Marx hatte mal wieder Recht … diesmal: Produktivität

⋄ Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs steigt die Produktivität der westlichen Industrienationen immer weniger an.

⋄ Da es jedoch noch keine unumstrittene Auffassung darüber gibt, was eigentlich die Produktivität beeinflusst, ist die Wissenschaft diesem Rätsel noch nicht auf die Spur gekommen.

⋄ Thanasis Maniatis und Costas Passas haben in der Capital&Class verschiedene Theorien und Einflussfaktoren getestet.

⋄ Sie zeigen auf, dass eine Theorie die Entwicklung der Produktivität besser beschreibt als die orthodox marxistische.

⋄ Nach dieser erhöht die Zunahme der technischen Zusammensetzung zwar die Produktivität, lässt aber den unproduktiven Sektor zur Realisierung des Mehrwerts anwachsen.

Seit dem Beginn der 50er Jahre geht die Produktivitätsentwicklung in den westlichen Industrienationen langsam, aber stetig zurück. 2008 schrumpfte die Produktivität in Deutschland sogar das erste Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, mit der Coronakrise 2020 ein zweites Mal. Insgesamt lag die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigem 2022 noch immer unter dem Niveau von 2017. Das kratzt nicht nur mächtig am Selbstverständnis der deutschen Bourgeoisie als Innovationsstandort. Der Produktivitätsrückgang gibt der Rechten die Möglichkeit, Renten, Löhne und Sozialsysteme wieder in Frage zu stellen. Wenn weniger Waren pro Arbeitskraft produziert werden, gäbe es auch weniger zu verteilen, so die einsichtige Milchmädchenrechnung. Was können wir allerdings über die Gründe des Produktivitäts-Slowdowns aussagen? Handelt es sich um ein zyklisches Phänomen, das von der nächsten technischen Neuerung wieder überwunden wird? Gibt es politische Ursachen wie Zuwanderung oder zu große Zugeständnisse an die Gewerkschaften? Hat der Fachkräftemangel das Proletariat in eine so komfortable Lage versetzt, dass der Druck zu möglichst großer Leistung geschwunden ist? Oder handelt es sich um ein prinzipiell kapitalistisches Gesetz, ähnlich wie das des tendenziellen Falls der Profitrate? Thanasis Maniatis und Costas Passas haben in der Capital&Class verschiedene Theorien und Einflussfaktoren getestet. Und zeigen: am besten erklärt man das Phänomen mit Ye Good Olde Marx.

Produktivitätstheorien

Wenn man von Produktivität redet, muss man zunächst klären, von welcher Art Produktivität man spricht. In der Regel geht es darum, in welcher Zeit oder mit wie viel Arbeit eine bestimmte Ware hergestellt werden kann. Da die Zeiten für unterschiedliche Waren jedoch gar nicht vergleichbar sind und Sinn und Zweck der kapitalistischen Produktion der Profit ist, wird häufig bestimmt, wie viel Wert pro Zeit einer Ware zugefügt worden ist bzw. wie viel Gewinn pro Arbeitskraft ein Unternehmer erzielen konnte. Da sind sich bürgerliche und marxistische Theorie weitestgehend einig. Sie unterscheiden sich jedoch darin, dass bürgerliche Theorien jede Form von Gewinn bzw. erzielten Preis in die Produktivität mit einrechnen, während bei Marx produktive und unproduktive Arbeit unterschieden werden. Unproduktive Arbeit ist jene Arbeit, die für den Verkauf der Ware zwar notwendig ist, ihr aber keinen weiteren Wert zusetzt, wie etwa der Handel. Damit wären quantitative Schätzungen der Produktivität aus marxistischer Sicht immer etwas höher als aus bürgerlicher.

Doch was bestimmt die Produktivität in einer Gesellschaft? Auch hier gibt es verschiedene Theorien. Während der bürgerliche Mainstream Produktivität weitestgehend für eine Black Box hält, in der menschliche Innovationen, technische Abläufe, Arbeitsethos und dergleichen wesentlich mit einspielen, haben heterodoxe Theorien nach genaueren Bestimmungen gesucht. Der klassisch marxistische Ansatz geht davon aus, dass sich durch die Entwicklung der Produktivkräfte die organische bzw. die technische Zusammensetzung in den produktiven Sektoren immer weiter erhöht. Die hat ein relatives Wachstum des unproduktiven Sektors zu Folge, z.B. weil die verkürzte Produktionsdauer pro Ware auch eine Beschleunigung des Absatzes erfordert. Da größere Teile des Kapitals im unproduktiven Vertrieb angelegt werden müssen, sinken die Profitraten und damit auch die Investitionsanreize in weitere Steigerungen der Produktivität. Nicht zu vergessen ist, dass produktiver genutzte Arbeitskraft auch mehr Reproduktionsarbeit benötigt, die in vielen Fällen im unproduktiven Sektor angesiedelt ist.

