Der Arbeitsmarkt als Waffe und System: Grundzüge einer materialistischen Analyse

⋄ Der Arbeitsmarkt, auf dem die Ware Arbeitskraft zirkuliert, prägt das Bewusstsein vieler Arbeiter*innen, ist marxistisch aber bisher wenig thematisiert.

⋄ Zhong Kai Qian und Ngai Pun von der Lingnan-Universität in Hong Kong haben erste Pfade einer Konzeptionalisierung einer marxistischen Arbeitsmarktkritik beschritten.


⋄ Sie stellen den Arbeitsmarkt nicht als Ort oder Instrument dar, sondern als System, dass alle Ebenen von Produktion, Zirkulation und Reproduktion umfasst.

⋄ Insbesondere ihre konkrete Analyse der Verschuldung von Arbeiter*innen zum Eintritt in den Arbeitsmarkt ist gewinnbringend für eine kollektives proletarisches Bewusstsein.

⋄ Die Verknüpfung mit der Kritik der politischen Ökonomie von Marx bleibt hingegen noch begriffsarm, undialektisch und unterkomplex.

Noch vor wenigen Jahren schien für das deutsche Proletariat die goldene Zeit angebrochen. Facharbeiter*innen waren heiß umworben, konnten sich das beste Angebot aussuchen und die Bedingungen diktieren. Die Löhne reichten, um mit Teilzeit über die Runden zu kommen und etwas vom Leben zu haben. Die SPD konnte einige vorteilhafte Gesetze wie das Elterngeld oder Mindestlohnerhöhungen durchbringen. Nur ein paar miesepetrige Linksradikale verwiesen auf die Auslagerung der Kosten des Klassenkompromisses in den globalen Süden oder warnten vor der Anfälligkeit der Exportabhängigkeit. Und als ob sie es gewusst hätten, war das Sommermärchen der Arbeitnehmerfreundlichkeit schnell vorüber. Inflation und Rezession führten dazu, dass der Kanzler sogar historische Errungenschaften wie den 8-Stunden-Tag ernsthaft in Frage stellt.

Nur die gutgläubigsten Liberalen können annehmen, dass die neue Reformagenda allein Reaktion auf die Konjunktur ist und kein aktiver Klassenkampf der Bourgeoisie. Und obwohl der Arbeitsmarkt jeden Menschen, der seine Arbeitskraft als einzige Waren auf diesem feilbieten muss, enorm prägt, steckt die marxistische Theoriebildung hierzu noch in den Kinderschuhen. Zhong Kai Qian und Ngai Pun von der Lingnan-Universität in Hong Kong haben erste Pfade einer Konzeptionalisierung beschritten.

Konventionelle Arbeitsmarkttheorien

Die beiden Autoren beginnen – wie so viele – mit der Bestandsaufnahme der bisherigen Theoriebildung zum Arbeitsmarkt gibt. Die einflussreichste Strömung der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts war wohl die Humankapitaltheorie. Diese betrachtet die Ware Arbeitskraft bereits selbst als Kapital und damit Arbeiter*innen als Kapitalist*innen ihrer eigenen Ich-AG. Aus- und Fortbildungen, ein gesunder Lebenswandel und kulturelle Zugehörigkeit werden als Investitionen in dieses Kapital betrachtet, um es produktiver zu machen. Wie der Unternehmer sei die Arbeiter*in dabei dem freien Spiel der Marktkräfte ausgesetzt und müsse rechtzeitig selbst dafür Sorge tragen, sich an Veränderungen der Produktionsweise anzupassen. Arbeitsmarktpolitik kann vor diesem Hintergrund Arbeiter*innen dabei nur unterstützen, wenn die eigenen finanziellen Mittel nicht ausreichen. Anderweitige Eingriffe des Staates in den Arbeitsmarkt werden hingegen abgelehnt und Phänomene wie Massenarbeitslosigkeit auf zu viel staatliche Intervention zurückgeführt. Die Humankapitaltheorie nivelliert ideologisch die Klassenunterschiede, indem sie die Ware Arbeitskraft zum Kapital erklärt, wenngleich das Scheitern auf dem Arbeitsmarkt für das Proletariat einen Absturz in prekäre Existenz bedeutet und nicht wie beim Bourgeois ins Kleinbürgertum oder Proletariat.

