Marxismus in der neuen Multipolarität? – Rückblick auf die WAPE-Konferenz 2025

⋄ Die World Association for Political Economy WAPE veranstaltete 2025 in Istanbul ihre 18. Konferenz, die sie der Frage nach der Rolle von Marxist*innen in der neuen Multipolarität widmete.

⋄ Insgesamt wurde die Multipolarität als Chance begriffen, die jahrezehntelange Überausbeutung des globalen Südens zu beenden, um auf neuer politischer Grundlage für den Sozialismus zu streiten.


⋄ Die wachsende Kriegsgefahr sei kein Argument gegen die Multipolarität und damit für westliche Hegemonie, sondern Aufgabe an Marxist*innen, Forschung und Propaganda in den Dienst gegen den Militarismus zu stellen.

⋄ Auch die Rolle von künstlicher Intelligenz als monopolisiertes Produktionsmittel im globalen Imperialismus wurde aufgegriffen.

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adhika Desai, Korkut Boratov und Xinhua Jian wurden jeweils mit dem World Marxian Economics Award ausgezeichnet.

Welche Bedeutung hat die neue Multipolarität für eine sozialistische Perpsektive? Droht mehr Krieg, der die Menschheit noch vor dem Aufbruch in die Epoche der Menschlichkeit auslöscht? Oder öffnet der Hegemonieverlust des westlichen Imperialismus revolutionären Bewegungen im globalen Süden wie Norden neue Türen? Und welche Rolle spielen Sozialist*innen in der Multipolarität? Stehen sie in allen Konflikten, in denen nicht alleine Proletarier*innen gegen Bourgeois kämpfen an der Seitenlinie und halten sich raus? Oder ergreifen sie Partei für die Multipolarität und für objektiv antiimperialistische Kräfte, auch wenn diese selbst mit dem Sozialismus wenig anfangen können? Diese Fragen sind keineswegs originell. Im Gegenteil. Es sind die Fragen, die sich die kommunistische Bewegung seit spätestens 2022, bestenfalls aber schon seit zehn Jahren stellt, insofern sie internationalistisch aufgestellt ist.

Die World Association for Political Economy WAPE vertritt genau solch einen marxistischen Internationalismus. In ihr organisieren sich marxistische und kritische politische Ökonom*innen aus der ganzen Welt. Sie kommen jährlich seit 2006 zu einer Konferenz zusammen, sodass man 2025 den 20. Jahrestag feiern konnte. Und nichts geringeres als die Gretchenfrage nach der Multipolarität sollte im Kernpunkt der Konferenz stehen. In der aktuellen World Review of Political Economy wurde ein Resümee der Veranstaltung gezogen.

Die World Association for Political Economy und die Istanbuler Konferenz

Hao Fu und Guzailinuer Aihemaiti gaben in der WRPE zunächst einen allgemeinen Einblick in das 18. Forum der WAPE, das vom 6. bis 8. August 2025 in Istanbul stattfand. Dass neben der Yeditepe-Universität auch die Organisation für türkisch-chinesische Wirtschafts- und Freundschaftsbeziehungen zu den Gastgebern zählte, ist dabei mindestens irritierend hinsichtlich einer marxistischen Konferenz. Der Titel lautete „Multipolarität im 21. Jahrhundert: Herausforderungen und Möglichkeiten in der politischen Ökonomie.“ Etwa 100 Teilnehmer*innen aus 20 Ländern waren angereist, um auf den drei Hauptplena und 15 Nebenveranstaltungen zum Thema gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Die Eröffnungsrede hielt Cheng Enfu (Näheres hier), der wohl bedeutendste chinesische marxistische Intellektuelle, der sich um intensive internationale Kooperation bemüht. Auch wurden die World Marxian Economics Awards vergeben, deren Preisträger wir uns noch genauer anschauen. Preise in engeren Karegorien erhielt unter anderem Stavros Mavroudeas, dessen Blog (https://stavrosmavroudeas.wordpress.com/) nur wärmstens empfohlen werden kann.

