| ⋄ 2003 starb Christopher Hill, neben Eric Hobsbawm und E.P. Thompson einer der bekanntesten marxistischen Akademiker Großbritanniens. ⋄ Michael Braddick verfasste 22 Jahre nach seinem Tod eine umfangreiche Biographie, welche in die Shortlist des Isaac-und-Tamara-Deutscher-Preises aufgenommen wurde. ⋄ Hill bereiste kurz nach seinem Eintritt in die CPGB die Sowjetunion und setzte sich Zeit seines Lebens für gute Beziehungen zur Sowjetunion ein. ⋄ Im Zweiten Weltkrieg trat er der Armee bei, um seinen Dienst gegen Hitler zu leisten; nach dem Krieg verteidigte er Stalin. 1956 trat er wegen des Ungarnaufstands aus der CPGB aus.. ⋄ Hill wurde Dekan an der Oxford-Universität und nach seinem Ausscheiden Zielscheibe der rechten Propaganda. |

Denkt man an die intellektuellen Größen des britischen Marxismus, fallen einem zunächst Namen wie Eric Hobsbawm, E.P. Thompson oder Erik Olin Wright ein. Wenn Christopher Hill dagegen eher weniger Leuten hierzulande ein Begriff ist, mag das vielleicht an seinem Forschungsgegenstand liegen: der Englischen Revolution im 17. Jahrhundert. In England ist das aber keine geringe Sache und in polarisierenden Situationen – etwa in Zeiten der Weltwirtschaftskrise, der 68er-Bewegung oder nach dem Wahlsieg Thatchers – steigt erfahrungsgemäß die Nachfrage nach entsprechender Literatur zum Bürgerkrieg. Und so stieg Hill als langjähriges Mitglied der Kommunistischen Partei sogar bis zum Dekan des Balliol Colleges der Oxford-Universität auf, dessen Speisesaal manchen vielleicht aus den Harry-Potter-Filmen bekannt sein könnte. 2
2003 starb Hill und es ist schon verwunderlich, dass erst 22 Jahre nach seinem Tod die erste Biographie über ihn erschien. Michael Braddick nahm sich des längst überfälligen Projekts an. The Life of a Radical Historian erschien bei Verso und wurde für den Isaac-und-Tamara-Deutscher-Preis nominiert; einem Preis, den Hill als Mitgründer ins Leben rief.
Vom Methodismus zum Marxismus
Christopher Hill wurde 1912 in eine methodistische Familie in York hineingeboren. Obwohl sich der Methodismus nicht wesentlich von vielen anderen protestantischen Theologien unterscheidet, legt er doch größeren Wert auf praktisches Handeln als höchstem Ausdruck des Glaubens. Und ganz praktisch sah Hill, dass in York 30% der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebten, während die Labour-Partei sich immer mehr in den Verhältnissen einrichtete. Mit 16 trat er ins Balliol College der Universität in Oxford ein und graduierte 1935. Von der Frömmigkeit des Methodismus abgestoßen trat Hill 1931 aus der Kirche aus und kurz darauf in die Kommunistische Partei Großbritanniens ein. Er interessierte sich anfangs weniger für Lenin, als eher für Marx und mehr für dessen Geschichtsphilosophie als seine Kritik der politischen Ökonomie.
Zwischen 1935 und 1936 besuchte Hill für zehn Monate die Sowjetunion. Er lernte hier nicht nur viel über die sowjetische Geschichte, sondern auch, flüssig russisch zu sprechen. Über diese Zeit gibt ein halb-autobiographisches-halb-romanartiges Notizbuch Auskunft, indem Hill die Sowjetunion 1936 als temporal glücklichen Ort zwischen Bürgerkrieg und Großem Vaterländischen Krieg beschreibt. Auch eine Affaire wird hier angedeutet.
Hill war kein Pazifist. Seine Erfahrungen, die er 1931 bei einem Besuch in Freiburg zum Aufstieg der NSDAP gemacht hatte, ließen ihn zu einem militanten Antifaschistischen werden. Das deutsch-britische Flottenabkommen verurteilte er als Feigheit vor Hitler und bewarb sich als Freiwilliger bei den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg, wurde aber abgelehnt.
