| ⋄ Paulo Freire ist eine der Schlüsselfiguren der kritischen Pädagogik und seine Pädagogik der Unterdrückten bis heute ein relevantes Konzept der Linken. ⋄ Der westliche Marxismus spart hierbei zusammen mit der kritischen Pädagogik jedoch aus, dass Freire seine Überlegungen im Kontext der sozialistischen Revolution formuliert hat. ⋄ Scott Ritchie stellt dar, dass Freire keineswegs alle Autorität und Gewalt abgelehnt habe, sondern in erster Linie die, die sich aus den kapitalistischen Zwangsbeziehungen herleite. ⋄ Er zeigt auf, dass Freires Avantgardebegriff viel näher an Lenin oder Mao orientiert ist, als an libertären oder antiautoritären Bewegungen. ⋄ Seine Analyse stellt er in den Kontext der Schriften eines revolutionären Philosophen und Historikers, der als großer Kritiker des westlichen Marxismus gilt: Domenico Losurdo. |

Die International Critical Review widmet ihre kommende Ausgabe Leben und Werk von Domenico Losurdo. Mit ihm starb 2018 eine der letzten großen, vielleicht auch eine der lautesten Stimmen des orthodoxen Marxismus-Leninismus. Losurdo galt als unversöhnlich mit dem modernen Kapitalismus und Imperialismus, auch wenn sich dessen Formen schön kleideten. Er kritisierte erbarmungslos einen westlichen angepassten Marxismus, der für ein paar Universitätsstellen und lobende Worte in den Feuilletons seinen revolutionären Gehalt opferte. Daher erscheint die Ausgabe nicht ganz unpassend kurz nach dem Tod von Jürgen Habermas.
Ein Intellektueller, der etwa dringend vor dem Revisionismus gerettet werden muss, ist Paulo Freire. Denn wenngleich sein Name in keiner antikolonialen, postkolonialen oder „kritischen“ Publikation über Pädagogik fehlen darf, wurde das ideologische Fundament, auf dem Freie seine „Pädagogik der Unterdrückten“ aufbaute, zunehmend verwässert: der Marxismus-Leninismus. Vielmehr werden heute richtungslose Kritik und Emanzipation ohne Inhalt mit seiner Pädagogik assoziiert. Scott Ritchie von der Kennesaw State University in den USA will das nicht so stehen lassen und behilft sich bei seiner Rehabiliation des revoluionären Paulo Freire passenderweise mit Losurdo.
Pädagogik der Unterdrückten
Paulo Freire, geboren 1921, wurde in der Weltwirtschaftskrise 1929 das erste Mal mit Hunger und Armut konfrontiert. Da seine Familie aber prinzipiell dem Kleinbürgertum angehörte, konnte er trotz mäßiger schulischer Leistungen auf die Universität gehen, wo er nach nach einem Jurastudium sich nochmals den Erziehungswissenschaften widmete. Sein pädagogischer Ansatz ging von den Alltagserfahrungen der Menschen aus. Bekannt wurden seine Alphabetisierungsprogramme, wo Landarbeiter*innen, Bäuer*innen und ungelernte Arbeiter*innen zunächst von den Situationen aus zu schreiben lernten, die ihnen nutzten. Da solche Anlässe meist entweder in Konfrontationen mit dem Staat oder der Bourgeoisie oder bei der gemeinsamen Organisation als Klasse bestanden, schuf eine solche Pädagogik gleichzeitig Diskussionsanlässe. Schreiben werde besser gelernt, wenn man den Sinn erkennt; und umgekehrt sollte das Wort als Waffe des Proletariats möglichst unmittelbar angewendet werden. Linke Regierungen in Brasilien und Chile setzten seine Alphabetsierungskampagnen um; im sozialistischen Kuba wurden seine Ideen ausgiebig diskutiert und in vielen kolonial abhängigen Ländern bat man ihn um Rat, etwa in Angola, Cap Verde, Guinea-Bissau, Tanzania, Mozambique, Nicaragua oder auf Grenada.
Die Erfahrungen aus so vielen unterschiedlichen postkolonialen Ländern ließ ihn auch seine Pädagogik der Unterdrückten differenzieren. In kapitalistischen Ländern müsse die Pädagogik sowohl Bewusstsein über die Unterdrückung schaffen als auch die Waffen zu ihrer Abschaffung in die Hand geben. In sozialistischen Ländern würde die so entwickelte Pädagogik der Unterdrückten eine Pädagogik der gesamten Bevölkerung, die sich zu einer Pädagogik permanenter Befreiung veredele. Wissen und Lesen waren bei Freire fest in der Kommune verankert, aber eben als Mittel, um auf Grundlage der Kommune die eigenen Grenzen zu überschreiten und kollektivistische Produktion und Distribution zu ermöglichen. Und nicht zuletzt sah er die Alphabetisierung als ein Mittel für die Revolutionär*innen der avantgardistischen Partei, um sich mit den Verhältnissen auf dem Dorf vertraut zu machen und die kulturellen Unterschiede zwischen Stadt und Land einzuebnen. Zuletzt machte Freire darauf aufmerksam, dass das Wie des Lernens der entscheidende Hebel sei. Wie man das Wort lerne, so lerne man die Welt. Daher setzte seine Pädagogik an traditionellen Strukturen wie kulturellen Zirkeln an, die – und hier besteht der große Unterschied zu einem westlich geprägten Avantgardebegriff – eben das Neue auf der Grundlage des Bekannten einführte, damit Ausgebeutete selbst erkennen, was zu behalten und was zu verwerfen ist.