Enfu stellte in seiner Eröffnungsrede fest, dass die gegenwärtige Epoche vom Fall des Westens und dem Aufstieg des Ostens geprägt sei. Auch wenn keine bürgerliche Wirtschaftstheorie diese Konstellation aktuell erklären könne, würden neue und alte keynesianistische Ansätze besser funktionieren als neoliberale. Jedoch müssten sowohl westliche wie chinesische Ökonom*innen diese Kategorien auch zunehmend transzendieren. Marxistische Ökonom*innen hätten daher die Aufgabe, diese transzendierte ökonomische Theorie in ihre Kritik zu überführen und die Leerstellen zu bearbeiten. Dazu sei internationale Kooperation notwendig.

Auf dem Hauptforum machte sich eine Mehrzahl der Redner*innen darüber Gedanken, welchen Einfluss marxistische Ökonom*innen auf die Multipolarität nehmen könnten. Hiroshi Onishi aus Japan etwa schlug eine neue Unabhängigkeitsforschung vor, die Japan aus dem Bündnis mit den USA lösen könne. Alberto Lobardo aus Italien zeigte auf, wie die Rechtsentwicklung in vielen europäischen Staaten mit einem Protektionismus zur Sicherung von Monopolrenten verstanden werden kann. Eine Übersetzung in alltägliche Propaganda könnte hier sowohl das Bündnis von rechter Bourgeoisie mit Teilen der Arbeiter*innenklasse torpedieren, als auch das mit der neoliberalen Bourgeoisie. Nebil Ilseven aus der Türkei wiederum leitet die neue Rechte aus dem Widerspruch zwischen dem ökonomischen Trieb zur Multipolarität und den auf westliche Hegemonie ausgelegten internationalen Organisation ab. Dimitrios Patelis von der Universität in Kreta erinnerte daran, dass kein Framework einer Multipolarität die konkrete Analyse des Imperialismus und des ideellen Gesamtkapitalisten ersetzen könne.

Einen größeren Diskussionblock nahm die Bewertung der Künstlichen Intelligenz in der Multipolarität ein, wobei insbesondere der Monopolcharakter der fortgeschrittensten KI-Technologie im Vordergrund stand. Hutao Yang etwa sieht die globale Mittelschicht durch Rationalisierung von einfacher Büroarbeit vor einer Polarisierung zwischen sozialem Absturz für die Mehrheit und Privilegierung einer Minderheit. Qian Wu warf als Gegentendenz die digitale Seidenstraße als Begriff in die Debatte, welche den Monopolcharakter untergraben könne. Auch Analysen der Militarisierung der Türkei, der USA und Deutschlands wurden vorgetragen.

Marxistische Fachdebatten

Neben den Themen von allgemeinem Interesse wurden auch marxistische Fachbeiträge besprochen. Hier beteiligten sich etwa bekanntere Namen aus der Temporal Single System Interpretation des Transformationsproblems, wie Alan Freeman und Michael Roberts, an der Debatte. Hiroshi Onishi diskutierte die Abhängigkeit der kapitalistischen Akkumulationsfähigkeit gemäß Rosa Luxemburg von einem äußeren nichtkapitalistischen Sektor so, dass er die kapitalistische Ökonomie selbst als einen Sektor der Gesellschaft zusammenfasste, in den aus anderen Material- und Arbeitsströme flössen. Darauf aufbauend zeigte er, dass der kapitalistische Sektor nie in der Lage war, die vollen Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft zu zahlen, sondern immer seine Arbeitskräftepotential aus einer subsistenten Landwirtschaft oder dem globalen Süden speiste. Infolge der demographischen Krise bliebe dem Kapitalismus nicht viel anderes übrig, als selbst einen nichtkapitalistischen Sektor zu schaffen.

Da die chinesische Fraktion in der WAPE recht groß ist, stand auch die spezifische Frage der Haltung der marxistischen politischen Ökonomie in der Volksrepublik zur Multipolarität zur Debatte. Hier gab es einiges an Bekenntnis zur fortdauernden Bedeutung des Marxismus in China, zum einen, um als Richtschnur einer humanen Entwicklung der Reformen zu dienen und zum anderen gegenüber der bürgerlichen Ökonomie Fortschritte der gesellschaftlichen Entwicklung konkreter beschreiben zu können. Zhengtu Li etwa zeichnete neben Produktion, Zirkulation und gesamtgesellschaftlicher Reproduktion noch Technologie und Ökologie als eigene ökonomische Sphären nach, die den Gesetzen der Kapitalakkumulation unterworfen seien, aber unter Kontrolle der gesellschaftlichen Bedürfnisse gehörten. İsmail Melih Baş seinerseits legte seinen Schwerpunkt darauf, dass nur durch die Existenz eines Plans überhaupt China in der Lage ist, seinen Beitrag im Kampf gegen die Klimakrise zu leisten und einen grünen Sektor aufzubauen. Mehrere Referenten brachten das Argument an, dass Chinas Weg zum Sozialismus durch das koloniale Erbe kaum an den Maßstäben eines klassischen marxistischen Theorie gemessen werden könne, die bereits an einem vollendeten Kapitalismus ansetzt.

