Kapitalismus macht behindert

⋄ Der Anteil der als „beeinträchtigt“ geltenden Arbeitssuchenden in Schweden ist in den letzten beiden Jahrzehnten um 300% gestiegen.

⋄ Christian Maravelias von der Universität Stockholm untersucht in der
Critical Sociology, wie es dazu gekommen ist.

⋄ Die Beeinträchtigungen sind vorrangig „sozialmedizinischer“ Natur.

⋄ Das bedeutet, dass der Betroffene kaum verringerte Arbeitskraft besitzt, sondern sich in Bewerbungsgesprächen oder im Dienstleistungssektor nicht als vollwertige Arbeitskraft präsentieren kann.

⋄ Maravelias konstruiert daraus das Konzept eines modernen Lumpenproletariats.

Wie kommt es, dass die Anzahl als „beeinträchtigt“ geltender Arbeitssuchender in Schweden in den letzten 20 Jahren um 300% zugenommen hat? Um dieser Frage nachzugehen, führte Christian Maravelias von der Universität in Stockholm Interviews mit Betroffenen und Fallmanagern. In der Critical Sociology zeigt er dabei auf, wie sich das Bild von „Beeinträchtigung“ und „Behinderung“, genauso wie das derer, die als „gesund“ gelten, in den letzten beiden Jahrzehnten gewandelt hat. Seine Studie steht dabei in einen breiteren Kontext materialistischer Theorie von Behinderung, die aufzeigt, dass Menschen nicht behindert sind, sondern gemacht werden.

Materialistische Theorie der Behinderung

In vorkapitalistischen Zeiten gab es nicht DIE Behinderung, sondern einzelne Behinderungen mit jeweils unterschiedlichen, teilweise religiös konnotierten Deutungen und Stigmatisierungen. Taubheit konnte als Bestrafung für die Eltern gedeutet werden, psychische Störung als Besessenheit von Dämonen. Aber: Menschen waren blind, gehbehindert oder hatten konkrete psychische Beeinträchtigungen, doch es bestand keine Notwendigkeit einer Subsumtion dieser Erscheinungsformen unter einen gemeinsamen Begriff. Das kann man zum Beispiel nachvollziehen, wenn Matthäus Jesus sagen lässt, dass am Tage des Jüngsten Gerichts „die Blinden sehen und die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören“. Jede einzelne Behinderung wird für sich aufgezählt. Jede besitzt ihre eigene Stigmatisierung und ihre eigene Heilung. Aber es gibt nicht die Behinderten.

In aller Regel kümmerte der Familienverband, manchmal auch Klöster, um die Betroffenen. Für Familien konnte ein solcher Fall ein großes Unglück sein, wenn die Hände für notwendige Arbeiten fehlten, aber die Menschen waren im Umfang ihrer Fähigkeiten in die konkreten Arbeitsprozesse eingebunden. In der Familie konnten Rollen getauscht werden und eine gehbehinderte Person verrichtete die Hausarbeiten, während die Frau dann aufs Feld ging. Das soziale Netz war so elastisch wie die Mannigfaltigkeit der konkreten Arbeiten.

Erst mit Aufkommen des Kapitalismus beanspruchte die Bourgeoisie das Recht, die vollständige Arbeitskraft zu kaufen. Da der Tauschwert von Waren die Menge vergegenständlichter abstrakter, gesellschaftlich durchschnittlicher notwendiger Arbeit verkörpert, so fällt auch der Wert der Ware Arbeitskraft, wenn sie nicht mehr durchschnittlich nutzbar ist. Behinderung bedeutete nunmehr nicht nur, bestimmte Tätigkeiten nicht mehr ausüben zu können, sondern prinzipiell einen geringeren Wert der Ware Arbeitskraft zu besitzen, wobei die Art der Behinderung hinter die Behinderung an sich zurücktrat (vgl. Russel & Rosenthal 2019, S.27ff.). Es entwickelte sich aus der Praxis aus dem Konzept der abstrakten Arbeit das Konzept der eingeschränkten abstrakten Arbeit: der Behinderung.