Seit den 70ern wird diese neoliberale Vorstellung durch die Segmentationstheorie herausgefordert. Diese sagt aus, dass es nicht nur einen Arbeitsmarkt gäbe, sondern mehrere mit eigenen Zugangsvoraussetzungen, sowie Arbeitsbedingungen, Lohngrößen, Aufstiegschancen und kulturellen Umfeldern. Interne Arbeitsmärkte repräsentieren hier die Normalarbeitsverhältnisse einer Mehrheitsgesellschaft, während auch externe Arbeitsmärkte konstruiert werden, die häufig über Race und Gender irreguläre Räume mit schlechteren Löhnen und Arbeitsbedingungen schaffen. Diese Theorie ging zwar bereits von einer aktiveren Rolle herrschender Schichten bei der Gestaltung des Arbeitsmarktes selber aus, verwischte aber den Antagonismus der Klassen und blieb letztendlich rein deskriptiv, ohne die Entstehung der Segmentation aus den Strukturen der bürgerlichen Gesellschaft selbst zu erklären. Der sich davon ableitende politische Auftrag beschränkte sich auf die Annäherung externer Arbeitsmärkte an die internen, wodurch aber genau die Normalausbeutung als wünschenswerter Zustand verklärt wird; mit einigen politisch-ideologischen Folgen wie der Erzählung der Herrschaft einer weißen Mittelklasse.

Daneben existieren noch einige weitere Modelle, wie die Institutionentheorie, die den Arbeitsmarkt als Ergebnis des Zusammenspiels der Institutionen einer Gesellschaft beschreibt. Die Lücke hier ist, dass die Institutionen selbst als gegeben bzw. frei veränderbar interpretiert werden, ohne sie auf die Bedürfnisse der Kapitalakkumulation zurückzuführen. Der verhaltensökonomische Ansatz hingegen interpretiert ökonomische Entscheidungen aus Gewohnheiten heraus, auf die man nur indirekt Einfluss nehmen könne. Die zentrale Aussage ist, dass die Märkte funktionieren, wenn Menschen nicht kontraproduktive Verhaltensmuster an den Tag legten. Darüber hinaus existieren noch Kritiken an einigen speziellen Arbeitsmärkten wie etwa der Gig-Ökonomie. Insgesamt teilen aber alle Theorien, dass sie den Arbeitsmarkt selbst als etwas passiv bestimmtes ansehen und nicht als eine Institution des Klassenkampfes selbst.

Die Herstellung des Arbeitsmarktes

Ein erster Schritt, um über die traditionellen Theorien hinaus zu gehen, ist die Feststellung, dass der Arbeitsmarkt selbst seine Geschichte hat. Noch zu Beginn der frühen Neuzeit war Arbeit als abstrakte Arbeit tief in den sozialen Strukturen des Dorfes verwurzelt. Arbeit, die für andere geleistet wurde, ungeachtet der konkreten Tätigkeit, gab es als Frondienste oder eben als Dienst an kollektiven Projekten kleiner sozialer Einheiten wie Familien, Clans oder Dorfgemeinschaften. Ein überregionaler Arbeitsmarkt existierte nur in kleinen Segmenten wie dem Handwerk, wo Gesellen durch die Lande zogen und entweder ihre Ausbildung abschlossen oder als Tagelöhner endeten. Erst die ursprüngliche Akkumulation, die Millionen an Bauern vom Land in die Städte spülte, schuf das Bedürfnis nach einer Koordination der Ware Arbeitskraft.

Zunächst spielten hier spontanes Angebot und Nachfrage die zentrale Rolle, was jedoch mit zunehmender Spezialisierung der Produktion immer vakanter wurde. Einen ersten Schritt von der realen zu formellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital war die Entstehung einer Maklerschicht, als dem Handelskapital der Ware Arbeitskraft. Diese kümmerten sich um die Feststellung von Nachfrage, sammelten das Angebot und allokalisierten beide, wofür sie Anteile am Lohn bzw. Profit erhielten. Auch erste Schritte der Standardisierung wurden durch private Makler vorgenommen.