Darüber hinaus muss aber festgestellt werden, dass auch ein größerer Block sehr affirmativ mit der kapitalistischen Leistungsmessung der chinesischen Gesellschaft umgeht, die nicht mehr viel mit einer Kritik der politischen Ökonomie zu tun hat. Diese Beiträge sehen Effizienz, Technologie oder Wachstum als weitestgehend selbstzweckhaft an, ohne diese Elemente auf ihre letztendliche Bedeutung für eine vom Menschen gestaltete Gesellschaft zu reflektieren.

Die Preisträger

Als nächstes schauen wir auf die drei Preisträger des World Marxian Economics Award, da sich daraus doch einiges über die Aufstellung der WAPE herleiten lässt. International bekannteste Preisträgerin ist sicherlich Radhika Desai aus Kanada. Ihr Arbeitsfeld ist die geopolitische Ökonomie, für die sie nach Möglichkeiten und Grenzen einer Einbettung marxistischer Analysen sucht. Da Marx bekanntermaßen seinen Band über den Weltmarkt nicht beenden konnte, müssen seine Aussagen über diesen fragmentarisch zusammengesucht und systematisiert werden, um zu entscheiden, inwiefern sie bei der Analyse aktueller geopolitischer Sachverhalte dienlich sind. Ein solches Fragment ist etwa Marxens Kritik am US-amerikanischen Merkantilisten Henry Carey, das er im Kapital „Bastiat und Carey“ der Grundrisse hinterließ. Desai liest diese Kritik als Vorgriff auf Trotzkis Begriff der ungleichen und kombinierten Entwicklung und als Absage an die Vorstellung eines harmonischen Imperialismus. Um es ganz banal zu sagen, muss jede nationale Bourgeoisie zwischen Schließung und Öffnung der Märkte unter gegebenen Produktionsbedingungen entscheiden, wobei die Unabhängigkeit bei dieser Entscheidung ganz maßgeblich durch den Imperialismus geprägt wird. Für diese und weitere Analysen wurde Desai ausgezeichnet.

Als eine bedeutende Persönlichkeit des Gastgeberlandes wurde Korkut Boratav ein Preis verliehen. In seiner Dankesrede ging er auf seine Politisierung durch den aktiven Antifaschismus seines Vaters in der Türkei ein. Da seine Familie deswegen nach Paris exilieren musste, lernte er dort sowohl radikale Linke als auch marxistische Fachjournale kennen. Sein Werk umfasst sowohl historisch-materialistische Darstellungen der türkischen Gründungszeit, als auch Klassenanalysen der türkischen Gesellschaft in den 1980er Jahren, als das Proletariat durch neoliberale Reformen geschockt wurde. Sein Spätwerk widmete sich dann der Rolle internationaler Organisationen und dem Einfluss des Imperialismus auf die Türkei.

Zuletzt wurde auch der Ökonom Xinhua Jian mit einem Preis für seine Interventionen in den Sozialismus mit chinesischen Charakteristika bedacht. Er erklärt die sozialistische Marktwirtschaft der Volksrepublik aus ihrer postkolonialen Stellung heraus. So ist er zwar anschlussfähig an bürgerliche Ökonomen, spricht sich aber in seinen Werken immer gegen weitere Privatisierung und eine Revitalisierung des Kollektiveigentums aus und sieht eine moderne sozialistische Zukunft Chinas unter anderem in den agrarischen Kommunen des Landes verwurzelt.