Als Mittelweg zwischen bürgerlichen individualistischen Ansätzen und der Marxschen Tradition hat sich die so genannte Social Structures of Accummulation-Schule(SSA) herausgebildet, welche annimmt, dass die Harmonie bzw. Disharmonie zwischen den Faktoren Arbeit, Kapital und Staat über die Produktivität bestimmt. Nach ihr führe zum Beispiel höhere Arbeitslosigkeit zu steigender Produktivität, da die Arbeiter*innen intensiver arbeiteten, um ihren Arbeitsplatz zu behalten und der Preis der Ware Arbeitskraft gedrückt werden könne. Ebenso könne jedoch der Staat durch die Bereitstellung von staatlichen Unterstützungssystemen wie Kindergärten die Eltern in ihrer Reproduktionstätigkeit entlasten, sodass diese ihre Arbeit intensiver ausführen können. Dieser Ansatz beruht also im Wesentlichen auf der Annahme, dass die Produktivität durch die Arbeitsintensität gesteigert werde (Näheres hier) und lässt dabei sowohl keynesianistische als auch neoliberale Interpretationen zu.

Modellierung der Produktivität

Das Ziel der Studie von Thanasis Maniatis und Costas Passas war es nun, zu bestimmen, welche Theorie die Produktivitätsentwicklung am besten voraussagen könne. Als Untersuchungsgegenstand wurde das Griechenland nach dem Ende des Bürgerkriegs herangezogen. Die Autoren sichteten die Literatur nach postulierten Determinanten für die Produktivität und arbeiteten zwölf heraus.

1. Die technische Zusammensetzung des Kapitals (c+v)/v, die den Grad an Mechanisierung der Arbeit angibt.

2. Soziale Kriterien, wie Alter, Geschlecht und Erfahrung des Proletariats

3. Die Höhe der Ausgaben für Forschung und Entwicklung

4. Der Auslastungsgrad der Produktion bzw. des Kapitals

5. Preise und Verfügbarkeit von Energie

6. Arbeitsintensität, die von kulturellem Ethos, Druck durch den Arbeitsmarkt o.ä. bestimmt ist

7. Innovationsdruck der ökonomischen Sparte

8. Gewerkschaftskultur und Klassenbewusstsein

9. Inflation und relative Inflation der Energiepreise

10. Staatsausgaben

11. Marktoffenheit

12. Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor

Zur besseren Übersicht unterschieden die Autoren diese Faktoren in technische Faktoren (1., 3., 4., 5.), soziale Faktoren (2., 6., 7., 8.), makroökonomische (9., 10., 11.) und strukturelle (12.). Die technische Zusammensetzung sollte einen positiven Effekt auf die Produktivität haben, da diese den Einsatz aufwendiger Maschinen andeutet. Eine geringe Auslastung des Kapitals hingegen sollte Investitionen und damit die Verfeinerung der Produktionsweise verhindern. Wenn Energie preiswert und leicht verfügbar ist, tendieren Unternehmen dazu, Produktionsanlagen lange zu nutzen, da sich eine Effizienzsteigerung kaum in größerer Konkurrenzfähigkeit bemerkbar machen würde. Staatsausgaben werden als Ausgaben interpretiert, die nicht in Forschung und Innovationen fließen. Und ein hoher Anteil von Beschäftigten im Dienstleistungssektor macht die Produktivität unabhängiger von technischen Neuerung, sondern beruht auf der praktisch begrenzten Arbeitsintensität. Bei allen anderen Faktoren sollte der Einfluss auf der Hand liegen.

Alle genannten Einflüsse wurden nun operationalisiert und in eine große Summenformel gepackt. Für jeden einzelnen Einfluss wurde eine Methode entwickelt, um ihn als Zahlenwertausdrücken zu können. Jeder erhielt einen Gewichtungsfaktor und mit Hilfe eines autoregressiven Modells wurde dann die Stärke des Einflusses auf die Marxsche und die bürgerliche Produktivität ermittelt. Die Herkunft und Bearbeitung der Daten wurde im Originalpaper plausibel gemacht, kann aber hier nicht im Einzelnen detailliert dargestellt werden. In einem letzten Schritt wurden fünf verschiedene Erklärungsmodelle entwickelt, von einem rein von der technischen Zusammensetzung abhängigen Modells (das nahe am traditionellen Marxismus liegt), über eher SSA-dominierte Modelle bis hin zu einem Modell, dass alle Einflüsse gleich berücksichtigt.

