Weltkarte der Ausbeutung

⋄ Die dem Imperialismus zugrunde liegenden Mechanismen sind in der Regel unsichtbar und nur die Auswirkungen können als Kriege, Umweltzerstörung und politische Destabilisierungen wahrgenommen werden.

⋄ Da die ökonomischen Grundlagen also verschleiert sind, hat sich auch einen breite Debatte um diese entwickelt.

⋄ Jonathan Coglianio, Roberto Veneziani und Naoki Yoshihara haben aufbauend auf John Roemers analytischem Marxismus ein neues Modell des Imperialismus entwickelt.

⋄ Analog zum Marxschen Ausbeutungsbegriff wird dabei betrachtet, ob ein Land mehr zur Reproduktion zur Verfügung hat, als es selbst produziert hat.

⋄ Damit lässt sich der Imperialismus nicht nur mit zugänglichen Daten kartographieren, sondern auch in die Zukunft weiter simulieren.

Viele Menschen erkennen Imperialismus noch immer nur, wenn die Waffen sprechen, natürliche Ressourcen brutalst ausgebeutet oder Putschversuche durch westliche Staaten finanziert werden. Wenige erkennen ihn als strukturelle Erscheinung oder, wie Lenin sagte, als eine ganze Epoche. Das Problem ist, dass man Imperialismus nicht unmittelbar hören, sehen oder schmecken kann. Natürlich hört man es, wenn Staaten plötzlich Aufnahme in ein Militärbündnis ersuchen. Man kann es auch sehen, wie Arbeitsplätze derer aussehen, die Lithium aus der Erde graben und die, welche es in ihren Computern brauchen. Und man kann es schmecken, wenn Nestle auch im hintersten Winkel Afrikas den Lebensmittelmarkt kontrolliert. Doch die zugrunde liegenden Mechanismen und sozialen Beziehungen bleiben unsichtbar. Die bürgerliche Ökonomie kann daher noch immer behaupten, die globale Ungleichheit sei Folge von Fehlentscheidungen oder Marktversagen und nicht eine prinzipielle Konkurrenz nationaler Bourgeoisien, die sich nach einiger Zeit auch gewaltsam entlädt.

Die marxistische Forschung hat in den letzten Jahren immer wieder versucht, die strukturelle Ungleichheit zwischen den Weltregionen quantitativ aufzuarbeiten und den den Raubzug der imperialistischen Zentren im Trikont sichtbar zu machen. Jonathan Coglianio, Roberto Veneziani und Naoki Yoshihara von den Universitäten in Boston, London und Tokyo haben in einer gemeinsamen Arbeit versucht, ein neues Imperialismusmodell auf der Grundlage von Roemers Theorie des analytischen Marxismus zu konstruieren. Es soll den Imperialismus mit leicht zugänglichen Daten kartographieren können.

Imperialismus und analytischer Marxismus

Cogliano und seine Kollegen begannen zunächst mit einer Kategorisierung der gängigen Imperialismus-Begriffe. Historisch veraltet, wenn auch im Alltagsbewusstsein noch tief verankert, ist der so genannte Feudelimperialismus, als Könige oder Kriegerstämme andere Völker lehens- oder tributpflichtig machten und so teilweise gigantische Vielvölkerreiche entstanden. Der klassische Imperialismus sei hingegen durch koloniale Aneignungen, Kapitalexport und Kriege zwischen den führenden kapitalistischen Nationen gekennzeichnet. Hierauf bezögen sich etwa die die Theorien von Luxemburg und Lenin. Immer noch aktuell hingegen sei der kapitalistische Imperialismus, der auf Grund der globalen Produktionsstruktur zu einem konstanten Wertstrom aus peripheren Gebieten in die imperialistischen Zentren führe. Insbesondere der Unterschied zwischen Kapitalmobilität und Beschränkungen der Arbeitsmigration sei der wesentliche Hebel dieser imperialistischen Surplusprofite. Diese Ansicht teilen Cogliano et al. unter anderem mit der Theorie des ungleichen Tauschs (Näheres hier).

