Mehr Brutto vom Netto in der Profitratenmessung

Wie viel Wert gibt eine Maschine, die vor 20 Jahren angeschafft wurde und vielleicht von der Buchhaltung sogar schon abegschrieben wurde, noch an die Waren ab? Keinen mehr? Den gleichen wie vor 20 Jahren? Den analogen Wert einer gleichwertigen neuen Maschine? Wenn es die noch gibt. Und wie soll man an die entsprechenden Daten kommen? In ihrer Studie für das World Review of Political Economy diskutieren die griechischen Politökonomen Dimitris Paitaridis und Lefteris Tsoulfidis die verschiedenen Möglichkeiten. Die Wahl des Kapitalstockmaßes ist dabei keine technische Petitesse, sondern entscheidet maßgeblich darüber, ob der langfristig fallende Trend der Profitrate sichtbar wird oder statistisch verschleiert bleibt.

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Die japanische Debatte um eine marxistische Krisentheorie

Während in Schulbüchern Marx noch gerne eine Krisen- oder Zusammenbruchstheorie angedichtet wird, ist es längst zum Konsens geworden, dass er eine solche Theorie nicht eindeutig herausgearbeitet hat und noch keine weiterführende Theoriebildung allgemeine Anerkennung gefunden hat. Auch in Japan wurde die Marxsche Krisentheorie ausgiebig geführt. Kei Ehara stellte in der History of Economics Review zwei Debatten des japanischen Marxismus vor, die einerseits auf diesen beiden Typen beruhen, sie aber auch transzendieren.

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Warum niedrige Löhne nicht zu mehr Investitionen führen

Mit Javier Milei wurde in Argentinien 2023 ein Popstar der Ultraliberalen und Rechtspopulisten zum Präsidenten gewählt. Er versprach nicht nur, den Staat mit der Kettensäge zu stutzen, sondern vor allen Dingen die Inflation zu bekämpfen. Sein Plan: Durch Senkung der Lohnkosten und Steuern sollten die Profite steigen und so zu neuen Investitionen führen. Die damit einhergehende Ausweitung des Warenangebots könne demnach mit der Geldmengenausweitung Schritt halten, wodurch der Peso stabil bleibe. Allerdings ist die einfache Gleichung Profit = Kapitalakkumulation umstritten. In vielen Ländern des Globalen Südens wurde auf eine „Krise der Überprofitabilität“ oder das „Puzzle der Profite ohne Investitionen“ hingewiesen. Carlos Ibarra versuchte am Beispiel Mexikos dieses Puzzle zusammenzusetzen.

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Eine neue marxistische Inflationstheorie

Inflation ist in der tagespolitischen Diskussion das wohl bedeutendste und umstrittenste Thema der Wirtschaft. Außenhandel, Industrialisierung, Sparen oder Konsum … alles hängt ganz wesentlich von der Geldwertstabilität ab. Umso kritischer, dass marxistische Theorien und Kritiken noch nicht so recht Eingang in die Debatte gefunden haben. Stavros Mavroudeas und Athanasios Chatzirafailidis behaupten, das liege daran, dass die marxistische Theorie noch keine konsistente, wirklich auf dem Arbeitswert beruhende Erklärung der Inflation gefunden habe. Mit Hilfe der Marxschen Reproduktionsschemata aus Kapital Band II wollen diese beiden nun die Lücke schließen.

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Abstrakte Arbeit und abstrakte Ausbeutung

David Laibman ist Gitarrenlehrer und Folksänger. Seinen Song Orange Blossom Special coverte sogar Johnny Cash. Er ist aber auch marxistischer Professor für Ökonomie. Seit 50 Jahren schon setzt er sich mit den Fragen der Arbeitswerttheorie und des Transformationsproblems auseinander. Er versucht dabei, die mathematische Konsistenz des sraffanischen Ansatzes mit dem Primat des Klassenkampfes zu verbinden. Hierfür führt er den Begriff der abstrakten Ausbeutung als Analogon zum abstrakten Wert ein.

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Stadt, Land, Wert

Auf dem Dorf gehen die Uhren anders. Heißt das auch, dass es einen anderen Wertbegriff auf dem Land gibt, wenn Wert gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist? Oder lassen sich die Besonderheiten der Agrarökonomie durch Konstrukte wie Grundrente, Differentialrente oder Produktions- und Zirkulationszeiten beschreiben, die bei Marx eigentlich Besonderheiten der Industrieproduktion adressieren sollten? Und was bedeutete das für soziale und politische Klassenformationen? Die aktuelle F – Philosophy, Theory, Models, Methods and Practice sammelte verschiedene Aufsätze, die sich mit Versuchen einer Konzeptionalisierung des Stadt-Land-Dualismus auseinandersetzen.

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Warum zirkulierte das Huhn (nicht) über die Straße?

Der zweite Band des Kapitals gilt allgemein als schwer verdauliche Kost. Dabei hat die Resultate jeder omnivore Mensch auf dem Teller, wenn er einen Broiler oder Chicken Nuggets verdrückt. Behandelt Marx im Kapital II die Umschlags-, Produktions- und Zirkulationszeit und ihr Einfluss auf die Profitrate in seiner Allgemeinheit sehr ausführlich, so ist das Huhn, dessen Produktionszeit seit dem Zweiten Weltkrieg mehr als halbiert wurde, die fleischgewordene Totalität dieser Zusammenhänge. Aber was passiert, wenn die Zirkulation unterbrochen werden muss, etwa im Falle der allen sehr geläufigen Vogelgrippe H5N1?

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Man kann es nicht oft genug messen: die Profitrate fällt

Es ist mal wieder an der Zeit, eine neue Studie zur Entwicklung der allgemeinen Profitrate vorzustellen. Bisher haben alle deutlich gezeigt, dass die Profitrate langfristig gefallen ist. Ozan Mutlu & Lefteris Tsoulfidis haben im aktuellen International Journal of Political Economy die Profitrate mit den vertrauten Daten der OECD gemessen, dabei aber nur die produktive Arbeit als wertbildend gerechnet. Für zwölf Länder haben sie damit seit 1995 wesentliche Größen der Kritik der politischen Ökonomie bestimmt.

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Wie müssen reden … über Ausbeutung

Für Marxist*innen ist Ausbeutung ein recht einfaches Konzept. Aber wenn Ausbeutung so abstrakt ist, wie sprechen wir dann richtig über Ausbeutung, wenn es konkret wird. Meist fällt dann nur vielen ein, was keine oder nicht nur Ausbeutung ist … besonders schlechte Arbeitsbedingungen, besondere miese Chefs oder besonders geringe Löhne. Damit ist aber keineswegs geklärt, wie denn unter den Bedingungen eines Weltmarktes, des Imperialismus, historisch gewachsener Formationen wie Patriarchat und Rassismus und den dynamischen Klassenverhältnissen das einfache Konzept Ausbeutung zur Erklärung realer politischer Phänomene sinnvoll verwandt werden kann. Die aktuelle Ausgabe der New Political Economy widmete sich genau dieser Frage. In einem Einführungsartikel rollte Nick Bernards das Feld der Einbettung der Ausbeutung in die globale politische Ökonomie auf.

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