Die Ergebnisse

Wie zu erwarten war, lag die berechnete Marxsche Arbeitsproduktivität, welche nur den produktiven Sektor berücksichtigt über den bürgerlichen Schätzungen. Allerdings macht sich der Unterschied erst seit 1980 bemerkbar, als massive Produktivitätszuwächse des produktiven Sektors vom unproduktiven fast vollständig geschluckt wurden.

Maniatis, T. & Passas, C. (2023): Determinants of Marxian labor productivity in the Greek economy 1960–2020.
In: Capital & Class. Online first. DOI: 10.1177/03098168231179968. S.6.

Einen großen Einfluss fanden die Autoren bei den technischen Komponenten vor. Die technische Zusammensetzung ist wesentlich höher gewichtet als die restlichen Komponenten und auch die Kapitalintensität zeigte einen signifikanten Einfluss. Hier wären sich bürgerliche, marxistische und SSA-Schule auch einig. Die SSA konnte jedoch in ihrem Kern, den sozialen Faktoren nicht bestehen. Weder eine hohe Arbeitslosigkeit noch ein hoher Reallohn als „Motivationsanreiz“ konnten die Entwicklung der Produktivität erklären. Während die SSA ihre Voraussagen zum Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und Produktivität in der Vergangenheit für stark sozialpartnerschaftliche Staaten bereits zurückgenommen hatte, zeigt auch Griechenland als stärker von Klassenkämpfen geprägtes Land nun nicht das prognostizierte Verhalten. Aus makroökonomischer Perspektive haben sich interessanterweise die Marktoffenheit und der relative Energiepreis nicht als signifikanter Einfluss für die Produktivität gezeigt. Das ist besonders für Deutschland interessant, da die rot-grün-gelbe Regierung ausgerechnet die Energiewende als Innovationsmotor für neue Produktivitätssteigerungen nutzen möchte. Sollten die Ergebnisse aus Griechenland auf Deutschland übertragbar sein, dann argumentiert die Regierung hier falsch. Die Regierungsausgaben sind mit der Produktivitätsentwicklung negativ signifikant korreliert. Hier fragen die Autoren jedoch, ob die Regierung einfach das Geld für Investitionen wegnimmt oder ob hohe Staatsausgaben nicht ein Indikator für ein bereits bestehendes Nachfragedefizit sind.

Zusammenfassung

Die Marxsche Theorie gilt gemeinhin als zu technisch und zu ökonomistisch. Faktoren wie die individuelle Innovationskraft der Kapitalisten, die Motivation der Arbeiter*innen durch hohe Reallöhne oder eine Leistungskultur würden vernachlässigt. Thanasis Maniatis und Costas Passas zeigen: zu Recht. Nach ihren Berechnungen können 50% der Produktivkraftentwicklung aus der technischen Zusammensetzung und der Kapitalintensität geschlossen werden. Insbesondere die sozialen Faktoren der Social Structures of Accumulation-Schule haben nicht nur wenig Einfluss, sie haben teilweise einen zur Theorie entgegengesetzten Effekt. Die größte Vorhersagekraft hat zwar das Modell, welches alle Einflüsse mit berücksichtigt. Aber dieses Modell ist zu speziell, um es praktisch anwenden oder theoretisch einbetten zu können. Wichtig ist der qualitative Unterschied zwischen der technischen Zusammensetzung und dessen Einfluss auf die Produktivität und allen anderen Komponenten. Und hier hat die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie die kohärenteste Theorie.

Die Ergebnisse zerstören auch die Träume linker Sozialdemokrat*innen oder Liberaler, welche ihre einzige Hoffnung auf die Lösung der inneren Widersprüche der kapitalistischen Akkumulation auf neue Produktivitätsanstiegen setzen. Die technische Zusammensetzung nimmt stetig zu, was nicht nur die Profitrate zum Sinken bringt, sondern auch die Produktivitätszuwächse. Gewerkschafter*innen sollten es sich daher auch nicht zu gemütlich auf dem Argument machen, die Lohnforderungen mit Produktivitätszuwächsen zu begründen. Das könnte schlecht für die Belegschaften ausgehen. Die Produktivkräfte finden ganz allgemein gesagt in den Produktionsverhältnissen empirisch nachweisbar ihre Grenze. Davon ist noch keine Revolution gemacht, aber der Bourgeoisie bleibt zumindest ein Druckluftventil vor der Explosion der gesellschaftlichen Widersprüche verschlossen.

Literatur:

Maniatis, T. & Passas, C. (2023): Determinants of Marxian labor productivity in the Greek economy 1960–2020. In: Capital & Class. Online first. DOI: 10.1177/03098168231179968.


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