Structural Turn – Vivek Chibbers neues Buch „The Class Complex“

⋄ Eine der wichtigsten sozialwissenschaftlichen Debatten ist die Frage, ob eine Gesellschaft durch ihre Struktur oder Kultur bestimmt wird.

⋄ Vivek Chibber, der unter anderem für die
Jacobin schreibt, beschäftigt sich in seinem neuen Buch „The Class Complex“ mit dieser Frage.

⋄ Er lehnt eine kulturalistische Theorie ab und integriert das Konzept Kultur in seine Klassenstrukturanalyse.

⋄ Die Struktur gebe dem Individuum Möglichkeiten, welche es bevorzugt ergreift, wodurch die Gesellschaft geformt werde, die Kultur gestalte diese Möglichkeiten konkret.

⋄ Arbeiter*innen müssten eine Kultur des Widerstands entwickeln, um die Struktur des Kapitalismus ändern zu können.

Manch einem scheint es wie die Frage nach Henne und Ei: Bestimmt die gesellschaftliche Struktur die Kultur oder ist es die Kultur, welche die Gesellschaft formt? Sind es nicht die Menschen und ihre Ideen, welche die Geschichte bestimmen? Wie sollte sich sonst Neues entwickeln, wenn alles im Alten fußt? Oder spiegeln Ideen lediglich eine soziale Realität wider, die hinter dem Rücken der Menschen wirkt wie die Schwerkraft, unsichtbar, aber unhintergehbar?

Nach dem Ende der Sowjetunion und dem Wegfall eines Teils des marxistischen akademischen Materialismus schien der neue Cultural Turn zu gewinnen. Vivek Chibber, bekannt als Journalist für das Jacobin-Magazin, möchte diesen Streit in die nächste Runde führen. In seinem neuen Buch „The Class Complex – Social Theory after the Cultural Turn“ versucht er die Kulturtheorie dadurch auszustechen, dass er sie in sein Konzept einer Klassenstruktur integriert. Erschienen ist das Buch bei der Harvard University Press.

Vivek Chibber – Jacobin-Publizist und Kritiker des Postkolonialismus

Vivek Chibber lehrt als Professor an der New York University. Er gibt die marxistische Theoriezeitschrift Catalyst: A Journal of Theory and Strategy heraus. Diese ist ein Schwesterprojekt der amerikanischen Zeitschrift der Neuen Linken Jacobin, in der Chibber ebenfalls veröffentlicht. Bekannte Bücher von ihm sind unter anderem die drei Bände des „ABC des Kapitalismus“, welche 2019 in deutscher Übersetzung erschienen.

Chibber gilt als Kritiker der Postcolonial Studies, insbesondere Edward Saids. In seinem Buch „Postcolonial Theory and the Specter of Capital“ anerkennt er zwar den Versuch dieser Theorieströmung, den exotischen Orientalismus zu dekonstruieren. Er gibt jedoch kritisch zu bedenken, dass die gleichen Theoretiker östliches und westliches Denken als inkompatibel betrachteten, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Vivek hingegen sieht die Aufklärung und bürgerliche Rationalität als ein globales Phänomen, welches sich in unterschiedlichen Kulturen nur verschieden ausdrücke.

Kultur gegen Struktur, Kultur in der Struktur

Das aktuelle Buch „The Class Complex“ kann als Verallgemeinerung dieser Kritik an den Postcolonial Studies verstanden werden. Der rote Faden, der sich durch Chibbers Argumentation spinnt, ist die Frage danach, ob eine Gesellschaft durch eine Kultur oder eine Struktur geprägt wird. Dabei benutzt er die Begriffe „Kultur“, „Ideologie“ und „Diskurs“ synonym. Chibbers Kritik verfolgt zunächst zwei Großrichtungen: Zum einen den kulturalistischen Idealismus. Dieser könne nicht erklären, warum sich auf der ganzen Welt in unterschiedlichsten Kulturen recht ähnliche soziale Muster, Konsumgewohnheiten und Beschäftigungsverhältnisse herausbildeten. Auf der anderen Seite kritisiert er einen starren und eindimensionalen Strukturalismus, der wiederum den Formreichtum und die Heterogeniutät an sozialem Leben nicht erklären könne.