In Zeiten des Arbeitskräfteüberschusses ist es für Menschen mit Behinderung kaum möglich, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Und wenn, dann nur zu einem geringeren Preis als andere. Da der Lohn jedoch bereits den Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft entspricht und diese bei Menschen mit Behinderung in der Regel sogar höher liegen, ist es diesen Menschen nicht möglich, bei solchen Löhnen ihre Arbeitskraft dauerhaft aufrechtzuerhalten. In Zeiten Arbeitskräftemangels schauen Kapitalisten schon genauer hin, welche Arbeiter*innen dennoch für sie verwertbar sind, auch wenn sie zumeist auf einen geringeren Preis für die unvollständige Arbeitskraft bestehen.

Umgekehrt bestimmt der Produktionsprozess, was eine vollwertige Arbeitskraft ist. Wird dieser immer komplizierter oder erfordert mehr intellektuelle Leistung, steigt auch die Erwartungshaltung an eine*n „nicht behinderte*n“ Arbeiter*in. Wer diese Erwartungen nicht mehr erfüllen kann, gilt dann als „beeinträchtigt“ oder „behindert“. Behinderung ist also keine biologische, sondern eine gesellschaftliche Qualität.

Die Studie und der schwedische Arbeitsmarkt

Als Teil einer größeren Studie hat Christian Maravelius 30 Interviews mit Klient*innen und Verwaltungen des öffentlichen Arbeitsamts (Public Employment Office, PEO) in Schweden und vier so genannten „Integrated Social Enterprises“ (ISE) geführt. Letztere sind profitorientierte Unternehmen, welche staatliche Unterstützung für die Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt beteiligter Gruppen erhalten. Die Interviews entsprachen aktueller sozialwissenschaftlicher Methodik, was beispielsweise Framing und Sampling betrifft. Gefragt wurde nach Qualitäten von Beeinträchtigung, Methoden zur Diagnose, typischen Diagnosen und ethischen Praktiken.

Bis in die 90er Jahre organisierte das PEO einen separaten Arbeitssektor, in dem Menschen mit Beeinträchtigungen aufgefangen wurden. Mit Beginn des 21. Jahrhunderts orientierte sich das PEO um und versuchte geförderte Stellen in der regulären Ökonomie zu schaffen und zu unterstützen. Wenn ein Arbeitssuchender mehr als ein Jahr keine Stelle gefunden hat, wird er routinemäßig von der so genannten Rehab-Abteilung des PEO auf mögliche Beeinträchtigungen hin überprüft. Hierbei werden neben körperlichen auch psychische Beeinträchtigungen erfasst, indem beispielsweise Bewerbungsgespräche nachgestellt werden. Wird ein Klient als „beeinträchtigt“ eingestuft, kann er durch ein ISE subventioniert beschäftigt werden. In Zusammenarbeit mit dem PEO legen diese einen durch eine Prozentzahl ausgedrückten Grad der Beeinträchtigung fest.

Die Ergebnisse der Fallstudie

Auch Christian Maravelias schließt an ein soziales Konzept der Behinderung an. Zunächst erfuhr er, dass die große Mehrheit der als „beeinträchtigt“ eingestuften Klient*innen aus sozialen oder psychologischen Gründen diagnostiziert wurden. Ein besonders wichtiges Schema sei das der sozialmedizinischen Beeinträchtigung. Hierunter würden alle Diagnosen zusammengefasst, welche nicht in ein klassisches Schema passten. Das Gros der so charakterisierten Klient*innen sei zum Beispiel gar nicht vermindert arbeitsfähig, sondern es fehlten vom Arbeitsmarkt geforderte soziale Kompetenzen, wie eine gehobene Ausdrucksweise, Körpersprache, die Beherrschung sozialer Codes oder eine schnelle Auffassungsgabe. Manche Klient*innen seien äußerlich durch eine Drogenkarriere gezeichnet oder besitzen zu viele Einträge im Strafregister. So zitiert Maravelias Arbeitgeber, die sagen: „Für Unternehmer ist es ein weit geringeres Problem, wenn eine Person eine besondere Fähigkeit nicht besitzt, als wenn diese keine <gute Persönlichkeit> hat.“ (S.429)

Viele als „beeinträchtigt“ geltende Klienten kämen auch schlicht mit der ständigen Wettbewerbsatmosphäre nicht klar. Sie suchten Berufe, welche einfache, sich wiederholende Handlungsschritte verlangten und welche nicht beständig neue Herausforderungen erzeugten. Sie möchten gerne ihren Teil zur Gesellschaft beitragen, aber solche Berufe seien auf dem freien Markt ausgestorben. Sie seien ausgelagert, robotisiert oder so umgestaltet worden, dass sie den Menschen an seine Produktivitätsgrenze brächten.