Ritchie vergleicht diesen Ansatz mit dem der kommunistischen Bewegung in China unter Mao. Auch Mao spielte viel mit der Metapher, dass die Partei die Lehrer*in der Massen sei, aber in einem sich immer wieder umkehrenden Verhältnis. Die Partei müsse von der Masse lernen und umgekehrt sei es an der Partei, die Masse zu lehren, was zur Befreiung benötigt werde. Die Wahrheit, die das Volk in unorganisierter Form präsentiere, sei die Wahrheit, die Kommunist*innen in organisierter Form wiedergeben müssten. Mao selbst griff immer wieder die konfuzianischen oder daoistischen Themen auf, die für das Volk relevante Aussagen tätigten, aber nicht ohne auch auf ihren materiellen Gehalt, ihre ökonomische und politische Basis einzugehen. Aber genau dieser transhistorische pädagogische Ansatz konnte, wenn man seinen revolutionären Gehalt wegnahm, Einfallstor für deradikalisierende Interpretationen werden.
Losurdos Kritik des westlichen Marxismus
Und genau das ist die Stelle, wo Domenico Losurdo relevant wird. Obwohl Freire Marx, Engels, Lenin, Che Guevara, Mao oder Amilcar Cabral regelmäßig zitierte und obwohl Freire eindeutig auf eine revolutionäre Partei referenzierte, haben Erziehungswissenschaftler*innen seit 1980, die sich der kritischen Pädagogik verschrieben, den revolutionären Gehalt seiner Pädagogik, der aber untrennbar von dieser ist, versucht, für kommende Generationen anzupassen. So hat schon sein Vertrauter Donaldo Macedo, seinen portugiesischen Begriff „vanguardista“ als avant-garde ins Englische übersetzt, was sich vom Leninschen und besser passenden Begriff des vanguards deutlich unterscheidet. Losurdo wiederum war ein Philosoph und Historiker, der die Leninsche Vorstellung einer Arbeiteraristokratie schöpferisch aufgriff. Diese Teile des formalen Proletariats hätten durch zeitweilige Bündnisse mit der Bourgeoisie eine gehobene Stellung erlangt, von der aus sie alte Klassenpositionen mit denen der Bourgeoisie zu vereinen suchten.
Der westliche Marxismus wird nach Losurdo genau von solch einer Art Arbeiter*innenaristokratie vertreten. Dieser werde staatlich gefördert, da er das Bedürfnis nach sozialer Veränderung vieler junger Arbeiter*innen und Akadamiker*innen aufgreife, aber dessen revolutionäres Potential einhegt. Propagiert werde eine Ablehnung jeglicher Macht und Autorität durch eine revolutionäre Partei, wodurch der unpersonale Zwang durch das Kapital im Zweifelsfall gerechtfertigt werde. Damit werde mit unterdrückten Völkern auch nur solange Solidarität geübt, wie sie ihren Widerstand nicht in eine notwendig gewaltsame Praxis umsetzten, was zu Zeiten des Vietnamkriegs oder heute beim Genozid in Palästina zu beobachten sei. Da die Diktatur des Proletariats als Gegenentwurf zur Diktatur der Bourgeoisie verworfen werde, könne Kritik nur noch rein theoretisch und ohne radikale Praxis geübt werden. Zuletzt lehne man ab, dass der Marxismus-Leninismus auf wissenschaftlicher Grundlage aufgebaut sei, da der Wissenschaftsbegriff des westlichen Marxismus eben die richtungslose Kritik gegenüber aller Macht fordere, anstatt zwischen einer Kritik an der Ausbeutung im Kapitalismus und den Fehlern bei ihrer Abschaffung hinreichend zu unterscheiden. Obwohl der westliche Marxismus formal jegliche Teleologie ablehnt, entstehe aber eine ganz eigene Teleologie, welche die Emanzipation allein aus der Kritik sans phrase ableitet, anstatt ein kritisierbares, konkretes und umsetzbares Programm selbst zur Diskussion zu stellen.
Freire und der westliche Marxismus
An dieser Kritik ansetzend möchte Ritchie die Vereinnahmung Freires durch den westlichen Marxismus dekonstruieren. Festmachen will er das an einem der Gründer der kritischen Pädagogik: Henry Giroux. Wenngleich sich nur ein Teil der über hundert Aufsätze und Artikel Giroux’s unmittelbar auf Freire beziehen, hat Ritchie zwei Aufsätze diskutiert, die dies tun: „Kultur, Macht und Transformation im Werk Paulo Freires: Für eine politische Pädagogik“ und „Bildung als Praxis der Freiheit neu denken: Paulo Freire und das Versprechen der kritischen Pädagogik“.