Mit Wachstum des Kapitals wuchsen jedoch auch die Anforderungen an solche Makler, die von diesen bald nicht mehr zu stemmen waren. Die Vermittlungsrolle fiel mehr und mehr dem ideellen Gesamtkapitalisten, dem Staat, zu, der unabhängig von Partikularinteressen des Kapitals – etwa dem Handelskapital der Ware Arbeitskraft – für eine kontinuierliche Zufuhr, Begrenzung, Ausbildung und Notversorgung der Arbeiter*innen zu sorgen hatte. Auch die Gewerkschaften spielten eine Rolle, in dem sie Standards bei der Ausbildung erkämpften, damit die Arbeitskraft auch zu ihrem Wert verkauft werden kann. Der Staat wiederum konnte durch Gesetze nun sehr direkt auf die Marktlage der Ware Arbeitskraft zugreifen, aber auch die ideologische Vermittlung der Anforderungen des Kapitals kanalisieren. Dabei hat sich auch immer gezeigt, wie untrennbar Produktion, Zirkulation und Reproduktion miteinander verbunden sind. Durch Arbeitsgesetze, welche im Wesentlichen in die Produktion eingreifen, wurde indirekt die Zirkulation gesteuert, indem Arbeiter*innen in Sektoren mit attraktiveren Arbeitsbedingungen gingen.

Fabrikation, Fragmentierung und Automatisierung

Zhong Kai Qian und Ngai Pun legen an diese Feststellung anknüpfend zunächst axiomatisch fest, welche Erscheinungen eine marxistische Arbeitsmarkttheorie alles erfassen müsste. Als ersten Aspekt betrachten sie dabei die Fabrikation der Ware Arbeitskraft. Arbeitskraft ist nicht von Natur aus eine Ware, sondern muss erst gesellschaftlich zur Ware gemacht werden. Die ursprüngliche Akkumulation, welche das Bewusstsein schuf, keine Alternative zum Verkauf der Arbeitskraft zu besitzen, war somit bereits eine erste aktive Tat dessen, was als ein Arbeitsmarkt zu bezeichnen wäre. Die Abhängigkeit der Reproduktion von der Ausbeutung ist da ein wesentlicher Aspekt. Aber nicht nur das. Das Kapital braucht nicht nur irgendeine Arbeitskraft, sondern die passende zu den jeweiligen Akkumulationsbedürfnissen. Der politische, rechtliche, institutionelle und ideologische Rahmen des Verkaufs der Ware Arbeitskraft gehört damit ebenso in diese Sphäre. Damit ist aber der Arbeitsmarkt nicht nur – materieller oder immaterieller – Ort, sondern ein ganzes System, welche die Zirkulation der Ware Arbeitskraft nicht nur kontrolliert, sondern überhaupt erst herstellt.

Mit der Klassendifferenzierung der Bourgeoisie selbst – etwa in monopolistische und abhängige Kapitalisten, etc. – entstand auch die Notwendigkeit, die Arbeitskraft zu fragmentieren. Während die fortgeschrittensten Produktivkräfte eine bestmöglich ausgebildete Arbeitskraft brauchen, deren Umstände eine geeignete Reproduktion auf hohem Niveau zulässt, finden sich billige Zulieferer mit weit geringeren Standards ab. Dafür muss aber die Arbeiter*innenklasse bewusst fragmentiert werden, z.B. indem das Schulsystem bereits früh die Proportionen herbeiführt. Aber auch das Migrationsregime dient in vielen Ländern dazu, eine prekäre und damit günstige Arbeitskraft bereitzustellen oder als industrielle Reservearmee vorzuhalten. Damit widersprechen die Autoren der Segmentationstheorie nicht, sondern verknüpfen sie nur mit der Zirkulation und Klassenfragmentierung im Allgemeinen.

Mit dem Begriff der Automatisierung meinen die Autoren dann, dass die Hebel des Systems Arbeitsmarkt auf eine Klasse mit höher oder niedriger entwickeltem Bewusstsein trifft, die durch eigene Kampfmittel dem System entgegenwirken kann. Daher braucht es ein Gefüge der Disziplinierung, sozialen Kontrolle und zur Not Repression, damit das Kapital das Proletariat auch so benutzen kann, wie sie es dieses ohnehin betrachtet: als passiven Produktionsfaktor. Automatisierung soll also als reale Subsumtion der Arbeit unter die Bedürfnisse des Kapitals verstanden werden.

