcher Zusammenhang nicht nachweisbar ist. Für periphere Länder ist dies eine gewichtige Erkenntnis, denn der internationale Handel führt den Daten zufolge nicht alleine zu einem Handelsdefizit, wie Lateinamerikanischer Strukturalismus und Postkeynesianismus schon lange beklagen, sondern auch zur einer Begrenzung der Profitabilität des Kapitals.
Allerdings zeigt gerade die Ausnahme Argentinien, dass es sich keinesfalls trivial verhält. Denn auf der einen Seite führt eine Verschlechterung der Terms of Trade dazu, dass die Exportpreise gefertiger Waren gegenüber den Importpreisen der benötigten Maschinen sinken, wodurch auch die realisierte Profitrate sinkt. Auf der anderen Seite kann aber die gleiche Verschlechterung dazu führen, dass eben auf arbeitssparende Maschinerie verzichtet wird, die organische Zusammensetzung sinkt, die Produktion mehr lebendige Arbeit erheischt und damit der Mehrwert und der Profit wachsen. Für diesen Sonderfall, der im argentinischen Fall zu greifen scheint, ist es aber notwendig, dass die entsprechenden Sektoren international keine besser maschinisierte und günstigere Konkurrenz vorfinden.
Kurzfristige Auswirkungen
Näher kann genau dieser spannende Fall durch die Kurzzeitanalyse untersucht werden. In einem normalen Fall wie dem brasilianischen führt ein Schock bei den Terms of Trade zu einer schnellen Veränderung der Profitrate im ersten Jahr, die aber nach zwei-drei Jahren bereits abgeklungen ist und sich auf dem neuen und niedrigeren Niveau eingependelt hat.

In Argentinien verhält es sich aber anders. Hier tritt zunächst der gegenteilige Effekt ein. In den ersten drei Jahren würde sich bei einer simulierten Verbesserung der Terms of Trade plötzlich schnell die billigere Maschinerie gekauft wird und die Profitrate sinkt, weil die organische Zusammensetzung steigt.

Im Jahr 4 und 5 würde das dazu führen, dass die gestiegene Produktivität die Produktion als solche konkurrenzfähiger macht, wodurch die Profitrate kurzfristig wieder steigt. Nach dem fünften Jahr hätten sich aber beide Effekte – die Zunahme der organischen Zusammensetzung und die gestiegene Produktivität (vermutlich durch ihre Verallgemeinerung) – wieder nivelliert und summa summarum hätte die Veränderung der Terms of Trade hier keine Veränderung der Profitrate bewirkt.
Das negative Resultat aus Argentinien scheint fast der spannendste Aspekt der Studie zu sein, zeigt es doch auf, dass die Marxschen Gesetze tendenziell zu betrachten; wobei dies nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden sollte. Vielmehr bieten ausgerechnet die Gegentendenzen Anlass zur näheren Diskussion des politischen Gestaltungsspielraums innerhalb kapitalistischer Gesetze.
Zusammenfassung
Die Analyse des Zusammenhangs der Terms of Trade mit den Durchschnittsprofitraten hat zwei spannende Resultate zu Tage gefördert. Erstens zeigt sich für drei der vier Länder ein statistisch signifikanter Zusammenhang, der nahelegt, dass die imperialistischen Länder durch günstige Import-Export-Preisrelationen ihre Profitraten auf Kosten der Peripherie relativ stabilisieren können. In Zeiten der Verhandlungen über das Mercosur-Abkommen ist dies sicherlich ein politisch relevanter Befund, der einiges über die neue Strategie der EU verrät.
Das zweite und nicht weniger spannende Resultat ist, dass der Sonderfall Argentinien die Komplexität des Zusammenhanges aufzeigt. Dass das Land weniger sensibel auf Veränderungen der internationalen Handelsbeziehungen reagiert, ist dabei nicht unbedingt eine gute Sache für die dortige Arbeiter*innenklasse. Denn versuchen wir uns einmal an ein paar Erklärungen dieses Sonderfalles. Auch wenn Südamerika insbesondere zwischen dem Ende der 80er Jahr und der Jahrtausendwende immer wieder von Währungsinstabilität heimgesucht wurde, sticht Argentinien als besonders krasser Fall heraus. Das Land, dass sich im Untersuchungszeitraum immer im harten Widerstreit zwischen binnennachfrageorientiertem Peronismus und experimentell-übersteigertem Neoliberalismus befand, bediente sich so ziemlich aller Instrumente, wie Doppelwährungen und gekoppelten Wechselkursen, um den Wechselkurs günstig mal für die eine, mal für die andere Politik zu beeinflussen. Damit konnte das Land nicht nur sehr schnell auf Veränderungen des Welthandels reagieren, sondern allein das politische Rauschen hinter den Daten macht eine rationale Abschätzung der Kapitalwerte enorm problematisch. Oder im Duktus der Studie zu sprechen: der Johansen-Test fand keine stabile Kointegration zwischen Terms of Trade und Profitrate.
Und gerade weil sich die politische Großwetterlage so rasant ändern konnte, entschieden die Kapitalisten in Argentinien kurzfristig für die schnellen Profite, anstatt das Geld langfristig zu akkumulieren. Die Durchschnittsprofitrate ist damit eben nicht unabhängig vom internationalen Handel, sondern die Bourgeoisie hat einen Modus vivendi gefunden, auf Kosten des Proletariats den direkten Einfluss der Terms of Trade auf die Profite in Schach zu halten. Garcias Untersuchung unterstreicht damit, dass Karl Marx eben nicht eine Kritik der Ökonomie, sondern der politischen Ökonomie verfasst hat, inklusive der Reaktionen des politischen Überbaus auf strukturelle Zumutungen der Weltwirtschaft.
Literatur:
Garcia, C. (2025): Terms of Trade and the Rate of Profit in SouthAmerica, 1962–2019: A Marxist Political Economy Approach. In: World Review of Political Economy. Ausgabe 16. Nummer 4. S.509-535.