Das Konzept einer Klassenstruktur nach Chibber ist so zu verstehen, dass die dem Kapitalismus eigenen Zwänge den einzelnen Individuen Entscheidungen nahe legen, die sie mit erhöhter Wahrscheinlichkeit treffen werden. Besitzt die Arbeiter*in nichts als ihre Arbeitskraft, wird sie diese verkaufen müssen. Sie hat die Freiheit, es nicht zu tun und zu hungern, zu stehlen oder sich anderweitig Geld zu verschaffen, aber diese Entscheidungen werden eher selten getroffen werden. Ein Kapitalist hat die Entscheidungsfreiheit, seine Arbeiter*innen weniger auszubeuten als die Konkurrenz, läuft aber Gefahr, auf dem Markt unterzugehen. Der mittelalterliche Bauer konnte ganz frei der Macht der Kirche entsagen, verlor aber ihren Schutz und vielleicht seine Scholle Land usw.. Eine solche Struktur lässt Raum für abweichendes Verhalten, kann aber auch erklären, warum die Mehrheit handelt wie sie handelt.

In einer solchen Struktur versteht Chibber Kultur als eine Rationalisierung der eigenen Klassenposition. Er illustriert dies an der Vertragsform des Lohnverhältnisses. Auf der einen Seite schadet sie der Arbeiter*in, da diese Autonomie und geistige wie körperliche Kraft einbüßt, auf der anderen Seite gewinnt sie Autonomie, indem sie die Mittel zur Gestaltung ihres Lebens erhält. Autonomiegewinn und Autonomieverlust finden gleichzeitig statt. Ein Widerspruch, der schwer auszuhalten ist. Kultur ist nun die Frage, ob die Arbeiter*in ihr Leben in einem Konzept des Autonomiegewinns oder des Autonomieverlusts interpretiert. Interpretiert sie die Lohnarbeit als Autonomieverlust, wird sie eine Widerstandskultur ausbilden, die auf die Struktur zurückwirkt, indem der Lohn umkämpfter wird. Wählt sie die zweite Interpretation, wird sie eine Kultur des Opportunismus entwickeln, die wiederum die Struktur anspornt, die Arbeit noch mehr auszupressen. Evtl. solange, wie die erste Interpretation überwiegt und sich eine Widerstandskultur entwickelt.

Wie formiert sich eine Klasse?

Im zweiten Schritt versucht Chibber herauszufinden, unter welchen Bedingungen eine Klasse kollektiv politisch wirksam werden kann. Er nennt dies eine formierte Klasse. Eine Arbeiter*in kann zwar strukturell zum Proletariat gehören, aber eine Kultur der Opportunität entwickeln, die kollektives Handeln gegen den Kapitalisten ausschließt. Für eine solche Entscheidung arbeitet Chibber mehrere Gründe heraus: die Abhängigkeit vom Kapitalisten, die Ersetzbarkeit der Arbeitskraft, Spaltung der Arbeiter*innen in verschiedene Lohngruppen, das Risiko, dass eine solche Organisation fehlschlägt und Nachteile erwachsen oder die Mitnahmeeffekte, welche entstehen, wenn die organisierten Arbeiter*innen einen höheren Lohn erkämpfen, der dann an alle gezahlt wird.