Wonach die drei Forscher jedoch suchten, war eine Definition des kapitalistischen Imperialismus, die auf für alle einsichtigen Annahmen beruhe. Egal, ob die bisherigen Imperialismustheorien auf der Überakkumulation (Luxemburg), Realisierungsproblemen (Lenin), dem tendenziellen Fall der Profitrate (Carchedi und Roberts), Produktivitätsunterschieden und Renteneffekten (Amin), Lohn- und Zinsdifferenzen (Cope) oder dem auf den Weltmarkt angewandten Marxschen Preisbildungsmechanismus (Emmanuel) beruhten; immer waren die Prämissen selbst innerhalb des Marxismus umstritten, wodurch die Theorien mit der Akzeptanz der zugrunde liegenden Annahmen stünden und fielen. Für einen robusteren Begriff definierten sie in Bezugnahme auf John Ernest Roemer das Konzept der Internationalen Imperialistischen Beziehungen (IRR), die sich durch den Ausbeutungsintensitätsindex (EII) messen ließen.

Roemer gilt als einer der Gründerväter des so genannten analytischen Marxismus, der versuchte, das Marxsche Konzept aus simplen spieltheoretischen Erwägungen heraus abzuleiten. Dazu definierte Roemer einzelne Agenten, die verschiedene Interessen nach vorgegebenen Regeln verfolgten. Roemer konnte nachweisen, dass sich viele Marxsche Konzepte auf diese Art und Weise reproduzieren ließen, was wiederum die Möglichkeit eröffnete, über Agent-Based-Modelling-Algorithmen (Näheres hier) sozusagen Kapitalismus zu simulieren.

Die Methode

Die Definition des Ausbeutungsintensitätsindex (EII) hatte nun zum Ziel, einen empirisch messbaren, innerhalb des marxistischen Frameworks unumstrittenen, nicht auf externer Gewaltanwendungen beruhenden und dennoch intuitiv deskriptiven imperialistischen Mechanismus zu modellieren, der quasi ersetzend und ergänzend neben den bestehenden Konzepten existieren kann. Hierzu wurden N Nationen definiert, die entsprechend der Input-Output-Analyse (Näheres hier) mit L abstrakter Arbeit die Menge einer Einheitsware A herstellt. Der Ansatz ist dynamisch, was bedeutet, dass jeweils die Größen für einen Zeitpunkt t direkt feststehen, während die folgende Entwicklung in den Zeiträumen t+1, t+2, … vom Ergebnis der Periode t abhängt. Die Intensität und Produktivität der Arbeit kann regional und national variieren und hängt unter anderem vom Ergebnis der vorangegangenen Produktionsperiode ab. Der jeweils geschöpfte Wert kann international gehandelt werden und es kann umso mehr an Kapital oder Waren exportiert werden, desto weniger von den eigenen Arbeiter*innen konsumiert. Alle Arbeit einer Nation umfasst die Produktion von Kapital und Reproduktion der Ware Arbeitskraft.

Die Regeln des Modells schreiben vor, dass die Akkumulation von Kapital das höchste Ziel der Produktion ist und keinerlei Restriktionen bei der Verwendung von Arbeit und Kapital zur Erreichung dieses Zwecks vorliegen. Schulden werden nicht mit in die Zukunft genommen, sondern der Kreditmarkt leert sich mit jeder abgeschlossenen Produktionsperiode. Die Lohnhöhe richtet sich nach dem Bedarf an Arbeitskraft und fällt nur im Falle eines sehr hohen Überschusses auf Subsistenzniveau. Die Möglichkeit zum Konsum wird wiederum durch die Lohnhöhe und die Menge der hergestellten Waren bzw. der vergegenständlichten Arbeit begrenzt.

In diesem Framework wäre eine Nation als Entität genau dann ausgebeutet, wenn die Menge aller aufgewandten Arbeit kleiner ist als die durch Löhne und Produktionsbedarf mögliche Konsumtion. Im Gegenzug ist eine Nation als gesamte ausbeutend, wenn sie mehr konsumieren könnte, als sie durch eigene Arbeit hergestellt hat. Diese Definition korrespondierte mit dem Marxschen Begriff der Ausbeutung, der die Differenz zwischen produziertem Wert und dem zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft notwendigen Wert bezeichnet. Hier wird diese Definition jedoch auf ganze Volksökonomien unter Absehung der inneren Ausbeutung übertragen, obwohl auch die innere Ausbeutung als Voraussetzung der äußeren Ausbeutung eine Rolle spielt.