Die Manifestation

Die Konferenz verfasste auch eine zusammenfassende Manifestation. Angesichts der sich zuspitzenden militärischen Konflikte – Ukraine, Gaza, Iran, Venezuela, Kuba und antichinesische Strategie – wurde die engere internationale Zusammenarbeit marxistischer Ökonom*innen angemahnt. Die Multipolarität wird als Weiterentwicklung der UNO-Charta als Ergebnis des Sieges über Nazideutschland verstanden, welche durch die unipolare Weltherrschaft der USA nur zeitweilig unterbrochen gewesen sei. Letztere beruhte auf der Extraktion von Extraprofiten aus dem globalen Süden, wodurch Klassenkämpfe aus den Zentren in die Peripherien ausgelagert wurden. Mit den BRICS+ etabliere sich langsam ein Gegenpol zur Herrschaft westlicher Monopolisten, welcher auch eine neue globaler bürgerlicher Regierungsmechanismen erfordert. So funktioniere das durch internationale Organisationen wie Weltbank und WTO verstärkte System des militarisierten Dollars nicht mehr.

Die politische Multipolarität fuße auf einer technischen Multipolarität, in der digitale Neuerungen, erneuerbare Energien und neue Materialien die ökonomische Basis bildeten. Der Heterogenisierung, in der das Potential für weitere Produktivkraftsteigerungen liege, stehe die Privatisierung und Monopolisierung des globalen Reichtums im direkten Widerspruch entgegen. Die Komplexität und Fluidität der privaten Kapitalströme wiederum sei ein eigener Widerspruch gegen die Monopolherrschaft westlicher Nationen, weshalb marxistische Ökonom*innen hier große Aufgaben der Analyse vor sich hätten. Auf der anderen Seite verliefe der Klassenkampf des Proletariats nicht weniger komplex und chaotisch, wobei die reale und formelle Trennung des zentralen und peripheren Proletariats eine lösbare, aber noch zu lösende Aufgabe darstellten.

Angesichts der globalen Bedrohung durch die Klimakrise, deren Lösung nur in technologischer Diversität liegen könne, verlange die Welt nach einer entsprechenden Kooperation aller Länder. Die zweite Menschheitsbedrohung liege im nuklearen Auslöschungspotential, was die gegenseitige Achtung von Sicherheitsinteressen notwendig mache. In einer multipolaren Welt, und hier erfolgt eine klare Positionierung der Konferenz, trete deutlicher hervor, dass nur Unabhängigkeit, öffentliches Eigentum und Volksmacht tragfähige Pfeiler einer globalen wissenschaftlichen, ökonomischen und politischer Struktur sein könnten, die in der Lage wäre, diesen beiden Bedrohungslagen etwas entgegenzusetzen.

Zusammenfassung

Die positioniert WAPE sich auf ihrem 18. Treffen eindeutig aufgeschlossen gegenüber der neuen Multipolarität. Man vermeidet dabei eine Gleichsetzung von antiwestlicher Politik mit antiimperialistischer, indem etwa der Ukrainekrieg Russlands eher kritisiert wird. Doch Einigkeit herrscht dabei, dass ein Bruch mit der bisherigen Überausbeutung der Peripherie durch die globalen Hegemonialmächte eine positive Entwicklung ist. Eine Vergrößerung der Kriegsgefahr wird dabei keineswegs übersehen, aber als Aufgabe für Marxist*innen verstanden, in den imperialistischen Kernstaaten die Rolle des Militarismus zur Aufrechterhaltung der Herrschaft über den globalen Süden herauszuarbeiten und als Waffe gegen die Bourgeoisie zu nutzen.

Sicherlich vertritt die WAPE nur einen kleinen Teil des akademischen Marxismus. Der Einfluss durch chinesische Staatsorganisationen und opportunistische Tendenzen lässt auch bei dieser Konferenz einen etwas bitteren Nachgeschmack zurück. Aber dennoch ist die WAPE eine der bekanntesten Institutionen organisierter marxistischer Forschung und vielleicht erdet die Organizität und Natürlichkeit, mit der die Mitglieder die Aufgaben der Multipolarität adaptieren so manche Elfenbeimturmdebatten international isolierter Gruppen.

Literatur

Der Beitrag beruht auf der Ausgabe World Review of Political Economy (2026). Jahrgang 17. Ausgabe 1. Online abrufbar unter: https://www.scienceopen.com/collection/64e442e9-2ddd-4b19-8d00-2243f490225c

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