Die Englische Revolution
Zur Geschichte der frühen Neuzeit kam Hill in erster Linie über sein Interesse an der Literatur. Von diesem Ausgangspunkt fragte er sich, wie sich die bürgerliche Ideologie im 17. Jahrhundert so entwickeln konnte, dass sie einerseits den Menschen des 20. Jahrhunderts noch etwas zu sagen hatte, während sie auf der anderen Seite offensichtlich in einem Zerfallsprozess befindlich war. Diese Dialektik versuchte er durch die Kontextualisierung der britischen Linken mit der britischen Vergangenheit zu bearbeiten. Die Freiheit der Ideen entwickelte sich nach Hill in dem ideologischen Kampffeld, wo der aufstrebende Kapitalismus auf den zerfallen Feudalismus traf. Christopher Hill schloss, dass sich in der bürgerlichen Revolution des 17. Jahrhunderts in Großbritannien eine bürgerliche Idee herausgebildet habe, die in der Folge des Ersten Weltkriegs in einen Verfallsprozess eingetreten sei. Dabei ist bei ihm die historisch-materialistische Komponente, dass diese Ideen materielle Gestalt angenommen hätten, die kontinuierlich bis ins 20. Jahrhundert wirke, während er die relative Autonomie von Ideen gegen ein mechanistischen Determinismus verteidigte.
Hills Theorie wurde etwa durch den deutschen Historiker Jürgen Kuczynski herausgefordert. Dieser sah die englische Revolution als Klassenkompromiss zwischen Feudaladel und Bourgeoisie ebenso als eine halbe Revolution an, wie die Novemberrevolution in Deutschland. Hier stand die Frage des Etappismus ganz maßgeblich auf der Tagesordnung und was eigentlich unter einer vollendeten bürgerlichen Revolution zu verstehen sei. Bürgerliche Kritiker störten sich vor allen Dingen an Hills Spätwerk, das Dissidenten und Abweichlern angeblich zu große Bedeutung beimaß. Sein Schwerpunkte setzte Hill tatsächlich bei den Levellers, Diggers und Ranters.
Kommunisten gegen Chamberlain und mit Chamberlain gegen Hitler
Eine wirklich spannende Zusammenführung globalpolitischer und persönlicher Fäden ist Hills Affäre mit Shiela Grant Duff nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion. Duff war ein Jahr jünger als Hill, aber galt schon als renommierte Expertin für Osteuropa und veröffentlichte just an dem Tag, als Chamberlain von der Münchner Konferenz zurückkehrte, auf der er Tschechien den Nazis über ließ, ihr Werk „Europa und die Tschechen“. Während Duff von einem liberalen Standpunkt aus argumentierte, Großbritannien müsse die Freiheit aller Völker wahren, kritisierte Hill das Münchner Abkommen als sowjetfeindlich, nazifreundlich und Ausdruck eines stummen Bündnisses von Konservativen und Faschisten gegen den sozialen Fortschritt. Anders als Duff, die zwischen Demokratien und Diktaturen streng unterschied, sagte Hill, das beste Werk für die deutschen Arbeiter*innen sei der Sturz Chamberlains und Daladiers, um zu zeigen, dass man keiner Regierung trauen könne; ob sie nun in Versailles oder München das Volk verrate. Sogar mit revolutionärem Defätismus flirtete Hill, wenn auch nicht wirklich ernsthaft.
In diesem Kontext war auch die Politik der 1930er Jahre der CPGB geprägt. Man kämpfte an zwei Fronten gegen die eigene Regierung und gegen Hitler. Der Ribbentropp-Molotov-Pakt war hier für Partei und Hill eine Herausforderung, wurde aber mit der fehlenden Bereitschaft Großbritanniens zu einem antifaschistischen Bündnis begründet, wofür man ja die ganze Zeit die Regierung kritisiert hatte. Den Krieg gegen Finnland unterstützte Hill sogar, da angesichts der Ereignisse um München und Spanien die Notwendigkeit eines sowjetischen Erfolgs offenkundig wurde, während wohl Duff aus schematistischen Gründen die Mannerheimer Regierung in Helsinki unterstützte. „Ich darf nicht meine Freunde verraten, die in Spanien gefallen sind.“, sagte Hill.