Diesen negativen Effekten setzt Chibber eine organisierende Kraft entgegen: die Kraft einer Kultur des Widerstandes und der Solidarität. „Klasseninteressen werden nur dann politisch wirksam,“ so Chibber, „wenn sie in kulturelle Codes übersetzt werden.“ (S.4) Wenn schon der Ausgang der Arbeitskämpfe ungewiss ist, so muss doch ein symbolischer Wert für die Arbeiter*innen herausspringen. Es muss Helden und Heldenmythen geben. Solidarität muss eine Selbstverständlichkeit werden. Entscheidungsoptionen müssen kulturell geändert werden.

Warum kämpft die Arbeiter*innenklasse nicht und wann tut sie es wieder?

Im Rest des Buches geht Chibber der Frage nach, warum sich die Arbeiter*innenschaft einst als eine politische Klasse formierte, warum sie das später nicht mehr tat und wie sie es wieder tun könnte. Im Zeitalter der Industrialisierung sah Chibber günstige Umstände für eine gemeinsame Arbeiter*innenkultur. Man teilte den gleichen Arbeitsplatz, meist die gleiche Wohngegend. Die Klassenzugehörigkeit konnte gefühlt werden. Es entstand eine kollektive Kultur. Die Organisation in Gewerkschaften sei somit recht einfach gewesen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hingegen sei die Stärke der Gewerkschaften immer weiter gesunken. Gramscis Konzept kultureller Hegemonie lehnt Chibber dabei ab. Nach dieser hätte das Proletariat nach Jahrzehnten der materiellen Stagnation dem bürgerlichen Konsens entsagen müssen. Vielmehr deutet er die Resignation der Arbeiter*innenklasse als Mangel an Alternativen. Arbeiter*innen hätten garnicht die Wahl, keine Arbeiter*innen zu sein. Dem klassischen Marxismus wirft Chibber vor, die Frage nach der Stabilität des Kapitalismus theoretisch vernachlässigt zu haben. Die momentane Atomisierung der Arbeiter*innen werde nicht abgebildet. Die Sozialdemokratie habe ihre eigene Rolle in diesen Prozessen gespielt. Sie habe, als sie stark genug war, nicht nur die Arbeitsverträge ausgehandelt, sondern den gesellschaftlichen Sozialvertrag bestimmt. Damit sei die Notwendigkeit der Arbeiter*innen entfallen, sich aktiv zu organisieren. Eine Schwäche, welche der Neoliberalismus auszunutzen im Stande war.

Chibber sieht einen großen Trumpf in der Hand der Arbeiter*innen, damit sie am Ende den Sieg über das Kapital davontragen könnten. Da die Struktur ohnehin die Kapitalisten bevorteile, sei für diese nie die Notwendigkeit einer Organisation entstanden. Das Proletariat habe diesen Luxus nie gehabt und könne sich durch erneute Organisation zur dominanten Klasse aufschwingen. Natürlich sei dazu eine Kultur des Widerstandes nötig, welche auch für Mitglieder der Mittelklassen attraktiv sei – Radikale, Studierende, Intellektuelle.

Zusammenfassung

Der Punkt, den Chibber zu machen versucht, ist der, dass „der Kapitalismus auf eine große Bandbreite an Kulturen trifft, wenn er sich ausbreitet, und diese seiner Logik unterordnet.“ (S.130) Die Struktur des Kapitalismus „erzeugt Gründe für die Akteure, die gewöhnlichen und erwarteten Entscheidungen zu treffen, welche sich in sozialen Mustern widerspiegeln.“ (S.131). Die Kultur konkretisiert lediglich die Entscheidungsalternativen, indem zum Beispiel ein Sozialstaat, eine islamische Solidaritätsstruktur oder niemand sich eines Arbeitslosen annimmt und damit der Arbeiter*innen unterschiedliche Optionen zur Verfügung stellt. Kapitalisten wiederum müssen den Profit maximieren, aber welche akzeptierten Mittel ihnen dabei zur Verfügung stehen, entscheidet die Kultur.