Über diese Definition lässt sich nun auch der Ausbeutungsintensitätsindex e definieren, der das Verhältnis zwischen national verrichteter Arbeit und national möglichem Konsum angibt. Ist die Zahl größer als 1, wurde mehr gearbeitet als konsumiert werden kann und ein Land wird ausgebeutet; ist sie kleiner als 1, kann das Land mehr konsumieren, als es an vergegenständlichter Arbeit zur Verfügung hätte und es ist eine imperialistische Nation. Die Autoren halten dieses Konzept für theoretisch robust, intuitiv schlüssig und unabhängig von umstrittenen Prämissen.

Der empirische Test

Zuerst wurden also viele theoretische und verrechenbare Größen definiert und die folgende Aufgabe bestand darin, die gefundenen Ausdrücke auf empirisch beobachtbare Größen zurückzuführen. Die Penn World Table von 2017 stellte hierzu die wesentlichen Größen bereit. Über kaufkraftparitätisch angepasste Lohnhöhe, Bevölkerungszahl und Kapitalstock konnte auf das konsumtive Potential einer Nation geschlossen werden. Die lebendige Arbeit wurde über die Gesamtzahl der Arbeitsstunden unter Berücksichtigung ihrer Effektivität (also pro gesamtem nationalem Output) ermittelt und die vergegenständlichte Arbeit als Summe aller Inputs. Alle Größen konnten in US-Dollar verarbeitet werden, was zur Annahme einer Standardware (hier die Geldware) passt. Für 144 Länder konnten ausreichend Informationen erhoben werden, um das Modell zu füttern, wobei es sich nach den Autoren natürlich um eine grobe Abschätzung handelt.

Quelle: Cogliano, J.; Veneziani, R. & Yoshihara, N. (2024): The Dynamics of International Exploitation. S.8.

Die mit Hilfe des Ausbeutungsintensitätsindex erstellte Karte des Imperialismus reproduziert im Wesentlichen intuitive und durch andere Methoden erstellte Ergebnisse. Wie bei Ricci (Näheres hier) profitiert die Kern-EU etwas stärker vom internationalen Handelssystem als die USA, wobei einige Spartenökonomien wie Qatar oder Luxemburg die Spitze bilden. Die 18 global am stärksten ausgebeuteten Länder stammen alle vom afrikanischen Kontinent. Der Jemen ist die schwächste nichtafrikanische Nation. Die Karte zeigt auch, warum der Status von China und Russland als imperialistische Nationen umstritten ist. Bei beiden gleichen sich globale Ausbeutungseffekte jeweils aus.

Simulation der Zukunft

Die erstellte Karte bestätigt also im Wesentlichen existierende empirische Ergebnisse. Spannender wird die Geschichte erst in der Folge, da der zugrunde liegende Algorithmus eine Simulation der nächsten Zeitschritte zulässt. Hierzu kann die Welt zunächst in zwei Klassen eingeteilt werden. Auf der Ebene der Nationalstaaten sind die einzelnen Akteure entweder Nettoschuldner von Kapital oder Nettogläubiger. Während die Simulation quasi Positionen der einzelnen Länder bestimmt, die im Wesentlichen aus Schattierungen besteht, scheint sie mit der Pyramidentheorie des Imperialismus der KKE (Näheres hier & hier) zu korrespondieren. Für die zukünftige Entwicklung ist jedoch die vorgenommene Einteilung in Klassen entscheidend, da diese die Möglichkeiten für die weitere Entwicklung definiert. Das stützt eine von diesem Blog vertretene Ansicht, dass Pyramiden- und Block- oder Klassenmodell keine widersprüchlichen, sondern dialektisch korrespondierende Konzepte sind (Näheres hier). Jedes Land, dass Nettoschuldner ist, transferiert einen Teil seines Mehrwerts an die Nettogläubiger, die umgekehrt, diesen Wert zuzüglich zu ihrem selbst geschaffenen Reichtum in Empfang nehmen können.

Die Simulation durch die Autoren über 50 Zeitperioden (sprich Jahre), zeigt im Wesentlichen zyklisches Verhalten auf. Während in den imperialistischen Kernländern immer wieder Innovationssprünge auftreten, die sich verallgemeinern und zu einer konstanten Verringerung des Bedarfs nach Arbeitskraft führen, schwankt auch die Abhängigkeit der Zentren von der billigen Arbeit der Peripherie. In der Tendenz scheint trotz der Schwankungen jedoch die Profitrate zu fallen und die globale Ungleichheit anzusteigen. Das führt nach 50 Jahren auch zu einer neuen Karte der Ausbeutungsintensität.