Der Begriff des Arbeitsmarktes, den Zhong Kai Qian und Ngai Pun hier skizzeren, sitzt also an der Schnittstelle zwischen Basis und Überbau und vermittelt politisch-ideologische Systeme mit der Reproduktion des Gesamtkapitals. Damit erhalten sie einen ersten groben Arbeitsmarktbegriff, der diesen nicht nur in Krisenzeiten problematisiert, sondern als generelles Ziel emanzipatorischer Kritik definiert.

Die Mechanismen des Arbeitsmarktes

Die dargestellten Axiome beschreiben natürlich erstmal, was der Arbeitsmarkt bewirkt und nicht, was er tut. Daher warfen die Autoren den nächsten Blick auf die konkreten Mechanismen, mit denen die Regulation auf dem Arbeitsmarkt stattfindet. Und ab hier wird die Argumentation des Textes leider etwas holprig. Als ersten Mechanismus stellen die Autoren die Senkung der Kosten der Ware Arbeitskraft dar. Allgemein stellt sich hier schon die Frage, ob der Abstieg ins Konkrete hier geglückt ist oder ob es sich hier nicht sogar um einen abstrakteren Imperativ aus der ökonomischen Basis handelt. Und zweitens wird die Herauslösung de*t Arbeiter*in aus ihren lokalen, sozialen Strukturen als ein solcher Mechanismus beschrieben. Das hält in dieser Allgemeinheit nicht stand. Lokale soziale Netzwerke können nämlich auf Lohnkosten auch einen senkenden Effekt haben, wenn Teile der Reproduktionsarbeit unentgeltlich erledigt werden und der Kapitalist diese damit auch nicht zu zahlen braucht. Ob diese Tendenz oder die Tendenz, dass sich Arbeiter*innen dann auch schlechter organisieren können, überwiegt und ob man dies ableiten kann, wäre dann die eigentliche Frage an eine marxistische Arbeitsmarkttheorie.

Zweitens führen die Autoren die Spezifizierung der Arbeit als weiteren Mechanismus an. Aber auch dieser ist nicht ohne Gegentendenz zu haben. Als Argument führen die Autoren die Gig-Work-Ökonomie an, die Nischen für spezifische Arbeiten geschaffen habe, die auf Grund der geringen Nachfrage an der konkreten Tätigkeit prekarisiert werden könne. Aber auch hier scheint das Beispiel eher die Gegentendenz anzudeuten, im Vergleich zum Anspruch an die Ware Arbeitskraft, möglichst anpassungsfähig, flexibel und allseitig einsetzbar zu sein. Schließlich möchte das Gesamtkapital eben keine durch Überspezialisierung schnell nutzlos werdende Arbeitskraft nach ihrer Verwendbarkeit bis zur Rente durchfüttern.

Der dritte Mechanismus, der Kampf gegen gewerkschaftliche Organisation, ist da sicherlich am stichhaltigsten. Warum die Autoren aber auch hier wieder die zwar wachsende, aber in der Gesamtschau marginale Gig-Ökonomie anführen, wo auch in den großen Industriemonopolen der gewerkschaftliche Organisationsgrad sinkt, wird nicht begründet. Die Stärke bei der Analyse des dritten Mechanismus ist allerdings, dass die Autoren diesmal die Gegentendenz explizit betrachten. Sie beschreiben, dass durch den strukturellen Kampf des Kapitals gegen die konkrete Organisation des Proletariats auch dessen Kampf strukturellen Charakter annimmt. Damit lässt sich erklären, warum zwar Gewerkschaften und Arbeiterparteien an Mitgliedern verlieren, dafür aber spontane Organisation und Bewegungen an Aktionsfähigkeit gewinnen.