Das Buch zeichnet sich durch eine klare, verständliche Sprache aus. Gedankengänge werden an Beispielen erläutert. Auf Name Dropping wird verzichtet. Stattdessen werden einzelne Theoretiker*innen exemplarisch herausgegriffen, aber dafür intensiv diskutiert. Das Anliegen des Autors wird klar und ist auch unbestritten berechtigt. Man merkt Chibbers journalistische Erfahrung deutlich. Die stochastische oder spieltheoretische Deutung von Struktur ist plausibel und lässt seine Gedanken sehr modern und aktuell wirken.

Etwas anstrengend ist die ständige Abgrenzung vom klassischen Marxismus. Alle paar Seiten behauptet der Autor, der klassische Marxismus habe einen Automatismus aus Klassenverhältnis und Klassenbewusstsein entwickelt. Dabei war es gerade Marx, der die Verblendungsmachanismen des Lohnverhältnisses als erster analysiert hat. Drei dicke Bände musste er vollschreiben, um die Mystifikationen des Lohns, des Kapitals und der Rente materialistisch zu enthüllen. Chibber hingegen nimmt nur auf das Kommunistische Manifest Bezug, was auf Grund seiner Erfahrung mit der marxistischen Theorie sehr verwundert. Später war es Lenin, der zwischen wissenschaftlich feststellbarem objektivem Klassenbewusstsein und dem spontanen Bewusstsein der Arbeiter*innen unterschied. Hätte Lenin einen Automatismus unterstellt, hätte er wohl kaum auf straffer Parteidisziplin beharrt, um den Verlockungen, vom Klassenkampf abzusehen, zu widerstehen. Auch der von Vivek aufgegriffene Gramsci spielt keine Ausnahme für eine Diskussion um Klassenstruktur und Klassenformation, sondern ist intergraler Bestandteil dieser.

Der Autor muss sich selbst den Vorwurf einiger Verkürzungen gefallen lassen, indem er den gewerkschaftlichen Organisationsgrad als wichtigsten Parameter für das Klassenbewusstsein interpretiert. Als ob Gewerkschaften nicht dann hohen Zulauf hätten, wenn die Arbeiter*innen wenig zu riskieren hätten, um ihnen beizutreten. Und gerade in der Frühindustrialisierung, deren Bedingungen Chibber für optimal hält, hatten Gewerkschaften mit den verschiedenen Herkünften, Biographien und sehr individualisierten Vertragsverhältnissen zu kämpfen. Die Organisation war sicherlich nicht einfacher als heutzutage.

Als drittes erscheint es merkwürdig, dass Chibber den Kapitalisten jede Form von Organisation abspricht. Gerade der Staat ist es ja, der das Interesse des Gesamtkapitalisten abbildet. Er bildet Kinder aus, damit das Kapital später als Arbeiter*innen zur Verfügung hat. Er schützt das Eigentum und die Fabriken. Er unterhält die industrielle Reservearmee, wenn diese zeitweilig nicht gebraucht wird. Er organisiert die Reproduktionsarbeit. Ohne den Staat als organisatorisches Element der Bourgeoisie wäre der Kapitalismus kaum denkbar, auch wenn er politisch umkämpft ist.

„Der Klassenkomplex“ enthält viele kluge Gedanken. Die Forderung nach einer widerständigen proletarischen Kultur des 21. Jahrhunderts ist berechtigt und notwendig. Chibber seziert seinen Gegenstand nicht mit dem Skalpell, sondern mit dem Steakmesser, aber die Stücke sind mundgerecht und genießbar. Es ist vielleicht dem Zeitgeist geschuldet und verweist womöglich auch darauf, dass marxistische Autor*innen immer jünger werden, dass sie krampfhaft die Klassiker stürzen wollen, obwohl sie deren Faden eigentlich nur aufgreifen. Das soll dem klugen Gedanken an sich nicht schaden.

Literatur:

Chibber, V. (2022): The Class Complex. Social Theory after the Cultural Turn. Cambridge & London: Harvard University Press.

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