Ein erstes Fehlkonzept Giroux’s sei, dass sich Freire gegen jede Art von Macht und Autorität gewandt habe. Denn obwohl Freire Autoritarismus in zwischenmenschlichen Beziehungen als Ausdruck der Herrschaftsbeziehungen im Kapitalismus kritisierte, sei es kaum plausibel, dass Freire sich so stark auf Marx, Engels und Lenin hätte beziehen können, ohne deren Schlussfolgerung, dass Revolution eine ziemlich autoritäre Veranstaltung sei, nämlich das Aufzwingen des Willens der bisher unterdrückten Klasse gegenüber der bisher herrschenden, zu teilen. Daher kann Giroux schlecht geltend machen, Freire habe jegliche Dominanz einer gesellschaftlichen Gruppe abschaffen wollen und sei gegen jeden Machtanspruch gewesen. Vielmehr verwirft Freire sogar jeden Gedanken daran, dass es eine antiautoritäre Erziehung – eine Erziehung ohne Macht – geben könne; genauso wie es keine Transformation ohne Macht geben könne, wie er in einem Interviewband von 1987 klarstellte.
Giroux reduziert die Machtfrage auf eine der Reflexion und des Framings. Er verkennt dabei, dass diese Reflexionen – sollen sie einen gewissen Wahrheitsgehalt haben – Reflexionen der materiellen Basis sein müssen, die sich je nach Klassenlage real unterschiedlich darstellt. Zum einen den zwischen einzelnen Klassen, aber auch zwischen den arbeitenden Klassen der imperialistischen und peripheren Nationen. Der Gedanke, Pädagogik könne Reflexion allgemein menschlicher Emanzipation sein, verkennt die Klassenbasis als Grundlage der Reflexion, die dies unmöglich macht. Aus dieser kleinbürgerlichen Haltung, die den eigenen Standpunkt ideologisch verabsolutiert, während sie möglichst antipraktisch auftritt, kann Giroux auch nicht mehr, als Freire einen diffusen utopischen Zukunftsentwurf anzudichten. Freie sei gegen „reale Ungleichheiten“ und für eine „gerechte Zukunft“. Er habe „Pädagogik als Teil eines Projekts der Freiheit“ verstanden, als „politische Praxis des demokratischen Wandels“. Die Inhaltslosigkeit dieser Aufzählung wird dann dadurch militante Sprache kaschiert, dass die Pädagogik zu den „Waffen rufe“ oder etwas mobilisiere.
Zusammenfassung
Giroux und anderen Vertreter*innen der kritischen Pädagogik gelingt es nicht auszusprechen, dass Freire den Sozialismus als das emanzipatorische Ziel und die Diktatur des Proletariats als die dahin führende Praxis angesehen hat und seine Pädagogik in den Dienst dieses Projekts stellte. Die Aufgabe ist nicht, Freire von diesen Begriffen zu befreien; die Aufgabe ist es, mit dem pädagogischen und politischen Erbe Freires diese Begriffe wieder mit Leben zu füllen. Das historische Erbe des real existierenden Sozialismus ist nicht nur Gulag und Stasi – auch wenn beides dazu gehört – sondern eben auch die „Pädagogik der Unterdrückten“ als einer der vielen Versuche, die Praxis der revolutionären Avantgardepartei mit den Massen rückzukoppeln; als Mittel der Organisation vereinzelter, spontaner und richtungsloser Kämpfe.
Doch genau dieses Erbe möchte der westliche Marxismus ausschlagen. Während er selbst den Marxismus-Leninismus für vermeintliche Vorstellungen einer Reinheit der Lehre geißelt, möchte er einen glatt geschliffenen und mit dem herrschenden Imperialismus kompatiblen Freire konstruieren. Und dazu nutzen seine Vertreter*innen insbesondere die Vorworte der akademischen Textausgaben. Giroux stellte in diesen etwa Stalin mit Hitler gleich. Aronowitz bilanzierte den Leninismus als einzigen Fehler und Dunayevskaya sprach allein von Stalins Tyrannei und dem sowjetischen Totalitarismus. Aber wer eben nur die halbe Geschichte des revolutionären Klassenkampfs des Proletariats erzählt, nur die Rückschläge und Fehler auflistet, der wird auch nur einen halben und entkernten Paulo Freire bekommen. Einen Freire, dem nur die Waffe der Kritik, aber nicht die Kritik der Waffen geblieben ist, denn die Waffen würden sich gegen die Brotherren des westlichen Marxismus richten müssen. Gegen solche Halbheiten und Gefälligkeiten gibt es zum Glück ein gutes Impfmittel: Domenico Losurdo.
Literatur:
Ritchie, S. (2026): Reclaiming the Radical Paulo Freire Using Toolsfrom Losurdo. In: International Critical Thought. Online First. DOI: 10.1080/21598282.2026.2643927.
