Überstunden für das Kapital

⋄ Die Elementarform des Kampfes zwischen Kapital und Arbeit ist der Kampf um die Länge des Arbeitstages.

⋄ Durch unbezahlte Überstunden oder unerfüllbare Arbeitsnormen versucht das Kapital die Artbeitskraft immer stärker auszubeuten.

⋄ Telford und Briggs untersuchten, wie sich dies auf Arbeiter*innen in Nordostengland auswirkt.

⋄ Sie fanden heraus, dass die Produktivität immer weiter sinkt, dass sich eine Kultur des Opportunismus entwickelte und dass es zu verschätften Spannungen am Arbeitsplatz kommt.

⋄ Eine besondere Rolle spielt das mittlere Management, da dieses die konkreten Mittel festlegt, wie die unrealistischen Vorgaben des Großkapitals erfüllt werden müssen.

Fast jeder kennt ihn, von Arbeit oder aus dem Fernsehen. Den Bernd Stromberg. Den kleinen Chef, der durch eine Mischung aus Zufall, Zwang und Narzissmus in eine Rolle aufgestiegen ist, die ihm über den Kopf wächst. Zwischen den Erwartungen von Führungsetage und Unterstellten navigierend, tritt er in Fettnäpfchen um Fettnäpfchen und versucht seine tragische Rolle nur durch eine spezielle Form platten zynischen Humors überspielen.

In einer Studie über Arbeitsnormen und Überstunden arbeiten Luke Telford und Daniel Briggs in der aktuellen Capital & Class die Rolle des mittleren Managements im Kampf um den Arbeitstag der neuen Servicesektoren heraus. Wie verschleiert die Rolle dieser Klasse den fundamentalen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit?

Der Kampf um den Arbeitstag: Basis und Überbau

Ganz kurz zu den abstrakten Basics, die meisten werden diesen Absatz überlesen können: Für Karl Marx ist die Elementarform des Klassenkampfes der Kampf um die Länge des Arbeitstages. Da der Kapitalist den Wert der Ware Arbeitskraft bezahlt, welche dem Wert aller zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft notwendigen Waren entspricht, handelt es sich im zeitlichen Querschnitt theoretisch um eine Konstante. Die Nutzung der Ware Arbeitskraft hingegen ist flexibel in Länge und Intensität und somit umstritten. Der Kapitalist möchte die Arbeitskraft so lang und intensiv nutzen wie möglich, die Arbeiter*in möchte so kraftsparend und kurz wie möglich arbeiten. Traditionelle Mittel des Kampfes sind dabei gewerkschaftliche Kämpfe mit verbindlichen Regelungen über die Arbeitszeit für Betriebe oder Branchen, sowie gesetzliche Regelungen durch den Staat. So knapp zur ökonomischen Basis.

Im ideologischen Überbau verhält sich die Sache ein wenig komplizierter. Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren durch einen Klassenkompromiss geprägt, innerhalb dessen die Bourgeoisie der kapitalistischen Zentren nicht vollständig Ausbeutung der Arbeitskraft ausbeutete, wofür im Gegenzug das Proletariat auf radikalere Kampfmittel verzichtete. Grundlage hierfür war eine ständig wachsende Produktivität und die weitere Erschließung der Welt durch den Imperialismus. In den 70er und 80er Jahren geriet diese Entwicklung ins Stocken und seit Ende der 90er wurde der Klassenkompromiss unter der Fahne des Neoliberalismus einseitig durch das Kapital aufgekündigt. Die Bourgeoisie sah sich unter verschärften Konkurrenzbedingungen auch in den Zentren gezwungen, die Arbeitskraft intensiver und länger auszubeuten. Erste Opfer dieser Entwicklung waren die Arbeiter*innen in den neu entstandenen Sevicesektoren, welche nicht die traditionell starke Organisation des Industrieroletariats aufwies. Die Studie von Briggs und Telford untersucht nun, wie sich diese Entwicklung auf das Klassenbewusstsein der betroffenen Arbeiter*innen auswirkt.

Methodik von Telford und Briggs: halbstrukturierte Interviews

Dazu führten die beiden Wissenschaftler halbstrukturierte Interviews mit 25 Arbeiter*innen zwischen 18 und 65 Jahren. Die beiden Kernthemen waren die Qualität und Quantität von Überstunden und Arbeitsnormen. Konkrete Fragestellungen waren die nach nach den örtlichen Arbeitsbedingungen, nach der Bewertung dieser Bedingungen und nach Methoden des Managements, die Arbeit immer weiter zu intensivieren. Man traf sich zu Hause oder im Pub und sprach eine dreiviertel bis eine Stunde miteinander. Der Untersuchungsort war der Nordosten Englands, eine Region, die sich durch einen geringen Anteil an klassischen Industriearbeitsplätzen und damit hohen Konkurrenzdruck auf die Arbeiter*innen auszeichnet. Ausgewählt wurden die Interviewpartner*innen zunächst per Ausschreibung und dann nach dem Schneeballrpinzip, was die empirischen Ergebnisse nur schwerlich generalisierbar macht.

bisherige Studienergebnisse aus Großbritannien

Studien in Großbritannien hatten bereits gezeigt, dass 60% aller Arbeiter*innen unbezahlte Überstunden leisten, obwohl in Großbritannien bereits mit Ausnahme von Griechenland nirgends in Europa länger gearbeitet wird. Die Funktionsweise der Mehrausbeutung wurde ebenfalls bereits in Studien herausgearbeitet. Das obere Management gibt dem mittleren Management Planziele vor, zu deren Erfüllung diese verpflichtet werden. Diese Planziele werden möglichst hoch gesteckt, um Investoren und Aktionäre anzulocken und befriedigen. Das mittlere Management erhielt dadurch die Rolle als fungierendes Kapital, um diese praktisch umzusetzen und bekam hierzu sehr weitgehende Autonomie. Generalisierbare Methoden wurden für alle vorgeschrieben, aber das mittlere Management musste dennoch einige Brutalität und einigen Einfallsreichtum entwickeln, um die Vorgaben überhaupt erfüllen zu können. Die unterste Stufe, die Frontline Manager befassten sich letztendlich nur noch mit Planung und Ausführung. Nur in wenigen Fällen, wie zum Beispiel in der Supermarktkette Tesco wurden die Mittel zur Arbeitsintensivierung vorgegeben.