Quelle: Cogliano, J.; Veneziani, R. & Yoshihara, N. (2024): The Dynamics of International Exploitation. S.16.

Es ist bemerkenswert, dass sich die imperialistischen Blöcke hier verfestigt haben. Während in der aktuellen Karte noch einige Differenzen innerhalb Europas beobachtbar waren, ist der Block nun recht einheitlich mit Nordamerika und Australien eingefärbt. Besonders auffällig ist die Erweiterung der Skalierung der ausgebeuteten Länder. Während heute das am stärksten ausgebeutete Land einen EII von 1,13 aufweist, erweitert sich die Skala in 50 Jahren auf 3,0. In den heute um die Gleichgewichtslage schwankenden Ländern wie China oder Russland hat sich nicht viel getan. Kurzum, der Riss zwischen den Klassen an Ländern, den imperialistischen Zentren und der Peripherie wächst zwar ungleichmäßig, aber beständig.

Zusammenfassung

Cogliano, Veneziani und Yoshihara haben mit der vorliegenden Studie ein sehr interessantes Konzept der globalen Ausbeutung vorgelegt, dass vornehmlich deskriptiv arbeitet. Inwiefern die beschriebenen Effekte nur eine Darstellung bisheriger Imperialismustheorien auf anderer Abstraktionsstufe sind, diese ergänzen oder ihnen widersprechen, wird sicherlich noch in den nächsten Monaten und Jahren Gegenstand einer kleineren Debatte werden. Als Kernaussage kann man festhalten: egal, wie man den globalen Kapitalismus dreht und wendet, die imperialistische Surplusausbeutung der Peripherie kann mit keiner seriösen marxistischen Methodik weggewischt werden.

Die Stärke des Betrachtung, die rein mathematische und auf ganz abstrakte Größen reduzierte Betrachtung, zeigt sich zugleich als die größte Schwäche des Papiers. Es ist zum Beispiel gar nicht zu unterscheiden, ob ein Land deshalb von der globalen Wertschöpfung profitiert, weil es in der Lage ist, benötigte Rohstoffe zu exportieren oder weil es durch die verbilligte Arbeit konkurrenzfähige Produkte herstellt. Die inneren Mechanismen werden defacto nicht abgebildet. Wenn in China zum Beispiel ökonomische Größen auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet werden, wird außer Acht gelassen, dass sich komplette Regionen und Teile der agrarischen Bevölkerung eigentlich außerhalb der kapitalistischen Integration bewegen. Israel erscheint als weniger imperialistisch als Ungarn, wobei aber vernachlässigt wird, dass es innerhalb der Gesellschaft eine stark ethnozentrisch geprägte Arbeitsteilung gibt, die quasi innere Kolonien in verschiedenen Formen ausgebildet hat. Aber auch diese Schwäche bleibt nicht ohne ihre Stärke. Durch die rein ökonomische Betrachtung werden eben die Effekte gezeigt, die durch die Integration in den Weltmarkt auftreten, und nicht – wie liberale Ungleichheitskritiker*innen meinen – auf Grund der Abwesenheit des Weltmarktes.

Letztendlich handelt es sich bei der in die Zukunft hinein simulierte Karte nicht um eine Prognose. Das wäre nur die Welt, wenn sie noch 50 Jahre lang so funktionieren würde, wie sie heute funktioniert. Nur dann würde jede*r indische*r Arbeiter ein Drittel seiner Arbeit nur für die imperialistischen Zentren und ein*e Kongoles*in zwei Drittel. Es ist jedoch nicht zu erwarten, dass alles so bleibt, wie es ist. Die benachteiligten Länder werden sich zunehmend gegen die internationalen Ausbeutungsmechanismen wehren und tun dies auch schon. Und für Marxist*innen, die neben der Abschaffung der Ausbeutung im eigenen Land auch die Solidarität des globalen Proletariats im Auge haben, wäre es auch nicht wünschenswert, dass alles so bliebe. Die Simulation kann daher als Warnung verstanden werden.

Literatur:

Cogliano, J.; Veneziani, R. & Yoshihara, N. (2024): The Dynamics of International Exploitation. In: EPA: Economy and Space. Online Fist. DOI: 10.1177/0308518X231224618.

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