Derweil griff er einer Entwicklung in der CPGB etwas voraus, indem er sich unmittelbar nachdem Angriff Hitlers auf die Sowjetunion im Juni 1941 bei der Armee meldete und in der Feldpolizei diente. Die CPGB rückte erst kurze Zeit später von ihrem Antikriegskurs ab. Großbritannien und die Sowjetunion waren nun Alliierte; wenn auch mit großen Ressentiments. In Großbritannien fürchtete man die Weltrevolution. In der Sowjetunion bemängelte man die Bereitschaft, eine zweite Front zu eröffnen. Die Kommunisten waren nun das vermittelnde Bindeglied, dass selbst von Regierungsseite geschätzt wurde. Viele wurden in der Armee ausgebildet oder halfen mit ihren Erfahrungen, das Bild der Sowjetunion in der Öffentlichkeit zu rehabilitieren.
Vom Stalinisten zum Antitankie
Diese geradezu groteske Situation hielt selbstredend nur bis Kriegsende. Es war weniger die Etablierung des Ostblocks, die man fürchtete, als die Veränderungsprozesse in der Armee. Kommunisten konnten dort lange Zeit offen Propaganda machen und waren nun an Waffen geschult. Die Parallelen zur New Model Army weckten Hoffnungen bei Hill und Furcht in der Regierung. In der akademischen und Kulturszene genoss die Kommunistische Partei einen bedeutenden Einfluss. Dass Generalsekretär Pollitt sagte, dass es die Pflicht eines kommunistischen Mathematikers sei, ein guter Mathematiker zu sein, verrät den Anspruch, den die Partei erhob.
Die Weltrevolution wollte die britische Regierung durch ihre Parteinahme im griechischen Bürgerkrieg und in Korea stoppen. Im Inland wurde bald der Geheimdienst eingeschaltet. Im Rahmen der McCarthy-Prozesse wurden auch britische Marxist*innen denunziert.
Diesem ungeachtet radikalisierte sich Hill sogar. 1947 gab er eine Monographie zu Lenin und der Oktoberrevolution heraus. Hill ging hier sehr kritisch mit Trotzki um und ihm wurde vorgeworfen, die allen bekannten Verbrechen des Stalinismus nicht zu würdigen. 1953 veröffentlichte Hill einen Essay, der die historische Methode Stalins lobte, die einem mechanistischen Determinismus widersprach. Die Einbindung der Werktätigen in das akademische Leben der Sowjetunion faszinierte Hill, während Gulags oder die Folgen der Moskauer Prozesse immer unter dem Vorbehalt einer Verzerrung durch die kapitalistische Regierung standen.
Ein Umbruch in Hills politischem Leben erfolgte zwischen Stalins Tod 1953 und dem Ungarnaufstand 1956. Die Kritik am Personenkult, die Krushchev in seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag gehalten hatte, entfachte Debatten in einer Partei, die in einer breiten Öffentlichkeit als im Wesentlichen moskauhörig galt. Hill, Hobsbawm, Thompson und andere gründeten den Reasoner, ein Bulletin der innerparteilichen Opposition, welche die Intervention der UdSSR in einem sozialistischen Bruderstaat kritisierte. Auf dem Parteitag der CPGB verteidigte Hill den Minority Report, der gegenüber dem Majority Report der Parteiführung mehr innerparteiliche Debatte forderte. Sein Gegenspieler Andrew Rothstein warf ihm bürgerlichen Liberalismus vor und die Mehrheit des Parteitages folgte ihm. Hill trat frustriert aus der Partei aus. In Folge der Debatten um den Ungarnaufstand und die Entlassung des Ungarn-Korrespondeten des Daily Worker Peter Fryer, verließen über 7000 Mitglieder die Partei, vor allen Dingen ein großer Teil der Intellektuellen. Viele fanden eine neue Heimat in den bis dahin schwachen trotzkistischen Kleingruppen oder im linken Flügel der Labour-Partei. Die CPGB konnte war ihr gewerkschaftliches Profil schärfen und sollte in den Massenstreiks der 80er durchaus eine relevante Rolle spielen. 1992 löste sie sich aber nach 35 Jahren des langsamen Niedergangs auf.