Diese Befehlskette verhindert, dass sich eine Solidarität zwischen mittlerem Management und Arbeiter*innen in der Hinsicht ausbildet, dass beide in erträglichem Umfang arbeiten. Auf der anderen Seite entwickelt sich bei den Arbeiter*innen nur wenig Hass auf das Management, da diesen ebenfalls die Hände gebunden sind. Allerdings zeigten vorangegangene Studien, dass die Arbeitsbelastung bereits so stark angestiegen war, dass das Verständnis für das mittlere und Frontline Management immer weiter abnahm. Dass Überstunden und zunehmende Arbeitsintensivierung zu Stress und gesundheitlichen Folgeschäden führen, ist zwar selbstverständlich, wird von den Autoren sicherheitshalber jedoch nochmals durch Studien belegt.

Ergebnisse: sinkende Produktivität, Work-Life-Unbalance, steigende Konflikte

Schauen wir uns nun einige Aspekte aus der empirischen Untersuchung Telfords und Briggs‘ an. Ihre Studie konnte alle bisherigen Befunde in den Interviews widerspiegeln und enthält darüber hinaus drei Punkte, welche noch nicht aufgegriffen wurden.

Erstens sinkt die Arbeitsproduktivität durch die erhöhte Arbeitsbelastung. Viele Arbeiter*innen gehen früh in Rente oder kündigen, da sie dem zunehmendem Druck nicht mehr gewachsen sind. Neue Arbeiter*innen müssen erst eingelernt werden, wenn sie überhaupt gefunden werden. Wenn andere Arbeiter*innen die Arbeit der ausgefallenen Kolleg*innen übernehmen müssen, sinkt an dieser Stelle ebenfalls die Produktivität. Ein*e Postbot*in, welche nicht auf ihrer Stammroute fährt, kann diese nicht in gleicher Geschwindigkeit erledigen, wie die eigentlich zuständige Kolleg*in. Die durch die gesunkene Produktivität gestiegene Mehrarbeitszeit wiederum wird auf die Arbeiter*innen abgewälzt. Man sieht, dass eine Spirale der Überlastung entsteht, die nur schwer kompensiert werden kann.

Zweitens zeigte sich den Wissenschaftlern, dass die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit bei vielen Befragten immer mehr verwischte. Es bildete sich eine Selbstverständlichkeit zu ständigen Verfügbarkeit und Überstundenbereitschaft aus, die in der Regel die Befragten massiv unter Druck setzt, dem gleich zu tun.

Drittens zeigte sich, dass die Spannung zwischen Management und Arbeiter*innen immer weiter zunimmt. Das Management ist selbst nur geringfügig besser bezahlt als die Arbeiter*innen, arbeitet zeitlich völlig entgrenzt und muss unrealistische Zielvorgaben erfüllen. Oft haben Arbeiter*innen nur die Wahl zwischen Kündigung und „Aufstieg“. Diesen Druck gibt das Management an das Personal weiter und umgekehrt reagiert das unter Druck geratene Personal zunehmend aggressiv gegenüber dem Management.

Zusammenfassung

Die Studie von Telford und Briggs illustriert, wie der Kampf um Arbeitszeit und Intensität außerhalb der großen Fabriken geführt wird. Dieser ist an sich nichts neues, aber die Illustration der Rolle des mittleren Managements ruft einige Aspekte des kapitalistischen Realismus wieder ins Gedächtnis. Die Michael Scotts und Bernd Strombergs finden sich hier in ihrer Tragik, die im Fernsehen ihre Komik ausmacht, wieder.

Durch die Autonomie des mittleren Managements kann das Kapital den Klassenkampf intelligent verschleiern. Während es selbst seine Profite sichert, erscheint es nicht selbst in der Rolle des Bösen, da es in der Hand des Managers liegt, die konkreten Mittel zur Auspressung der Arbeit festzulegen. Dieser Manager wird zum Hassobjekt der Arbeiter*innen, obwohl es sich bei diesem selbst in Regel um einen nur dürftig besser bezahlten Angestellten handelt.

Die Frage ist natürlich, ob dieses mittlere Management dennoch Bündnispartner des Proletariats werden kann. Man teilt zwar das Schicksal der Fremdbestimmung, doch trennen die entgegengesetzten Interessen am Arbeitsplatz. Jeder soziale und finanzielle Fortschritt der Arbeiter*innen erschwert die Arbeit dieses Managements. Doch brave Arbeiter*innen nützen im langfristig ebenfalls nichts. Jedes opportune Verhalten der Arbeiter*innen wird nur zu höheren Erwartungen des Kapitals führen und den Managern immer höhere Normen verordnen. Es ist eine paradoxe Lose-Lose-Situation, in der sich diese Mittelklasse befindet. Es sollte daher kein Wunder nehmen, wenn sich die Klasse, die sich weder an Arbeiter*innen noch an Kapital orientieren kann, nationalistischen Strömungen zuwendet.

Literatur:

Briggs, D. & Telford, L.: Targets and overwork: Neoliberalism and the maximisation of profitability from the workplace. In: Capital & Class. 2022, Vol. 46(1). S. 59–76.

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