Im Trend: Finanzialisierung des Arbeitsmarktes

Zum Schluss lenken die Autoren jedoch nochmal einen Spotlight auf eine sehr interessante moderne Erscheinungsform des Arbeitsmarktes: die Verschuldung. Die Bourgeoisie konstruiert dabei einen Teil des Arbeitsmarktes so, dass die Arbeiter*in zuerst Schulden aufnehmen muss, um in diesen Bereich zu gelangen. Für das Kapital hat dies folgenden Vorteil: es verlagert die Kosten zur Reproduktion der Arbeitskraft auf einem benötigten Niveau nach hinten (Näheres hier). Die Arbeiter*in geht für ihren Zugang zum Arbeitsmarkt in Vorkasse, indem sie etwa Schulden aufnimmt, die jedoch beim Finanzkapital wie ganz normales Geld weiter gehandelt werden können. Der Kapitalist muss zwar auf lange Sicht auch diese Kosten ersetzen, indem eben dann die Löhne so hoch sein müssen, dass die Arbeiter*in neben der Versorgung auch ihre Zinsen und den Kredit bezahlen kann. Aber erstens eben erst in der Zukunft und zweitens nur bei erfolgreicher Realisierung des Kapitals. Anstatt also im Vorneherein als Gesamtkapital in Form des Staates Geld für die Ausbildung der Arbeiter*in ausgegeben zu haben und Gefahr zu laufen, bei falschen Entscheidungen, die Investition nicht zurückgezahlt zu bekommen, wird das Risiko auf die Arbeiter*in privatisiert. Auf ganz individueller Ebene kommt hinzu, dass die Schulden natürlich davon abhalten, eine Stelle bei schlechten Arbeitsbedingungen einfach kündigen zu können. In den USA etwa sind Studienkredite genau solch ein Instrument der Finanzialisierung des Arbeitsmarktes.

Und eine Analyse des Arbeitsmarktes auf dieser Ebene zeigt, dass die weiße amerikanische Mittelschicht hier mit dem migrantischen Prekariat ein gemeinsames Schicksal teilt. Viele Migrant*innen müssen nämlich bei Agenturen teils horrende Auslagen für Arbeitserlaubnisse, Transportkosten oder einfach Renten der Agenturen übernehmen, die auch nach jahrelanger Arbeit kaum abbezahlt werden können. Und genau hier zeigt erst die tiefergehende Analyse das gemeinsame Schicksal von Teilen der Arbeiter*innenklasse auf, die sich politisch teils sogar feindlich gegenüberstehen. Die Fragmentierung des Arbeitsmarktes ist unabhängig von Race oder Gender ein erfolgreicher Mechanismus des Kapitals, um erstens Kosten der Reproduktion der Ware Arbeitskraft zu privatisieren und in die Zukunft zu verschieben, sowie die Arbeitskraft zu disziplinieren.

Zusammenfassung

Der Arbeitsmarkt prägt das Klassenbewusstsein kaum weniger als die Produktion selbst. Und doch hat auch die marxistische Theoriebildung diesen bisher nur wenig aufgearbeitet. Zhong Kai Qian und Ngai Pun haben sich an einen Versuch gewagt, der das Potential dieser Analyse aufzeigt. Erstens in den abstrakten Kategorien, die ganz allgemein definieren, was der Arbeitsmarkt überhaupt ist und wie systematisch er in die Totalität von Produktion, Zirkulation und Reproduktion involviert ist. Zweitens zeigen sie das in der konkreten Ableitung, die am Beispiel der Finanzialisierung des Arbeitsmarktes eben mit diesen Kategorien die Einheit der Arbeiter*innenklasse trotz kultureller und politischer Differenzen stichhaltig plausibilisiert. Was den Autoren noch nicht gelungen ist, ist eine dialektische und wirklich in den Begriffen des Kapitals funktionierende politökonomische Analyse. Die dargestellten Ansätze sind noch eindimensional, begriffsarm und unvollständig. Die Größe der Aufgabe zum Maßstab nehmend sollen diese Leerstellen aber nicht den Verdienst der Arbeit verwischen: eine Standortbestimmung einer modernen marxistischen Arbeitsmarkttheorie.

Literatur:

Zhong Kai Qian & Ngai Pun (2026): Labor Market Theory as a Tautology or Theoretical Construct? Toward a Marxist Labor Market Theory. In: Critical Sociology. Jahrgang 52. Ausgabe 2. S.269–289.

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