Hill als unorganisierter Linker
1969 wurde Hill zum Dekan des Balliol-Colleges ernannt. Gegenüber der 68er-Bewegung verhielt sich Hill distanziert. Gleichwohl er Frauenbefreiung und sexuelle Emanzipation befürwortete, fremdelte er mit den Formen des studentischen Aktivismus. Zu seinen Verdiensten gehört es, dass einige Reformen zur Gleichstellung durchgesetzt wurden und die Studentenrevolte nicht die Universitätsgemeinschaft sprengte. Besondere Probleme bereitete, dass die Universität nicht nur durch ihre akademische Qualität glänzen wollte, sondern auch durch gute Kontakte zu den Alumnis. Diese wiederum gehörten nicht nicht selten der Upper Class an und waren stockkonservativ. So musste Hill den Spagat schaffen, auf der einen Seite als Marxist den reaktionären Balliol-Absolventen und Premierminister Edward Heath, dessen Bildungsministerin Thatcher die Schulmilchspeisung abschaffte, feierlich an die Universität einzuladen, während gleichzeitig die eigenen Studierenden, z.B. Alex Callinicos, gegen ihn rebellierten.
Thatchers Wahlsieg erlebte Hill in der Rente. Er wurde in einem Kulturkampf zur Reizfigur, in dem nicht nur die Konservativen gegen linke Akademiker hetzten, sondern auch Labour-Politiker. Letztere machten die radikale Linke innerhalb und außerhalb der Partei für die Wahlniederlage verantwortlich und versuchten, die bürgerliche Mitte durch offen zur Schau gestellten Antimarxismus zurückzugewinnen.
Der Ruhestand hielt die britische Rechte nicht davon ab, eine intensive Hetzkampagne gegen Hill zu fahren. Zunächst wurde versucht, ihn als russischen Spion darzustellen, was nach Offenlegung der sowjetischen Archive vorbehaltlos ausgeräumt werden konnte. Außerdem wurde gefragt, warum ehemalige Faschisten nicht in höhere Würden gekommen seien, ehemalige Stalinisten aber schon. Die Taktik war durchschaubar. Es sollte ein Skandal inszeniert werden, um Universitäten in Zukunft davon abzuhalten, Marxist*innen in höheren Positionen zu beschäftigen. Gerade, weil Hill bereits im Ruhestand war, konnte er nicht mehr mit fachlichen Argumenten dagegenhalten und war so ein leichtes Ziel.
Zusammenfassung
Michael Braddick hat eine ausgezeichnete Biographie über Christopher Hill verfasst und damit eine Lücke in der Historiographie bedeutender Marxist*innen gefüllt. In Hills Leben und Werk spitzen sich so viele politische Widersprüche der britischen Kommunisten und Linken wider, dass die Lektüre enorm spannend ist.Um die ohnehin sehr wankelmütige Parteilinie der CPGB mäandert Hills persönliche Auffassung nochmals in ausladenderen Bögen und macht so die Diskussionen in zugespitzter Form zugänglich.
Die Frage hinsichtlich des Deutscher-Preises ist allerdings die, über Braddick selbst genug historisch-materialistische Methodik anwendet, um das Buch überhaupt als ein marxistisches Buch verstehen zu können. Zumal auch Christopher Hills wissenschaftlicher Ansatz selbst nicht wirklich über die Feststellung eines Antideterminismus und der relativen Autonomie von Ideen hinaus in marxistische Debatten eingeordnet wird. Es ist schon eher der Gegenstand, der trägt, auch wenn Braddick diesen ohne Mängel inszeniert.
Literatur:
Braddick, M. (2025): Christopher Hill: The Life of a Radical Historian. New York & London: Verso.