Ein neues Lumpenproletariat?

Maravelias erkennt in den Interviews auch, dass viele Menschen, welche einmal durch das PEO untersucht wurden, sich über die Diagnose einer sozialmedizinischen Beeinträchtigung freuten. Sie würden den Klient*innen eine objektive Erklärung dafür anbieten, warum sie auf dem stetig anspruchsvolleren Arbeitsmarkt nicht mithalten können. Das Versagen bliebe zwar immer noch individualisiert, aber durch die Pathologisierung rational erfassbar.

Seit dem Übergang vom Taylorismus zur Dienstleistungsgesellschaft sei der Anspruch an die Ware Arbeitskraft enorm gestiegen. Heutige immaterielle Arbeiter*innen müssten nicht nur die Fertigkeiten für den eigentlichen Arbeitsprozess mitbringen, sie müssten die Kompetenz aufweisen, ständig neue Fertigkeiten zu erlernen. Das neue Proletariat veräußere damit nicht nur seine Arbeitskraft, sondern sein gesamtes Arbeitskraftpotential, inklusive eines erwarteten korrekten Benehmens außerhalb von Fabrik und Büro.

Die aus diesem Raster fallenden und als „beeinträchtigt“ geltenden Menschen vergleicht Maravelias mit dem Lumpenproletariat. Ihm geht es hierbei nicht um eine besondere Art von Armut oder Prekarität, sondern um die Geschichtslosigkeit dieser Klassenfraktion. Es teilt keine gemeinsame Identität, da, obgleich alle als beeinträchtigt gelten, sie dies aus zu unterschiedlichen Gründen tun. Ihre gemeinsame Identität bliebe die von Ausgeschlossenen. Wie das historische Lumpenproletariat sei das moderne vom ausbeutbaren Proletariat isoliert. Während sich das Proletariat immerhin wehren könnte, wenn es wollte, müsse das Lumpenproletariat passiv bleiben, bevormundet von karitativen Einrichtungen.

Zusammenfassung

Maravelias erhält also seine Antwort auf die Frage, wie die Zahl beeinträchtigter Arbeitssuchender in kurzer Zeit um 300% steigen konnte. Nicht die Menschen haben sich geändert, die Umstände haben sich geändert. Und wer sich den neuen Umständen nicht anpassen konnte, war plötzlich wertlos auf dem Arbeitsmarkt. Aus Arbeitssuchenden sind Arbeitssuchende mit Beeinträchtigung geworden. Unternehmen erhielten staatliche Subventionen für fast vollwertige Arbeitskräfte, denen es an Selbstdarstellungsfähigkeiten fürs Bewerbungsgespräch fehlte.

Die Studie von Maravelias zeigt beispielhaft auf, wie der Kapitalismus neue Behinderungen oder Beeinträchtigungen erzeugt. Arbeiter*innen werden marginalisiert, wenn sie den immer neuen Ansprüchen an verschärfter Ausbeutung nicht mehr nachkommen können. Ausgeschlossen vom restlichen Proletariat wird ihr Schicksal erst individualisiert und dann pathologisiert. Die Pathologisierung wiederum wird von den Betroffenen in zynischer Dialektik als Erlösung empfunden. Es ist die kapitalistische Gesellschaftsform, welche Ableismus erst erzeugt und er wird auch erst mit ihr verschwinden.

Literatur

Maravelias, C. (2022): Social Integrative Enterprises and the Construction of an Impaired Lumpenproletariat – a Swedish Case Study. In: Critical Sociology. Jahrgang 48, Ausgabe 3. S. 423–436.

Russell, M. & Rosenthal, K. (2019): Capitalism and Disability. Selected Writings by Marta Russell. Chicago: Haymarket Books.

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